‚Edward Hopper‘, in der Fondation Beyeler, Riehen

‚Kunst ist in so hohem Maß ein Ausdruck des Unbewussten, dass mir scheint, dass sie dem Unbewussten das Wichtigste verdankt und das Bewusstsein nur eine untergeordnete Rolle spielt. Aber diese Dinge sollte besser ein Psychologe entwirren.’ (Edward Hopper, Brief an Charles H. Sawyer, 19. Oktober 1939)

Was ist den Erzählungen über das Werk Edward Hoppers noch hinzuzufügen? 

Ich glaube, die Ausstellung ‚Edward Hopper — Ein neuer Blick auf Landschaft‘ in der Fondation Beyeler folgt für ihre eigene, wichtige und gelungen Erzählung dem obigen Zitat, indem sie uns als Betrachtende im Rhythmus der Bilder und deren Landschaften auf unsere, jede ganz individuelle Seelenlandschaft blickten lässt.

EH_Cape_Ann_Granite_1928_LAC_205x300mm
Cape Ann Granite, 1928 Öl auf Leinwand, 73,5 x 102,3 cm Privatsammlung © Heirs of Josephine Hopper/2019, ProLitteris, Zürich Foto: Christie’s

‚Ein neuer Blick auf Landschaft‘ ist dabei, so überraschend das klingen mag, die erste Ausstellung, die in diesem Umfang – mit über 60 Gemälden und Aquarellen -, und in dieser Güte wie Fokussierung, die Landschaftsgemälde Hoppers in den Mittelpunkt stellt. Und sie ist meiner Meinung nach eben auch, in der Mehrdeutigkeit des Titels lesbar, der Versuch, Landschaft als die Weitung des Blickes zu verstehen, der in ihr eben nicht nur Natur, sondern auch Wirkung und Rückwirkung, wechselseitige Gestaltung als Eingriff des Menschen und Resonanz auf ihn selbst, sieht.

Vielleicht ist es so, dass sich das Unbewusste zu Bewusstsein wie Natur zu Landschaft verhält, frage ich mich beim Rundgang durch die Säle der Fondation, in denen das Licht, das durch die großen Fenster von Aussen kommend die Atmosphäre zusätzlich mit Energie aufzuladen scheint, sich mit dem Licht in den Gemälden verbindet.

In seinem Beitrag zum Katalog schreibt Kurator Ulf Küster:

‚Sonnenlicht erscheint auf Hoppers Bildern oft als Sonnenfleck oder aber wird als Schatten sichtbar gemacht, als das Gegenteil von Licht. Sonnenlicht ist eine von aussen auf das Bild einwirkende Größe, die als Belichtung vermeintlich nur mit dem Auge zu erfassen, deren Präsenz aber zugleich geradezu fühlbar ist.’ (Katalog, S. 19)

60.54
Second Story Sunlight, 1960 Öl auf Leinwand, 102,1 x 127,3 cm Whitney Museum of American Art, New York; Purchase, with funds from the Friends of the Whitney Museum of American Art © Heirs of Josephine Hopper/2019, ProLitteris, Zürich Foto: © 2019. Digital image Whitney Museum of American Art/Licensed by Scala

Es lohnt sich, allein darauf zu achten, was Licht mit den Formen, den gegenständlichen Motiven in Hoppers Bildern macht. Es lohnt sich, das Ausmaß der Abstraktion auf sich wirken zu lassen, dass diese Belichtung mit sich bringt, die schließlich eine Bewegung ist, und die Raum durch seine Formen definiert. Die Erfahrung von Licht erklärt sich durch die Erfahrung von Schatten. Helligkeit und Dunkelheit bedingen einander und zeigen uns Grenzen auf. Hopper inszeniert mit dem Licht. Er definiert damit Flächen und akzentuiert Übergänge. Er lässt etwas nicht greifbares den greifbaren Raum definieren, wie Gefühle und Gedanken etwa, wie die unausgesprochenen Zustände der Seele, Menschen definieren können.

In vielen von Hoppers Bildern scheinen sich Fortschritt und Freiheit zu einem Gefühl der Entfremdung zu verengen, was immer auch an dem begrenzenden und auslassenden Bildausschnitt liegt, den er wählt. Ob Straßen durch weite Landschaft, Schienen, Strom- oder Telegrafenmasten, Gebäude, Schiffe, Tankstellen, Leuchttürme: in den Gemälden durchfährt das Auge des Betrachters eine Weite der Möglichkeiten mit dem Blick des Zweiflers, mit der Ahnung von den bereits genannten Grenzen und dem Wissen über die Limitierungen des Lebens. 

Selbst dort, so scheint es mir, wo eben keine Menschen, keine Gebäude, keine Zivilisation mit ihren Errungenschaften erkennbar ist, selbst dort, oder gerade dort, setzt Hopper uns als Zeugen ein. 

