‚Citare‘ – Zur Eröffnung der Jahresausstellung ‚Ateliergemeinschaft Schulstraße‘ am 7.11.2019, Münster

Am 7. November war ich eingeladen, in den Räumen der Ateliergemeinschaft Schulstraße – und aus Anlass der Jahresausstellung dort – die Eröffnungsrede zu halten.

Die ist der Text. 

 

Mein sehr verehrten Damen und Herren,

auch von mir ein herzliches Willkommen an diesem Abend zur Eröffnung der Jahresausstellung der Ateliers Schulstraße.

‚Citare‘: Einladen

Ich danke dafür

Warum Kunst sehen?
Warum heute? Warum hier?
Warum Künstler sein?
Warum Kunst denken? Warum Kunst produzieren? Et cetera…

Seit Jahren schreibe ich über Kunst, über Ausstellungen, über Künstlerinnen und Künstler, über meine Eindrücke, meine Wahrnehmung (übrigens ein wunderschönes Wort, das so viel erzählt).

Ich versuche verständlich zu sein, mir selbst gegenüber, potenziellen Leser*innen gegenüber.

Ich schreibe nur über Ausstellungen, die mir gefallen haben.

Ganz subjektiv.
Punkt.
Keine Rechenschaft.
Keine Kunstgeschichte.
Ich glaube nicht, dass mich das von Verpflichtungen entbindet, etwa wenn ich zitiere.

In erster Linie aber will ich für das Sehen begeistern. Ich will meine Begeisterung teilen und zum Dialog einladen, auch Sie alle, mit mir, mit den Künstlerinnen und Künstlern.

Ich halte selten Reden, darum kurz diese Gedanken:

Zu den üblichen Bausteinen einer Rede gehört nach meiner Erfahrung als Zuhörer die Unterbringung eines einführenden Zitates einer berühmten, aber bereits verstorbenen Person im besten Fall des kulturellen Lebens.

Das Ansinnen ist klar: Es gilt den Ort und den Anlass mit dem einfachen Kniff der Aneignung zu preisen und ausserdem lässt es die redende Person im Normalfall schon zu Beginn recht gut dastehen, hat sie sich doch offensichtlich in akribischer Recherche auf den Abend vorbereitet, und unter unzählbaren Zitaten dieses eine gefunden, das ein

sinnvoller? witziger? nachdenkenswerter? hintergründiger? intelligenter? zweideutiger?

also zumindest ein Auftakt sein kann, eine Lockerungsübung, eine Einladung.

Ich stelle mir vor, wie ein hier zu denkender Redner – ich wähle hier einmal bewusst die männliche Variante – vor seinem Bücherregal steht, und sein Blick über die Buchrücken streift, in der Hoffnung auf Inspiration, auf den einen Text, den einen Satz, der das Eis bricht und doch noch so viel mehr erzählt.

Um dann etwa so zu starten:

‚Kunst ist und bleibt doch ein Mysterium. Lassen sie mich Antoine de Saint-Exupery zitieren: ‚Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. ‚‘

Und vielleicht schließt sich daran eine Ausführung zu Künstlerpersönlichkeiten als Eremiten und Eigenbrötler an und so weiter und so fort…

Es bleibt an dieser Stelle, an der der Redner ja nur gedacht ist, die letzte Hoffnung aufrecht zu erhalten, dass er so nicht beginnt!

Ich habe nicht ernsthaft darüber nachgedacht, denn ich sehe die ganze Sache wirklich anders.

Doch zunächst, und weil mich das genau dorthin führt, dies:

Als ich die Einladung von Ruppe bekommen habe, zur Eröffnung der Jahresausstellung hier und heute ein paar einführende Worte zu sagen, waren mir drei Dinge schnell klar:

1. Mache ich, ich brauche nur einen richtig intelligenten Einstieg (siehe oben…) und

2. Ich muss irgend etwas finden, das all die unterschiedlichen Positionen und Generationen hier verbindet, ohne eine einzelne besonders hervorzuheben, ohne damit also auch meinen Geschmack als Maßstab für irgendwas anzulegen, ohne Sympathie oder Missfallen für Einzelpositionen andeuten zu wollen und zu dürfen. Ich muss etwas finden, das niemandem wehtut, in dem sich jeder findet, mit dem jeder leben kann, das Interpretationsraum bietet, Freiheit für Gedanken, das etwas über Kunst und KünstlerInnen erzählt, und über BetrachterInnen und über Leinwände, Oberflächen, Monitore, Skulpturen, Materialien, Werkzeuge, über Handwerk und Auftrag, über Selbstverständnis und Missverständnis, über die Herausforderungen des KünstlerInnenegos sich selbst gegenüber und im Miteinander hier und in der Gesellschaft, über politische und ganz pragmatische Abhängigkeiten. Ich muss kurzweilig sein, witzig, und es darf nicht zu lange dauern, es gibt schließlich Wichtigeres!

