‚Der junge PICASSO – Blaue und Rosa Periode‘, in der Fondation Beyeler, Riehen

Das erste Bild, hier, in der Fondation Beyeler, in der Ausstellung ‚Der junge PICASSO – Blaue und Rosa Periode‘. Schon aus der Ferne zieht einen dieser Blick an und in seinen Bann. Die Zeitreise beginnt.

Wie ein Brandzeichen markiert sein Ego den ersten Auftritt. – Yo –, ‚Ich‘, ganz selbstverständlich, mit allem, was ihn ausmacht. Ein Selbstporträt im Frühsommer 1901, ein wenig noch Anlehnung an Van Gogh vielleicht, aber eben doch nicht, weil in diesem Blick auch eine Ansage steckt, Willen und Ehrgeiz nach mehr, nach Eigenständigkeit.

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PABLO PICASSO, ANONYM Pablo Picasso auf der Place Ravignan, Montmartre, Paris, 1904 Silbergelatineabzug auf Papier, 12 x 8,9 cm Musée national Picasso-Paris

Picasso ist noch keine Zwanzig und er ist in Paris. Er malt für diese Stadt und ihre Menschen, und er malt für eine Ausstellung bei Ambroise Vollard. Er malt Prostituierte, Sängerinnen, Tänzerinnen, Frauen in Cafés, das Nachtleben, das Theater. Er malt viel, schnell, expressiv und er ist erfolgreich. Picasso verkauft gut, aber so recht will es zu einem guten Leben noch nicht reichen. Der Sommer geht, und vielleicht geht mit ihm auch die Hektik, die Rastlosigkeit, die ständige Suche, die ständige Arbeit. Vielleicht geht mit dem Sommer für eine Weile auch die Selbstsicherheit Picassos, und die Sentimentalität kehrt zurück. Wer bestimmt, wie ein Mensch in diesem Alter zu sein hat? Picasso würde vielleicht sagen: nur er selbst! ‚Nur ich!‘ 

Noch ein Schritt zurück: Als sein bester Freund dieser Tage sich im Februar des Jahres in Paris das Leben nimmt, ist Picasso nicht bei ihm. Er ist in Madrid, und so verfehlt ihn auf gewisse Weise die Wirkung der Kugel zunächst, die sich Carles Casagemas in den Kopf schießt, weil die Frau, die er liebt, seine Gefühle nicht erwidert. Die spanische Hauptstadt nimmt ihn in Beschlag, zumindest was die Arbeit angeht. Es gibt viel zu tun, das Pensum ist so immens, wie die Pläne groß sind. Es wird März, April, Barcelona! Frühling am Meer! Nur wenige Wochen, aber mit ungebrochenem Enthusiasmus entstehen zahlreiche Werke für die bevorstehende Ausstellung und solvente Käufer in Paris. 

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PABLO PICASSO, YO PICASSO, 1901 Öl auf Leinwand, 73,5 x 60 cm Privatsammlung © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich

Der Sommer in Paris also, das Atelier des toten Freundes, und dessen unerfüllte Liebe: beides nun, seltsam selbstverständlich, seins. Wie man mit Schmerz umgeht, auch das will er sich nicht vorschreiben lassen, scheint mir. Vielleicht ist es ja so, dass man die Dinge des Lebens, die Rührungen und Unwägbarkeiten, die Herausforderungen und Niederlagen, einfach verschlingen muss, sie sich wahrhaft einverleibt, weil man sie eben nur beherrschen kann, wenn sie so sehr Teil eines Selbst werden, dass ihre Stimmen die eigenen Stimme, ihre Blicke der eigene Blick, ihre Körper der eigene Körper werden.

In der Wildheit und Ruhe des tiefen Dunkels seiner Augen liegen Fluch und Segen der jungen Jahre eines Mannes, der sich seiner Wirkung auf die Mitmenschen bewusst gewesen sein muss. Mit ihnen sieht er alles so, wie man ihn sieht, und in ihnen sieht man nichts. In diesem Sommer in Paris ist da ein gieriges Sehnen in diesem Blick und ein unbedingter Wille. Im Atelier am Boulevard de Clichy malt Picasso bis zu drei Gemälde am Tag. Die Ausstellung wartet, Eile ist geboten, Karton muss reichen. Oder der Deckel eines kleinen Farbkastens.

