‚Circular Flow — Zur Ökonomie der Ungleichheit‘ im Kunstmuseum Basel | Gegenwart

‚Put briefly: other people’s poverty is what actually guarantees the functioning of our economy‘ (Søren Grammel)

Alle Bewegung ist früher oder später auch die von Menschen, oder: worüber wir reden, wenn wir über ‚Globalisierung’ reden.

Die Ausstellung ‚Circular Flow — Zur Ökonomie der Ungleichheit‘ im Kunstmuseum Basel | Gegenwart widmet sich nicht weniger als der Sichtbarmachung des Menschen in einer Gleichung aus Ursache und Wirkung, in deren abstrakter Vorstellung von Abhängigkeiten wie Notwendigkeiten er immer weiter zu verschwinden scheint, und vielleicht war eine solche Ausstellung nie so wichtig wie gerade jetzt.

Die von Søren Gammel kuratierte Präsentation wählt dabei den so passenden wie komplexen Weg eines Zeiten wie Räume überspannenden Narratives, nicht zuletzt auch, um auf eben jene Ebenen des Diskurses über Globalisierung, die sich mit Zeit und Raum beschäftigen, explizit zu verweisen.

Über eine solche Ausstellung zu schreiben, fühlt sich gerade in diesen Tagen wie eine intensive und manchmal auch schmerzhafte Reflexion über Trennendes und Verbindendes in einer Welt an, in der es gilt, Verantwortung zu übernehmen für mehr als nur den Gehweg vor der eigenen Tür.

Gerade die Ergänzung der 15 künstlerischen Positionen der Gegenwart um Arbeiten aus der Sammlung des Kunstmuseums und in Rückgriffen bis ins 16. Jahrhundert vermittelt die überzeitliche wie globale Tragweite menschlichen Handelns im allumfassenden Sinne in Wirkung und Rückwirkung. 

Zeit wird so zu Entwicklung wie Beschleunigung und Raum zu einem Ort innerhalb oder ausserhalb eines Systems, das diese Entwicklung und Beschleunigung trägt und forciert. 

Im (englischsprachigen) Reader zur Ausstellung, aus dem auch o.a. Zitat von Søren Grammel stammt, formuliert es der Soziologe Stephan Lessenich so:

‚For it is true that citizens of many of the world’s states are excluded, on account of their citizenship, from possibilities of participation that seem natural to citizens of other nations. And yet, precisely these second- or even third-class citizens, who enjoy fewer rights or even almost no rights at all, are an inseparable part of the global system of citizenship that affords others — the citizens of rich nations — exclusive rights of democratic participation. […] ‚Citizens All? Citizens Some!’. This formulation of exclusionary democratic mores has applied — and to a lesser extend still applies — in countries all over the world. In the countries that rule the world, however, it applies in particular ‚outwardly‘ — doing so today perhaps more than ever before.‘

Dieser Text, wie die Mehrzahl der Text im Reader (etwa von Colin Crouch, Felwine Sarr oder Hito Steyerl), setzt und setzen den theoretischen Ton für die Ausstellung, und hat man ihn oder sie nicht im Vornherein gelesen, so werden sie mit dem Gesehenen zu einem Grundrauschens des Schwindels, der einen erfasst, wenn man aus der eigenen Sichtachse den Blick aus dem Strudel hinaus wirft, der ‚Circular Flow‘ eben auch ist. 

Für mich steht — oder besser: hängt — ganz unscheinbar im Zentrum dieses Strudels ein kleines Gemälde von 1658.

IMG_5452
Ausstellungsansicht Frans Post Brasilianische Landschaft, 1658 Kunstmuseum Basel, Vermächtnis Max Geldner,

Frans Post, sein Maler, war einige Jahre zuvor mit dem Generalgouverneur der Westindischen Gesellschaf, Johann Moritz von Nassau-Siegen, im von den Holländern besetzten Nordosten Brasiliens unterwegs, und Arbeiten wie diese trugen seine Eindrücke in die holländische Heimat und Gesellschaft zurück.

Der Titel des Gemäldes ist ‚Brasilianische Landschaft‘, und eben diese steht im Mittelpunkt des Interesses, auf sie blickt der Künstler, auf sie blickten die Käufer, auf sie blicken wir heute. 

Wenn wir allerdings darüber reden wollen, weil wir darüber reden müssen, was Menschen Menschen zu ihrem eigenen Vorteil im Kreislauf von Waren, Dienstleistungen und Geld angetan haben und immer noch antun, dann fällt der Blick auf eine Personengruppe im Vordergrund dieser Landschaft. 

