‚BODY CHECK. Martin Kippenberger – Maria Lassnig‘, im Lenbachhaus Kunstbau, München

Selbstinszenierung und Selbstsezierung teilen den empfindlichen und unergründlichen Mechanismus einer überkomplexen Maschine als Instrument des Wollens. Zusammenhänge und Funktionen verstehen zu wollen liegt vermutlich so sehr in der Reflexion über diese Unergründlichkeit begründet, wie Konfrontation und Aggression. In allen Fällen der Auseinandersetzung scheint es mir auch darum zu gehen, Reflexion als Gradmesser für Verletzlichkeit und die Schwere von Verletzungen zu verstehen, und ein Verständnis für die Wirkmacht der Psyche auf die Physis und andersherum zu entwickeln. Die Aufteilung des Ganzen in überschaubare Stücke, die Erzählung über den Körper als Aneinanderreihung von Episoden, die Konzentration auf das Detail, kann das Verständnis zumindest situativ fördern, ohne dabei allerdings den Anspruch erheben zu können, dieses Ganze wiederum als eine Kombination von Teilen zu begreifen. 

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ELFIE SEMOTAN Martin Kippenberger. Frieda für alle IV, 1996 © Elfie Semotan, courtesy Galerie Gisela Capitain, Cologne

Fünfunddreißig Jahre Altersunterschied liegen zwischen Maria Lassnig und Martin Kippenberger. Fünfunddreißig Jahre und eine Annäherung aneinander und an den Körper, wie sie vermutlich unterschiedlicher nicht sein könnte, und in der doch eben jener Körper eine so zentrale Rolle spielt. Kippenbergers Körper wird Kippenbergers Geist, dem Drang nach Inszenierung, nach Kampf und Bühne, nach Verausgabung und Sucht, nicht lange folgen. 1997 stirbt er mit nur 43 Jahren an den Folgen von Sucht und Sehnsucht. Maria Lassnig ist 94 als sie 2014 stirbt, und sie wird bis zum Lebensende ihren Körper befragen, zergliedern, sezieren und beobachten.  

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ELFIE SEMOTAN Maria Lassnig, 2000 © Elfie Semotan, courtesy Galerie Gisela Capitain, Cologne

Die Ausstellung ‚BODY CHECK. Martin Kippenberger – Maria Lassnig‘ im Münchener Lenbachhaus Kunstbau bringt also mit zwei künstlerischen Positionen auch zwei Biografien zusammen, die sich zunächst schon qua Alter und Altersunterschied so recht nicht mit einer Gemeinsamkeit denken lassen. Und doch gelingt es ihr, in allen Unterschieden die Gemeinsamkeiten zu sehen, weil sie sich auf überzeugende Weise auf etwas zu konzentrieren weiss, das Peter Pakesch, Museumskurator und Vorsitzender der Maria Lassnig Stiftung, im Katalog so zu formulieren weiß:

‚Während Lassnig aus ihrem Leben, ihrer Wahrnehmung, ihrem Körper Kunst extrahiert, die in dieser ihrer Genuität die Welt zu repräsentieren imstande ist, zwingt Kippenberger die Bilder – und sich selbst – zusammen, woraus eine Welt entsteht, die dann natürlich auch eine besondere Wahrhaftigkeit besitzt. Beide Welten werden erlitten, die eine von innen heraus, die andere als inszeniertes Drama oder inszenierte Groteske. Während sich Lassnig zusehends befreit und in ihren Bildern zu immer neuen unorthodoxen Lösungen findet, nähert sich Kippenberger auf anderem Weg – und ohne das im Sinn zu haben – ihrem Werk an.’ (S.55)
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ARIA LASSNIG Die Lebensqualität (Quality of Life), 2001, Öl auf Leinwand / oil on canvas, 195 cm x 205 cm © Maria Lassnig Stiftung / Foundation

Schon der Titel liefert ja so überzeugend zweideutig wie humorvoll einen Hinweis auf die Erzählstränge, die wie Lunten das Leben begleiten. ‚Body Check‘ mag vielleicht nur das Abhaken eines Komplexes, einer Thematik im Werk bedeuten: Haken dran an das Thema Körper. Vor allem aber bezeichnet ‚Bodycheck‘ einerseits ja die sportliche, körperliche Auseinandersetzung, den direkten Kontakt mit dem Gegner, der nach klaren Regeln vollzogen den maximal erlaubten Konflikt, die maximal mögliche Inszenierung der Körperlichkeit bedeutet, und bei dem doch Verletzungen nicht ausbleiben. Und andererseits meint der Begriff die systematische Überprüfung des gesamten Körpers auf Verletzungen oder Veränderungen, wie sie durch Ersthelfer nach einem Unfall geschehen sollte, indem dieser Körper eben von Kopf bis Fuß nach Abschnitten und mit Augenmerk auf die jeweilige Funktionsfähigkeit der einzelnen Partien hin gegliedert und kontrolliert wird.

