#1Tag1Text zu: Franz Marc ‚Zwei blaue Pferde vor rotem Felsen‘, 1913

„L. K. Kommen Sie beide doch mit zu Sacharoff; wir beteiligen uns keinesfalls an einem ev. souper, und wir können dann zu 4 gemütlich wo Abendessen. Im Falle Sie gehen, nehmen Sie doch Billette für uns mit und (Treffpunkt Abendkasse) benachrichtigen Sie uns davon. Wenn Sie nicht gehen, nehmen wir Billette selber am Freitag u. kommen Samstag Nachmittag ca. 4 Uhr zu Ihnen; ist es recht? Abd. sind wir nicht frei. Herzl. 2 x 2 Fz. Marc.“

Am 23. Mai 1913 treten Alexander Sacharoff und Clotilde von Derp in der Münchner Tonhalle auf, und Franz und Maria Marc laden Vassily Kandinsky und Gabriele Münter zu einem gemeinsamen Besuch der Aufführung ein. Und sollte das nicht klappen, steht der Verabredung für den gemeinsamen Kaffee am Folgetag ja vielleicht nichts im Weg.

Es wird Abend und die letzten Sonnenstrahlen lassen die Bergzüge majestätisch erglühen.

Zwei blaue Fohlen, ruhend, Eins mit sich, scheinen dem Schauspiel der Sonne, die vielleicht gerade hinter dem Bergmassiv verschwindet und endgültig den Abend einläutet, alle Aufmerksamkeit zu schenken.

Sie sind Franz Marcs Fabeltiere in der Welt. Sie sind das Symbol geworden für seine Vorstellung, seine blauen Blumen. Sie sind als zarte Wesen in eine Welt gestellt, in der vieles unbegreiflich und fremd scheint. Sie sind Sinnbild von Sehnsucht, Frieden, Harmonie. 

Und sie sind seine Kunst, seine Vorstellungskraft.

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Franz Marc Zwei blaue Pferde vor rotem Felsen 1913

Und vielleicht sieht er sich und Maria in ihnen und durch sie vertreten? Vielleicht ist dieser gemalte Gruß auf der Karte, der dem prosaischen Text gleichsam vorausgeht, ihrer beider Blick auf den kommenden, gemeinsamen Abend im Tanztheater, das Staunen und die Begeisterung über die Inszenierung, die Bewegungen, die Choreografie von Sacharoff und von Derp. Sacharoff schreibt Jahre später:

„… Clotilde Sacharoff und ich tanzten nicht mit Musik oder begleitet von Musik: Wir tanzten Musik. Wir machten die Musik sichtbar, indem wir mit den Mitteln der Bewegung ausdrückten, was der Komponist mit den Mitteln des Klangs ausgedrückt hat… Nichts anderes als die vom Komponisten erlebten und vermittels seiner Kunst in Klang verwandelten Seelenzustände, Eindrücke, Empfindungen… Unser Ziel war, den von der Klangmusik ausgedrückten Sinn in die Musik der Bewegung zu übersetzen.“

Text und Bild, Kunst und Leben, Empfindungen und Ausdruck kommen so zusammen. Franz Marc malt, was Sacharoff tanzt.

Unteilbarkeit, sagt Marc, die ‚Sehnsucht nach dem unteilbaren Sein‘, ist das Motiv, und wird zum Motiv einer Zeit. Der Wunsch nach Gegenwärtigkeit im Hier und Jetzt, und das Erkennen von Vergänglichkeit in kraftvoller, bildlicher Poesie.