‚Nancy Spero‘ im Folkwang Museum, Essen

 

Nein, man verlässt diese Ausstellung selbst an einem hellen Sommertag nicht unbedingt mit einem guten Gefühl. 

Da bleibt eine dumpfe Ahnung von individuellem Leid der Künstlerin, das nicht nur am eigenen Körper, sondern quasi stellvertretend für die Leiden der Gesellschaft empfunden und ausgedrückt wurde.

 

Lovers IX, 1965
Nancy Spero Lovers IX, 1965 Öl auf Leinwand, 113 x 198,1 cm Courtesy Galerie Lelong & Co © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Foto Courtesy Galerie Lelong & Co.

Das Museum Folkwang präsentiert die Arbeiten von Nancy Spero (1926 – 2009) in fünf Kapiteln eines künstlerischen Lebens in Auseinandersetzung mit den inneren Dämonen und der Suche nach Schutz, nach Nähe, der emotionalen Überwältigung durch die Gräuel des Vietnamkriegs, den eigenen körperlichen Leiden, die sich im Leid an der eigenen Rolle und der Wahrnehmung als Künstlerin in der Gesellschaft verstärken, der Unterdrückung von Frauen und Weiblichkeit in Vergangenheit und Gegenwart und schließlich mit Aufbegehren und Selbstbewusstsein als mächtige Erzählung in langer Tradition.

Auch Chronologien sind nur eine Konstruktion, um die Schlangenlinien, die Spiegelungen und Verweise, die Wiederholungen und Sackgassen der Gegenwart in der Vergangenheit zu verdecken. Geschichte erklärt sich eben in seiner Wirkung auf die Gegenwart, auf unser Gefühl zu ihr, nie durch die zeitliche Verortung, sondern nur in der Bezugnahme auf den Status Quo, die Momentaufnahme einer Entwicklung. Häufig stehen wir staunend wie entsetzt vor ganz gegenwärtigen Ereignissen, und erleben die Irrungen und Wirrungen vor allem deshalb mit solcher Wucht, weil sie scheinbar Anlauf aus der Vergangenheit genommen haben.

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Nancy Spero Victim – B52 – Eagle, 1970 Gouache, Tusche und Collage auf Papier, 109,2 x 71,1 cm Courtesy Barbara Gross Galerie, München © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Nancy Spero thematisiert den Vietnamkrieg in ihrer War Series in den Jahren 1966 bis 1971 schon als Wiederkehr von althergebrachten Verhaltensmustern einer Gesellschaft, in der Männer die Tonlage von Diskussionen bestimmen, in denen Kampf vor Diskussion und Tod vor Gefangenschaft steht. 

Auch für sie wird dieser Krieg nicht erträglicher, nur weil er nicht der erste ist, sondern nur unerträglicher genau darum. Das grauenhafte Töten, die Bomben, das Leiden und die vermeintliche Ausweglosigkeit verstören sie auch in ihrem Selbstverständnis als Künstlerin in einer Weise, die nach einem neuen, einem radikaleren Weg der Kommunikation schreit.

Spero ist zornig. Wütend auf die Situation aus Patriotismus, Kriegstaumel, wachsender Ungläubigkeit und Tatenlosigkeit. Im Umgang mit ihrem Zorn wendet sie sich zunächst konsequent gegen das Material.

Die etablierte Leinwand, wie sie sie noch für ihre frühen Arbeiten etwa der Lovers nutzte, muss weichen. Tradition und Form scheinen ihr deutlich männlich, zu männlich, besetzt. Empfindsamkeit hat eben auch viel mit der Wahl des Materials zu tun. Papier wird die zarte und empfindliche Haut, auf der sie ab sofort in schnellen Zügen ihren Gefühlen, ihrem Ersetzten, einen Ausdruck verleiht.

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Nancy Spero P.E.A.C.E., Helicopter, Mother + Children, 1968 Gouache und Tusche auf Papier, 48 x 61 cm Courtesy Galerie Lelong & Co. © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Foto Courtesy Galerie Lelong & Co.

Der Helikopter wird ihr zum Symbol der Gräuel, die Quelle von Napalm und Bomben, Maschinengewehren und nicht versiegendem Nachschub an Menschenmaterial. Leichen und Verwundete werden hinfortgeschafft, Gefangene ins Meer geworfen, Soldaten wie am Fließband transportiert. Und in all dem erkennt Spero, erkennen wir, die Wiederkehr der Tat in einer Tradition, die die Künstlerin ganz offensiv mit dem Nationalsozialismus vergleicht. Adler und Hakenkreuz verbinden sich zu einer Allianz des Unheils aus gegenwärtigem Leid und der Unfähigkeit, aus der Geschichte zu lernen.

