#1Tag1Text zu: Moritz von Schwind ‚Die Morgenstunde‘, um 1860

Was dürfen wir erwarten? 

Es ist eine seltsame Zeit, zu schlafen, alles fallenzulassen, vielleicht nicht zu denken, nur zu atmen, nur zu träumen, nur zu hoffen, und die nicht greifbare Freude eines neuen Tages, mit neuem Licht, neuer Luft, neuen Stimmen, die Wärme sind und Gefühl und Vertrautheit.

Eine Uhr, ein Spiegel, Ordnung. Das Mädchen ist gerade aufgestanden, die Bettdecke liegt noch zurückgeworfen dort, die einzige Unordnung in klaren Linien und Strukturen aus Boden, Möbeln, Wänden und den Fensterrahmen, tief im dicken Mauerwerk.

Sanftes Licht liegt im Raum, und die frische morgendliche Luft der Höhe strömt durch das weit geöffnete Fenster herein.

Und Licht und Luft treffen auf das junge Mädchen wie die Ankündigung der Möglichkeiten, die der Tag bringt, die die Zukunft bringt. 

SchwindMorgenstunde
Moritz von Schwind Die Morgenstunde, um 1860 Öl auf Leinwand, 34,8 x 41,9 cm

Ein Bild wie ein Übergang. Vom behüteten Zuhause in die Welt, vielleicht noch nicht jetzt, aber an einem der nächsten Tage. Noch ist alles der gewohnte Raum, die Ordnung des kindlichen Lebens. Noch sind Uhr und Spiegel Struktur der Gegenwart, kein Memento mori. Die Arme breit auf der Fensterbank, als könnten sie Flügel werden, als könnten sie jederzeit aus der Enge heraus tragen, in die Weite, in die Natur, in die Zukunft. Ganz Interieurszene, ganz Romantik. Moritz von Schwind verbindet Gewohntes mit Gewünschtem, das Genre mit den Gedanken und Gefühlen einer Seelenlandschaft, oder besser: eines Seelenraumes. Und er bindet sich, uns ein, indem wir in diesen Raum und durch dieses Fenster, das wahre, ob gedacht oder gebaut, blicken können und Teil der Szenerie sind. Egal wo wir stehen, ein wenig Licht und die frische Luft der Möglichkeiten wird uns erreichen, und die Schatten werden erst einmal kürzer in der besten Zeit für den Blick in die Ferne. Im Übergang zwischen Romantik und Realismus erzählt ein Gemälde wie dieses vielleicht etwas von Abgeklärtheit und vom Verlust romantischer Illusion. Es erzählt aber vor allem von bleibender Hoffnung, vom unerschütterlichen Rhythmus der Natur, dem Lauf der Dinge und der Kraft von Sehnsucht, Vorfreude, Lust und Freiheit.

Sein Besitzer, Adolf Friedrich von Schack, schreibt:

„Ich kenne kaum andere Werke der Malerei, die so unmittelbar aus der Empfindung auf die Leinwand übergegangen sind, und hierauf eben beruht die Gewalt, mit der sie den sinnvollen Beschauer immer und immer von neuem zu sich hinziehen.“

Ich stelle mich ans geöffnete Fenster, der Blick geht nicht in die Weite, aber in die Zukunft. Alles wird anders, alles wird gut, alles wird neu.