70.1206
Cobb’s Barns and Distant Houses, 1930–1933 Öl auf Leinwand, 74 x 109,5 cm Whitney Museum of American Art, New York, Vermächtnis Josephine N. Hoppe © Heirs of Josephine Hopper/2019, ProLitteris, Zürich Foto: © 2019. Digital image Whitney Museum of American Art/Licensed by Scala

Die Zivilisation sind wir, die wir in diesem Augenblick aus uns heraus schauen, und dabei den Blick auf uns vergessen. Wir machen für den Moment aus dem Bewussten etwas Unbewusstes, und für mich wirkt es bei manchen Motiven tatsächlich wie eine bald schon transzendente Erfahrung, Teil der Bildwelt, Teil der Erzählung zu werden.

Hoppers Bilder strahlen vielleicht auch daher häufig eine bald schon greifbare Melancholie aus. Ganz ohne es zunächst zu begreifen, nehmen wir uns und unsere Bewegung in diesen Bildern und durch diese Bilder aus der Geschichte heraus, und indem wir uns in ihnen nicht mitdenken, entsteht gerade erst die Leere, die in Wahrheit (unsere) Einsamkeit ist. 

Wir fahren durch diese Landschaft, durch sanfte Bergketten, durch Täler und Höhen, grün und braun, entlang schattiger Pisten und ewiger Highways, kreuzen Gleise und Flüsse und Städte und Höfe, streifen das Meer, und es ist eine rastlose Fahrt, keine Aufenthalte, nicht an der Tankstelle, nicht an den Türen der Häuser und Höfe, nicht bei den wenigen Menschen, deren Leben wir kurz mit unserem Blick berühren, bevor sie schon wieder Teil einer anderen Geschichte geworden sind.

EH_Lighthouse_Hill_1927_LAC_216x300mm
Lighthouse Hill, 1927 Öl auf Leinwand, 73,8 x 102,2 cm Dallas Museum of Art, Schenkung Mr. und Mrs. Maurice Purnell © Heirs of Josephine Hopper/2019, ProLitteris, Zürich Foto: Dallas Museum of Art, Photo by Brad Flowers

Alles was wir sehen steht dabei auch für die Dinge, die wir nicht sehen. Nicht nur hier, im Vorbeifahren, sondern als Summe aller machbaren Erfahrungen, aller Erkenntnisse eines Lebens. 

Ich glaube, dass Hopper in seinen Landschaften die Geschichten der Menschen, die wir in ihnen eben nicht sehen, immer mitgedacht, sie vielleicht sogar zum Zentrum der Erzählung gemacht hat. Hinter den dunklen Türen, hinter halb zugezogenen Fenstern, in den nahen und fernen Gebäuden, leben sie, sie haben diese erschaffen, wie die Straßen, die Strom- und Telegrafenleitungen, die Tankstellen und Schiffe, die Schienen, Züge und Waggons, die Flussläufe, Felder und Wälder. Sie haben aus Natur Landschaft gemacht.

EH_Cape_Cod_Morning_1950_LAC_254x300mm
Cape Cod Morning, 1950 Öl auf Leinwand, 86,7 x 102,3 cm Smithsonian American Art Museum, Gift of the Sara Roby Foundation © Heirs of Josephine Hopper/2019, ProLitteris, Zürich Foto: Smithsonian American Art Museum, Gene Young

Manchmal stehen oder sitzen sie dann aber doch vor einer Tür, im Fenster, auf dem Balkon, der Veranda, im Zug, auf dem Boot, auf dem Pferd. Wenn wir überhaupt ihren Blick erhaschen, dann ist er von einer seltsam anmutenden Leere und von einer bald verstörenden Unberührtheit. Wie Fremdkörper, hereingestellt und bald apathisch, vielleicht sich der Vergänglichkeit dieses Momentes, für den sie in Szene gesetzt wurden bewusst, wirken sie in der großen Erzählung.

Noch einmal Ulf Küster:

‚Edward Hopper war ungeheuer belesen. Lesende sind auch oft auf seinen Bildern zu sehen. Menschen, die lesen, befinden sich in einer Welt, die für andere unsichtbar ist. Lesende zu betrachten, heisst, sich die Existenz innerer, unsichtbarer Welten bewusst zu machen. Das Außergewöhnliche an der Kunst Edward Hoppers ist, dass sie Dimensionen des Unsichtbaren sichtbar macht, es aber dem Betrachter überlässt, sich das Unsichtbare für sich selbst zu erklären.’ (Katalog, S. 15)

Nicht nur die Landschaften erzählen also durch uns von uns, wir selber tun es. Der Mensch erkennt den Menschen, und es bleibt ihm, wenn er nicht mit völligem Desinteresse an seinem Gegenüber gestraft ist, nur, sich und ihn zu fragen, was geschieht, was geschehen ist und was geschehen wird. 

Die Menschen im Bild wissen es, und eigentlich wissen wir es auch, denn unsere Bewegung im Motiv ist ja nichts anderes als etwa die Bewegung des Lesens oder jede andere Bewegung im Bild. 

