‚Tizian und die Renaissance in Venedig‘, im Städel Museum, Frankfurt

 

Ein wenig Traurigkeit scheint in diesem Blick zu liegen. Die dunklen Augen zeugen von der Abwesenheit, dem kurzen Moment, in dem die Gedanken den Ausdruck bestimmen, in dem sich die ganze Konzentration auf die Gefühle in einem verschwommenen Blick in eine unbekannte Ferne und in den nur etwas zu fest aneinander gepressten Lippen äußert, dem Moment, in dem die Mundwinkel ohne jede Arbeit das Gesicht zu einer Maske der Emotion entspannen. Wohin mag er schauen, der ‚Junge Mann‘, den Tizian um 1510 porträtierte, was mag er denken? 

Das kleine Ölgemälde, nur 20 x 17 cm groß, wahrt diese Geheimnisse auch noch nach über 500 Jahren. Es verrät nicht, wen wir sehen, es verrät nicht, was er sieht. Und es verrät auch nichts mehr von den wortwörtlichen Umständen, in denen es vielleicht einmal gedacht und schließlich betrachtet wurde.

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Tizian (um 1488/90–1576) Bildnis eines jungen Mannes, ca. 1510 Öl auf Pappelholz, 20 x 17 cm Städel Museum, Frankfurt am Main © Städel Museum – ARTOTHEK

Bei all den großformatigen ‚Gentiluomini‘ hier, den Dogen und Höflingen, mit ihren kostbaren Gewändern, in Hermelin und Seide, ihren prächtigen Trachten und glänzenden Rüstungen, ihrem selbstsicheren Stand und Blick, bleibe ich vielleicht eben darum an diesem einen hängen, und komme im Verlaufe meines Besuches in der Ausstellung ‚Tizian und die Renaissance in Venedig‘ im Städel Museum immer wieder gerade hierher zurück. 

Später erst, im Katalog zur Ausstellung, stoße ich auf das Gemälde ‚Mann mit roter Kappe‘, das Tizian im selben Jahr anfertigte. Der Blick, der Mund, die Haare, die Kappe, das Hemd… So viel Ähnlichkeit und doch nirgendwo ein Hinweis auf eine Gemeinsamkeit, ausser dieser: auch er trägt keinen Namen. 

Tiziano Vecellio (1488/90 – 1576) ist um die zwanzig Jahre alt, als er den uns Unbekannten malt, und damit am Beginn einer künstlerischen Laufbahn, die ihn in seinem langen Leben, und weit darüber hinaus, zur zentralen Figur der venezianischen Kunstszene und ‚ihrer‘ Renaissance macht.

Hier, im Zentrum des Farbenhandelns, heisst Renaissance ‚Colorito alla Veneziana‘, die Kunst der Farbe. Die Textil- und Glasindustrie fordern beste Pigmente für ihre Produkte, und die Maler profitieren von dieser Qualität auch für ihre Kunst. Die Farbenhändler, hier, in Venedig, ein eigener Berufsstand, werden zu wichtigen Vertrauten und Geschäftspartnern, deren Bedeutung sich etwa an dem eindrucksvollen ‚Bildnis des Farbenhändlers Alvise Gradignan della Scala‘ ablesen lässt, das Tizian von eben jenem, und gleichsam als Ehrerbietung an seine Arbeit, um 1561/62 anfertigte. 

