‚Ai Weiwei‘ im K20 und K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Es gehört vermutlich zu den leichteren Aufgaben der Kunstkritik, ob berufen oder nicht, sich über Ai Weiwei zu echauffieren. Wahlweise geht es dabei um ‚Größenwahn‘, ‚Omnipräsenz‘, ‚Egozentrik‘, um seine Idee der Kunstproduktion gleich einer ‚Kunstfabrik‘, gar um ‚Gutmenschentum‘, dieses immer zu allem eine Meinung haben und auch um die einfache Replik auf seine Arbeit, die da heisst: er kann sich das ja auch leisten, der millionenschwere Künstler.

Was dabei häufig nur zu gerne vergessen wird, ist eine ganz einfache, aber wie ich finde die persönliche Kritik negierende Tatsache: was Ai Weiwei erzählt, sind Erzählungen aus Welten, deren Stimmen wir zu gerne überhören, weil wir sie nicht verstehen, oder weil wir weghören für eine Option halten.

Ai stösst vor den Kopf, und das ist manchmal laut und groß und plakativ. Aber er erzählt so vor allem mit dieser lauten Stimme die Geschichten von Menschen, die gar keine Stimme haben, sich Gehör zu verschaffen, die die Zensur mundtot macht, der Apparat ins Gefängnis steckt, die Flucht atemlos, der Tod für immer schweigend gemacht hat.

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Ai Weiwei Ai Weiwei, Illumination, 2009, Courtesy of Ai Weiwei Studio

Und Ai erzählt Autobiografisches. Er weiss, wie es sich anfühlt von jetzt auf gleich, und mit fadenscheinigen Argumenten, sein Zuhause (sein Studio), seinen Pass, seine Freiheit zu verlieren, und mit einem Gefühl des Ausgeliefertseins im Irgendwo zu verschwinden. Am 3. April 2011 wird er am Flughafen Beijing festgenommen und landet an einem unbekannten Ort. Als er erst zweieinhalb Monate später wieder in so etwas wie Freiheit auftaucht – sein Pass bleibt eingezogen– beschreibt er die zurückliegende Zeit im Interview so:

‚I lost all connection with the outside world and was immersed in a world of darkness. I was scared that my existence would fade silently. No one knew where I was, and no one would ever know. I was just like a small soybean—once fallen to the ground, it rolls into a crack in the corner. Being unable to make any sounds, it will forever be forgotten.’ 

(Wong, Veronica, and Gisela Sommer. “Ai Weiwei Describes Mental Torment in Captivity.” Epoch Times, August 3, 2011)

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen richtet dem Künstler und dem Werk in seinen beiden Häusern K20 und K21 gerade eine umfangreiche Ausstellung, genauer genommen sogar die größte jemals in Europa gezeigte, aus. Sie könnte sich mit diesem häufig angebrachten, multiplizierten und gerne geäußerten Superlativ nun selbst in die Situation kritischer Berichterstattung begeben. Der Künstler der großen Geste braucht die großen Räume. Und sieht man sich vor allem die Positionen im K20 an – mehr dazu später – spielt Größe in vielerlei Hinsicht ganz offensichtlich eine entscheidende Rolle. Und die Frage, ob es jetzt, da der Künstler mit seiner Präsenz selbst ja die Darstellungsmöglichkeiten von Museen gleichsam überstrahlt, eigentlich noch notwendig ist, ihm eine solche Show auszurichten, darf gestellt werden.

Ich finde, Ai gibt auf diese Frage schon 2011 eine vielsagende Antwort, die meiner Meinung nach immer noch Gültigkeit hat, haben muss:

‚My definition of art has always been the same. It is about freedom of expression, a new way of communication. It is never about exhibiting in museums or about hanging it on the wall. Art should live in the heart of the people. Ordinary people should have the same ability to understand art as anybody else. I don’t think art is elite or mysterious. I don’t think anybody can separate art from politics. The intention to separate art from politics is itself a very political intention.’ 