Ihren direkten Zugang und ihre Wucht gewinnen diese mit schnellem (Pinsel)strich geschaffenen Mahnmale vor allem durch ihren bald schon kindlichen Duktus. Die einfache Bildsprache im Angesichts des Grauens verfehlt ihre Wirkung nicht.

2007 kehrt sie mit einem stilisierten Maibaum, behangen mit den Gesichtern gefolterter, geköpfter Menschen eindrücklich noch einmal zu diesem Thema zurück, und verweist so – wenn auch mit anderen Mittel – erneut auf die Überzeitlichkeit kriegerischer Konflikte. Im Irakkrieg dieses Jahres erkennt sie die hässliche Fratze einer unheilvollen Tradition erneut und verhehlt nichts von ihrer Abscheu.

Nancy Speros Biografie ist auch die einer Künstlerin, die vor allem in diesen Jahren der War Series um Anerkennung ringt, und sie doch nicht erreicht. Sie fühlt sich ausgegrenzt, zurückgesetzt, unbeachtet. 

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Nancy Spero Artaud Painting – „Les choses n’ont plus d’odeur…“, 1970 Gouache und Collage auf Papier, 55,9 x 52 cm Courtesy Galerie Lelong & Co. © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Foto Courtesy Galerie Lelong & Co.

Im französischen Autor Antonin Artaud (1896 – 1984) erkennt sie einen Leidensgenossen ihrer Situation, und auch darin verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart für sie. Ihre intensive Auseinandersetzung mit seinem Werk mündet in einer Arbeit, die als Codex Artaud nicht nur im Namen ein Rückgriff auf eine vergangene Erzähltradition ist. Auf langen Papierbahnen, heute aufgeteilt und in verschiedenen Museen quasi als Ausschnitte aus einer großen Erzählung zu sehen, widmet sie sich in Wort und Bild seinen Schriften in Verbindung zu den eigenen Erfahrungen mit Zurücksetzung, aber auch mit ihrer beginnenden körperlichen Gebrechlichkeit. Wie ein Alter Ego werden seine Texte Teil ihrer Gefühle im Bild. Nicht zuletzt ihre Ausmasse machen diese Arbeiten auch für den Betrachter zu einer bald körperlichen Erfahrung. Man durchmisst die Geschichten, die sie hier erzählt mit den Augen, bald näher kommend für die kleinsten Details, bald die Gesamtheit erfassen wollend. 

Auf anderen Formaten zitiert sie in krakeliger Großschrift Sätze und Zeilen aus dem Werk Artauds, manifestiert so in einem Akt körperlicher Anstrengung – linkshändig und so gegen die gegebene Gewohnheit geschrieben – ihre Gefühle durch die Sprache und in Tradition ihres ‚Leidensgenossen‘.

Die Themen Unterdrückung, Ausgrenzung und Leid erkennt Spero schließlich nicht nur in der Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie oder mit Krieg. Mitte der 70er Jahre wendet sie sich den Belangen der Frau in der Gesellschaft – nicht mehr nur ihrer, sonder eindringlich verallgemeinernt – zu. In Anlehnung an ägyptische Wandmalereien – erneut also den Windungen von Erzählungen und Themen folgend –  widmet sie sich in der Serie Torture of Women der Frau als Opfer von Gewalt und Misshandlung. In Collagen aus gedruckten Texten und eingefügten Zeichnungen erzählt sie nicht nur von ganz gegenwärtigen Erfahrungen von Frauen, sondern ordnet sie gleichsam in eine lange Traditionslinie ein, die so künstlerisch wie faktisch einen Bogen der universellen wie auch zeitlich relevanten Thematik bildet. Text und Sprache werden essenzieller Begleiter ihrer Bildaussage. Das gedruckte Wort wird in ihren Arbeiten integraler Bestandteil der Erzählung. Die Worte werden Zeugnisse der Erzählung, als würde Schrift dieser Erzählung zunächst mehr der verlässlichen Zeugenschaft geben, als alle Zeichnung oder Malerei es könnten. Die Berichte auf den Friesen sind ganz gegenwärtig, erschreckend, abstossend, traurig. Sie sind Zeugenaussagen von Frauen aus Mittel- und Südamerika etwa, und werden doch eben durch ihre Präsentation aus der punktuellen Betrachtung der Gegenwart in einen Kontext gehoben, der sie unabhängig von Zeit und Ort wirken lässt.

South Africa, 1981
Nancy Spero South Africa, 1981 Handdruck und Schreibmaschinen-Collage auf Papier, 64,8 x 102,8 cm Courtesy Galerie Lelong & Co. © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Foto Courtesy Galerie Lelong & Co.

