‚Beauty Is A Line‘, im Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster

Linien sind die feine wie unmissverständliche Manifestation von Raum in Umfang und Abhängigkeit. Sie sind die trennenden wie verbinden Elemente von Außen und Innen, sie sind Politik und Dekor, Grenze und Freiheit, sie sind Schönheit, Schrecken und die Form der Sprache dort, wo Sprache zu Schrift oder Bild wird.

Linien bestimmen unser Denken über Zusammenhänge und den eigen Standpunkt im jeweiligen Koordinatensystem.

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Bart van der Leck, Composition No. 8, 1917, Öl auf Leinwand, Gemeentemuseum den Haag © VG Bild-Kunst , Bonn 2020

‚Beauty Is A Line‘ heißt die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster (und in einer inhaltlich-thematischen Anknüpfung, Fortsetzung, Voranschreibung im Rijksmuseum Twenthe, als ‚Beauty Is A Line – Picasso und Matisse‘). Eigentlich müsste ‚Beauty‘ dabei vielleicht eher in Anführungsstrichen stehen, denn die Schönheit, die die Linie ist, ist auch hier nur ein Beispiel für ihre kraftvolle Vielfalt, ganz unabhängig davon, dass Schönheit im Auge der Betrachtenden liegt.

Gleich vorweg sei im Zusammenhang mit dem Titel der Ausstellung auch ihr Untertitel hier – ‚Von Cy Twombly bis Gerhard Richter‘ – genannt, der wohl ihr größtes Manko ist. Weder ist dieses ‚von – bis‘ zeitlich, noch kunstgeschichtlich oder irgendwie inhaltlich als Ränder einer ‚linearen‘ Erfahrung über die künstlerische Beschäftigung mit der Linie zu werten, und es darf darum vielleicht – leider, weil so unnötig – als reines Marketinginstrument gleich wieder vergessen werden. 

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Paul Ranson, Florale Formen, 1897, bedruckter Samt, Deutsches Textilmuseum Krefeld

Umso unverständlicher ist die Wahl des Untertitels, da die Ausstellung in ihrer inneren Erzählung eben gerade einer Chronologie der Linie folgt. Vom Europa der Jahrhundertwende über die Werke der Avantgardegruppe De Stijl, die amerikanische Minimal Art bis in die Gegenwart führt ein gelungener und auch darum sehenswerter Parcours.

Es gibt so viele Begriffe des bald schon alltäglichen Sprachgebrauchs, die Linien zur Definition, quasi als Bild im Wort, heranziehen: Verbindungslinie, Demarkationslinie, Linienverkehr, Rote Linie,  in erster Linie, Frontlinie, Produktlinie, Hilfslinie usw. …

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Ernst Wilhelm Nay, Orange und Schiefergrau, 1953, Öl auf Leinwand, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Schnell wird klar: Linien sind in der Horizontalen wie in der Vertikalen unablässige Instrumente der Ordnung von Zusammenhängen.

Sie sind aber auch die Schönheit von Wirbeln, die Manifestation von Bewegung, der expressive Ausdruck von Emotion, der abstrakte Verlauf von Erzählungen.

In der Ausstellung in Münster erkenne ich in der Vielfalt der Möglichkeiten, die ‚Linie‘ in der Kunst bedeutet, wenn es denn einer chronologischen, aber eben auch inhaltlichen Herangehensweise bedarf, eher die einer ‚Von Donald Judd bis Lia Sáile‘. Einige Beispiele der Inszenierung, mit diesem Fokus auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, seien hier vorgestellt. 

Also beginne ich mit Erstgenanntem, und zitiere aus dem Katalog:

‚Ganz in der Arbeitsanweisung des Bauhaus-Lehrers Paul Klee – ‚Bleiben wir also vorläufig beim primitivsten Mittel, bei der Linie. In Vorzeiten der Völker, wo Schreiben und Zeichnen noch zusammenfällt, ist sie das gegebene Element‘ – entwarf Twombly in den 1950er Jahren eine eigenwillige, zwischen archaischem Graffito, zeitgenössischer Pissoirzeichnung und vermeintlich regressiver Kinderkritzelei oszillierende Formensprache, in der Schriften und Linien zu einem autonomen Stilidiom amalgamiert wurden.‘ (Katalog, S. 67)

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Cy Twombly, Untitled, 1969, Ölfarbe, Wachsstift, Sammlung Prof. Dr. Reiner Speck © Cy Twombly Fondation

Twomblys Linien sind Repetition einer Sprachfindung durch Schrift. Seine Erzählungen sind dadurch aber eben noch lange nicht lesbar, sondern hinterfragen im Gegenteil unser Selbstverständnis von Erkennen und Erfahrbarkeit in der Darstellung. Wir sehen zwar den über Spalten und Zeilen verteilten Duktus einer möglichen Schrift im Sinne einer Wiederholung einer gleichförmigen Bewegung der Kreide auf der Tafel, die aber trotz allem eher wie eine ganz ursprüngliche, ganz wie vor einer Übereinkunft über die Linien einer Schrift getätigte Bewegung, wirkt. Wie eine Lernübung zum Schreiben, ein erster Versuch, Gedanken aus Worten in Zeichen, in Linen eben, zu bannen.

