‚Jannis Kounellis‘ in der Fondazione Prada, Venedig

‚This is art as a collision and a cry, which searches among the facts for the point of fracture and boundary, for the point where the fury of the individual crosses into history and the social realm in opposition to and criticism of the monstrous universe of conformity.‘ (Germano Celant in: Artforum, Oktober 1983, VOL. 22, No. 2)

In der Fondazione Prada denkt Germano Celant an seinen Freund, Jannis Kounellis. Ich folge ihm dorthin, durch diese einmalige Stadt.

 

Fondazione Prada - Kounellis 25
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 1992 iron, burlap, coffee

Die Architektur Venedigs atmet die Geschichte der Stadt. Die engen Gassen in den Stadtvierteln, entlang der kleinen Kanäle, parallel und sich überschneidend wie verwirrend durch die Serenissima mäandernd, sind Bühnen einer städtebaulichen Inszenierung der Jahrhunderte, ein Blick in die Vergangenheit durch die Augen der Gegenwart. Die einfachen Wohnhäuser, Tür an Tür, Geschäftszeilen, Kirchen, die Bürohäuser und Schulen, Restaurants und Bars, die städtischen Einrichtungen, die sich öffnenden und gleich wieder schließenden Blickachsen über kleine Plätze, die Brücken und schmalen Unterführungen, berichten von der Realität als immerwährende Veränderung. Venedig hat viel gesehen, unendlich viel in seiner langen Historie, und unendlich viele haben Venedig gesehen, durchwandert und erlebt.

Fondazione Prada - Kounellis 27
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 1971 flautists playing fragments of music by Mozart

Jeder Stein, jede Kachel, jedes Ornament, jedes Fenster, jeder Dachziegel, jede Säule, die Statuen und Brunnen, die Portale und kleine Türen, sie alle fügen sich zu einer großen Erzählungen von Aufstieg, Niedergang und von den Kämpfen, sich im Hier und Jetzt behaupten zu müssen.

In diesen Monaten findet in Venedig die 58. Kunstbiennale statt. Unter dem Titel ‚May You Live in Interesting Times‘ unternimmt sie den Versuch, die Komplexität des Alltags als Weltgeschehen (und andersherum) in die Komplexität der Sprache von Kunst in all ihren Möglichkeiten zu sprechen zu überführen, und sie durch sie und mit ihr abzubilden.

Fondazione Prada - Kounellis 17
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 1971 oil paint on canvas, chair, cellist

Ihre Wunsch ist eine Verwünschung unsicherer Herkunft, ein Hinweis auf die Unzuverlässigkeit von Quelle und Symbol, und ein falsches, weil irreführendes, Spiel mit Tradition und Aneignung.

Die Biennale ist das babylonische Sprachengewirr in aller Konsequenz der Idee eines solchen Ausstellungsformates, und dabei in Ansinnen und Umsetzung in einer ebenso verwirrenden Gleichzeitigkeit richtig und falsch.

 

Für mehr Klarheit, für die Momente des Durchatmens, der Konzentration auf eine Sprache, führt der Weg ganz notwendigerweise weg von hier, und mit jeder Straßenecke,

Fondazione Prada - Kounellis 2
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada from left to right Jannis Kounellis Untitled, 1959 bottles, plywood Jannis Kounellis Untitled, 1960 acrylic and enamel on canvas Jannis Kounellis Untitled, 1969 burlap, grains, pulses, coffee

jeder Biegung, jeder Brücke, jeder Unterführung, an jedem Platz, streift man im besten Fall etwas ab von den Verwünschungen einer überfordernden Komplexität aus Sprache und Tradition.

‚Es ist notwendig, so viel wie möglich wegzulassen, doch niemals alles, andernfalls besteht die Gefahr, sich in einer virtuellen internationalen Ästhetik zu verlieren. Neugierig, liebevoll sein, um die Zeichen der Tradition verstehen zu können, das Ausmaß ihres Phänomens. Die Vorstellung davon, ein anderer zu sein, die Vorstellung von der Liebe, davon hängt die Möglichkeit ab, die Kraft wiederzufinden, die Bedeutung und die Tiefe der Form, überall, du musst sie vorsichtig erweitern, um dich nicht letzten Endes in einem stilistischen Spiel zu verlieren. In diesem Vorgang müssen die Fundamente verankert sein, verliert man sich nicht selbst, ist man kein Mittler mehr. In der Kunst und in der Liebe kann man nicht Tourist bleiben. Heiliger, Revolutionär, niemals Tourist,’ (S. 64) 

Fondazione Prada - Kounellis 6
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada left Jannis Kounellis Untitled, 1967 iron, flame, rubber pipe, gas tank right Jannis Kounellis Untitled, 1968 wood, wool

schreibt Jannis Kounellis 1988 in seinem Vorwort für den Katalog einer Gruppenausstellung im Palazzo Reale in Mailand.

Ich denke ihn mir mit eben diesen Worten 31 Jahre später in den Piani Nobili des Palazzo Ca’ Corner della Regina in Venedig, Hülle einer bewegten wie jahrhundertealten Geschichte.

