‚Vertigo – Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970‘, im mumok, Wien

‚Focusing isn’t just an optical activity, it is also a mental one.‘

Bridget Riley
3 - Klebeband
Giovanni Battista Piranesi Der gotische Bogen aus der Serie Carceri d‘invenzione, 1761 (The Gothic Arc from the series Carceri d’invenzione) Radierung / Engraving 41 x 55 cm © Albertina, Wien

‚Vertigo‘, ausgeliefert sein, auch hintergangen, allemal abhängig in einer Verbindung aus körperlicher und geistiger Aktion wie Reaktion. Wenn sich alles dreht, beim Blick nach unten etwa, ganz wie bei Hitchcock, wenn der Boden unter den Augen den Boden unter den Füßen zu ersetzen droht, und man über den Blick hinab und in einem Sog, der den ganzen Körper ergreift, durchlebt, was Bridget Riley meint. ‚Schwindel‘ – die Illusion einer Wahrheit, erschaffen im Zusammenspiel aus Inszenierung und Wahrnehmung. Wer angeschwindelt wird, erlebt die Täuschung ebenso als Kontrollverlust, wie den Schwindel, der den Körper durchfährt, wenn sich alles dreht, flackert, blitzt, sich gegen alles Wissen bewegt, Formen, Strukturen, Figuren sich lösen und neu zusammenfinden, Licht und Schatten wirkt.

Hesitate
Bridget Riley Hesitate, 1964 Dispersion auf Hartfaserplatte / Emulsion on hardboard 107 x 113 cm Photo: © Tate, London 2019 © Tate, London, presented by the Friends of the Tate Gallery 1985/Bildrecht Wien/Bridget Riley, 2019

Im mumok betrachtet die Ausstellung ‚Vertigo‘ die ‚Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970‘ in einer zeitlichen und thematischen Komplexität, die selbst schon dazu angetan sein mag, den titelgebenden Schwindel zu erzeugen. Dabei verursacht schon der labyrinthische Ausstellungsparcours ein leichtes Unwohlsein der Orientierung. Wie in den begehbaren Irrgärten des Manierismus etwa geht es um Verwirrung und Entdeckung, darum Erfahrungen zu sammeln und – ganz nach Bridget Riley, vielleicht der führenden Vertreterin der Op-Art, auch als Verbindung in die Gegenwart – um Konzentration als optische wie mentale Aktivität.

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Jesus und Maria, Riefelbild Erste Hälfte 17. Jh. / first half of 17th century Öl auf Holz / Oil on wood 33,5 x 26,5 cm © Sammlung Werner Nekes

Rückgriffe in die Kunstgeschichte, etwa auf Werke von Hans Tröschel (Satyrn, eine Spiegelanamorphose bewundernd, 1610–1628 ), Guido Reni Umkreis (Jesus und Maria, Riefelbild, Erste Hälfte 17. Jh.), Piranesi (Via Appia, Via Adreatina, aus: Le Antichità Romane II, 1756 ) und auf die als ‚antiklassisch‘ erkannte Epoche des Manierismus im 16. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, lassen die lange wie beeindruckende Tradition des Spiels mit Wahrnehmung erleben.

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Hans Tröschel nach Sime Vouet Satyrn, eine Spiegelanamorphose bewundernd, 1610–1628 (Satyrs Admiring the Anamorphosis of an Elephant) Kupferstich / Engraving 24 x 34 cm © Benediktinerstift Göttweig

 

 

 

Der große zeitliche Bogen, der im Ausstellungstitel geschlagen wird, ist so tatsächlich – und für mich war das eine positive Überraschung nach anfänglicher Skepsis – so sinnvoll wie tragfähig.

Gleich zu Beginn der sich über zwei Etagen des Hauses erstreckenden Ausstellung ist eines meiner Highlights auch das vermutlich älteste Werk hier: Parmigianinos ‚Selbstbildnis im Konvexspiegel‘, entstanden 1523/24.

Das Selbstbild des Künstlers im Spiegel, dass durch die Verzerrung des Konvexen nicht nur eine räumliche Tiefe  vorgaukelt, also schwindelt, sondern auch den Betrachter  irritierend auslässt, sein Spiegelbild verneint.

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Francesco Mazzola gen. / known as Parmigianino Selbstbildnis im Konvexspiegel, um 1523/1524 (Self-portrait in a Convex Mirror) Öl auf Pappelholz / Oil on wood Durchmesser / Diameter 24,5 cm © KHM-Museumsverband

In diesem Spiegel sieht sich allein der Künstler, nicht wir. Scheint er noch so perfekt, er bleibt Abbild, und somit quasi gedoppelte Reflexion über ein Motiv.