Eine Gruppe von Menschen, die als Sklaven aus Afrika hierher verfrachtet wurden, beraubt nicht nur der Heimat, sondern aller Rechte, degradiert zu Gütern im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika, aufgewogen in Rohstoffen, Waffen, Alkohol.

‚Circular Flow‘ ist wirklich übervoll, eine Ausstellung, die eher Tage als Stunden braucht, gesehen und irgendwie verstanden zu sein. Aber vor diesem kleinen Gemälde wird im Kontext von Raum und Zeit so vieles so unmissverständlich klar. 

Im Kreislauf über den wir sprechen, über den wir sprechen können, weil wir ihn am Laufen halten wollen, zu unserem Nutzen, zu unserem Vorteil, sind unzählige Menschen bis heute Instrumente, Waren. Sie werden von uns eingesetzt, zu einem Teil der Kalkulation gemacht, ausgenutzt, aber nicht wahrgenommen. So lange wir die Kontrolle darüber haben und entscheiden können, wo und wann sie im Kreislauf sichtbar werden, so lange wir entscheiden können, sie lieber nicht zu sehen, sondern ihre Arbeitsleistung als selbstverständliche, aber abstrakte Größe zu werten, so lange wir also nicht mit ihrem Leiden, ihrem Sterben, ihren Wünschen und Hoffnungen konfrontiert werden, so lange sind wir nicht weit entfernt von Frans Post und seiner Zeit.

Klingt das sehr pessimistisch, übertrieben deprimierend, zu negativ oder vielleicht gar allzu offensichtlich, und ist Aufregung über die Umstände und Zustände vielleicht gar sehr naiv?

Von Frans Post zu Simon Denny ist ein kurzer Weg und bald 400 Jahre. 

IMG_5361
Ausstellungsansicht Simon Denny Amazon Worker Cage projection (US 9,280,157 B2: “System for transporting personnel within an active workspace”, 2016), 2019

‚Amazon Worker Cage projection (US 9,280157 B2: “System for transporting personnel within an active workspace”, 2016) heisst seine Arbeit von 2019. 

Dennys Skulptur ist dabei die physische Präsenz einer ungeheuerlich perfiden Idee. Ihren Ursprung findet sie in einem Patentantrag von Amazon (s. Video unten), eingereicht für einen fahrbaren Käfig für Mitarbeiter in Lagerumgebungen. Ausgestattet mit einem Greifarm sollte dieser ‚Schutzraum‘  vermeintlich zum gefahrloseren Umgang mit Gütern am Arbeitsplatz beitragen. Er ist nie gebaut worden, wird nicht benutzt, was wir hier sehen ist das künstlerische ‚Abbild‘ dieser Idee.

Was wir aber eben auch sehen, und was wir vielleicht schon gar nicht mehr nicht-sehen können, ist die Vorstellung davon, Menschen gleichsam als Gefangene einer Verwertungskette, einer alltäglich erlebbaren Idee von Ausnutzung zu vergegenwärtigen. 

An der Außenseite des Käfigs, unerreichbar für den Arbeiter darin, ist das pinpad, das den Zugang gewährt und darum den Ausgang selbstbestimmt unmöglich macht.

Wir können uns den Menschen in der Maschine, der Maschinerie, denken, und er wird zum Sklavenarbeiter eines Systems, das wir nutzen, als Selbstverständlichkeit in unseren Alltag als Konsumenten integriert haben. Auch wenn der Käfig in dieser Form nie zum Einsatz gekommen ist: allein die Idee evoziert die Erinnerung an eine auch ganz gegenwärtige Welt von Ausnutzung von Arbeitskraft in Ausnutzung von Abhängigkeiten. 

Im Untertitel der Ausstellung — ‚zur Ökonomie der Ungleichheit‘ — klingt unsere Verantwortung in Denken und Handeln an, und Søren Grammel formuliert es ja eindrücklich in seinem Vorwort: zum wirtschaftlichen Fortschritt gehört das Eingeständnis der Ungleichheit, der tatsächlichen, nicht einer abstrakten oder undefinierten, Verantwortungslosigkeit.

Uns geht es gut, weil es anderen — jenen Menschen, die, wie Stephan Lessenich schreibt, einfach und unausweichlich nicht das Glück hatten, in dieser, der ‚bestimmenden‘ Welt geboren worden zu sein — schlecht geht.