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PABLO PICASSO, LA MORT DE CASAGEMAS, 1901 Öl auf Holz, 27 x 35 cm Musée national Picasso-Paris © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich Foto: © RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / Mathieu Rabeau

Nur 27 x 35 cm misst der Platz, den Picasso also braucht, um sich in all dem Trubel und der Hektik zu erinnern. ‚La Mort de Casagemas‘ – ‚Der Tod des Casagemas‘, wird in der drückenden Hitze des sommerlichen Ateliers ein vielleicht erster Hinweis darauf, dass sich die Erinnerung an den Freund und der Schrecken über seinen Tod doch nicht ganz haben vereinnahmen lassen. Noch wahrt hier alles deutlich Distanz, ist eher Aneignung und Reminiszenz. Nicht der tote Freund liegt hier, sondern der Tod selbst ist das Thema. Noch überstrahlt das Totenlicht die Szenerie, noch haben die Farben Kraft in Auftrag und Wirkung. Picasso hat die Palette nicht aus der Hand gelegt, die er in diesen Wochen für seine Werke verwendet, und doch öffnet er mit diesem kleinen Bild – vielleicht ganz unbewusst, weil unterbewusst – einen Spalt in seine Seelenwelt.

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PABLO PICASSO, FEMME ASSISE AU FICHU, 1901 Öl auf Leinwand, 100 x 69,2 cm The Detroit Institute of Arts, Vermächtnis von Robert H. Tannahill © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich Foto: © Bridgeman Images

Noch ist es Sommer. Aber dieses eine Mal noch wird ein Sommer vorüber gehen und seine Hitze wird nicht reichen für die Kälte, die der Herbst bringen wird. Es scheint bald so, als sei Picasso mit dem Wechsel der Jahreszeiten in diesem so entscheidenen Jahr bewusst geworden, dass ‚Ertragen können‘ nicht immer planbar oder Teil des Charakters ist, schon gar nicht, wenn man erst Anfang Zwanzig und in Paris ist. Und so wie die Sonne geht, und die Farben aus der Natur verschwinden, kommt die Erinnerung, und aus den Silhouetten der Erinnerung und dieser Stadt treten die Figuren, die Tod, Elend, Armut, Leid, Krankheit, Abhängigkeit, Trostlosigkeit sind. Aus dem wilden, herausfordernden Picasso des Frühjahrs wird der melancholische, grüblerische und pessimistische Künstler, ein Porträt der Gefühlswelt eher als der Realität, eine Inszenierung der Umstände.

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PABLO PICASSO, AUTOPORTRAIT, 1901 Öl auf Leinwand, 81 x 60 cm Musée national Picasso-Paris © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich Foto: © RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / Mathieu Rabea

Der kommende Winter wird entbehrungsreich, in vielerlei Hinsicht, und die kommenden Jahre werden ihn zu den Rändern der Gesellschaft führen, den Mittellosen und Kranken, ins Frauengefängnis Saint-Lazare, zu den Absinthtrinkerinnen, den Prostituierten, in die dunklen Bistros und dreckigen Hinterzimmer, zu den Straßenmusikern und Bettlern, durch Kälte und Hunger. Je näher er diesen Themen kommt, um so klarer wird ihm wohl, dass er räumlichen Abstand braucht, wenn er sie mit der Ernsthaftigkeit bannen will, die er für sich selbst als Maßstab – auch gegen die reine Verkäuflichkeit – ansetzt. Sein ‚Personal‘ begleitet ihn, mit einem erneuten aber kurzen, winterlichen Intermezzo in Paris, nach Barcelona, und durch die Jahre 1902 bis 1904.

Und einmal noch, im Frühjahr 1903, scheint ihn die Erinnerung an seinen verstorbenen Freund einzuholen, vor der er sich so vermeintlich gut geflüchtet hatte.