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MARTIN KIPPENBERGER Ohne Titel (aus der Serie Das Floß der Medusa), 1996, Öl auf Leinwand, 150 cm x 180 cm © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Einen treffenderen Ausstellungstitel hätte man für diese Präsentation nicht wählen können. Sicher, sie schränkt den Blick ein auf ein bestimmtes Themenfeld, aber sie wird gerade damit einem besonderen Anspruch gerecht, nämlich uns als Betrachter erklären zu wollen, wo die sensiblen, feinen und doch so sichtbaren Schnittstellen im Denken und Arbeiten bei Kippenberger und Lassnig liegen, und was das mit uns und unserem Blick auf die Werke macht.

Das ist es, was diese Ausstellung so faszinierend macht: sie vermag nicht nur zwei Künstlerpersönlichkeiten im und mit dem Werk zu präsentieren, sie vermag es vor allem, an ihrem Beispiel über den Umgang mit der Fragilität und Komplexität des Körpers, des menschlichen Körpers, zu erzählen. Die Erzählung als solche mag dabei noch nicht einmal für jeden eine Überraschung sein oder neue Erkenntnisse bergen, aber indem sie den Weg über die Kunst wählt, und indem sie am Beispiel zweier so unterschiedlicher Charaktere wirkt, wird sie zu dem konvexen Handspiegel, mit dem Maria Lassnig ihren Körper begutachtet und fragmentiert und zur Kamera, die Martin Kippenberger als Grundlage für seine Selbstinszenierung nutzt, wie Ausstellungskurator Veit Loers im Katalogbeitrag mit dem Titel ‚Du oder Ich‘ berichtet:

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MARIA LASSNIG Sprechzwang (Compulsion to Speak), 1980, Öl auf Leinwand / oil on canvas, 160 cm x 130 cm Privatsammlung © Maria Lassnig Stiftung / Foundation
‚Lassnig und Kippenberger haben beide als Maler bzw. Malerin eine Richtung eingeschlagen, in welcher Jacques Lacans „corps morcelé“, der zergliederte Körper des frühkindlichen „Spiegelstadiums“, in dem das Kind die Körperteile, die ihm der Spiegel zeigt, noch nicht zusammenzufügen versteht, einen wichtigen Bezugspunkt bildet.’ (S.29)

Die Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Skizzen, Skulpturen, die hier gezeigt werden, und die einen Zeitraum vom Beginn der 70er (Lassnig) bzw. Ende der 70er (Kippenberger) bis Nahe an das jeweilige Lebensende umspannen, machen deutlich, wie sehr das Nachdenken über den Körper, allemal den eigenen, zu Verständnislosigkeit, zu Schrecken und Ungläubigkeit führen kann, und auf welch unterschiedliche Weise jeder damit umgeht.

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MARTIN KIPPENBERGER Ohne Titel (aus der Serie Hand Painted Pictures), 1992, Öl auf Leinwand, 180 cm x 150 cm Private Collection. Courtesy Hauser & Wirth Collection Services © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Martin Kippenberger hat mit seinem Werk den Weg des extrovertierten Selbstdarstellers gewählt, dessen Körper in der Arbeit, den Arbeiten, Vehikel einer Haltung, einer Meinung, einer Rolle ist.

Veit Loers schreibt:

‚Ein wesentliches Moment ist Kippenberger als „Angeber“ und als Selbstdarsteller: Als „authentisch und inszeniert“ hat ihn Isabelle Graw bezeichnet. Der Künstler steht – eben nicht nur als Autor – quasi in voller Körperlichkeit hinter all seinen künstlerischen Produkten, auch dann, wenn er die Produktion an Dritte vergeben hat. Kippenberger ist schon 1975 der penetrante Selbstdarsteller, als der er modellartig auf einem Kamin posiert.’ (S.23)
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MARTIN KIPPENBERGER Ohne Titel (aus der Serie Fred the frog), 1990, Öl, Acryl auf Leinwand, 240 cm x 200 cm Foto: Lothar Schnepf © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

 

 

Man erkennt den Selbstdarsteller, den Provokateur, den Schelmen und ganz sicher den politischen Kippenberger auch in der Malerei. Man erkennt aber vor allem Dingen – auch hier vor Ort – den Künstler im Zweifel über die Funktion, die Funktionsfähigkeit, des Körpers, allemal seines eigenen, den er ausbeutet, als wäre er die unendliche Ressource Material, aus dem es gilt Kunst entstehen zu lassen. Die Todesnähe, das Gefühl, ausgeliefert zu sein, und das Wissen über die Mitschuld an dieser Ausweglosigkeit, scheinen in ihm die Kräfte freizusetzen, die es erlauben und ermöglichen, vor allem in der Reflexion über Körper und Vergänglichkeit eine neue, andere Bildsprache zu erlangen.