IMG_5456
Ausstellungsansicht Ursula Biemann Remote Sensing, 2003 Courtesy Ursula Biemann

Ursula Biemann thematisiert diesen Kontrast in ihrer Arbeit ‚Remote Sensing‘, einem Video, dass ebenso künstlerisches wie dokumentarisches Statement ist. Über Jahre hat sie sich mit der Migration und Mobilität von Sexarbeiterinnen beschäftigt. Sie zeigt auf, wie Arbeit in Abhängigkeit in diesem Bereich zu weltweiten Migrationsbewegungen führt, wie Frauen als Teil, als Ware, eines ökonomisierten Kreislaufs aus Angebot und Nachfrage, ohne Skrupel und gleichsam wie Sklaven ‚verschifft‘ und ausgenutzt werden. Sie folgt den Spuren ihres Lebens von Manila nach Nigeria, von Burma nach Thailand, von der Ukraine und Bulgarien nach Mitteleuropa. ‚Remote Sensing‘ ist von 2003, die Anmutung durch die damaligen Möglichkeiten der Visualierung von Geotracking und Kartenmateriel im virtuellen Raum mag bald zwanzig Jahre später fast schon antiquiert wirken, die Aussage über Ausnutzung und Ausbeutung, über menschenverachtendes Handeln gegenüber Vielen zum Vorteil derer, die sich als Kunden verstehen mögen, bleibt brennend aktuell.

Pieter Bruegel d. Ä.Zeichner  Hieronymus CockVerleger   Frans HuysStecher; Bewaffneter Viermaster auf einen Hafen zusegelnd; um 1561/62
Pieter Bruegel d. Ä. Bewaffneter Viermaster auf einen Hafen zusegelnd um 1561/62 Kunstmuseum Basel, Foto: Martin P. Bühler

Nicht weniger aktuell sind tatsächlich die Druckgrafiken von Pieter Bruegel d. Ä., die er in den 1550er Jahren angefertigt hat. Zu sehen sind Handelsschiffe der Zeit, die über diesen Zweck hinaus bald allesamt kanonenbestückt waren. Ihre Stärke im maritimen Handelsverkehr bestand also vor allem auch in der Tatsache, in der Wahl der Waffen Abstand vom Gegner oder vom vermeintlichen Feind bewahren zu können. In der Wahl der Mittel wird der Gegner zu einer immer abstrakteren Größe. Im Kampf um Hoheit und Ware sind bald alle Mittel recht, und mit jeder Weiterentwicklung des Waffenarsenals setzt nicht nur das Wettrüsten ein. Handel und Militär, der Kampf um Ressourcen und die Stärke der Arsenale, verbünden sich für wortwörtliche Handelskriege, die einher gehen mit kolonialen Ansprüchen über Länder und Menschen. Der Ausstellungstext zitiert Joseph Conrad:

‚Drei Jahrhunderte später formulierte es Joseph Conrad in seinem bahnbrechenden Roman Das Herz der Finsternis (1899) so:

‚Die Eroberung der Erde (ein Wort, das meistens die Bedeutung hat, dass man Leuten, die eine andere Hautfarbe oder flachere Nasen als wir selbst haben, ihr Land wegnimmt), diese Eroberung ist nichts Allzuschönes, wenn man sie sich aus der Nähe betrachtet.‘

Wie nah kann man einem Geschehen kommen, ohne tatsächlich in der Nähe zu sein? Auf diese Frage gibt es vermutlich zwei gegensätzliche Antworten, je nachdem, ob man sich den technischen Möglichkeiten oder der emotionalen Betroffenheit widmet. 

Richard Mosse; Grid (Moria); 2016-2017
Richard Mosse Grid (Moria), 2016-2017 Kunstmuseum Basel, Foto: Gina Folly

Mit der Videoinstallation ‚Grid (Moria)‘ thematisiert der irische Künstler Richard Mosse meiner Meinung nach vor allem diese Fragestellung. Über Jahre filmte er die Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete, ‚Moria‘, auf Lesbos, mit Überwachungs- und Wärmebildkameras, wie sie üblicherweise vom Militär eingesetzt werden. Aus bis zu 30 Kilometern Entfernung sind so gestochen scharfe Bilder der Menschen und ihrer Bewegungen, ihres Lebens und Handelns im Lager möglich. Auf 16 großformatigen Flachbildschirmen präsentiert, bilden fragmentierte oder umfassende Videos einen Erzählstrang vom Alltag im Lager (s. Video unten). In Anmutung und Aufmachung werden wir Betrachtende aber eben nicht mit einer Dokumentation konfrontiert, sondern Teil einer Überwachungszentrale, in der wir das Funktionieren jener Mechanismen beobachten, die als augenscheinliches Mittel der Wahl zwischen uns und jene Menschen installiert wurden, deren Position im Inneren eines Lagers vermeintlicher Garant für unseren Wohlstand im Inneren des ‚Circular Flow‘ ist. Es gibt unser ‚Außen‘ nur, weil es eben auch das ‚Innen‘ solcher Lager gibt.

