WADE GUYTON ZWEI DEKADEN MCMXCIX–MMXIX, Museum Ludwig, Köln

Was geschieht, wenn wir beginnen, eine Geschichte zu lesen, Nachrichten, einen Roman, Gedichte, wenn wir das geschriebene Wort im Buch, ein Bild im Raum, die vielfältigen Möglichkeiten von Erzählung in den ebenso vielen Möglichkeiten ihrer Wirkung auf uns zulassen?

Es ist ein sich nähern und sich entfernen, eine Suche in den unbekannten Tiefen des Materials, in denen sich alle Teile des Ganzen von der vermeintlichen Wahrheit des Ganzen und der erkennbaren, sichtbaren Realität, lösen.

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The Devil’s Hole, 1999 [Das Teufelsloch] (Detail) 2 chromogene Abzüge aufgezogen auf Holz Je 75,2 × 49,5 × 4,6 cm © Wade Guyton
Es sind die motivischen Déjà-vus, die über das Werk hinaus in den Alltag der Betrachter reichen, und Zuordnungen erlauben, die Sicherheit versprechen. Aber es sind dann eben doch vor allem die Brüche dieser Sicherheit, die in den Kern der Sache führen. Denn damit sind wir doch schließlich ganz in der Gegenwart von Aneignung und Manipulation als Begrifflichkeiten, die weit über die Möglichkeiten des Digitalen oder allgemein Künstlerischen hinaus in den Lebensalltag wirken. Die Erkenntnis, dass es Übersicht bedarf, um Einsicht zu erlangen, mag nur an der Oberfläche der Wahrnehmungsebenen kratzen, über die es nachzudenken lohnt, und die den alltäglich herausfordernden Beweis dafür liefern, dass Wahrheit der Inhalt und Realität die Form ist.

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Untitled, 2007 Epson UltraChrome-Tintenstrahldruck auf Leinen 213,4 × 175,3 cm © Wade Guyton

Das Museum Ludwig widmet dem US-amerikanischen Künstler Wade Guyton in diesen Monaten eine umfassende Retrospektive, die nicht nur eine Werkschau, sondern auch ein Werkstattbericht seines künstlerischen Arbeitens ist. Und die darüber hinaus in aller Klarheit, die schon fast Nüchternheit zu nennen wäre, von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten erzählt, Wahrheit von Realität zu trennen.

Dafür steht allein schon der Ausstellungstitel. Wade Guyton schärft das Bewusstsein dafür, dass wir zur Kommunikation Konstruktionen benötigen, deren Einsatz auf einer Übereinkunft über das Verständnis ihrer Inhalte aus Form und Funktion beruht, die jedoch nicht notwendigerweise von dauerhaftem Nutzen oder Wert sind, sondern in sich und in der Aussage Wandlungen unterliegen. 

Die Jahreszahlen, die die beiden Jahrzehnte umreissen, die der zeitliche Horizont der hier gezeigten Werke sind, lassen sich in römischer Schreibweise eben auch als ‚MCMXCIX‘ und ‚MMXIX‘ beschreiben. Ohne den Code, den Schlüssel zur ganz wortwörtlichen Dechiffrierung, bleibt die Buchstabenfolge ein Geheimnis, die Realität reiner Abbildung, nur Form ohne Inhalt. 

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Untitled, 2006 Epson UltraChrome-Tintenstrahldruck auf Leinen 228,6 × 134,6 cm Privatsammlung © Wade Guyton, Foto: Lamay Photo

Die Möglichkeiten der Wandlung zum Nutzen und zum Verständnis des Inhalts ist dann der nächste Schritt, im besten Fall einer Bewegung hin zur kritischen Auseinandersetzung mit diesem Inhalt, und mit den Ebenen gesteuerter und empfundener Manipulation. Das V ist nur die Verlängerung zweier Linien vom X entfernt. Was im Kontext der Schrift keine Bedeutung haben mag, ist im Kontext der Zahl die simple Möglichkeit der Verdopplung eines Wertes. Und nur in der Wandlung von V zu U bleibt im Kontext von Kommunikation wiederum ein stehender Begriff, über dessen Bedeutung wir wissen, auch wenn Inhalt und Nachricht keinen Bezug mehr zueinander zu haben scheinen.

‚X‘ und ‚U‘ stehen im Sprichwörtlichen für die Möglichkeiten von Täuschung und Manipulation als Aktion. Sie stehen für die Handlung des Täuschenden.

In Wade Guytons Werk spielen die beiden Buchstaben eine so entscheidende Rolle, dass man in Vertrautheit mit der Redewendung gar nicht umhin kommt, in den Skulpturen,

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Installationsansicht Wade Guyton: OS, Whitney Museum of American Art, New York 2012 © Wade Guyton, Foto: Ron Amstutz

Zeichnungen, Drucken etc., in denen sie vorkommen, eben jene Ebene mitzulesen, die ihre Verbindung von Form und Inhalt ergibt. Sie sind wie die Signets des Künstlers immer wieder lesbar, und verleiten neben dem Nachdenken über Manipulation und Originalität auch dazu, über die Wirkung des gedruckten Wortes in Analogie zur Wirkung von Kunst nachzudenken.