Peter Pakesch, langjähriger Galerist und Wegbegleiter von Kippenberger formuliert den Wandel, auch als eine gedachte Kreuzung mit Werk und Selbstverständnis von Maria Lassnig, so:

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MARIA LASSNIG Illusion von den versäumten Heiraten II (Illusion of the Missed Marriages II), 1998, Öl auf Leinwand / oil on canvas, 125 cm x 100 cm Photo: Roland Krauss © Maria Lassnig Stiftung / Foundation
Über die Fotografien taucht Kippenberger in einer Weise in die Körper hinein, wie es bis dahin bei ihm nicht vorkam. Die (auto)suggestive Dramatik dieser Bilder trägt existenzielle Züge und hat insofern wahrscheinlich auch Robert Storr zu seiner Interpretation der in ihnen anklingenden Todesahnung ermuntert. Es sind aber nicht nur die Gestik und die Intensität der Selbstdarstellung, sondern vor allem auch die Farben, die dieses Drama befeuern und die Körperlichkeit verdichten. Damit scheint Kippenberger dort angekommen, wo Lassnig schon lange war. Deren Bilder von sich selbst beginnen nun im Gegenzug – verhaltener zwar und ihre Intensität aus anderen Quellen speisend – zunehmend drastischer zu werden. Während Kippenberger, ausgehend vom Drastischen, sich der radikalen Selbstentdeckung zukehrt, findet Lassnig über die radikale Betrachtung ihrer selbst zunehmend zur Drastik. Gegen ihr Lebensende spricht sie gar selbst von „drastischen Bildern“ oder „drastischer Malerei“. (S.58)
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MARTIN KIPPENBERGER Junger progressiver Arzt bei der Betrachtung von Unrat, 1985, Öl auf Leinwand, 180 cm x 150 cm Foto: Lothar Schnepf © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Es fasziniert, diese Entwicklung in der Ausstellung nachvollziehen zu können. Und es fasziniert nicht minder, dass es keine Bestätigung für ein direktes Aufeinandertreffen der beiden zu geben scheint. 

Maria Lassnig, wie schon erwähnt deutlich älter als Kippenberger, inszeniert ihren Körper nicht, sie verfolgt eine früh begonnene Aufgabe der systematischen Befragung, deren Wahrnehmung in bestechenden wie häufig auch verwirrenden bis schließlich abstossenden Gemälden manifest wird. Das intensive Hineinhorchen, in dessen Folge eben eher der medizinische Bodycheck denn der sportliche Ausdruck findet, und das den Körper als auch für den Betrachter des Werkes erkennbar zerlegt und Teil für Teil begutachtet, beschreibt Lassnig selbst so:

„Da habe ich zum Beispiel eine realistische Nase gemalt und dafür keinen Mund, weil ich den Mund nicht gespürt hab“ (zitiert in: Anna Fricke ‚Stillstand ist der Tod‘, im Ausstellungskatalog, S. 123)

Das Ergebnis lässt an Dramatik und Drastik häufig nichts vermissen, und doch spüre ich vor den Gesichtern und Gliedmassen, den Mündern, Nasen, Augen, Körpern, in den Studien, Zeichnungen und Gemälden auch eine Sehnsucht nach Verständnis für das Unverständliche, nach einer wie immer auch gearteten Einheit von Körper und Geist, die vielleicht ja die Verwirrungen auflösen, die Ängste eindämmen könnte.

Die Kuratorin Anna Fricke setzt das Zitat von Lassnig fort:

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MARIA LASSNIG Ohne Titel (Untitled), ca. 1995-2009, Öl auf Leinwand / oil on canvas, 130 cm x 100 cm © Maria Lassnig Stiftung / Foundation
‚Das Werk von Maria Lassnig hat seinen Ausgangspunkt in der Konzentration auf den eigenen Körper. Introspektiv spürt sie in den eigenen Körper hinein, nimmt die Reaktionen des Körpers auf seine Umgebung wahr und ist sich der unvermeidlichen Einbindung der eigenen psychischen Konstitution bewusst, die mit dem Körper in eins läuft.’ (S. 123)  

Nicht allzu häufig, scheint mir, ist Gedachtes und Gezeigtes zu und in einer Ausstellung so kongruent und erfahrbar.

Die hier zitierten Texte stammen allesamt aus dem sehr lesenswerten Katalog zur Ausstellung, der sich den Künstlern jeweils und in gemeinsamen Betrachtungen widmet, und der ebenso wie die Wandtexte der Ausstellung von einer erfrischenden Verständlichkeit ist.

‚BODY CHECK. Martin Kippenberger – Maria Lassnig‘ rührt und berührt, ist schonungslos, offen, fordernd und direkt, ohne dabei den feinsinnigen Humor zu unterschlagen, mit dem sich beide Künstler dem Leben stellen und widmen. Die Ausstellung greift im besten Sinne und in bestmöglicher Weise eine motivische, d.h. werkimmanente, Gemeinsamkeit zweier Künstlerpersönlichkeiten heraus, ohne die unterschiedlichen Motive, d.h. auch Persönlichkeiten und Biografien, zu unterschlagen.

Es lohnt, diese Erfahrung zu machen, und vielleicht auch die eigene Körperwahrnehmung als Selbstinszenierung und Selbstsezierung zu untersuchen und zu hinterfragen.

‚BODY CHECK. Martin Kippenberger – Maria Lassnig‘, im Lenbachhaus Kunstbau, München, bis zum 15. September 2019

Di 10–20 Uhr
Mi–So und Feiertags 10–18 Uhr

Der Katalog kostet im Museum 30€