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PABLO PICASSO, LA VIE, 1903 Öl auf Leinwand, 197 x 127,3 cm The Cleveland Museum of Art, Schenkung Hanna Fund © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich Foto: © The Cleveland Museum of Art

Mit ‚La Vie‘ setzt er ihm ein letztes Denkmal voller Geheimnisse. Nicht nur die Motive im Gemälde selbst, sondern auch die Entstehung aus Übermalung und Veränderung, machen es zu einem beeindruckenden Rätselbild, das doch und vor allem in seiner Ernsthaftigkeit, Zartheit und Zurückhaltung wirkt, in der es Liebe, Partnerschaft, Vertrauen, Geburt und Tod in Szene setzt, und eine Ikone der Freundschaft ist.

Mit Fernande Olivier kommt Ende 1904 die erste langjährige Weggefährtin und Muse in Picassos Leben, und endlich ist er auch zurück in Paris, Adresse: Bateau-Lavoir, Rue Ravignan 13. Fernande muss sich die Aufmerksamkeit des Künstlers noch eine Weile mit Madeleine teilen, die nicht nur Gefährtin, sondern auch Modell für zahlreiche Gemälde und Zeichnungen dieses Jahres ist, und mit der sich im Bild der Wandel von der Blauen in die Rosa Periode vollzieht. 

Im Rosa kehrt das Leben ganz zart in die Gemälde zurück, und ist hier und da doch eher eine feine, hauchdünne, bald durchlässige Membran. Es nicht das Rosa der ‚rosa Wangen‘, die von Lebendigkeit und Frische künden. Vielmehr scheint es das einer Empfindlichkeit, die der Körper ist, die Farbe einer Haut, die nur unzureichend vor Tragik und Melancholie schützen kann.

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PABLO PICASSO, ARLEQUIN ASSIS SUR FOND ROUGE, 1905 Aquarell und Tusche auf Karton, 57,5 x 41.2 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Museum Berggruen © Succession Picasso / 2018 ProLitteris, Zürich 2018 Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB, Museum Berggruen / Jens Ziehe

Kein Lächeln kündet in den Bildern von Freude, was umso erstaunlicher ist, als Picasso sich von den Elenden, Kranken und Randständigen ab- und den Gauklern, den Artisten und Harlekinen zuwendet. Die waren schon früher Motiv, nie aber so konsequent auch Seelenlandschaft. Ihre Blicke sind nach innen gekehrt, ihre Kostüme nur Verkleidung für die Unterhaltung, die sie anderen bieten. Auch Picasso selbst findet sein neues Ich im Harlekin, Sinnbild der Künstlernatur, die er für sich fühlt.

Akrobaten und Harlekine, angewiesen auf die Zuverlässigkeit, Hilfe, den Zuspruch und das Verständnis anderer, wie Kinder etwa von ihren Eltern abhängig sind.

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PABLO PICASSO, ACROBATE ET JEUNE ARLEQUIN, 1905 Gouache auf Karton, 105 x 76 cm Privatsammlung © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich

In ‚Acrobate et jeune arlequin‘, entstanden Anfang 1905, kulminierte alles Begehr nach Schutz, nach Liebe und Wärme, in einer Zärtlichkeit die gleichsam Auflösung ist. Einzig die Augen des jungen Harlekins in einem so fein konturierten, fahlen Gesicht, scheinen noch lebendiger Körper zu sein, während sich alles andere in Flächen und Formen gegen und mit dem Hintegrund auflöst. Erwartung und Erschöpfung, Hoffnung und Ablehnung, Sehnsucht und Verschlossenheit. In diesem so wunderbaren Bild schwingen so viele Gefühle mit, die ihre Verbindung zu den Figuren suchen, die sich mit jeder Geschichte verändern, die man sich erzählt. 

Dieses Motiv, diese Geschichte:

Ende 1902 malt Picasso  ‚La Soupe‘. Eine Mutter reicht ihrem Kind eine Schüssel heißer Suppe. Sie hat die Augen geschlossen, ihr Oberkörper beugt sich zum Kind herab, das mit geöffneten Augen, und die Hände sehnsüchtig der warmen Mahlzeit entgegengestreckt, seinen Körper in einem Schritte zu ihr hinauf reckt. Hoffnung und Sehnsucht, Hilfe und Abhängigkeit, Erwartung und Erschöpfung.