A311305
Portrait of Orleans, 1950 Öl auf Leinwand, 66 x 101,6 cm Fine Arts Museums of San Francisco, Schenkung Jerrold und June Kingsley © Heirs of Josephine Hopper/2019, ProLitteris, Zürich Foto: Randy Dodson, The Fine Arts Museums of San Francisco

Edward Hopper gibt nicht vor, was wir erlebt haben könnten, was wir erleben werden, was wir erleben. Er schweigt zum Narrativ seiner Bilder, stellt uns nur in sie hinein, wie er vielleicht sich selbst hineingestellt hat, und überlässt uns ganz der eigenen Geschichte.

Mir gefällt diese Freiheit im Blick wie in die Landschaft, die eben auch ein Auftrag ist. Ich glaube, man kann die Gemälde nur wirklich verstehen, wenn man akzeptiert, dass dieses Verständnis vor allem mit dem eigen Standpunkt in diesen Landschaften als Seelenlandschaften zusammenhängt. 

577.1943
Gas, 1940 Öl auf Leinwand, 66,7 x 102,2 cm The Museum of Modern Art, New York, Mrs. Simon Guggenheim Fund © Heirs of Josephine Hopper/2019, ProLitteris, Zürich Foto: © 2019 Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence

Zur Ausstellung hat Wim Wenders einen 3D Kurzfilm mit dem Titel ‚Two or Three Things I Know about Edward Hopper‘ realisiert. Im Trailer berichtet er davon, wie ihm viele der Motive vorkommen wie Szenerien aus Filmen, die nie gedreht wurden, und er sich bei ihrem Anblick immer wieder die Frage stellt, was in ihnen passiert, was passieren wird. In ‚Two or Three Things I Know about Edward Hopper‘ macht der Filmemacher den Maler zum Regisseur seiner Bilder in der Bewegung, die sonst nur eine Geschichte ist. Und ich finde, Wenders beweist in der Kürze, dass auch das Eindringen in die Motive, der Blick in die Bewegung der Szenerie, nichts von der wahren Stärke der Gemälde schmälert, nämlich der, unteilbarer Erfahrungsraum zu sein. Eben wie Film, wie ein Buch, wie alle Imagination von Geschichten aus einer unbekannten Sphäre in eine unbekannte Weite. 

Wenders sagt über seine Motivation und das Thema des Films:

‚[Hopper] hatte eine Affinität zum Film wie kaum ein anderer, sowohl in seinen Themen – wie der amerikanischen Landschaft oder der existentiellen Ausgesetztheit des Menschen im 20. Jahrhundert – als auch in seinem Licht oder seinen Kadrierungen. Außerdem ging Hopper selbst sehr häufig ins Kino, oft wochenlang jeden Tag, vor allem dann, wenn er nichts mehr zu malen wusste, wie ein Freund berichtete. Von diesem Kreislauf – ein Maler ist von Filmen beeindruckt, und hat Bilder gemalt, die ihrerseits Filmemacher beeinflusst haben – handelt meine 3D Installation Two or Three Things I Know about Edward Hopper. Ich wollte den Zuschauer in die Welt Hoppers eintauchen lassen, der zugleich ein Schöpfer ikonischer Bilder und auch Erzähler von Schicksalen und Geschichten ist.’ (Pressetext)

70.1212
Road and Houses, South Truro, 1930–1933 Öl auf Leinwand 68,4 x 109,7 cm Whitney Museum of American Art, New York, Vermächtnis Josephine N. Hopper © Heirs of Josephine Hopper/2019, ProLitteris, Zürich Foto: © 2019. Digital image Whitney Museum of American Art/Licensed by Scala

Nichts ist abgeschlossen, wenn man die Ausstellung verlässt. Die Landschaften Edward Hoppers mögen zutiefst amerikanisch sein, seine Erzählungen ihre Wurzeln vor diesem Hintergrund aufbauen. Das mag das Faktische beschreiben, nicht aber das Emotionale erklären, das mich, uns so weit entfernt von ihnen, trifft. Dafür ist man dann doch eben wieder beim ‚Ausdruck des Unbewussten’ in der Kunst, oder, um Hopper abschließend noch einmal zu ziutieren:

‚Wäre es in Worte zu fassen, gäbe es keinen Grund zu malen.’
(Interview mit Hopper in Time Magazine Vol. LXVIII, Nr. 26, 24. Dezember 1956) 

70.1170
Railroad Sunset, 1929 Öl auf Leinwand, 74,5 x 122,2 cm Whitney Museum of American Art, New York; Josephine N. Hopper Bequest © Heirs of Josephine Hopper/2019, ProLitteris, Zürich Foto: © 2019. Digital image Whitney Museum of American Art/Licensed by Scala

‚Edward Hopper‘ in der Fondation Beyeler, Riehen, bis zum 17. Mai

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erscheinen, der vor allem durch die Qualität der abgedruckten Motive besticht. (58 €)