 

3. Brauche ich nicht! Muss ich alles gar nicht! Muss es alles gar nicht!

Es ist in Wahrheit alles ganz einfach, weil nämlich in Wahrheit meistens das, was man mit den Augen sieht trotz verbreitet gegenteiliger Annahme, viel mehr erzählen kann, als man vielleicht ahnt und plant.

Also:

Nicht immer so viel nachdenken! Keine Umwege.
Einfach jetzt genau hinschauen. Das kann man lernen.

Naja, Sie können das vermutlich alle.

Dann braucht man ganz vielleicht nämlich auch gar kein Zitat, das eine Metaebene aufmacht, das um zig Ecken eine Herleitung ist und eine Hinführung sein möchte und doch eigentlich nur Hülle, Plattitüde und Phrase ist.

Hier, an diesem Ort, ist es so einfach wie nur möglich, weil das Haus als Hülle selber schon das Zitat ist und trägt:

‚Ateliers Schulstraße‘!

‚Citare‘: Verkünden

Das kann man einfach nicht übersehen!
Und nicht überlesen!
Das ist in zwei Wörtern eine Geschichte und viele Welten, es ist die Verortung in der Stadtgeografie, in der Stadtgeschichte, der Stadtgesellschaft und es ist das Selbstverständnis für die Notwendigkeiten künstlerischen Arbeitens.

Die Ateliergemeinschaft Schulstraße ist nicht nur die älteste ihrer Art in Münster, sie ist darüber hinaus auch die einzige mit einem eigens errichteten und noch so neuen Zuhause, das sichtbar seinen Nutzen, seinen Mehrwert, seine Komplexität, seinen Inhalt zitiert.

 

Ateliers sind Arbeitsräume und Werkstätten, Orte der Kreativität und der Produktion.

Ateliers sind die Keimzellen der sichtbaren Kunst und Arbeit, verborgen unter einer – dieser – dünneren oder dickeren Haut Architektur.

Ateliers sind Geborgenheit und Freiheit, die Kombination und Abfolge von Implosion und Explosion.

Ateliers sind Wände und Fenster und Boden und Türen,
die Leinwände und Ausblicke und Standpunkte und Zugänge sind.

Ateliers sind Inszenierungen, ganz eigene Charaktere oder besser: eine Erweiterung des KünstlerInnencharakters und des Werkes um einen Raumkörper, der wiederum mehr als die Summe seiner Teile sein kann.

Ateliers atmen und verändern sich und uns.

An Abenden und Tagen wie diesem werden sie zu Zitaten aus einem längeren Text. Und hier also: Zitate in einem Zitat.

‚Citare‘: Bewirken

Wenn man als BesucherIn durch diese Räume läuft, Etage für Etage, Tür für Tür, dann liest man mit jedem Blick einen kurzen Auszug aus einer Erzählung, die über den Moment hinaus reicht, und zwar immer in die Vergangenheit aber auch schon in die Zukunft.

Man schaut hinein und hinaus, für den kurzen Moment an dem die Zeit angehalten zu sein scheint.

Es gibt ein wunderbares ‚Atelierbild‘ von Max Liebermann, entstanden 1902 und bezeichnenderweise betitelt ‚Das Atelier des Künstlers‘. Für mich ist es die perfekte Bildwerdung dieser zeitlichen Trias aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die – so kann man das sicher sagen – hier stattfindet.

Man sieht den lichtdurchfluteten Atelierraum, man sieht die Möbel und Teppiche, die ihn wohnlich gestalten, man sieht die fertigen Werke an den Wänden, Pinsel, Farbe, leere Blätter auf einem Tisch im Vordergrund, zwei Besucherinnen auf einem Sofa eher unbeteiligt an der Szenerie sich gemütlich fläzend und lesend, man sieht die Rückseite einer Leinwand, nur einen kleinen Teil allerdings und daneben, im Raum, einen Spiegel, und in dem Spiegel den Künstler selbst bei der Arbeit an diesem Bild.

Der Blick des Betrachters dreht sich in diesem Werk ganz unwillkürlich im Kreis um einen Mittelpunkt, der eigentlich weder in der Bildkomposition noch in der Präsenz einer ist: die Produktion, die eben nicht vom Raum zu trennen ist, der wiederum nicht von dem Menschen zu trennen ist, der ihn prägt, und der in ihm und mit ihm arbeitet.

Der Künstler wählt als Zitat für seine Arbeit den Ort seiner Arbeit. Und wieder gilt: man sieht am besten das, was man eben mit den Augen sieht.

Man muss es eben nur sehen wollen und die Wirkung spüren!

‚Citare‘: In Bewegung setzen

In den Räumen hier muss man auch das Miteinander der KünstlerInnen sehen. Man muss sich vom ‚Tür an Tür‘, vom ‚Wand an Wand‘ tragen lassen. Man muss das soziale Element einer Ateliergemeinschaft als Teil der Geschichte, die aus den einzelnen Sätzen und Zitaten wird, mitnehmen, ja sogar darin die Wurzel sehen, daraus die Vorrede zu allem lesen, das kommt.