Am Beginn der Ausstellung steht ein Werk mit dem Titel ‚Untitled Action Sculpture (Chair)‘ von 2001. Dabei handelt es sich um ein gebogenes, hochglänzendes Stahlrohr, das durch die Biegung sein eigenes Standbein bildet und sich fast schon filigran und mit einigen Windungen in die Höhe reckt. Je nach Bewegung des Betrachters um das Objekt wandelt sich sein Aussehen, und seine Resonanz im Raum wird dadurch, wie durch den Raum selbst, bestimmt. Dass es sich bei dieser Skulptur ursprünglich um einen Stuhl gehandelt haben muss, gibt der Titel der Arbeit an. Es könnte sich dabei aber eben auch um eine Figur handeln, die sich in einen Stuhl wandeln wird. Wir sehen eventuell ja nur einen Ausschnitt, einen Teil der ‚Aktion‘. 

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Untitled Action Sculpture, (Chair), 2001 Verformter Stahlstuhl 119,4 × 86,4 × 81,3 cm Sammlung der Aїshti Stiftung, Beirut © Wade Guyton, Foto: Ron Amstutz

Wade Guyton nähert sich den Gegenständen häufig bis in eine mikroskopische Tiefe, eine Realität, die für die Augen ohne Hilfsmittel nicht wahrnehmbar ist. Er zoomt in einen Bucheinband, bis sich alle Zusammenhänge auflösen und zu horizontalen Streifen neu sortieren. Und dieser neuen, unbekannten Welt einer Realität jenseits, oder besser: im Material, gibt Guyton eine neue Form, die sich wiederum unseren Sehgewohnheiten von Größe und Material anpasst. Ein wenig erinnert es an die Wunderwelt, die Rasterelektronenmikroskope preisgeben: alle Annäherung an das für uns ‚Unsichtbare‘ der Welt erfordert einen klaren Schnitt mit seiner Funktion: die Fliege unter dem Mikroskop, mit Gold bestäubt, musste sterben, um ihre Facetten und das Schimmern ihrer Flügel sichtbar zu machen. Das Buch verliert seinen ursprünglichen Nutzen und Wert wie der Stuhl, nur um sich in der Annäherung und Veränderung in etwas Neues wandeln zu können, das nicht minder Phantasie oder Nutzen oder Wert besitzt, eher im Gegenteil, aber eben ganz eventuell nur noch mit dem Verweis auf seine ursprüngliche Bedeutung in Klammern. 

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Untitled, 2018 Epson UltraChrome-HDX-Tintenstrahldruck auf Leinen 213,4 × 175,3 cm Sammlung Eleanor Heyman Propp © Wade Guyton

Der Stuhl nun, den Guyton hier 2001 verformt hat, ist dabei nicht irgendein Stuhl. Immer wieder taucht dieses Modell im weiteren Verlauf der Ausstellung, einem X oder U gleich, auf Gemälden, in Skulpturen oder als nutzbare Sitzgelegenheit auf. Der Freischwinger von Marcel Breuer ist eine Ikone der Designgeschichte, die bis heute in Büros wie Privaträumen zu finden ist, also eben so, wie gedacht genutzt wird. So hat Guyton aus der Insolvenzmasse des amerikanischen Energieriesen Enron etwa Stühle dieses Modells aufgekauft, die mit ihren farbigen Bezügen hier wie die Pop-Art Variante des Minimalismus wirken, und damit gleichsam zu einer – nicht nur geschmacklichen – Unmöglichkeit werden. 

Immer wieder greift der Künstler auf kunstgeschichtliche Facetten und Ausdruckswelten zurück, aus denen sich im Bruch mit seiner Produktions- und Abbildungsweise auch die komplexe Fragestellung nach Autorschaft, nach Originalität und der Bedeutung von Aneignung ergibt.

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Untitled, 2017 Epson UltraChrome-K3-Tintenstrahldruck auf Leinen; 5 Tafeln je 325 × 275 cm, Gesamtmaße 325 × 1375 cm © Wade Guyton

Wem gehören Bild und Abbild? Und wenn das Bild etwa von einem iPhone und das Abbild von einem Tintenstrahldrucker ‚erschaffen‘ wurde, das heisst, wenn eine erhebliche Instanz der Schöpfung und Kontrolle über das Ergebnis in diesem Prozess bei Maschinen, und eben nicht mehr beim Künstler liegt: woraus ziehen wir, zieht der Künstler selbst, die Anerkennung dieses Ergebnisses als Kunstwerk? 

Für Wade Guyton scheint diese Frage in einem Dialog zu münden. Und es scheint bald so, als würde er den Maschinen so etwas wie Freiheit gewähren, um die eigene Autonomie zu wahren. Er erkennt ihre Autorschaft an, erwartet aber auch die Anerkennung seiner Idee. 