Die Wirkung von Licht und Farbe, die Effekte eines gekonnten Zusammenspiels der Inszenierung: die venezianischen Malerei konnte aus einer qualitativ hochwertigen wie umfangreichen Farbpalette schöpfen, und Maler wie eben gerade jener Tizian konnten so eine solche Könnerschaft im Umgang mit Licht und Farbe entwickeln. Schon zu Lebzeiten galt seine Kunst als Maßstab für Konkurrenten wie Bewunderer, wie Ausstellungskurator Bastian Eclercy betont:

Clarissa Strozzi im Alter von 2 Jahren
Tizian (um 1488/90–1576) Bildnis der Clarice Strozzi, 1542 Öl auf Leinwand, 121,7 x 104,6 cm Berlin, Staatliche Museen, Gemäldegalerie © bpk / Gemäldegalerie, SMB / Christoph Schmidt

‚Kaum ein Bereich der Kunstgeschichte hat eine so kontinuierliche Rezeption erfahren. Tizian, Tintoretto und Veronese ist dabei eine Bewunderung zuteilgeworden wie sonst nur Michelangelo und Raffael‘.

In Frankfurt kann man dieser Bewunderung jetzt nachspüren, und sie für die Gegenwart erleben. Über 100 Meisterwerke der venezianischen Renaissance – davon über 20 von Tizian – eröffnen einen Blick auf eine faszinierende Epoche, ihre Themen und eine Riege von Künstlern, deren Werke einen bis heute in ihren Bann ziehen. 

In der Ausstellung ‚Tizian und die Renaissance in Venedig‘ folgt man ihnen und ihren Bildgeschichten nicht chronologisch, sondern über acht thematisch angelegte Kapitel (aus denen ich einige Beispiele vorstellen möchte), und lernt damit in jedem einzelnen die Besonderheiten kennen, die gerade die venezianische Prägung der Renaissancekunst ausmachen. Eine davon habe ich oben schon erwähnt, weil sie gleichsam die Grundlage für die Kunstfertigkeit war, das ‚Colorito alla Veneziana‘. Das breite Spektrum an Farben, die Pastosität im Auftrag, Dramatik und Kontrast: 

Nicht zuletzt hierin liegt der Unterschied zur eher auf der Zeichnung basierenden Malerei in Rom oder Florenz in jenen Jahren, wo die Künstler ihre Pigmente noch ausschließlich über die Apotheker erwerben konnten.

Portrait of Alfonso d'Avalos, Marquis of Vasto, in Armor with a
Tizian (um 1488/90–1576) Bildnis des Alfonso d’Avalos mit Page, um 1533 Öl auf Leinwand, 110 x 80 cm Los Angeles, The J. Paul Getty Museum Digital image courtesy of the Getty Museum Open Content Program

Im Kapitel ‚Gentiluomini‘, in den Räumen also, in denen man dem ‚Bildnis eines Jungen Mannes‘ begegnet, trifft man auch auf eindrucksvolle Beispiele dieses meisterhaften Umgangs mit Licht und Farbe, wie er sich eben, vielleicht vor allem den neuen Umständen und Möglichkeiten geschuldet, nur hier entwickeln konnte.

Mit entschlossenem Blick in die Ferne steht da etwa Alfonso d’Avola in einem Harnisch, dessen Detailreichtum, dessen Ornamente und metallischer Glanz in der Perfektion ihrer Darstellung bis heute überwältigen können. Alle Elemente dieser Rüstung und bis hin zum kleinwüchsigen Pagen, der noch den Helm reicht, zeugen von Stand und Einfluss des Porträtierten. Und doch, sein Gesicht, dieser Blick, die feinen Details von Bart und Haaren, die Entschlossenheit in Augen und Mund, all dies, das doch so wenig Raum im Gesamtbild einnimmt, steht so wunderbar kontrastiert, so hell und klar vor dem dunklen Hintergrund, ist eben die Perfektion jenes Spiels mit Licht und Farbe, dass der Blick des Betrachters gerade dort doch immer wieder Halt sucht.

Diese Inszenierung, diese ‚Blickführung‘ über Hintergrund und Vordergrund, vom Gesamteindruck in die Details und zurück, gibt es noch an anderer Stelle zu bestaunen.

‚Noli me tangere (Christus erscheint Maria Magdalena)‘, ein unbestritten meisterhaftes Frühwerk (um 1514) Tizians etwa, verbindet in der Inszenierung die innere Erzählung eines biblischen Motivs mit einer nachvollziehbaren und gleichberechtigten Landschaft aus Natur und Architektur. 