Twomblys Linien, die Linien seiner Erzählungen, sind nicht dechiffrierbar. Ihnen bleibt das geheimnisvolle, das Gefühl des Zurückgeworfenseins, einer fundamentalen Auseinandersetzung mit den Anfängen von Geschichten, die erzählt werden, aber noch der Übereinkunft über ihre Symbole, ihrer Lesbarkeit harren.

Diese Linien sind Erzählungen ohne Stimme. Sie zeigen uns die Grenzen auf, die Linie eben auch bedeutet: wenn wir die Codes zu ihrer Dechiffrierung nicht kennen, bleiben sie ein Geheimnis. Ihr Rhythmus, ihre Schönheit, steht, und doch lassen sie uns fragend zurück, weil wir den Klang, den Sprache über Schrift, und damit Linie entwickelt, nicht kennen.

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Donald Judd, Untitled, 1962, Holzschnitt (Ölfarbe auf Papier), Probedruck, Metropol Kunstraum, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2020 (2)

Die Grenzen von Linien sind also auch die Grenzen unserer Wahrnehmungsfähigkeit. Manchmal sind sie eine unleserliche wie konkrete Form, manchmal aber auch nur unsere einzige Möglichkeit, eine Grenze überhaupt zu definieren.

Zwischen Schatten und Licht existiert eigentlich keine Linie. Schatten und Licht sind in der Wahrnehmung Formen, Sphären. Und doch ist es die Linie als ‚Hilfslinie‘, die uns als Grenze den Grad zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Objekt und Wirkung, erst verdeutlicht.

Sol LeWitts ‚Five Part Variations with Hidden Cubes‘ verweist meiner Meinung nach auf die Vielfältigkeit, die Form in seiner linearen Ausdehnung mit sich bringt.

Im Katalog heißt es:

‚Die Werke der Minimal Art sind bestimmt durch ihre repetitiven und selbstreflexiven Strukturen, sie vermeiden bewusst die Akzentuierung jedweder individuellen künstlerischen Handschrift.‘ (Katalog, S. 76).

Das mag zunächst an Twombly erinnern, in Unlesbarkeit und Repetition. Aber gerade bei gezeigtem Werk verweist es doch vor allem auch auf die Erzählung von Linie als Bestandteil von Form, und daraus folgernd auf die Wirkung der Form auf den Raum.

Sol Lewitt, Five Part Variations with Hidden Cubes, 1968-1972, Plastikkuben, bemaltes Holz und Bleistift, Metropol Kunstraum, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Sol Lewitt, Five Part Variations with Hidden Cubes, 1968-1972, Plastikkuben, bemaltes Holz und Bleistift, Metropol Kunstraum, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die fünf Kuben mögen rein faktisch monotone Wiederholung sein. Im Titel – ‚Variations‘ – klingt meiner Meinung nach aber schon ihre Individualität mit, die es nun, in der Betrachtung, der Erfahrung, im Gang um die Objekte und der Wechselwirkung aus Licht und Schatten, zu entdecken gilt. ‚Five Cubes‘ ist eben nicht die statische Kombination von Linien im Raum, die unabhängig von eben diesem Raum denkbar ist. Diese Quader, und die Linien die sie sind und schaffen, sind nur mit unserem Blick auf sie, mit dem Wechsel von Licht und Schatten, Nähe und Ferne, existent, spürbar, wahr.

Sie sind Ergebnisse unserer Bewegung im Raum, eine ganz individuelle, ganz unteilbare Schrift und Sprache.

Und damit eigentlich nicht weit entfernt von den Linien, die Olafur Eliasson mit ‚Pedestrian Vibe Studies‘ sichtbar macht.

Wie viele Arbeiten von Eliasson, so sind auch diese ‚Studien‘ Experimente mit Licht und Lichtwirkung.

‚As part of his investigations into light waves and physical movement, Olafur Eliasson made a number of tests, swinging a simple lamp in spiral movements. These were recorded using long-exposure photography.‘ (https://olafureliasson.net/archive/artwork/WEK100840/pedestrian-vibes-study).

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Ausstellungsansicht Olafur Eliasson, Pedestrian vibes studies, 2006, ‚Beauty Is A Line‘, Kunstmuseum Picasso, Münster, 2020

Eliasson ‚schreibt‘ mit Licht. Dessen Verharren in rhythmischen Formen, Wellen, Kringeln, Kurven, die bald einem EKG gleichen, ist aber eigentlich eine Illusion, erschaffen nur durch die fototechnischen Möglichkeiten der Langzeitbelichtung eines physischen Trägermaterials. Die Bewegung selbst, die Welle, die Licht ist, ist da längst vergangen, weitergewandert.

