‚Haltung & Fall – Die Welt im Taumel‘, im Marta Herford

‚Ursache und Wirkung‘: das klingt doch schon nach der einfachen Antwort. Als wäre das eine direkte Linie, ein auswegloses voneinander abhängen und sich bedingen, wie der direkte Weg von A nach B. Wer nur von Ursache und Wirkung spricht, begibt sich aber schnell in die Falle einer Abstraktion von eigener Schuld als Voraussetzung zu einem bestimmten Ergebnis. So wird schlechterdings eher aus wissenschaftlichen Studien zitiert, in Reden an eine ‚Allgemeinheit‘ gemahnt, und so wird schließlich (fast) immer der Prozess, die Entwicklungslinie zwischen den Punkten ‚Ursache‘ und ‚Wirkung‘ ausgeblendet. Was wir lernen können und lernen müssen findet aber hier statt.

Eigentlich sollten wir also immer von ‚Haltung und Fall‘ sprechen. Darin findet sich Ursache wie Wirkung, und darüber hinaus, und dank der Schönheit, in der Sprache manchmal in der Lage ist, in nur einem Begriff vielfältig zu sprechen, noch so viel mehr. Haltung und Fall ist das (sprachliche, metaphorische, gebaute und gedachte) Terrain, auf dem jede Entscheidung körperliche wie ethisch moralische Komponenten hat, auf dem es nicht nur einen Status Quo gibt, sondern immer auch den Raum dazwischen, der mit Bewegung und Bewegungsenergie gefüllt ist. 

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Charles Atlas, What Does Unstable Time Even Mean? (2015), High-definition video, sound, Dauer: 4:37 Minuten, Choreographie: Rashaun Mitchell + Silas Riener, Musik: Eric Holm © der Künstler, Courtesy der Künstler und Luhring Augustine, New York

‚Haltung und Fall‘ heisst denn auch, und wie ich finde sehr konsequent, die aktuelle Ausstellung im Marta Herford, die die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten eines Begriffspaares ausleuchtet. Konsequent allein schon deshalb, weil es dem kuratorischen Team um Ann Kristin Kreisel gelungen ist, die Tiefsinnigkeit und Komplexität von Worten in der Auswahl und Präsentation von Kunst als übersprachlichem Kommunikationsmittel zu demonstrieren.

Konsequent aber vor allem, weil diese Kommunikation eben kein Frontalunterricht ist. ‚Haltung und Fall‘ ist viel mehr auch eine Fragestellung an das Publikum.

‚Wer hält dich?‘, ‚was hält dich, hält dich auf?‘, ‚wie hälst du es mit…?‘, ‚wohin fällst du?‘, ‚was lässt dich fallen?‘, wie tief kannst du/man fallen?‘, sind nur einige der Fragen, die man sich hier stellen darf und stellen kann, weil die Kunstwerke dazu auffordern. 

Und an einigen Stellen treffen die Ebenen, auf denen wir uns einerseits inhaltlich – im Sinne einer Geisteshaltung – und andererseits physisch – im Sinne einer Körperhaltung – mit dem Thema beschäftigen aufeinander, und ergeben aus der Erfahrung dieser Gleichzeitigkeit und in der Wechselwirkung eine ungeahnt neue Perspektive.

In seinem Video ‚What Does Unstable Time Even Mean?‘ etwa, präsentiert Charles Atlas die Choreografie einer Abhängigkeit der Haltung auch von unsichtbaren Faktoren. Die Körper der Performer sind im Bodennebel eher taumelnde und strauchelnde Gestalten, deren vermeintlich einziger Halt der Partner ist. Haltung reagiert hier im ständigen Austarieren und Balancieren auf eine verborgene Komplexität an Ursachen, es bleibt wortwörtlich nebulös, was den Boden wanken und die Menschen wie ‚die Welt im Taumel‘ lässt, wie in Ergänzung der vollständige Titel der Ausstellung lautet. Vielleicht aber verweisen die pailettierten Kostüme des Paares als Spiegel des Miteinander und Gegeneinander im Tanz um Haltung und Fall und im Taumel ja auf eine mögliche Antwort auf die titelgebende Frage des Werkes und die zweite Hälfte des Ausstellungstitels? ‚Was sollen unstabile Zeiten denn bedeuten?‘. Zumindest scheint es mir doch so, dass sie eben viel mehr mit den Akteuren zu tun haben, als die Akteure selbst – und das sind eben auch wir – sich eingestehen möchten. Der Taumel der Welt ist der Taumel der Menschen auf dem unsicheren Grund zwischen Haltung und Fall.