Auch diese Idee wird, kunstfertig und dann doch in ihrer Abstraktion minimalistisch und bald mathematisch erscheinend, die Zeiten überstehen, und schließlich in der Op Art der 50er und 60 Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Wiederbelebung erfahren, die mehr als das ihr vorgeworfene Spektakel und Effekthascherei ist.

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Ausstellungsansicht / Exhibition view Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970 / Op Art and a History of Deception 1520–1970, mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 25.5.–26.10.2019 Adolf Luther, Laserraum, 1970 Photo: Markus Wörgötter © mumok/Adolf-Luther-Stiftung, Krefeld/Bildrecht Wien, 2019

Das wird schon deutlich, wenn man sich zur Einführung in die verschiedenen Themenbereiche einmal mit den umfangreichen Saaltexten beschäftigt, die in der Ausstellung zu ‚Anamorphose‘, Camouflage‘, ‚Flackern, Flimmern, stroboskopische Blitze‘, ‚Zentralperspektive‘, ‚Raster‘, ‚Spirale‘, ‚Vertigo‘ und ‚Vexierbild’ Auskunft geben, und dabei nicht nur die Phänomene an sich erläutern, sondern auch eine kunsthistorische Betrachtung sind, die prägende Werke und Künstlerinnen und Künstler herausstellt.

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Ausstellungsansicht / Exhibition view Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970 / Op Art and a History of Deception 1520–1970, mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 25.5.–26.10.2019 Gianni Colombo, Spazio elastico, 1967–1968 Photo: Markus Wörgötter © mumok/Archivio Gianni Colombo, Milano

 

Und dabei wird auch deutlich, dass es nicht nur um Wahrnehmung im Sinne von Seherfahrung als Wahrheitserfahrung geht, sondern dass Wahrnehmung viel umfassend körperlicher gedacht wird, und dabei gerade auch mit dem wortsinnigen Unterschied zwischen Wahrnehmung in Anlehnung an Wahrheit und Schwindel in der zweifachen Bedeutung aus Unwohlsein und Lüge spielt.

Sei es im Laserraum von Adolf Luther oder den Environments von Gianni Colombo, sei es im ‚Ambiente a shock luminosi‘ von Giovanni Anceschi oder im Film ‚The Flicker‘ von Tony Conrads: die optische Wahrnehmung ist zunächst nur der Ausgangspunkt für eine Erfahrung, die bis hin zur körperlichen Destabilisierung, also zum Schwindel, gar epileptischen Anfällen, führen kann.

Der Warnhinweis zu Beginn der Ausstellung, das Betrachten einiger Kunstwerke könne durch visuelle Reize zu körperlichen Beschwerden führen, sollte also auf jeden Fall erstgenommen werden, und beschreibt darüber hinaus eben sehr treffend, wie wenig sich sinnliche Eindrücke in ihrer Wirkung auf den Körper vorausschauend eingrenzen lassen.

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Ausstellungsansicht / Exhibition view Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970 / Op Art and a History of Deception 1520–1970, mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 25.5.–26.10.2019 Jesús Rafael Soto, Metal Vibration, 1969/1970 Photo: Markus Wörgötter ©mumok/Museum of Contemporary Art (MSU), Zagreb/Bildrecht Wien, 2019

Bei Jesús Rafael Sotos Arbeit ‚Mental Vibration‘ erlebt man die körperliche Resonanz sogar noch als aktivierende Komponente solch sinnlicher Eindrücke. Sotos begehbare Inszenierung des Moiré-Effekts, — also der  Interferenz zweier übereinander liegender, aber nicht deckungsgleicher Raster —, mit herabhängenden Metallstangen vor einer Wand mit Streifenstruktur, ist ein visueller wie taktiler und akustischer Erfahrungsraum. Die Stangen müssen schon im Eingang der Arbeit zunächst durchschritten und so in Bewegung gesetzt werden, ihre Berührung führt zur Resonanz und ihre Bewegung zum Effekt im Raum.

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François Morellet 4 grillages superposés 0°, 22,5°, 45°, 67,5°, 1970 Gitter auf Holz / Metal grids on wood 101 x 101 x 5 cm Sammlung Heinz und Anette Teufel im Kunstmuseum Stuttgart Photo: Kunstmuseum Stuttgart © Bildrecht Wien, 2019

Die Unruhe, die hier durch die Bewegung des Besuchers im Raum entsteht, erzeugt etwa ,4 grillages superposés 0°, 22,5°, 45°, 67,5°‘ von François Morellet mit seinen Rastergeflechten durch dessen reine Beobachtung.

