Zu Besuch bei: Samuel Treindl

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Samuel Treindl „Produktionsblase“ Kunsthalle Münster, 17.3.-23.4.2017 Foto: Roman Mensing

Samuel Treindl ist Drechsler und Designer, Forscher und Beobachter, ein Wissenschaftler im ganz wörtlichen und ein Künstler im besten Sinne. Seine Arbeiten sind Bühnen für Gedanken, Inszenierungen für flüchtige Momente, die in Erinnerung bleiben. Was er in seinen ‚Produktionsprojekten‘ erschafft und teilt, sind auch relevante wie offensive Momente der Kommunikation über die Herausforderungen wie Möglichkeiten des Sozialen.

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Samuel Treindl ‚rosa nomadisierende Waschmaschine‘ Rundgang Kunstakademie Münster 2018 Beitrag zu den nomadisierenden Projekten der Klasse Deball

Als Samuel mich gefragt hat, ob ich einen Beitrag zu seinem ‚Prozesskatalog‘ über eben jene ‚Produktionsprojekte‘ der Jahre 2015 bis 2019 verfassen wolle, war mir bald klar, dass genau dieser Aspekt der Interaktion mit Menschen wie mit Material im Zentrum der Beobachtung stehen sollte. Bis zum fertigen Katalog hat es eine Weile gedauert, aber jetzt ist er da, und ich bin froh, ihn mit meinem Text begleiten zu dürfen, den ich hier mit freundlicher Genehmigung von Samuel und leicht verändert teile.

 

Der Anfang von Allem

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Samuel Treindl ‚Ablagestellen‘ Dominikanerkirche Münster, 2016

Der Anfang von Allem ist die Erkenntnis, dass die Dinge so sind wie Sie sind. Gegebenheiten erst ebnen den Weg. Und erst in der Veränderung ergeben sie ihren Sinn. Der beständige Wechsel von Stillstand zu Bewegung und zurück ist die Triebfeder jeder ernsthaften Beschäftigung mit der Gegenwart um der Zukunft Willen. Sowohl die geistigen, als auch die materiellen Ressourcen, deren Beitrag zu diesem Prozess es zu betrachten, und deren Auswirkungen es zu beurteilen gilt, sind begrenzt. Und die Wahrheit gilt: die Begrenztheit der geistigen Ressourcen begründet häufig die Begrenztheit der materiellen, weil die Momente des Innehaltens und Nachdenkens zu falschen oder Kurz-Schlüssen führen können. Dabei wäre, ausgehend von der anfangs aufgestellten These des Erkenntnisbeginns, die Konsequenz doch so naheliegend.

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Samuel Treindl ‚Docking Stationen‘ Insel am Herrenteichswall Osnabrück im Rahmen der „Docking Stationen“ 2018 zum Kultur extra Osnabrück Foto: Peter Hellmich

Bewusstmachung, Kommunikation und Partizipation sind als Themen in den Arbeiten von Samuel Treindl die Trias der Motivation zu Veränderung als grundlegende Notwendigkeiten für den ständigem Neubeginn. Seine Werke und Werkgruppen sind Einladungen zum Nachdenken über große Zusammenhänge, und dabei doch und vor allem so verspielt, dass sie ihre Tragweite und die innewohnende Tragfähigkeit erst auf den zweiten Blick offenbaren. Ausgehend von der Alltäglichkeit des Materials als Essenz jeder Kreation, entwickelt sich eine Erzählung über Abhängigkeit und Wandlungsfähigkeit, über Gewinn und Verlust und über die Möglichkeit, in der Teilhabe, sowohl der im wahrsten Sinne handwerklichen, als auch der geistigen, einen Erkenntnisgewinn zu schöpfen, dem die Chance von Nachhaltigkeit innewohnt. Aus dem erkennen wollen folgt das erkennen können.