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Robert Barta, Limits of control, 500.000 Kugellager-Kugeln (vernickelt), Durchmesser 7,85m © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Robert Barta / Trevor Good

Dass das so ist, und doch ganz anders, erfährt man ganz direkt wie herausfordernd gleich gegenüber der Videoarbeit von Atlas, wo sich, hinter einer eingezogenen Wand, ein kleiner Raum öffnet, dessen Boden mit 500.000 Eisenkugeln belegt ist. ‚The Limits of Control‘ heisst die Arbeit von Robert Barta, und sie ist so etwas wie die künstlerische Antwort auf die Frage von Atlas, indem der Bodennebel nun gewichen ist, und wir gewahr werden, auf was für einem unsicheren Untergrund aus Erfahrung, Erwartung und Abhängigkeit wir zu einer bestimmten Haltung kommen. 

‚Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better‘, wird hier Samuel Beckett zitiert, und damit eine zentrale Botschaft von ‚Haltung und Fall‘ offenbar: man kann sich entscheiden, nur zu verweilen, zwar aufrecht, aber vielleicht dann auch mit einem falschen Stolz in der Haltung. Oder man kann sich bewegen. Gegen die Widerstände, die man auch selbst verursacht, gegen Umstände, gegen Sinn und Verstand. Die geistige Haltung, die dies impliziert, verändert die körperliche. Sie führt vielleicht zum Taumel, vielleicht gar zum Fall. Aber sie erlaubt es eben auch zu lernen und sich im wahrsten Sinne weiterzuentwickeln. 

Kunst ist immer mehr als ein Bericht. Für mich kommt Kunst von Kommentieren. 

Naufus Ramírez-Figueroa kommentiert in seiner performativen Arbeit ‚Rainbow Action (after Cezary Bodzianowski)‘ nicht zuletzt eine intellektuelle Haltung. Ausgangspunkt ist ein Gedicht von Carlos Pellicer, das er in seiner Performance vorträgt, und in dem der lateinamerikanische Poet die Schwierigkeiten der Aufrechterhaltung einer sozialistischer Gesinnung und ihrer Forderungen vor und in der farbenfrohen Kulisse eines tropischen Landes beschreibt (‚Tropics, why did you give me / These hands full of color?’…).  Anschließend bemalt Ramírez-Figueroa seinen Körper in den Farben eines Regenbogens, nimmt eine Bogenhaltung ein und hinterlässt, an die Wand des Ausstellungsraumes gelehnt, den Abdruck dieses Regenbogens auf ihr. 

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Naufus Ramírez-Figueroa, Beber y leer el arcoiris (Detail), 2012, Injektprint, 90 × 60 cm © Der Künstler

Auf die Notwendigkeit von Individualität zu verweisen, indem man ein kollektives Bild wählt, macht für mich die poetische wie politische Stärke dieses Kommentars aus. Der Regenbogen mag ein allgemeingültiges Symbol für eine bestimmte und positiv besetzte Haltung geworden sein. Seine Farben sind am Ende aber nur Licht und Wasser, Vergänglichkeit allemal, wenn sie nicht als Meinung und Haltung jedes Einzelnen einen Abdruck in der Gesellschaft hinterlassen. Der nackte Körper des Künstlers ist in der Performance ganz sicher ein Abbild der Verwundbarkeit  und Entblößung des Individuums. Er ist schutzlos und gleichsam unterwürfig. Seinem Ausdruck fehlt alles heroische, das man gemeinhin mit Haltung verbinden mag, und doch ist es genau das, was er hinterlässt. In Haltung und Fall entsteht so etwas wie ein Mahnmal, gemahnend an das Schicksal des Individuums wie an einen gesellschaftlichen Auftrag.

‚I Shouldn’t Feel Guilty‘ fordert der Aufdruck eines der fünf Stoffbanner aus der Serie ‚Community is Built on Empathy‘ von Cheryl Pope, mit der sich für mich in dieser Ausstellung die Erzählung von Ramírez-Figueroa fortzuschreiben scheint, indem dem Individuum und seinen Herausforderungen sowohl sich selbst, als auch der Gemeinschaft gegenüber, eine plakative Stimme gegeben wird. Die Stofffahnen erinnern dabei an die Träger von Wappentieren oder patriotischen Statements, wie man sie etwa von Flaggen von Staaten oder Vereinen oder Bannern auf Sportveranstaltungen oder Prozessionen kennt. Die aufgedruckten Sätze dagegen sind die Icherzähler-Stimme eines Individuums, das sich seiner Fehlbarkeit wie seinen Prinzipien, seiner Verletzlichkeit wie seiner Stärke bewusst wird, oder besser: bewusst werden muss. Gemeinschaft erwächst aus Empathie, lautet der Titel. Ein ‚nur‘ möchte man hinzufügen. Haltung ist auch die Haltung gegenüber dem Fallenden, Haltung ist auch die Haltung im Fall. Man muss sich auf die Gemeinschaft derer, die einen halten können verlassen, um sich in ihr auch als Mitglied ernst- und wahrgenommen zu fühlen. Ohne Empathie ist Gemeinschaft eben nur Fassade einer Idee ohne Substanz. Das gilt für Kirchen und Vereine, für Familien und Staaten. 