Die Ausstellung ‚Circular Flow — Zur Ökonomie der Ungleichheit‘ präsentiert die Welt von Systemen und Abhängigkeiten, von Warenflüssen und Völkerwanderungen, von Ausbeutung und Anmaßung auch in ihrer Schizophrenie der zwei ‚Außen‘ und zwei ‚Innen‘. 

Sie zeigt, dass die Welt zwar enger zusammengerückt sein mag, dass die Erreichbarkeit und Verfügbarkeit aber eben auch Opfer fordert. 

Ulrike Grossarth; 16 moving things; Dresden, 2005
Ulrike Grossarth 16 moving things, 2005 Courtesy of the artist

Ulrike Grossarth inszeniert in ‚16 moving things‘ Handel und handeln in einer Welt der Abstraktion von Ursache und Wirkung, von Machtinteressen und Egoismen, die sich um die Auswirkungen ihres Tuns nicht scheren oder vielleicht schon gar nicht mehr wissen, was sie tun und was sie anrichten (s. Video unten). Unsere Möglichkeiten, alles in unserer Macht stehende zu tun, stellen sich in diesem Zusammenhang nicht als Problemlösung, als Option der Hilfe und des Dialoges dar. Unsere Möglichkeiten sind leere Versprechungen aus der Entfernung, verbunden mit einer Garantie für den Erhalt von Wohlstand und Sicherheit, die wir uns gerne selbst ausstellen.

Im Reader schreibt Colin Crouch:

‚There can be no simple ‚return‘ to a pre-globalized world of autonomous national economies; even if it were clear to which decade that ‚return‘ might refer, the world has been so changed by globalization that there can be no simple idea of ‚return‘. […] For many opponents of globalization, the issue is not primarily economic, but something about their deeper sense of who they are as a social person, and the relationship of that identity to those of others with whom they are forced to come into reluctant contact. It is to these issues raised that we must now turn.’

‚Circular Flow‘ ist eine Kraftanstrengung, kuratorisch war sie es sicher und didaktisch ist sie es ebenso. Sie will und kann es den Besuchern nicht leicht machen, nicht zuletzt, weil sie ja eben nicht die Akzeptanz einer Deutungshoheit von uns einfordert, sondern weil sie die Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern gerade der Gegenwart zeigt, die vielleicht auch zweifeln und verzweifeln, die keine Antwort haben, sondern nur noch mehr Fragen stellen.

Andreas Siekmann; In the Stomach of the Predators; 2013
Andreas Siekmann In the Stomach of the Predators, 2013 Kunstmuseum Basel, Foto: Gina Folly/ ©2019, ProLitteris, Zurich

Künstler wie Andreas Siekmann etwa, dessen Installation ‚In the Stomach of the Predators‘ in serialisierten, sogenannten Mengenbildern versucht, Zusammenhänge und Auswirkungen rund um die Monopolbildung auf dem Saatgutmarkt, und darin die Verbindung zwischen Konzernen und politischen Entscheidungsträgern, zu verdeutlichen. Ein schnelles Verständnis der Motive und ihrer Verbindungen bleibt uns allerdings verwehrt. Unser Vorstellungsvermögen ist gefragt, wenn sich zwischen den verschiebbaren Paneelen und mit jedem neuen Blick auf die Zeichen und Bilder neue Zusammenhänge und gleichzeitig neue Fragen auftun.

 

Ich glaube, es ist unumgänglich, sich diese Fragen zu stellen und auf die Fragen hier zu hören. Ich glaube, Ausstellungen wie diese sind der beste Beweis für die Kraft von Kunst als Kompass, eine Lehrstunde zu Moral, Ethik und Verantwortung, und für die Tatsache, dass alles immer nur ein Ausschnitt ist.

Wie dieser Bericht.

‚Circular Flow — Zur Ökonomie der Ungleichheit‘, bis zum 3. Mai im Kunstmuseum Basel | Gegenwart 

 

Die Ausstellung konnte ich dankenswerterweise auf Einladung des Kunstmuseum Basel besuchen, das nicht nur eine großartige Führung mit Kurator Søren Grammel organisiert, sondern mich auch mit allen notwendigen Materialien versorgt hat.

Mein Dank gilt allen Mitarbeiter*innen des Kunstmuseums Basel für die gebotenen Möglichkeiten.

Selbstverständlich spiegelt der Bericht, der zugegebenermaßen eher ein Essay ist, ganz allein meine Meinung und meine Interpretationen wider.