‚David Hockney – Die Tate zu Gast‘, im Bucerius Kunst Forum, Hamburg

In einem Interview mit DIE ZEIT antwortete David Hockney 2016 auf die Frage, ob er Nostalgiker sei:

‚Ich glaube an das Jetzt. Ich arbeite immer im Jetzt. Warum sollte man zurückschauen, wenn man weitergehen kann? Aber nun musste ich Rückschau halten, und ich stelle fest: Es war ein gutes Leben.‘ (https://www.zeit.de/2016/18/david-hockney-portraets-ausstellung)

Hockney gehört seit Anbeginn seiner Karriere zu den erfolgreichen und gefeierten, den teuren und populären Künstlern einer jeweiligen Gegenwart. Eine Rückschau auf seine Arbeiten von den 60er Jahren bis nahezu heute darf darum allein sicher schon deshalb immer als museales Großereignis gewertet werden.

DAVID HOCKNEY im BKF
Ausstellungsansicht ‚David Hockney – Die Tate zu Gast‘ Bucerius Kunst Forum Foto: Ulrich Perrey

Das Bucerius Kunst Forum bietet in diesen Wochen die Gelegenheit, sich auf eindrückliche Weise von der Kraft wie der Leichtigkeit, der andauernden Suche und überdauernden Qualität seines Werkes zu überzeugen. Zu Hilfe kommt dem Haus dabei einerseits eine Institution, deren wesentlicher Teil der Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst das Werk Hockneys bildet, und mit deren Unterstützung eine solch umfassende Ausstellung darum überhaupt erst möglich war: die Londoner Tate. Und andererseits, bezeugt von der dortigen Kuratorin Helen Little, eine Charaktereigenschaft des Künstlers, die ihn in ihrem Beitrag zum Katalog für Hamburg aus einer früheren Begegnung zitiert:

‚Ich habe die Eitelkeit eines Künstlers […] ich möchte, dass meine Arbeit gesehen wird.‘ (Katalog, Seite 15)

Mit Hinweis auf den Hauptleihgeber heißt die Ausstellung in Hamburg denn auch, hanseatisches Understatement, hanseatische Höflichkeit: ‚David Hockney – Die Tate zu Gast‘. Ergänzt wird die Auswahl um Leihgaben etwa aus dem S.M.A.K., dem Louisiana Museum of Modern Art oder dem Museum Kunstpalast.

Mit rund 100 Werken folgt die Schau der Karriere und Arbeit Hockneys chronologisch, und gleich zu Beginn ist eigentlich klar, dass eher wir zu Gast bei Hockney sind.

DAVID HOCKNEY im BKF
Ausstellungsansicht ‚David Hockney – Die Tate zu Gast‘ Bucerius Kunst Forum Foto: Ulrich Perrey

Gleich zu Beginn nämlich begrüßt uns der Künstler in einer Arbeit von 2017, einer ‚fotografischen Zeichnung auf Papier‘ mit dem Titel ‚In the Studio, December 2017‘ eben dort und auf einer Größe von bald 3 mal 8 Metern. Es ist quasi eine Retrospektive in der Retrospektive, die den tiefen Glauben an sein erstgenanntes Zitat zu unterstreichen mag, und gleichsam der perfekte Auftakt für einen Gang durch sein Lebenswerk mit all seinen unterschiedlichen Facetten ist.

Zeit, Raum und Biografie sind drei Begriffe, die mir in den Sinn kommen, wenn ich Themen nennen sollte, die das Werk Hockneys fassen könnten, und die häufig eine Einheit bilden.

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David Hockney: Tea Painting in an Illusionistic Style, 1961, Tate, © David Hockney, Foto: Tate

Von Beginn an spielt er mit Sujets, mit Stilen und mit der eigenen Sexualität als implizitem Thema in seinen Werken. Er kommt der Pop Art nahe, wie etwa in ‚Tea Painting in an Illusionistic Style’, in der die zusammengesetzten Rahmen der genutzten Leinwände die Form der Teepackung bilden, und feiert seine Heroen wie Gandhi, Whitman oder Kavafis. 

Spielerisch und doch verklausuliert thematisiert Hockney seine Homsexualität, und in seiner Serie der Tea Paintings beginnt er, wie mir scheint, auf eine ganz besondere Art, nicht nur im Spiel mit Begrifflichkeiten der Umgangssprache in Bezug auf seine sexuelle Orientierung, sondern darüber hinaus auch in Reminiszenz an seine Mutter, sein Leben Teil des Werkes werden zu lassen.