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Samuel Treindl ‚Vögel‘ Wiederherstellung der Leuchtreklame Rheinische Straße 131, Emscherkunst 2016 Foto: Thorsten Arendt

Treindls Produktionsmittel zeichnen sich durch ihre Unvollkommenheit, ihre Fehlstellen und den Charakter des Provisorischen aus. Sie sind Metall, Holz, Kunststoff, Schaumstoff, Wachs, Farbe, Erde, Flüssigkeiten, sind Objet trouvé. Nicht selten offenbaren sie ihren Ursprung, sind erkennbar noch Stühle, Fenster, Türen als Material oder Schubkarren, Werkbänke, Betonmischer und Waschmaschinen als Instrumente kreativer Arbeit. Was sie zunächst eint, ist ihre Zugänglichkeit und die Offenlegung ihrer Materialität. Die Dinge haben Namen, und die Dinge sind bekannt. Sich dessen bewusst zu werden, darf als Grundlage für jede folgende Möglichkeit gelten, Veränderungen, Anpassungen und Neubewertungen vorzunehmen.

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Samuel Treindl ‚zu Füßen des Habakuk‘ zu: ‚Akademie (Arbeitstitel)‘ Kunsthalle Düsseldorf 21.10.2017 bis 7.2.2018 Foto: Jan Buschmann

Dabei gilt diese Bewusstmachung deutlich in beide Richtung: die Wechselwirkung von Material und Produkt führt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Ursache und Wirkung, lässt im Ganzen das Detail und im Kleinen das Große erkennen und wirken. Samuel Treindls Materialforschung ist also kein Selbstzweck, keine Obsession. Sie ist Voraussetzung für alle folgenden Entscheidungen. Mit dieser Sicherheit erst kann die Einladung an uns gelten, die wir bisher vielleicht nur verwunderte Betrachter des Geschehens waren. Künstler-Ich und Betrachter-Ich bilden das Gedankenkollektiv zum Handlungskollektiv. Aus Ich wird Wir.

 

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Samuel Treindl, David Rauer Monument Besetzung Stadtbesetzung III in Bergkamen , Kurt-Schumacher-Platz, 2018

Hier beginnt die Produktion. Produktion ist Transformation. Sie ist Dekonstruktion und Konstruktion, verändert Meinungen wie Materialien, Individuen wie Gesellschaften, ist Ursache und Wirkung. Produktion ist Bewegung. An die Schnittstellen zwischen Erkenntnis und Bewegung setzt Samuel Treindl seine neonfarbenen Akzente, die unseren Augen, und damit unserem Körper eine Aufmerksamkeit abverlangen, die das Neue im vermeintlich Bekannten sichtbar werden lässt und die Selbstverständlichkeit der Wahrnehmung und ihrer Konsequenzen hinterfragt.

Der Künstler kommuniziert so auch mit einem ‚Lockstoff‘ zur Interaktion, der in der für uns sichtbaren wie unsichtbaren Natur den Fortbestand einer Art, sei sie Pflanze oder Tier, sichert. Ob es eine temporäre Insel, ein Stuhl oder Tisch, ein Gelenk oder Scharnier ist, ob es Schläuche oder Wassertonnen sind, Klebestreifen oder Zwingen: für Treindl kommuniziert die Farbe sowohl den Zweck, als auch die manchmal extrem feine Schnittstelle zwischen Ressource einerseits und Produktion und Produkt andererseits. Dass die Farben nicht in unseren Erfahrungsschatz der Umstände passen, verstärkt diese Wahrnehmung der Kontaktflächen von Ökonomie und Ökologie.

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Samuel Treindl ‚Antistatica‘ Wewerka Pavillion, Münster, vom 11.4.-26.6.2017 Foto: Roman Mensing

Fortbestand sichern heißt eben nicht nur, zielorientiert auf sich aufmerksam zu machen, sondern kann nur das Ergebnis von verantwortlichem Handeln sein. In den ‚Produktionsskulpturen‘, den ‚Produktionsblasen‘, mit den ‚Produktionsmitteln‘ und einer ‚anarchistischen Produktion‘ auf ‚Luxusbaustellen’ verweist der Künstler auf diese Abhängigkeiten wie auf wirtschaftliche und damit gesellschaftliche Exzesse, mit denen wir das Gleichgewicht dieser Verantwortung stören und zerstören.