(Ai Weiwei: ‘Shame on Me.’.“ Der Spiegel, November 21, 2011)

Die Ausstellung in Düsseldorf unterstützt in ihrer inneren Dramaturgie die sowohl zeitlichen als auch inhaltlichen Dimensionen seiner Aussage, insofern sie auch Retrospektive ist, und hier in ihren Themenfeldern Widerhall seiner Äusserung zur Überzeitlichkeit seiner Einstellung zum Auftrag von Kunst, zur Erfahrbarkeit von Inhalten und zur Schnittmenge von Kunst und Politik.

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Ai Weiwei, New York Photographs, 1983-1993, Image courtesy of Ai Weiwei Studio

Im K21 greifen die Fotoserien ‚New York Photographs‘ (1983 – 1993) und ‚Beijing Photographs‘ (1993 – 2003) den Zeitfaden an der ältesten Stelle auf, und erzählen, noch eher Dokumentation und Tagebuch, vom intimen wie prägenden Ereignissen und Erlebnissen in einem Lebensabschnitt, der Findung, Abenteuer, Frustration, Aufbruch und Neubeginn gewesen sein mag. Ai dokumentiert sein Künstlerwerden, aber auch immer die Kulisse vor deren Hintergrund dies stattfindet. Und spätestens mit den Fotografien aus Beijing dokumentiert er auch die Veränderungen seiner Umgebung, die Geschwindigkeit, mit der Stadt und Gesellschaft sich verändern, häuten, immer neu gebären.

‚Cities really are mental conditions. Beijing is a nightmare. A constant nightmare.‘ 

(„The City: Beijing.“ Newsweek, August 28, 2011)

Dieser erste Auftritt als eigenständiger Künstler nimmt etwas vorweg, dass Jahre später eine allgemeine Selbstverständlichkeit – im Guten wie im Schlechten – wird:

‚The practice of photography is no longer a means for recording reality. Instead, it has become reality itself.‘ 

(Ai Weiwei, Ai Weiwei’s Blog: Writings, Interviews, and Digital Rants, 2006-2009) 
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Ai Weiwei Installationsansicht / installation view: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21, 2019 Foto: Achim Kukulies

Im Nachbarraum wird die die Arbeit ‚Laundromat‘ von 2016 präsentiert. Als das Flüchtlingslager in Idomeni Mitte 2016 geschlossen wird, bleiben nicht nur viele Fragen und Hoffnungen zurück, sondern auch zahllose Kleidungsstücke Geflüchteter, Zeugnisse von Individualität und Notwendigkeit. ‚Laundromat‘ präsentiert an 40 Kleiderständern 2064 dieser Kleidungsstücke, eingesammelt von Ai und seinem Team, aufgearbeitet, sortiert nach Größe und Funktion. Man wandelt durch eine Kleiderkammer, diesen Waschsalon. Ambivalenz ist vielleicht das prägendste Gefühl, wenn man sich mit den Arbeiten von Ai Weiwei auseinandersetzt. Eine nicht immer greifbare, vermeintliche Widersprüchlichkeit aus Sensibilität und Plakativität, die vielleicht sogar als Ausnutzung missverstanden werden könnte. Die Wände des Raumes sind mit einer Fototapete  bedeckt, die tausende von Aufnahmen zeigt, die Ai während seines Aufenthalts in Idomeni und im Zuge der Dreharbeiten zum Dokumentarfilm ‚The Human Flow‘ gemacht hat, die – nach obigem Zitat – ‚Realität‘ sind. Auf dem Fußboden als Bodentapete ein ‚Newsfeed‘ der Nachrichten aus dieser Zeit. Die Bilder, die Texte, die Bekleidung: das ist die Realität. Ai hat sie mit seinen Methoden in einen Ausstellungskontext gebracht. Ja, das ist plakativ, und zwar sogar, und wie mir scheint ganz bewusst, im wortwörtlichen Sinne. Aber in der Wandlung der Objekte – seien es Kleidungsstücke, Fotos oder Nachrichten – liegt in dieser Weise der Reizpunkt für Emotion und Reaktion. Sie halten mir in einer beeindruckenden Weise auch den Spiegel vor. Sie fragen: wo warst du? Was tust du eigentlich in dieser Situation? Wo stehst du? Ais Antwort ist: ich war da. Ich habe es gesehen. Die Situation und vor allem die Menschen.