Was erinnert an uns? scheint die Arbeit auch uns als Betrachtende zu fragen. Sie erzählt von der Vergänglichkeit, auch der des Lebens, wie eben der der Erinnerungen, mit einem der fragilsten und gleichzeitig stärksten Elemente, die das Universum für alles Leben, für Abläufe, Anfänge wie Enden, kennt. Und sie erkennt darin den Lichtstrahl als Linie der Bewegung, die Schönheit jedes einzelnen Momentes als Teil eines Zusammenhangs von Ursache und Wirkung.

Sol Lewitt, A Triangle of Florence without a Parallelogram, 1970 © VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Sol Lewitt, A Triangle of Florence without a Parallelogram, 1970 © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Und noch einmal geht es um die Linie als Grenzerfahrung. Zur Vereinfachung räumlicher Darstellungen und innerer Zusammenhängen greifen wir auf Linien zurück, indem wir sie zu einem Grundriss, einem simplen Gerüst von Raum ohne Volumen, zusammenfassen. Im Normalfall ergibt sich so eine auf kleinen Raum herunterprojezierte Übersicht zu Außen und Innen, die abstrahierte Vorstellung von Ausdehnung und Wirkung.

Im Normalfall aber bleibt diese Darstellung eben auch durch die veränderte Größe fern von aller Erfahrbarkeit. 

Lia Sáile hat mit ihrer Intervention ‚M/TAKING SPACE‘, ursprünglich für das CityLeaks Urban Art Festival Köln 2017 mit dem Thema ‚Sharing Cities‘ entwickelt, dieser Abstraktion im Abbild wie auch in der alltäglichen Konfrontation einen Raum gegeben, der uns in die Lage versetzten kann, Dimension im Hinblick auf Größe, aber vor allem auf ihre inneren wie äußeren, mithin sozialen Auswirkungen, ganz wortwörtlich zu ergründen.

Auf dem Ebertplatz in Köln, dem größten öffentlichen Platz der Stadt, lässt sie mit weißen Klebelinien den Grundriss eines Übergangswohnheims für Asylsuchende nachgezeichnen, das sich nur wenige hundert Meter von dort befand. 

In der Beschreibung ihres Projektes heisst es:

‚Focusing on the urban, the process of taping highlights the active and conscious act of space making and taking, addressing political, spatial, ethic and cultural elements of the current subjects of asylum and migration.‘ (http://www.liasaile.com/portfolio/mtaking-space/)

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Lia Sáile M/TAKING SPACE Intervention in public space, two performers, white tape Beauty Is A Line, Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster, 2020 CityLeaks Urban Art Festival, Köln, 2017

Sáiles Arbeit benennt auf diese simple wie eindrückliche Art die feine Linie, die Zugehörigkeit vom Außenseiter sein trennt, und nutzt den öffentlichen Raum, auch als Kontrakpunkt zum geschützten, privaten Raum – und das gilt eben auch für die Wohnunterkünfte -, als soziale Interaktionsfläche, die jeden Besucher des Ortes, also jeden Menschen, sei er innerhalb oder außerhalb des Grundrisses, zu einem Beteiligten wie Betroffenen an den Wirkungen von Linien, von Innen und Außen, macht.

Linien erobern den öffentlichen Raum, sind Umrisse und Formen, lassen Dimensionen erfahren und können diese verzerren, sie sind Verweise und Grenzen, sie sind Schrift und Dekoration. Immer aber Kommunikation.

Linien sind so vielfältig wie die Wege, die sie nehmen. Ich finde, die Ausstellung in Münster zieht ihre besondere Stärke aus der Erfahrung von Leichtigkeit und Schwere, die Linie sein kann. Man kann und darf in den Linien der Jahrhundertwende, dem überbordenden Dekor in Architekturen und Innenausstattungen, Kleidung, Mobiliar oder in Zeitschriften schwelgen. Man kann ihr über die Arbeiten von Friedrich Vordemberge-Gildewart, Donald Judd, Bruce Nauman, Ernst Wilhelm Nay, Hanne Darboven und Gerhard Richter etwa, durch das vergangene Jahrhundert also, folgen. Und man kann und darf eben auch erleben, dass die Linie ein ganz aktuelles Element ist, und ihrer  Stärke auch in der Gegenwartskunst ungebrochen gefragt ist und thematisch aktualisiert wird.

‚Beauty Is a Line — Von Cy Twombly bis Gerhard Richter‘, im Kunstmuseum Pablo Picasso, bis zum 24. Mai 

Die Ausstellung ‚Beauty Is A Line – Picasso und Matisse‘ im Rijksmuseum Twenthe ist aus aktuellem Anlass bis mindestens 31. März geschlossen.

 

 

Ich danke dem Kunstmuseum Pablo Picasso für die freundliche Überlassung eines  Ausstellungskatalogs