Durch die horizontal, vertikal und diagonal angeordneten Gitterlinien entstehen so je nach Position verschiedene, die Augen in einer ständigen Unruhe bewegende und herausfordernde Eindrücke. Wie das den ganzen Körper erfassen kann, und in eine zwischen Abstoßung und Taumel unentschlossen und vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzende Bewegung bringt, eine Unsicherheit im Schritt, einem Kampf zwischen Erkennen und Erfahren, erlebt man durch die Kreisdynamik, die ‚Dinamica Circolare‘, der gleichnamigen Arbeit von Maria Apollonio, in der unterschiedlich dicke, konzentrische Kreise Höhen, Tiefen, eine topographische Dynamik vorgaukeln.

‚Vertigo‘: das ist seit 1958 mehr als nur der lateinische Name eines Gefühls und seiner zahlreichen Ausprägungen und Ursachen.

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Ausstellungsansicht / Exhibition view Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970 / Op Art and a History of Deception 1520–1970, mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 25.5.–26.10.2019 Marina Apollonio, Dinamica Circulare, 1968/2019 Photo: Markus Wörgötter © mumok/Marina Apollonio

Alfred Hitchcocks Meisterwerk gleichen Namens ist quasi die filmgewordene, dramaturgische Aufbereitung der Zweideutigkeit aus Betrug und Gefühl. Hitchcock ‚erzählt‘ und zeigt den Schwindel dank seiner innovativen Kameraführung als Erfahrung und aus Sicht des Zuschauers in der Rolle des Hauptdarstellers. Betrug und Schwindel finden so auf mehreren Ebenen ihren Widerhall und binden die Erfahrungen der Betrachter ein, eben so, wie es die Ausstellung im mumok tut.

Zwischen Fallsucht und Sicherheit, Täuschung und Offenbarung, Lüge und Wahrheit, Schatten und Licht, zwischen diesen und vielen weiteren Wort- und Gefühlspaaren vermeintlicher Gegensätze findet man sich hier wieder. Manchmal Spektakel, meistens aber unteilbarer und überraschend zurückhaltender Erfahrungsraum.

Ich bin mir nicht sicher, ob es den Hinweis oder besser: Verweis auf die Op-Art im Titel der Ausstellung wirklich bedurft hätte. Es ist einerseits sehr ehrenwert, wenn sie so aus dem großen Schatten, den etwa die Pop-Art wirft, heraustreten kann.

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Victor Vasarely Zèbres, 1932–1942 Öl auf Leinwand / Oil on canvas 112 x 103 cm © Collection HAR/Janus Pannonius Museum, Pécs/Bildrecht Wien, 2019

Andrerseits trägt aber der kunst- und kulturhistorische Diskurs über die Erzählungen einer ‚Geschichte des Schwindels‘ über die Jahrhunderte auch ohne diese explizite Bezugnahme.

Was bleibt, davon ganz unbenommen, ist Begeisterung über die Vielfalt und Kraft einer Erzählung, die sich selbstverständlich über 1970 hinaus in die Gegenwart fortschreiben lässt.

Mit den Möglichkeiten der VR etwa sind Künstlerinnen und Künstler heute in die Lage versetzt, einen Betrachter noch konzentrierter und direkter Reizen auszusetzen, indem sie den Eintritt in eine Welt ohne Wände, Boden, bekannte Bezugsgrößen und die Möglichkeit, den Blick abzuwenden, gewähren.

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Bridget Riley Blaze 2, 1963 Dispersion auf Hartfaserplatte / Emulsion on hardboard 93 x 93 cm Photo: © National Museums Northern Ireland, Collection Ulster Museum © Bildrecht Wien/Bridget Riley, 2019

Die Trennung zwischen Gefühl und Betrug wird immer perfekter aufgelöst, ein unheimliches Spiel mit der Wahrnehmung mag auch ein Hinweis auf die Gefahren und Möglichkeiten sein, die inzwischen immer stärker Teil unserer Realität werden.

Noch einmal Bridget Riley:

‚There was a time when meanings were focused and reality could be fixed; when that sort of belief disappeared, things became uncertain and open to interpretation.‘

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‚Vertigo – Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970‘

bis 26. Oktober 2019 im mumok Museum Moderne Kunst Stiftung Ludwig Wien und ab 23. November im Kunstmuseum Stuttgart

Im Verlag der Buchhandlung Walther König ist ein umfangreicher Katalog erschienen (28€)