Ich denke ihn mir mit der Sprache, den Zeichen, dem Material, seinen Codes zum Verständnis von Tradition, von Herkunft, von Ursprung, nicht zuletzt mit Feuer, Ursache, Inhalt, Wirkung und Metapher von Transformation und Kreation.

10 Ritratto di Jannis Kounellis, Galleria Lucio Amelio, Napoli 1973. Foto Claudio Abate
Ritratto di Jannis Kounellis, Galleria Lucio Amelio, Napoli 1973. Foto Claudio Abate

Jannis Kounellis gehörte zu den Protagonisten der Arte Povera, dieser italienischen Kunstbewegung der 1960 und 1970 Jahre, die in der Wahl ihrer Ausdrucksmittel bewusst auch Abgrenzung war vom Hochglanz aus Material und Inszenierung, wie ihn etwa die Pop Art in den USA durchexerzierte.

Wer das Material beherrscht, beherrscht die Sprache. Oder vielleicht weniger martialisch: wer das Material ernst nimmt, wer in ihm die Tradition der Umformung, Aneignung, Entwicklung, die Revolutionen und Evolutionen sieht, versteht seine Sprache, spricht seine Sprache vielleicht sogar.

Fondazione Prada - Kounellis 10
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 1994 iron, enamel Jannis Kounellis Untitled, 2013 iron, stones, cloth, steel, burlap, coal, wool, sewing machines, coats, marble, ceramic Jannis Kounellis Untitled, 2011 coats, hats, shoes

Der Blick auf das Material als Sprache einer Erzählung findet sich im Kern der künstlerischen Arbeiten von Kounellis, die nicht nur Skulptur, also Volumen, sondern ebenso, wie die vielen Zungen in denen man Geschichten weitertragen kann, Musik, Schrift, Tanz, Sprechen sind.

Der Palazzo Ca’ Corner della Regina ist schon lange kein bewohntes Gebäude mehr, und doch ist alles in ihm lebendig, und so scheint er der perfekte Ort einer möglichen Konzentration auf das Werk eines Erzählers über die Suche nach einer Sprache der Verwandlung und Aneignung.

Die hohen Räume sind leer, und doch so viel mehr als bloße Hülle.

Fondazione Prada - Kounellis 18
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 2015 iron, coal Jannis Kounellis Untitled, 1993–2008 wardrobes, steel cables Jannis Kounellis Untitled, 2004 lead rolls, fabric

Die Wände zeigen in Linien, in Farben, in den Resten einer Bemalung, in feinen Rissen und offenen Wunden die Spuren der Jahrhunderte, die Treppen zeugen vom kommen und gehen, von den gewichtigen Dingen, den Schwierigkeiten, die ihre Abdrücke hinterlassen.

Alles ist wie die Mäntel, die Hüte und Schuhe, Hülle und doch Klangraum von Biografien. Jannis Kounellis Gedanken haben in Wort, gesprochen, geschrieben und im Material häufig um die Geschichten gekreist, die in allem Stofflichen gebunden sind, das Menschen erschaffen oder nutzen.

Fondazione Prada - Kounellis 4
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 2011 coats, hats, shoes in the background Jannis Kounellis Untitled (Giallo), 1965 oil on canvas

In der Fondazione Prada sprechen die Werke aus Jahrzehnten. Und sie sprechen so direkt, so gegenwärtig und präzise, als Sprechern Kounellis im Hier und Jetzt. Und doch ist diese Retrospektive schon Echo einer auserwählten Geschichte. Kounellis starb 2017 in Rom, und es blieb an seinem Freund, Germano Celant, der dieser Kunst, dieser Wahl der Mittel und Wege ihren Namen, ‚Arte Povera‘, gab, sie so, ohne seine Stimme, und doch als seine Erzählung zu inszenieren.

Die Erzählung startet mit der Schrift, dem Schriftzeichen, dem Fragment auf der Fläche einer Leinwand, bevor sie sich Kapitel für Kapitel beginnt, den Sinnen und dem Körper der Betrachter zu öffnen. Die Natur hält Einzug, Wolle, Erde, Pflanzen, Kohle, Kakteen, organisches und unorganisches Material.

Fondazione Prada - Kounellis 15
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 2013 iron, coffee

Mit ihnen die Gerüche von Kaffee, von Grappa. Alles wird Material einer Geschichte, die die Beschränkungen der Fläche hinter sich lässt und die Körper der Betrachter berühren kann. Aus den Partituren der Schrift wird Gesang und Tanz und die Rußspuren an den Wänden wandeln Feuer wieder zurück in ein Abbild der Zeit, eine Partitur, Schriftzeichen, ganz in der Tradition der Höhlenmalereien etwa, oder eben so, dass sich in ihnen auch Schöpfung, menschengemacht, göttlich, unbekannt, lesen lässt.

Fondazione Prada - Kounellis 13
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 1980 stones, palette, soot

Ohnehin: Feuer ist hier so präsent wie abwesend. Den Räumlichkeiten geschuldet, brennt hier keine Kerze, aus keinem der Gaskocher züngelt eine Flamme, die Arbeiten sind Ergebnis und Ort, und damit Teil einer Transformation durch Gegebenheiten. An anderer Stelle werden sie wieder brennen können, aber ich bezweifle, dass sie dann mehr erzählen.