Im Katalog zitiert ihn Gregory Salter:

‚Ich hatte eine kleine Teekanne und eine Tasse und kaufte eine Flasche Milch und packungsweise Tee – immer von Typhoo, der Lieblingsmarke meiner Mutter.‘ (Katalog, Seite 28), deutet aber auch darüber hinaus: ‚‘Tearooms‘ waren öffentliche Toiletten, die von Männern aufgesucht wurden, die Sex mit anderen Männern haben wollten.‘ (ebd.)

1964 kommt Hockney, beflügelt vom Erfolg der ersten Arbeiten, erstmals in die USA, und in Kalifornien findet er Bilder und Themen, die ihn lange begleiten werden: Licht, Wasser, Landschaft und nicht zuletzt männliche Körper. Hockney ist angetan von der Physis, der Athletik, der ‚sexiness‘, und das Spiel mit Körper, Wasser und Licht in den Bildern dieser Zeit versteckt nichts von dieser Begeisterung, dieser neuen Freiheit unter einer anderen Sonne, in einem anderen Land,  umgeben von Männern, die er bisher nur aus amerikanischen Schwulenmagazinen kannte.

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David Hockney: Man in Shower in Beverly Hills, 1964, Tate, © David Hockney, Foto: Tate

Neben den männlichen Körpern wird Wasser, und damit die Schwierigkeit der malerischen Darstellung seiner Bewegung, seines Rhythmus’ und seiner vielfältigen Farbenuancen, ein großes Bildthema dieser Jahre, wie auch in der Ausstellung hier einige Gemälde belegen, und wie nicht zuletzt ja das vielleicht bekannteste Gemälde, ‚A Bigger Splash‘ von 1967, das hier allerdings nicht zu sehen ist, zeigt.

Doch Hockney bleibt (auch dabei) nicht bei Oberflächlichkeit. Jetzt nicht, und erst recht nicht in den kommenden Jahren, in denen er in so feinen wie einfachen Linien den Gedichten des ägyptischstämmigen, griechischen Dichters Konstantios Kavafis seine Illustrationen hinzufügt. In den feinen wie sensiblen Zeilen des Dichters, entstanden bereits in den 30er Jahren, die der homosexuellen Liebe mit einer Selbstverständlichkeit und Lebendigkeit, mit Emotion und Tiefe begegnen, scheint Hockney einen Spiegel der eignen Gefühlswelt gefunden zu haben, der ihn, bei aller Abstraktion von den Worten, in seinen Zeichnungen diesen Gefühlen näherbringt. 

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David Hockney: My Parents, 1977, Tate, © David Hockney, Foto: Tate

Und dann diese drei Bilder: ‚Mr. and Mrs. Clark and Percy‘ von 1970/71 (das als populärstes Kunstwerk in der Tate gilt), ‚Gregory Lawson and Wayne Sleep‘ von 1972-1975 (in Deutschland erstmals 2014 im Rahmen der Ausstellung ‚Das Nackte Leben’ im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zu sehen) und schließlich mein absoluter Favorit: ‚My Parents’ von 1977.

Diese Arbeiten sind nicht nur einfach naturalistische Abbildungen von Lichtstimmungen, Räumen und Menschen. Vielmehr sind sie Studien über das soziale Gefüge, über die Psyche und Charaktere der abgebildetes Personen.

Sie fokussieren auf das Zusammenspiel dieser Aspekte auch in einem vermeintlichen Gegeneinander, wie auch bei ‚My Parents‘ offensichtlich wird. Hockney bildet hier keine Entfremdung, kein Desinteresse der Eltern aneinander und zueinander ab, er dokumentiert einen Moment der absoluten Verbundenheit, die keine körperliche Nähe braucht, ein ungezeigtes wie unausgesprochenes Einverständnis aus lebenslanger Nähe und Erfahrung.

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David Hockney: Mr and Mrs Clark and Percy, 1970/71, Tate, © David Hockney, Foto: Tate

Wie sehr ihn die psychologische Komponente in der Bildgestaltung beschäftigt hat, und wie sehr ihn das vor rein technische Herausforderungen gestellt hat, beschreibt Hockney selbst im Zusammenhang mit der Entstehung von ‚Mr. and Mrs. Clark and Percy‘:

[…] Das einzig große technische Problem dabei ist das Gegenlicht; die Lichtquelle befindet sich in der Bildmitte, und das schafft Probleme … Die Lichtquelle muss das Luftigste des ganzen Bildes ein, und das erschwert die Farbabstufung … Alle technischen Probleme haben ihre Ursache darin, dass ich mir vorgenommen hatte, die Beziehung dieses Paares darzustellen.’ (Katalog, Seite 112)

Allein diese Gemälde hier einmal im Original, in ihrer ganzen Größe und Schönheit gesehen zu haben, hat den Besuch der Ausstellung für mich gelohnt. Ihre Ergänzung um zahlreiche Vorstudien, die einen auch die o.g. Herausforderungen noch direkter erfahren lassen, komplettiert das überwältigende Erlebnis.

