#1Tag1Text zu: Odilon Redon ‚Le Cyclope‘, ca. 1914

Welcher Polyphem bist du? Liebender, zorniger, schüchterner, wilder, Beschützer oder Zerstörer?

Dein Auge, Riese, schaut mit Sanftmut über die Landschaft, als würdest du sie beschützen. Nicht suchend, nicht leidend, eher sehnend nach der Liebe, die du im fernen Garten weißt, und fragend,  unsicher.

Welche Galatea bist du? Liebende, trauernde, verzweifelte, sehnsüchtige, aufreizende, Mutter oder Gespielin?

Dein Körper, Nymphe, liegt so aufreizend inmitten der Blütenpracht, als wäre es dein Garten. Nicht weinend über den Verlust des Geliebten, den Sterbenden, der durch dich zu einem Fluss wurde, eher ruhend, wartend, hoffend. 

‚O Galateia, so weiß wie das Blatt schneehellen Ligusters,

Blühend und frisch wie die Au, so schlank wie die ragende Erle,

Glänzend wie heller Kristall, schalkhaft wie das hüpfende Böcklein,

Glatt wie von ständigem Meer am Strande gewaschene Muscheln,

Lieblich wie sonniger Schein im Winter, wie Schatten im Sommer,

Edel wie saftiges Obst und schmuck wie die hohe Platane,

Licht wie spiegelndes Eis und süß wie die zeitige Traube,

Weich wie Flaum am Schwan und wie Milch vom Labe geronnen,

Reizend zu sehn, wenn nicht du entfliehst, wie gewässerter Garten!’

(https://www.gottwein.de/Lat/ov/met13de.php#Ov.met.13,785)

Polyphem himmelt Galatea an. Sie, die Nereide, die Schönheit, die Zarte, Tochter von Nereus und Doris. Er, der Einäugige, Eremit und Schafhirte, Sohn von Poseidon und Thoosa. Ein ungleiches Paar, auch über die Zeiten und Geschichten hinweg. Komik und Tragik, die Schöne und das Biest, Widersprüche.

Redon.cyclops
Odilon Redon ‚Le Cyclope‘, ca. 1914

Für Odilon Redon ist die Mythologie die Palette seiner Farben. Im Symbolismus finden diese Geschichten Bilder, und die Freiheit der Interpretation. Die Geschichte des Zyklopen und der Nymphe ist eine Geschichte der Wandlung. Sind sie bei Homer noch Paar und gar Eltern, so werden sie in den weiteren Erzählungen, allemal schließlich in den Metamorphosen Ovids, Gestalten einer Tragikomödie voll Missgunst, Leid und Tod.

Polyphem liebt hier Galatea, so abgöttisch wie vereinnahmend, so naiv wie plump, so beschützend für sie und hasserfüllt gegenüber jenem, den sie liebt. Dieser eine, Acis, der Hirtenjunge, wird sterben müssen, weil Polyphems Eifersucht ihn zum morden treibt. In einen Fluss verwandelt bleibt er in ihrer Nähe, und an seinem Ufer blüht der Garten, der nun ihre Zuflucht wird.

Redon klärt in seinem Gemälde nicht auf, welche Geschichte wir sehen.

Vielleicht ist es der Zyklop der Liebe, vielleicht der Zyklop der Sehnsucht, vielleicht ist er verzweifelt und reumütig. Vielleicht schläft Galatea, vielleicht trauert sie.

Die Farben sprechen von Hoffnung, die Landschaft von Frühling, und doch fällt der Blick ganz selbstverständlich auf die Dunkelheit und Unergründlichkeit eines Auges.