#1Tag1Text zu: Claude Monet ‚Vagues à la Manneporte‘, um 1885

Es ist der wilde Tritt eines Riesen. Kraftvoll teilt er die Fluten und in der Wucht des Moments verharrt die Szene in der Unendlichkeit.

Der Riese wird zu Stein und das Wasser zieht sich nur kurz zurück, um Kräfte zu sammeln für einen neuen Anlauf. Zwei Schauspiele, zwei Gewalten, zwei Ewigkeiten nach menschlichen Maßstäben.

Bei Ebbe erlaubt es die Ruhe zwischen den Gezeitenstürmen und -strudeln für einige Momente über den schmalen Strand zum Bogen zu gelangen, und so dem Riesen ganz nah zu kommen. Und es ist Ehrfurcht vor der Größe, Stärke und Kraft, die hier so friedlich zum liegen gekommen scheint. Der Himmel ändert sich und das Meer, wenn man durch ihn hindurch schaut, wenn man durch ihn, eher unter ihn hindurch schreitet, ganz vorsichtig, den Blick nach oben, als könnte das gebeugte Knie sich legen wollen, und nach unten, über feinen, runden Kies, in den die eigenen, ganz menschlich großen Füße, nur sanft und kraftlos versinken.

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Claude Monet Vagues à la Manneporte um 1885

Im richtigen Augenblick sieht man, was Claude Monet an dieser Küste gesehen hat, und spürt die Kräfte des Wassers gegen die Kräfte des Felsens anstürmen, zwei Gegner seit Jahrmillionen, die in der Ruhe nach dem Sturm der Flut wieder wie Verbündeten zu wirken scheinen.

Im richtigen Augenblick wird man vielleicht auch, wie Claude Monet, vom Wasser überrascht. So schnell und kraftvoll der Strich, impulsiv, ganz der Moment, ahnt man den Zeitdruck wie den unbedingten Willen, gegen den stärkeren und unbedingteren der Natur, hier zu malen, hier Zeuge zu sein, hier zu stehen und nicht zu weichen.

Hier vergisst man vielleicht, wie er, die Zeit:

‚…völlig versunken sehe ich nicht eine riesige Welle, die mich gegen den Felsen schleudert, und lande mit meinem ganzen Malzeug in der Gischt! Ich sah mich sofort verloren … doch schließlich schaffte ich es auf allen Vieren heraus, aber guter Gott, in was für einem Zustand! Meine Stiefel, meine dicken Strümpfe und der Gehrock durchnässt, meine in der Hand verbliebene Palette war mir ins Gesicht geraten, und mein Bart war überzogen von Blau, Gelb u.s.w. … das Schlimmste ist, dass ich meine recht schnell zerbrochene Leinwand verloren habe.’ (Claude Monet an Alice Hoschedé, 1885)

Dramatisch inszeniert die letzte Sonne des Tages das Volumen einer Stärke aus Fels und die Unberechenbarkeit einer Stärke aus Wasser an der malerischen Küste bei Étretat. Ein dramatischer Moment, damals, heute.