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Samuel Treindl, David Rauer Monument Besetzung Stadtbesetzung III in Bergkamen , Kurt-Schumacher-Platz, 2018 Foto: Simone Schmidt-Apel

Dass es um uns geht, dass es um den Menschen und sein Verhalten geht, erkennt schnell, wer sich die Bewegung bewusst macht, die den Arbeiten des Künstlers innewohnt. Samuel Treindl ist der Alchimist, der in sein Labor einlädt, der seine Instrumente, Werkzeuge, seine Zutaten und Mittel präsentiert, und schließlich verkündet, dass nichts zählt, was wir nicht selbst erfahren. Seine Handgriffe sind Einladungen zu manueller wie intellektueller Teilhabe, zum Experiment mit dem Material und auch mit dem eigenen Körper und seinen Sinnen. Sie deuten nur kurz auf einen Umstand und eine Ursache, halten für einen Moment die Zeit an, oder entschleunigen sie zumindest so sehr, dass wir die Chance bekommen wahrzunehmen, kurz die Luft anzuhalten für die notwendige Konzentration, kurz zu realisieren, wie sehr wir den Atem brauchen, wie sehr wir Luft und Raum und Zeit brauchen, wie untrennbar Stillstand und Bewegung miteinander verwoben sind, sich bedingen, wie jedes Ende ein Anfang und Alles in Allem ist, und entlassen uns schließlich in einen neuen Umstand.

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Samuel Treindl, David Rauer ‚Prokuktion im Loch‘ ‚Loch‘ Wuppertal, 2018

Vielleicht haben wir dann etwas gebaut, weitergebaut, eine Situation oder einen Ort hinterfragt, vielleicht haben wir unsere Meinung gesagt oder eine Skulptur geschaffen, vielleicht haben wir die Natur beobachtet, oder andere Menschen, vielleicht haben wir uns von etwas getrennt, um es zu etwas Neuem zu machen, vielleicht haben wir einen Platz besetzt und Platz geschaffen…

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Samuel Treindl, David Rauer ‚Bronze für den Westpark‘ Umsetzung des Wachslings der „Produktionsskulptur“ von Emscherkunst 2016 für den Westpark in Dortmund

Samuel Treindl gibt mit seinen Arbeiten die notwendigen Anstöße, Zusammenhänge und Abhängigkeiten zu erkennen, indem er sie so performativ wie partizipativ anlegt. Er ist Handwerker, Designer, Künstler. Nie ‚oder’, immer ‚und’, auch als deutlicher Hinweis auf die Schönheit und Komplexität von Möglichkeiten. Ausgrenzung und Teilhabe verhalten sich zueinander wie Stillstand und Bewegung. Der Anfang von Allem ist die Erkenntnis, dass die Dinge so sind wie Sie sind. Gegebenheiten erst ebnen den Weg. Und erst in der Veränderung ergeben sie ihren Sinn. Der beständige Wechsel von Stillstand zu Bewegung und zurück ist die Triebfeder jeder ernsthaften Beschäftigung mit der Gegenwart um der Zukunft Willen. Es lohnt immer, genau hinzusehen.

Was dann kommt, mag ein Blick zurück sein, vielleicht ein Abschied. Aber das ist nur selbstverständlich. Loslassen ist auch eine Bewegung, verantwortungsvoller als manch andere.

 

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‚Produktionsprojekte‘

über http://www.samuel-treindl.de, mail@samuel-treindl.de

Gestaltung: KLASS – Büro für Gestaltung

 

 

 

Das Titelbild dieses Beitrags ist von Christoph Düpper