Mit Ende der 70er Jahre legt Hockney den Fokus auf den Raum und löst seine Darstellung von der naturalistischen Sicht auf Personen wie Perspektiven.

DAVID HOCKNEY im BKF
Ausstellungsansicht ‚David Hockney – Die Tate zu Gast‘ Bucerius Kunst Forum Foto: Ulrich Perrey

Seine ‚Hotel‘- Ansichten wie seine Darstellungen von Interieurs stellen Sehgewohnheiten infrage, und mit dem Paravent ‚Caribbean Tea Time‘ von 1987 etwa erweitert er die Darstellung von Raum und Zeit um die Konstruktion eines Objektes, das in seiner Flexibilität im Raum als Objekt Wahrnehmung und Fokus so simpel wie eindrücklich im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert. Im Katalog vermittelt ein Zitat sehr gut diese Herangehensweise:

‚[…] Wenn sich die Perspektive verändert, bewegt sich auch das Auge, und während das Auge durch die Zeit wandert, verwandelt man Zeit in Raum.‘ (Katalog, Seite 132).

DAVID HOCKNEY im BKF
Ausstellungsansicht ‚David Hockney – Die Tate zu Gast‘ Bucerius Kunst Forum Foto: Ulrich Perrey

Die Bewegung von Zeit und Raum bezieht Hockney allerdings in seiner Herangehensweise keineswegs ausschließlich auf Gegenstände. In der Tradition Picassos wirkt sie auch auf seine Porträts, in denen sich Formen und Zusammenhänge zu einem Prozess auflösen, wie auch seine Serie ‚Portrait of Mother‘ von 1985 zeigt.

In den 90er Jahren schließlich, hier eindrucksvoll vertreten durch ‚A Closer Grand Canyon‘ von 1989, verlieren sich Porträt und Raum zugunsten der wahrhaft umfassenden Darstellung von Landschaft. Zusammengesetzt aus Dutzenden Leinwänden bannt er die physische wie visuelle Erfahrung der Naturbetrachtung auf wandfüllenden Formaten, die einen Eindruck von der Größe und der Ausdehnung von Landschaft erfahren lassen können, die, so seine Meinung, nicht einmal mit Fotografie zu fassen ist.

DAVID HOCKNEY im BKF
Ausstellungsansicht ‚David Hockney – Die Tate zu Gast‘ Bucerius Kunst Forum Foto: Ulrich Perrey

‚Die verschiedenen Perspektiven, Auf-, Unter-, Nah- und Panoramasicht, werden durch die enormen Formate der Bigger Pictures physisch erlebbar. A Closer Grand Canyon nimmt damit in gewisser Weise die Landschaftsdarstellungen von David Hockneys Heimat Yorkshire vorweg, denen er sich in den letzten Jahren vornehmlich widmete. Indem er den Betrachter immer konsequent in seine Werke einbezieht, gibt er der menschlichen Dimension auch in seinen epischen Landschaftsgemälden Platz.‘ (Katalog, Seite 95).

Ein Kreis schließt sich, aber kein Lebenswerk. David Hockneys Erzählung geht weiter, sie führt über ‚In the Studio, December 2017‘ in die Gegenwart. Hockney war, ist und bleibt ein Meister der Gegenwart. Der sichtbaren wie der unsichtbaren, der gefühlten wie der erlebten. Seine Gemälde sind bis heute Sensoren für Gefühle des Körpers in Verbindung mit anderen Körpern, Räumen, Orten und Zeiten, und sie sind immer wahrhaftiger Ausdruck von Stimmungen, in denen ich mich immer wiederfinden kann.

DAVID HOCKNEY im BKF
Ausstellungsansicht ‚David Hockney – Die Tate zu Gast‘ Bucerius Kunst Forum Foto: Ulrich Perrey

Die Ausstellung ‚David Hockney – Die Tate zu Gast‘ im Bucerius Kunst Forum ist beeindruckender Beweis für dafür.

‚David Hockney – Die Tate zu Gast‘ im Bucerius Kunst Forum, bis zum 10. Mai

Zur Ausstellung ist bei Hirmer ein umfangreicher Katalog erschienen, der Hockneys Werk und Leben in spannenden Essays verbindet, und den Besuch im Bucerius Kunst Forum sinnvoll ergänzt.