#1Tag1Text zu: Camille Pissarro ‚Le pont Boïeldieu à Rouen ; Soleil couchant, temps brumeux‘, 1896

Alles ist in Bewegung.

Und sie ist ihm alles. Ein kalter Nordwind treibt an diesem Februarabend Wolken über einen trüben Himmel, im tiefen Nebel, eher ein Dunst, verschwinden die Gebäude in der Ferne, der Rauch aus den Schloten und der Dampf der Schiffe bald in einer grauen Farbpallette die das letzte Licht der Sonne so sanft wie eintönig über die Szenerie verteilt. Nur auf dem feuchten Pflaster der Pont Boïeldieu reflektiert es in ein sanftes Schimmern, gleich dem Wasser der Seine, die sie überquert.

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Claude Pissarro ‚Le pont Boïeldieu à Rouen ; Soleil couchant, temps brumeux‘, 1896

Claude Pissarro ist fasziniert vom Treiben auf dieser Brücke, die er im Winter 1896 von seinem Hotelfenster aus im Blick hat. Hier, ein wenig aus der Ferne, ein wenig über den Dingen und im Schutze seines Zimmers, dessen Licht ihm sein Augenleiden erträglicher macht, dokumentiert er es zahlreiche Male. 28 Gemälde mit Brücken und Kais in Rouen wird er im Laufe des Jahres während zweier Aufenthalt in der Stadt anfertigen.

Er ist 65 Jahre alt, und gerade erst beginnt sich seine Arbeit auch in der erhofften Anerkennung auszuzahlen. Und Pissarro ist Anarchist. Sein Leben lang werden ihn Arbeiter und Bauern mehr interessieren als Bürgertum und Kirche. Sein Blick richtet sich auf die Fabriken, auf Schornsteine und Dampfschiffe, auf Industrie und Tristesse jenseits der Kathedralen und prunkvollen Stadtvillen, jenseits der Parks und Promenaden entlang der Seine. 

Den Blick auf den Fluss mögen Arbeiter und Großbürgertum teilen, aber sie leben auf unterschiedlichen Seiten, verbunden nur durch Brücken wie diese, die an diesem Abend und in aller Trübnis in dieses goldene Licht getaucht ist. 

An seinen Sohn Lucien schreibt er am 26. Februar 1896 über das Gemälde ‚Le pont Boïeldieu à Rouen ; Soleil couchant, temps brumeux’:

‚Ein Bild der Eisenbrücke bei nassem Wetter, mit viel Verkehr von Fuhrwerken, Fußgängern, Kaiarbeitern, Booten, Rauch, Nebel in der Ferne, sehr lebhaft und sehr bewegt.‘

Pissarro Verweis auf die Menschen und Dinge, die Gesellschaften zusammen, in Bewegung und am Laufen halten, auf Wasser, Luft und Licht, ist fein, subtil, unaufdringlich, aber er ist genau so eben auch erkennbar, wichtig und kraftvoll. Die Bewegungen und Umbrüche, die er bezeugt, sind sie Bewegungen und Umbrüche in unsere Gegenwart.