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Cheryl Pope, I Shouldn’t Feel Guilty, 2016, aus der Serie Community is Built on Empathy, Nylon, Tackle Twill, applizierte Buchstaben, Bordüre, Ösen, 183 × 122 cm, Courtesy of Monique Meloche Gallery, Chicago

Das Marta Herford hat für diese Ausstellung mit einer Einrichtung für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf zusammengearbeitet. Es ist immer wieder bereichernd zu erleben, wie dieses Haus als Museum Maßstäbe dafür setzt, wenn es darum geht, Kulturarbeit als Dialogarbeit in und mit der Gesellschaft zu verstehen. In der Konsequenz dieser Zusammenarbeit entstanden nicht zuletzt Ausstellungstexte in ‚Leichter Sprache‘, die eben nicht nur Ausdruck einer inklusiven Grundhaltung sind, sondern auch ein eindrucksvoller Hinweis auf die Möglichkeiten, Kunst breit und als gesellschaftlich relevantes Medium zu kommunizieren.

In diesem ‚freien‘ Raum – auch dem architektonischen mit seinen Schwüngen und Kurven und mit seiner lichten Höhe – traue ich mich dann auf die ‚Stage‘ von Christian Falsnaes, eine Bühne, belegt mit blauem Teppichboden, von Spotlights gut ausgeleuchtet. Ich nehme mir einen Kopfhörer von der Wand daneben, und lausche den Anweisungen der Stimme. Ich soll gehen, im Kreis, schneller, rennen, alles anschauen, alles aussprechen, schreien, mich verrenken, kriechen. Ich werde Teil des Kunstwerks.

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Ausstellungsansicht: Christian Falsnaes, Stage, 2017, Foto: Hans Schröder

Ich aktiviere es quasi erst, wie ich die Eisenkugeln erst mit meiner Berührung als Kunstwerk aktiviert habe. Und wie dort, begebe ich mich auch jetzt in eine Abhängigkeit. Die Kugeln sind hier zu einer Stimme geworden, die mir gleichsam Befehle erteilt, mich in eine Rolle bringt, die – von mir frei gewählt – doch die des Untergebenen ist, jedenfalls solange ich mitmache. In meiner Haltung treffe ich auf die Ursache, und auch wenn ich nicht fallen will: eine Wirkung ist unumgänglich. 

Die große Freiheit bleibt dabei das Bewusstsein für die Möglichkeit, sich entziehen zu können. Es gehört zu den Größen einer Haltung, die Entscheidung des Anderen zu akzeptieren, Autorität nicht auszunutzen, Identität zu wahren. Vielleicht ist ja ein Museum im besten Sinne und im besten Fall ein Ort solcher Freiheit und damit ein mögliches Vorbild?

Zwischen Komik und Ernsthaftigkeit, zwischen Poesie und Drama, bildet die Ausstellung ‚Haltung und Fall – Die Welt im Taumel‘ ein Panorama der Möglichkeiten, faktischer und gedanklicher, ab. Man kann sich über den Hula-Hoop-bereiften, dauerkreisenden Kaktus von Robert Barta amüsieren, man kann ihn bemitleiden oder bewundern, man kann über die Naivität der Zeichnungen von David Shrigley lachen, oder in seinen Statements die Tiefe von Komik entdecken. 

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Ausstellungsansicht: Robert Barta, Move it!, 2010 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 und Denis Darzacq, La Chute N° 03; 01; 09; 10; Ohne Titel 12 (La Chute), 2005 – 2006, Foto: Hans Schröder

Die Aussagen und Werke hier sind so vielfältig wie das Thema komplex. Und doch fühlt man sich nicht verloren, eher aufgefordert, angestossen, sich zu positionieren, im Raum zwischen ‚Haltung und Fall‘. Und dabei ist es ganz offensichtlich nicht mehr ausreichend, sich nur einen Standpunkt im Taumel der Welt zu suchen mit und auf dem einem nicht schlecht wird.

Haltung & Fall – Die Welt im Taumel

Im Marta Herford

29.06. – 06.10.2019