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PABLO PICASSO, LE REPAS DE L’AVEUGLE, 1903 Öl auf Leinwand, 95,3 x 94,6 cm New York, The Metropolitan Museum of Art, Ankauf Herr und Frau Ira Haupt, Schenkung 1950 © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich Foto: © 2017, The Metropolitan Museum of Art / Art Resource / Scala, Flore

Zwischen den Figuren, ihren Biografien und ihrem Lebensumfeld, zwischen den Armen und den Harlekinen, den Kranken und den Artisten, mögen Jahre und veränderte Umstände liegen, und doch zeugen viele der Figuren der Rosa Periode nicht minder von den Themen jener frühen Jahre und werden Picasso auch noch eine Weile nicht loslassen.

Und im Mai 1906, in Gósol, einem Pyrenäendorf weit ab von den Annehmlichkeiten moderner Zivilisation, und doch für Picasso vielleicht gerade darum so modern, weil sich hier Natur und Mensch in großer Ursprünglichkeit und Direktheit treffen, malt er ‚Le Deux Frères‘, die beiden Brüder, der ältere den jüngeren auf dem Rücken Huckepack, mit kritischem, aufmerksamen Blick. Ganz wortwörtlich beäugt er die Betrachter, während die Augen des Bruders nur Andeutung sind, wie auch sein ganzes Wesen, sein Körper, eher mit dem Hintergrund zu verschmelzen, oder gerade erst aus ihm herauszutreten scheint.

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PABLO PICASSO, NU SUR FOND ROUGE (JEUNE FEMME NUE À LA CHEVELURE), 1906 Öl auf Leinwand, 81 x 54 cm Paris, Musée de l’Orangerie, Sammlung Jean Walter und Paul Guillaume © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich Foto: © RMN-Grand Palais (Musée de l’Orangerie) / Hervé Lewandowski

Vielleicht ist es die Natur hier, vielleicht die Rustikalität, die Ursprünglichkeit, die Körperlichkeit, vielleicht sind es die Menschen, die der Trubel der Großstadt nicht erreicht, deren Leben andere Herausforderungen sind, als jene der Städter. Vielleicht, vermutlich wenn man die Werke hier sieht, kommt Picasso an diesem Ort zur Ruhe. Das wogende Nervenkostüm des empfindsamen Städters glättet sich, und mit ihm die Bildsprache. Die alte iberische Kunst begeistert ihn schon einige Zeit, und hier findet er den Hintergrund, die Quelle all der Formen und Materialien, mit denen er arbeiten möchte. Hier findet er Ursprünglichkeit und den Blick auf die Motive eines entbehrungsreichen Lebens. Hier findet er im Ocker der Haut und der Erde die farbegwordene Einheit von Physis und Psyche, die Möglichkeit der kraftvollen Zurückhaltung.

Fast scheint es, als wolle einem die so kurze wie überraschende Sichtachse nach all dem Schwelgen in Motiven und Motivwelten, der Konfrontation mit Leid und Tod, mit Freundschaft und Liebe, mit Verlust und Vertrauen, mit Blau, Rosa und Ocker, mit den sentimentalen Geschichten, den feinen Bezügen und Hinweisen, mit Verderben und Sinnlichkeit, mit Hybris und Zweifel, während derer man die Zeit vergessen haben mag, die hier und die Picassos, wie ein Windzug zwischen zwei Räumen und Fenstern zutragen: Fünf Jahre! 

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PABLO PICASSO, AUTOPORTRAIT, 1906 Öl auf Leinwand, 65 x 54 cm Musée national Picasso-Paris © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich Foto: © RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / Mathieu Rabea

Von Picassos ‚Autoportrait‘ von 1906 fällt der Blick zurück auf ‚Yo Picasso‘ von 1901, und man kann nicht umhin sich noch einmal ganz dem Staunen hinzugeben, dass Picasso ist. In seiner Nacktheit und Zurückhaltung, in seiner Konzentration und Reduktion, im Statuenhaften, in den Flächen und Formen, die Körper und Gesicht sind, weist das Werk in die Zukunft. Der Weg zu ‚Les Demoiselles d´Avignon‘, das 1907 entsteht und vielen als entscheidender Wendepunkt der Kunst des 20. Jahrhunderts gilt, ist nicht mehr weit. Und doch scheint mir auch der Blick zurück in diesem bei aller Härte der Oberflächen doch im Ausdruck so feinsinnigen wie reflektierenden Gemälde zu liegen. Fast scheint es, als blicke Picasso ganz bewusst und mit einem leichten Lächeln, das die Mundwinkel umspielt, an uns Betrachtern vorbei, auf etwas, das ihm wichtiger scheint, als er selbst, als wir und unsere Meinung. Vielleicht blickt er auf die letzten fünf Jahre, auf ‚Yo Picasso‘, vielleicht erinnert er sich an Casagemas oder Fernande. 