Das ganz wunderbare an diesem Haus ist doch auch dieses Erlebnis:

Es gibt immer die Möglichkeit, der Erzählung Kapitel hinzuzufügen. Es geht darum, eine diverse Geschichte zu erzählen, die die Individualität nicht ausser acht lässt. Wer hier Raum findet, schreibt sich mit allen Möglichkeiten, Fähigkeiten, Ausdrucksformen, mit Material und Werk, mit Stimme und Stimmung, als Charakter eben, als Künstlerin, als Künstler in den Verlauf der Erzählung ein.

Immer wieder neu. Kann es eine spannendere Dramaturgie geben?

Heute Abend stellen neben den Künstlerinnen und Künstlern der Ateliergemeinschaft auch noch einmal ebenso viele Gäste und die beiden Gaststipendiaten der Kunstakademie Münster in den Räumen aus. Ihre Anwesenheit ist dabei nicht nur Tradition, sondern Selbstverständnis.

Zumindest habe ich das in all den Jahren, die ich die Schulstrasse als Gast – nicht als Künstler, dazu reicht es bei mir nicht – besuche hier immer so erlebt:

Es geht darum, den Ort zu zeigen, die Arbeit zu zeigen, das Werk zu zeigen, den Dialog zu leben, eine Einladung zu sein, teilzunehmen.

Es geht darum, nicht nur für sich, sondern auch für andere, nicht nur mit sich, sondern auch mit anderen Notwendigkeiten zu erproben, zu diskutieren, zu experimentieren, zu leben.

Es geht darum, eine wichtige Geschichte zu erzählen. Gerade heute, gerade jetzt.

Ich möchte diese Gelegenheit daher nicht verstreichen lassen, auf drei Dinge hinzuweisen:

1. Die Freiheit von Kunst wie von künstlerischem Arbeiten ist wie die Freiheit der Rede hohes Recht wie hohe Verpflichtung. Wir dürfen es nicht wieder geifernden Minderheiten überlassen, ihre Interpretation zum Masstab für irgendetwas werden zu lassen. Im Grundgesetz heisst es: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung. Darauf gilt es zu achten und laut und deutlich immer wieder hinzuweisen.

2. Die Freiheit von Kunst und künstlerischem Arbeiten braucht Orte und Räume wie diesen. Sie sind Keimzellen einer Freiheit, die mit Diversität und Pluralismus, Dialog und Teilhabe gegen Egoismus, Radikalismus und gedankliche Engstirnigkeit arbeitet. Es muss auch zu unserer gesamtgesellschaftlichen wie individuellen Verpflichtung gehören, ihren Bestand zu sichern, zu unterstützen und auszubauen.

3. Kunst ist keine Dekoration. Kunst ist Haltung und Meinung. Und Kunst ist Arbeit. Und das sollte ein Auftrag sein, an Rezipienten, Konsumenten, Teilnehmer, Teilhaber, Schöpfer.

‚Citare‘: Ständig anstimmen

Ich freue mich auf die Zitate, die ich von diesem Abend mit nach Hause trage, seien sie gesehen oder gehört, seien sie greifbar oder flüchtig. Ich weiss, dass sie auf jeden Fall bereichernd sein werden.

Ich freue mich darauf, sie Teil einer Geschichte werden zu lassen, die nun auch mit mir zu tun hat. Dafür bin ich überaus dankbar.

Dafür danke ich allen Künstlerinnen und Künstlern in diesem Haus, allen, die an der Jahresausstellung teilnehmen und ihren Beitrag dazu leisten, namentlich Ruppe, der so mutig war, mich zum reden einzuladen.

Ich danke der Kunst, die meine Sinne ernst nimmt und die meinen Augen Wahrheiten und Geschichten präsentiert, die mein Herz berühren.

Und ich danke einem englischen Künstler des 19. Jahrhunderts, dessen Blick auf die Welt den Menschen in der Welt immer mitgedacht hat (Romantiker eben), und der mir zwei Zitate für den Abschluss geschenkt hat:

‚Labor is the genius that changes the world from ugliness to beauty, and the great curse to a great blessing.‘

‚It is only when we are no longer fearful that we begin to create.‘

Mehr von ihm ein paar hundert Meter entfernt von hier.

‚Citare‘: Zitieren

Nehmen Sie die Geschichten, die hier erzählt werden als Teile, als Zitate einer größeren Geschichte, die Menschen und Räume verbindet, wahr.

Nehmen Sie die Räume als Beginn und Bestandteil dieser Geschichte aus vielen Geschichten wahr. Sprechen Sie mit den Künstlerinnen und Künstlern, schreiben Sie mit an der Erzählung. Sie wird Sie begeistern, überraschen und sie wird sich und Sie ständig verändern.

Das kann Kunst,
das ermöglichen Orte wie dieser und die Menschen denen wir begegnen.

Darum Kunst sehen! Darum heute! Darum hier! Darum Künstler sein! Darum Kunst denken!

Ich danke Ihnen fürs Zuhören und wünsche einen inspirierenden Abend!

Zitat Ende

Dank an alle Künstler*innen der Ateliergemeinschaft Schulstraße, Dank an Ruppe Koselleck, Dank an Lena Dues.