Mit dem Feuer kommt die Macht über das Material. Was die Natur bietet, wird zu Instrumenten einer größeren Idee geformt, Kohle und Stahl werden das ungleiche Paar dieser Möglichkeiten. Bei Kounellis bleibt einem die Verbindung immer bewusst.

Fondazione Prada - Kounellis 22
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 1999 plates, iron shelves, bags, plaster

 

 

 

Seine großformatigen Arbeiten mit Stahl wirken schon eher sensibel, weil in ihnen auch immer die Natur, der Ursprung, die Tradition der Transformation, sichtbar bleibt. Ein Schritt nur zur Alchemie, der letzten Wandlung in Gold, und doch lässt sich in der goldenen Wand weniger Hybris als viel mehr Tragik erkennen. Das Heldenhafte ist zu übermenschlicher Größe geworden, der Mensch selber aber aus der Erzählung verschwunden. Nur noch Mantel und Hut sind Zeugnis seiner Anwesenheit und ein flackerndes Licht sanfte Hoffnung darauf, sich nicht endgültig verloren zu haben.

Fondazione Prada - Kounellis 14
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled (Tragedia civile), 1975 goldleaf-coated wall, coat rack, coat, hat, lamp

‚Ich bin gegen die Welt von Andy Warhol und dessen Epigonen. Ich möchte das von den Kubisten erlebte Klima wiederherstellen. Ich bin gegen den Zustand von Lähmung, den die Nachkriegszeit hervorgerufen hat. Deshalb spüre ich zwischen den (emotionalen und formalen) Trümmern die verstreute Geschichte auf. Verzweifelt suche ich nach einer Einheit, auch wenn sie schwer zu fassen, utopisch, unerreichbar und deshalb dramatisch ist. Ich bin gegen eine Ästhetik der Katastrophe; ich bin ein Verfechter des Glücks; ich bin auf der Suche nach der Welt von der unsere starken und überheblichen Väter des 19. Jahrhunderts Beispiele revolutionärer Formen und Inhalte hinterlassen haben.‘ (S. 37)

Fondazione Prada - Kounellis 1
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 1972 walled up door with stones

All das ist hier versammelt. Die zugemauerte Tür ist ein Auftrag an die Erinnerung, wie die Schränke unter der Decke, die Gerüche sind es, die Pflanzen, Materialien, das Feuer und die Musik sind es. Die Scherben, Büsten, Flaschen, Nähmaschinen, jeder Hut, jeder Mantel, jeder Schuh, jedes Detail an diesem Platz, an dem es arrangiert ist, eben als Trümmerteil verstreuter Geschichten. Die Lehre der Geschichte ist nicht die Beschleunigung, sondern die Besinnung. Und Besinnung bedeutet Kounellis nichts reaktionäres, sondern eine klare Vorstellung davon, welche Geschwindigkeit wir ertragen, ohne uns zu verlieren.

Fondazione Prada - Kounellis 23
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 2006 iron sheet, lead sheet

 

In der Fondazione Prada, in dieser Ausstellung, ist man für die Zeit, die man hier, an diesem zauberhaften Ort, verbringen kann, ganz bei sich. Und man kommt in eine andere Stadt, wenn man sie verlässt. Das ist nur ein kurzer Moment, in dem alles sinnlich Erfahrbare auf einmal und in einem mal ganz unvermittelt auf einen trifft.

Fondazione Prada - Kounellis 19
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 1993–2008 wardrobes, steel cables Jannis Kounellis Untitled, 2004 lead rolls, fabric

Aber der kurze Moment genügt.

‚Ich bin ein Bewahrer. Ein Hüter. Die Wirklichkeit, die nicht sichtbar ist, ist apokryph, und der Hüter kennt ihre Bedeutung. Der Hüter verhindert die ungefähre Annäherung an die gehüteten mystischen Geheimnisse. Der Ursprung der Komposition ist ein Hüten, und soweit es Komposition geworden ist, ist es in der Ordnung bewahrt und verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit. Und wie zu jeder Zeit ist der moderne Maler ein antiker Mensch.’ (S. 96)

 

Fondazione Prada - Kounellis 9
“Jannis Kounellis” Curated by Germano Celant Fondazione Prada, Venezia 11 May – 24 November 2019 Photo: Agostino Osio – Alto Piano Courtesy Fondazione Prada Jannis Kounellis Untitled, 1980 flute, violin, drum, trumpet, cornet, cello, mandolin, gas tank, flames

‚Jannis Kounellis‘ in der Fondazione Prada, Ca’ Corner della Regina, Venedig, bis zum 24. November 2019

Mi. — Mo. 10 — 18 Uhr

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen.

Alle deutschen Zitate im Text entstammen dem Buch ‚Jannis Kounellis. Der Wind — Texte und Zeichnungen‘, Edition Nautilus, Verlag Lutz Schulenburg, 2006