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Pablo Picasso, Buste de femme au chapeau (Dora), 1939, Öl auf Leinwand, 55,0 x 46,5 cm (Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler, © Succession Picasso/2018, ProLitteris, Zürich)

Über Picasso ist so viel erzählt und geschrieben worden. Manchmal mag er einem dabei schon wie ein alter Freund vorkommen, oder ein guter Bekannter zumindest. Mir aber scheint es, ich habe ihn dann doch erst in seinen späteren Jahren kennengelernt, und so recht hat er mir nie von seiner Jugendzeit berichtet. Sicher, da war manches Motiv, das bekannt war: der tote Casagemas, ‚La Célestine‘, ‚La Vie‘, die Autoportraits jener Jahre, später einige Harlekine und Artisten, die zwei Brüder in Gósol, Fernande….

Aber ich habe die Jahre nie gesehen, die zarten Fäden zwischen all den Geschichten, Bildern, Skulpturen, Zeichnungen, Drucken, die nun hier zu sehen sind. Das alles ist ein großes Wunder und ein Staunen, und vielleicht das Eindrucksvollste, was ich jemals an Ausstellung gesehen habe. Und ich bin mir recht sicher, dass es so bald keine weitere Chance geben wird, dieses Wunder zu erleben. Was hier zu erfahren ist, lässt sich leicht, und vielleicht zurecht, mit Superlativen beschreiben. Doch all die beeindruckenden Zahlen zu Zeit und Kosten und Versicherungssumme und Größe und Menge und Leihgebern, verlieren sich in den Werken einer Epoche, über die John Richardson zu berichten wusste:

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PABLO PICASSO, FAMILLE DE SALTIMBANQUES AVEC UN SINGE, 1905 Gouache, Aquarell und Tusche auf Karton, 104 x 75 cm Göteborg Konstmuseum, Ankauf, 1922 © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich Foto: © Göteborg Konstmuseum

‚Wenn wir über die blauen und rosa Gemälde sprachen, sagte Picasso oft zu mir: ‚Il faut oblier tout ça!‘ Aber er dachte überhaupt nicht daran, und ich auch nicht.‘

(John Richardson im Gespräch mit Stéphane Guégan, Katalog S. 292)

Und es ist so: man kann sie nicht vergessen! 

 

 

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PABLO PICASSO, FEMME (EPOQUE DES «DEMOISELLES D’AVIGNON»), 1907 Öl auf Leinwand, 119 x 93,5 cm Fondation Beyeler, Riehen / Basel © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich Foto: Robert Bayer, Basel

In der Fondation erzählt das ‚Picasso Panorama‘ die Geschichte(n) weiter. 40 Werke aus den Jahren 1907 bis 1972 legen Zeugnis für ein langes wie produktives Leben ab, voller Wandlungen und Kreativität, voller Kraft und Sicherheit. Viele der Werke hier entstammen der eigenen Sammlung und bieten also nun, in Ergänzung mit Leihgaben, die Chance ein Leben eben als Panorama zu erblicken. Dem Museum selbst ist diese Abrundung der großen Sonderausstellung dabei nicht nur ein Bedürfnis im Hinblick auf die Präsentation der Werkentwicklung bei Picasso, sondern ganz explizit auch eine Hommage an Ernst und Hilde Beyeler, die nicht nur wichtige Vermittler und Sammler seiner Arbeiten waren, sondern ihm auch freundschaftlich verbunden. 

‚Der junge PICASSO – Blaue und Rosa Periode‘, bis zum 26. Mai 2019

‚Picasso Panorama‘, bis zum 5. Mai 2019

Bei Hatje Cantz ist ein umfangreicher Katalog erschienen.