1972 gründet Nancy Spero zusammen mit fünf Kolleginnen die A.I.R. (Artists in Residence) Galerie. Die rein weiblich besetzte Galerie bietet ihr endlich die Möglichkeit, mit ihren Arbeiten auch wirtschaftlich erfolgreich eine Öffentlichkeit zu erreichen, und sich in der Kunstwelt zu etablieren. Endlich wird sie Teil des ‚Kunstbetriebs‘, endlich wird ihre Stimme gehört. Mit dem Codex Artaud und danach mit Torture of Women findet sie hier einen Raum, der sich ihrer Arbeitsweise öffnet, sie zulässt, und in dem sie wirken kann. Ihr Werk nutzt den Raum als Resonanzfläche, die sie nutzt, um ihrer Kunst eben auch als politisches Statement Geltung zu verschaffen. 

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Nancy Spero Ballade von der Judenhure Marie Sanders, 1991 Lithographie auf Papier, 53,3 x 121,9 cm Museum Folkwang, Essen © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Ich glaube, dass eben diese räumliche Komponente, diese direkte und den Betrachter einnehmende Präsentation, nicht zuletzt die Wirkung ihrer Erzählungen gestärkt hat. Wo auch immer man hinblickte, war man umgeben von den Geschichten einer Gegenwart, die auch aus der Vergangenheit berichtete, gleich einem Tempel für die Gottheiten des Weiblichen, versehen mit Wandfriesen einer – ihrer – Leidensgeschichte. Ein wenig davon lässt sich hier in Essen nachvollziehen, und doch steht die museale Sterilität der Kraft und Emotionalität der Arbeiten auch erkennbar, spürbar im Weg.

Von den Black Paintings bis hierher war es eine lange Geschichte, ein weiter Weg. Und doch scheint es mir, dass sich Nancy Spero immer ihrer Rolle in einer größeren Erzählung bewusst war. In dieser Erzählung muss sie kämpfen, muss aufmerksam machen, sich verteidigen, und all dies auch im Namen der Opfer, der Leidenden in Kriegen und Geschlechterkämpfen tun. Sie hat sich dieser Erzählung verschrieben, die weit zurück reicht in die Vergangenheit, und die bei allen Entwicklungen aus ihrer Sicht sogar noch in die Zukunft, in unsere Gegenwart, wirkt.

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Nancy Spero Picasso and Frederick’s of Hollywood, 1990 Ausgeschnittenes und aufgeklebtes handbedrucktes Papier und Handdruck auf Papier, 43,8 x 278,4 cm (2 Tafeln) Courtesy Galerie Lelong & Co. © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Foto Courtesy Galerie Lelong & Co.

Göttinnen und Tänzerinnen heisst das letzte Ausstellungskapitel. Und tatsächlich sind die langen Bildbahnen von tanzenden und laufenden Frauenfiguren geprägt, selbstsicheren, starken und präsenten Vertreterinnen einer zu hoffenden Realität, in der sich die Stärke der Weiblichkeit auch als Wiederkehr göttlicher Stärke feiert. Aus der Antike wie aus der Gegenwart, aus der Werbung, der Religion, der Mythologie und dem Alltag: Spero wählt ein umfassendes Tableau der Figuren, mit dem sie vor allem auf die Vielfalt weiblicher Stimmen aufmerksam machen kann. Nach aller Düsternis, nach allem Leid und dem Gefühl zurückgesetzt zu sein, sind ihre Göttingen und Tänzerinnen, egal aus welcher Zeit und aus welchem Kontext sie kommen mögen, Protagonistinnen von Diversität und Aufbruch.

Man verlässt diese Ausstellung nicht unbedingt mit einem guten Gefühl. Aber eben doch ganz sicher mit einem Gefühl, nämlich dem für ihre Relevanz. Einem Gefühl für die Relevanz von Aussagen, die nicht Zeugnisse einer überwundenen Vergangenheit sind, sondern ganz gegenwärtig. Das ist eine traurige Erkenntnis, zu der Nancy Spero nichts kann, auf die sie aber aus ihrer Vergangenheit und in ihren Arbeiten hinweist. Wir haben nicht so viel gelernt, weniger jedenfalls als wir uns gerne zuschreiben. Wir können die Zeugenberichte der Vergangenheit lesen, die Dokumentationen sehen und unsere Vorfahren befragen, so möglich. Die Arbeiten von Nancy Spero sind all dies und doch mehr. 

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NANCY SPERO To Soar, 1997 Handdruck und Collage auf Papier 125,5 x 50,3 cm Courtesy Barbara Gross Galerie, MŸnchen

Ihre Kunst steht für die persönlichen Herausforderungen, die in Innensicht und Aussensicht das Leben bestimmen können. Vermutlich werden sie noch in Jahrzehnten als aktuelle Kommentare wirken können, obwohl sie in der Vergangenheit wurzeln. Sie sind umfassend, überzeitlich, direkt, eindrücklich. Es ist Zeit, sie als solche zu erkennen. Auch das macht die Ausstellung im Folkwang Museum so unerlässlich, gut und wichtig.

 

 

In der Edition Folkwang/Steidl ist ein Katalog zur Ausstellung erschienen (20€)