Das Schicksal von Flüchtenden bewegt Ai vielleicht auch gerade deshalb so sehr, weil er in ihrer Lage aus Ausweglosigkeit, Abhängigkeit und Hoffnung eine emotionale Nähe zu eigenen Erfahrungen liest. Dabei geht es nicht um Gleichsetzung, sondern um die Auseinandersetzung mit den Systemen in denen und vor deren Hintergrund Menschen handeln und gehandelt werden.

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Ai Weiwei Installationsansicht / installation view: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21, 2019 Foto: Achim Kukulies

In seiner Arbeit S.A.C.R.E.D. findet Ai ein beeindruckendes Bild für die Diskrepanz zwischen den Wahrnehmungsebenen. Was wir zunächst sehen, sind sechs monolithische Eisenkisten, deren rostbraune Oberfläche hart und abweisend ist. Über kleine ‚Fensteröffnungen‘ ergibt sich aber ein Einblick ins Innere dieser eben nur scheinbar monolithischen Gebilde. Offenbar wird jeweils eine Situation aus dem Haftalltag der Isolationshaft Ai Weiweis – im Selbstporträt dargestellt als halblebensgroße Figur, immer begleitet von zwei Wächtern – namentlich ‚Supper‘ (S), ‚Accusers‘ (A), ‚Cleansing‘ (C), ‚Ritual (R), ‚Entropie‘ (E) und ‚Doubt‘ (D). S.A.C.R.E.D. verweist also eindeutig auf eine sehr persönliche Erfahrung, und doch zugleich auch auf den vogelfreien, den von Recht und Gesetz nicht weiter geschützen Menschen, den homo sacer.

‚I love freedom as much as anybody else, maybe more than most. But it is a tragedy to live your life in fear. It is worse than actually losing your freedom.‘ 

(„Living in Fear Is Worse Than Imprisonment.“ Mail and Guardian, June 29, 2012)
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Ai Weiwei, SACRED – Ritual, 2011 – 2013, Courtesy of Ai Weiwei Studio

Ai erkennt in der Situation Flüchtender aber vermutlich nicht nur eine Verbindung zu sich, sondern vor allem zur Situation von Millionen von Menschen in seinem Heimatland China. Er erkennt, dass man die schiere Masse, die unfassbare Zahl Betroffener in einer Weise abbilden muss, die es erlaubt, in ihr wieder das Individuum zu entdecken, das Einzelschicksal, das das Bewusstsein zur Erkenntnis rührt: hier geht es nicht um Begriffe, sondern um Menschen und die Biografien, die sich mit ihnen und durch sie verbinden. 

Vor seiner Inhaftierung im April 2011 galt Ais Augenmerk vor allem der Diktatur und dem Überwachungs- wie Unterdrückungsapparat Chinas. Als 2008 bei einem Erdbeben in der Provinz Sichuan 70.000 Menschen, und darunter über 5.000 Schulkinder, ihr Leben verlieren, reagiert Ai Weiwei mit Arbeiten, die für mich zum Eindrucksvollsten wie Sensibelsten gehören, das Kunst imstande ist, um etwas eigentlich Unsagbarem eine Form zu geben. Im Münchener Haus der Kunst verkleidet er zu seiner Ausstellung ‚So sorry‘ 2009 die Fassade mit 9000 eigens angefertigten Schulrucksäcken, wie sie die Schüler in Sichuan trugen. In unterschiedlichen Farben geordnet ergibt sich und er Gesamtschau der Satz ‚sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt‘, mit dem eine Mutter ihrer getöteten Tochter gedachte.  

Und hier nun, in der Grabbehalle des Düsseldorfer K20, verweist die monumentale Arbeit ‚Straight‘ (2008 – 2012) ebenso auf das Schicksal jener Menschen, die 2008 nicht nur Opfer des Erdbebens, sondern vielleicht und vor allem der Gleichgültigkeit des Staates und der berechnenden Kälte eines Systems geworden sind, in dem Verantwortungslosigkeit und Korruption Individualität nicht mitdenkt. 