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Ohne Titel, 2018 Epson UltraChrome-K3-Tintenstrahldruck auf Leinen 325 × 275 cm © Wade Guyton

Auf den grundierten Leinwänden, die Guyton bedrucken lässt, zeigen sich Schlieren und Brüche, Versätze und unerklärbare Verläufe, und konservatorisch sind die Werke eine Herausforderung, da allein schon Luftfeuchtigkeit, ganz zu schweigen von Spucke allzu engagierter Besucher etwa, dafür sorgen kann, dass sich die Farbe in ihre Bestandteile auflöst, und den Inhalt auslöscht.

Der Künstler weiß um diese Fragilität. Und sicher ist sie für ihn ein weiterer Baustein einer künstlerischen Erzählung über die Auflösung und Neuerschaffung von Zusammenhängen. Wenn man vor dem riesigen Wandgemälde im DC-Saal steht, das mit einer Gesamtgröße von fast acht Metern in der Höhe und bald 15 Metern in der Breite auch ursprünglich für diesen Raum und seine Größe geschaffen wurde, dann fühlt man sich vielleicht endgültig in die Tiefen der Pixel, eine mikroskopische Ebene, gezogen, in der man selbst zu einem Zwerg geschrumpft ist, und in der die Freischwinger im Raum davor, mit ihren schwarzen Sitzflächen und Lehnen, wie dankbar greifbare Details wirken, die aus dem Gemälde in unsere Welt ‚getropft‘ sind. Dann wirkt die Fragilität des Tatsächlichen, des Körpers und der Idee auf einmal ganz direkt und umfänglich.

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Untitled, 2010 Epson UltraChrome-Tintenstrahldruck auf Leinen; 8 Tafeln je 760 × 175 cm, Gesamtmaße 760 × 1489 cm Privatsammlung Installationsansicht, Wade Guyton, Museum Ludwig, Köln, 2010 © Wade Guyton, Foto: Maurice Cox

Die Annäherung an den Gegenstand erzählt vielleicht häufig mehr über den, der sich nähert, als sie wirklich über den Gegenstand verrät. Oder anders: wie bei der Schrift, wie bei der Sprache, braucht es ein Koordinatensystem, um sich in der Tiefe nicht zu verlieren. Ein Buchstabe kann eine Zahl sein, wenn das die Konvention ist. Ein Stuhl eine Skulptur. Ein Foto ein Gemälde, ein X ein U. Dies alles das Gegenteil. 

In der Aneignung unserer Kommunikationsstrategien mit all ihren Fehlern, in der Nutzung vorgefundener Objekte, aber eben auch Themen und Bildern, in der Inbezugsetzung von Inhalt und Form, in der Neu- und Umgestaltung von Form im Raum und Raum durch Form, wie sie bei Wade Guyton über die Jahrzehnte immer wieder zu finden ist, liegt die Sogkraft seiner Werke.

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Ohne Titel, 2016 Epson UltraChrome-K3-Tintenstrahldruck auf Leinen 325 x 275 cm Glenstone Museum, Potomac, Maryland © Wade Guyton, Foto: Ron Amstutz

Sie sind eine beständige Fragestellung zu Zeit und Umständen, und ein beständiger Hinweis darauf, dass die Fragen, die wir heute stellen, und die Umstände, die wir heute erleben, Momentaufnahmen einer Welt im Wandel sind. 

Wade Guyton setzt seine Arbeiten aus eigenen Fotografien und Kombinationen mit vorgefundenem Material in den Ausstellungsräumen mit einem Bedacht, der diesen einen eigenen Anteil am Werk zuspricht. Künstler, Werk und Raum scheinen wie gleichberechtigte Bestandteile eines Organismus, in den wir als Besucher eindringen. 

Wir lassen die Koordinaten des Bekannten hinter uns, und im Ergebnis, wieder in unserer Größe, unserer Welt, wird sich das Koordinatensystem, mit dem wir Realität beschreiben, erweitert haben. Guytons Räume sind wie die virtuellen Räume, die wir in der AR durchschreiten, Konstruktionen und Möglichkeiten. Aber viel mehr als diese, sind sie auch die Ermahnung zu Aufmerksamkeit für die Dinge, über die wir sprechen und die Menschen, mit denen wir sprechen. Wandlung und Fragilität sind die wahre Schönheit der Momentaufnahme.

WADE GUYTON ZWEI DEKADEN MCMXCIX–MMXIX

im Museum Ludwig, Köln, noch bis zum 01.03.

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Wade Guyton, Neuss 2019, Foto: J. L. Cox

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog als Gesamtverzeichnis aller Einzelausstellungen des Künstlers erschienen, ergänzt um zahlreiche Texte und Abbildungen aller gezeigter Werke.

 

[Dieser Text entstand im Anschluss an ein vom Museum Ludwig organisiertes und bezahltes Social Media MeetUp. Er spiegelt selbstverständlich meine Meinung wieder. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museums sei an dieser Stelle für ihre Unterstützung und die Organisation des Abends herzlich gedankt!]