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Ai Weiwei, „Straight“, Installationsansicht / installation view Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20, 2019 Foto: Achim Kukulies

In 142 hölzernen Transportkisten, Särgen gleich, liegen, sortiert nach Größe, 164 Tonnen Armierungsstahl, die Ai und sein Team aus den Trümmern der Gebäude bergen und nach Beijing transportieren liessen. Der verbogene Stahl wurde dort in jahrelanger Arbeit aufwendig begradigt und scheint nun, wie geheilt von seiner Geschichte, wieder verwendbar zu sein. In jeder Stange aber ist das Schicksal eines Menschen gleichsam gefangen, der 2008 Opfer einer Katastrophe wurde, deren Ausmaß sich vor allem mit menschlichem Fehlverhalten verbinden lässt. ‚To straighten out‘, um dies klarzustellen, zurechtzurücken, um diese Wahrheit zu benennen, die das System nicht zulässt, und die es doch braucht, um der Opfer in Würde gedenken zu können, das bildet nun diese Landschaft an Kisten, diese Meer von Metall, ab. An den umgebenden Wänden erinnert eine Wandtapete mit den Namen der Kinder, die zu Tode kamen daran, dass zur Würde im gedenken auch die Chance gehören muss, eben jene Namen zu wissen und zu sprechen. Was offiziell nicht erreichen war, erreichte eine Bürgerinitiative unter Federführung Ais und in hunderten von Interviews mit Hinterbliebenen. ‚Names of the Student Earthquake Victims Found by the Citizens‘ Investigation’ ist ein Mahnmal für die Opfer und demonstriert auf einer Fläche von 70 qm die traurige Dimension des Unglücks, vor deren Hintergrund die Größe von ‚Straight‘ an Bedeutung zu verlieren scheint. 

So geht es eigentlich immer auch um Perspektive. Das Schicksal des Individuums in der Masse beschäftigt Ai Weiwei. Sein Blick hat sich dabei von China auf die Welt geweitet, auch als Hinweis darauf, dass wir es uns etwa als Europäer nicht erlauben sollten, mit einem moralischem Fingerzeig nach China oder in die Welt zu weisen, ohne dabei auch das eigene Verhalten, Fehlverhalten allemal, zu analysieren.

Ai Weiwei demonstriert und präsentiert mit seinen Arbeiten in diesem Zusammenhang nicht zuletzt die zwei Seiten eines Begriffes, dessen positive Konnotation wir vielleicht zu häufig vor allem in den Vordergrund rücken, wenn wir etwa von Kulturgut, Kulturschatz, kulturellem Erbe, allgemein eben von Kultur sprechen. Kultur scheint doch vielmehr der allumfassende Umgang der Menschen miteinander und den sie umgebenden Ressourcen zu sein, in dessen Konsequenz Arbeit und Verhalten steht und entsteht. 

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Ai Weiwei, Sunflower Seeds, 2010 (detail), Courtesy Ai Weiwei Studio

60 Millionen Sonnenblumenkerne aus Porzellan scheinen mir das imposante Bild für den Blick auf eine von so zahlreichen Möglichkeiten zu sein, auch die Diskrepanz, ein gewisseres Unwohlsein im Hinblick auf die Nutzung des Begriffes ‚Kultur‘, zu erspüren. Auf der einen Seite das perfekte Handwerk, die individuelle Leistung in der Produktion und Dekoration jedes einzelnen Kernes, hergestellt von 1600 Spezialistinnen und Spezialisten ihrer Zunft in über zwei Jahren Arbeit. Auf der anderen Seite bleibt davon eine Masse, die die individuelle Leistung bald schon zu negieren scheint, in der das Kollektiv mehr zählt als der Einzelne.

Wenn auf Vasen und Tellern aus feinstem chinesischen, blau-weißem Porzellan, hergestellt in Handarbeit als Ergebnis einer jahrhundertealten Kenntnis und Tradition, Abbildung von Krieg, Vertreibung, von Flucht und Demonstrationen, von Ruinen und Flüchtlingslagern eine ganz gegenwärtige Geschichte erzählen, auch dann geht es um Kultur, und darum mit ihren Möglichkeiten auch zu zeigen, was Menschen Menschen antuen, und welche Kultur dieses Verhalten trägt.

Today, the West feels very shy about human rights and the political situation. They’re in need of money. But every penny they borrowed or made from China has really come as a result of how this nation sacrificed everybody’s rights. With globalization and the Internet, we all know it. Don’t pretend you don’t know it. The Western politicians—shame on them if they say they’re not responsible for this. It’s getting worse, and it will keep getting worse,’ 

formuliert Ai 2011 in einem Interview. 

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Ai Weiwei Installationsansicht / installation view: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21, 2019 Foto: Kai Eric Schwichtenberg

Die Notwendigkeit, Zusammenhänge in Perspektive zu setzen, schreibt sich von diesem Zeitpunkt in die Gegenwart fort. Das es dabei nicht nur um China und um die gegenseitige Abhängigkeit von Systemen geht, ist mit den Flüchtlingsbewegungen der letzten Jahre überdeutlich geworden. Es geht eben aber immer noch und vielleicht stärker denn je um verantwortliches Handeln und auch die Frage, wessen Handeln verantwortlich ist. Dieser Finger zeigt auf uns, und Ai Weiwei macht das in seinen Arbeiten eindrucksvoll und nachvollziehbar deutlich.

Bis heute folgt er seinem Credo, dass Kunst nicht für Eliten, sondern für alle Menschen lesbar sein muss. Vielleicht schiesst er dabei manchmal an der ein oder anderen Stelle über das Ziel hinaus. So etwa mit der Skulptur ‚Life Cycle’, die als aus Bambus und Sisal angefertigtes Abbild eines Flüchtlingsbootes im Material zwar einerseits ein starker Ausdruck von Fragilität ist, andererseits aber mit seiner Besetzung aus chinesischen Tierkreiszeichen und Pharaonenbüsten als Begleiter der Flüchtenden dann doch etwas sehr überladen wirkt, was angesichts der tatsächlichen Überladung von Flüchtlingsbooten doch eher unpassend ist. Und vielleicht hätten im K21 auch einige Ausstellungsstücke weniger der Wahrnehmung von Inhalten vor Form und Menge ganz gut getan. 

Was Ai Weiwei aber in jedem Fall hervorhebt – und im Normalfall von der Mehrheit der Besucherinnen und Besucher seiner Ausstellungen unterscheidet: er handelt. Und er setzt sich der Kritik aus. Das ist schon so viel mehr, als ein Großteil Beliebigkeit, und es ist vor allem so viel ehrlicher als etwa das Flüchtlingsschiff ‚Barca Nostra‘ von Christoph Büchel auf der Venedig Biennale, ein Totenschiff ohne Respekt.

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Ai Weiwei Installationsansicht / installation view: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21, 2019 Foto: Achim Kukulies

Ai Wewei kommuniziert ständig. Sei es auf Twitter oder in seiner Kunst, sei es schriftlich, mündlich, handwerklich, filmisch. Er demonstriert Kommunikation auch als kulturelles Phänomen, zeigt Grenzen, aber eben auch Möglichkeiten auf, und vor allem ihre Wandlung. Kulturgeschichte ist der Austausch von Ideen und Menschen, ein Geben und Nehmen, das nicht immer friedlich verlaufen ist und verlaufen wird. Die Ausstellung in Düsseldorf umgibt uns faktisch mit Kommunikation. Und erstaunlicherweise ist sie doch viel weniger laut, als man es sich denken würde, denkt man an Ai Weiwei. Den Eindruck auf mich machen die Arbeiten nicht durch Lautstärke, sondern durch Beständigkeit. 

My favorite word? It’s ‚act.‘ 

(Karen Smith et al. Ai Weiwei (Contemporary Artists (Phaidon), London: Phaidon Press, 2009)
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Ai Weiwei und Prof. Dr. Susanne Gaensheimer, K21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Foto: Andreas Endermann

‚Ai Weiwei‘  im K20 und K21 der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf, noch bis zum 1. September