Himmel und Erde, Auferstehung und Himmelfahrt: ausgehend vom Rock Magdalenas folgen die Augen ihrem Blick und ihrer Hand, die den Beweis für die Auferstehung sucht. Über Jesus’ rechte Hand, mit der er behutsam wie bestimmt sein Gewand schützend an sich zieht, über den Arm und an seinem Körper entlang, führt der Blick hinauf zu seinem Blick, seinem Kopf, dem Moment, an dem sich Irdisches und Himmlisches endgültig teilen. Sein Blick führt zu Magdalena zurück, doch der Kopf, und also der Körper, ‚vereint‘ sich gleichsam mit dem über den Horizont des blauen Meeres gen Himmel strebenden Baum, an dessen Krone unser Blick wiederum in die Umgebung entlassen wird, und über den Hof im Hintergrund, den Weg der sich von hier in die Landschaft schlängelt, und das so wunderbar detailreiche, grün schimmernde Buschwerk davor, zurück ins Geschehen gleitet.

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Tizian (um 1488/90–1576) Noli me tangere (Christus erscheint Maria Magdalena), um 1514 Öl auf Leinwand, 110,5 x 91,9 cm The National Gallery, London © The National Gallery, London. Vermacht von Samuel Rogers, 1856

Im Ausstellungskapitel ‚Nymphen in Arkadien – Heilige in der Wildnis. Die Erfindung der Landschaft‘, geht es an zahlreichen weiteren Beispielen auch um diese Erfahrung der Eigenständigkeit von Landschaft im Motiv. Sie wird zu einer bewusst gesetzten, und mit allen Elementen ‚sprechenden‘ Kulisse des Bildmotivs. Von hier ist es nicht mehr weit zum eigenständigen Sujet der Landschaftsmalerei.

Die Landschaft spielt auch in der Darstellung der ‚Sacra Conversazione‘, des ‚heiligen Gespräches‘ also, eine nicht unwesentliche Rolle. Die Ausstellung beginnt mit diesem Kapitel, weil gerade die venezianische Renaissance sich des Motivs der Madonna mit Kind in Erweiterung um heilige Figuren angenommen hat. Sie könnte aber auch ebenso damit enden, und damit quasi in der Zusammenfassung etwas über Mittel, Technik und Motive der Malerei jener Zeit erzählen. Hier treffen Landschaft und Personal gleichberechtigt aufeinander, hier überwältigt die Vielfalt an Farben und deren bewusster Einsatz, hier werden die Fabulierkunst und der Erfindungsreichtum offensichtlich, durch die Motiv und Geschichte sich der Erfahrungswelt einer realen Gegenwart nähern, hier schließen sich eben das ‚Heilige‘ und das ‚Irdische‘ nicht mehr aus, alles kommt zusammen und wird Mittel zum Zweck.

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Paolo Veronese (1528–1588) Ruhe auf der Flucht nach Ägypten, um 1572 Öl auf Leinwand, 236,2 x 161,3 cm Bequest of John Ringling, 1936, © Collection of The John and Mable Ringling Museum of Art, Sarasota, FL, the State Art Museum of Florida, Florida State University

Es ist kein Werk Tizians, das am Beginn der Ausstellung steht. Mit dem großformatigen Gemälde ‚Ruhe auf der Flucht nach Ägypten‘ von Paolo Veronese, ist es sogar eines, das zeitlich (um 1572 entstanden) schon eher die Bestätigung einer Traditionslinie bezeichnet, der Tizian mit dem hier ebenfalls ausgestellten Werk ‚Madonna mit Kind, der heiligen Katharina sowie einem Hirten (Die Madonna mit dem Kaninchen)‘ schon um 1530 folgt. Und doch ist es natürlich gerade in Format und Motivreichtum, in seiner Farbigkeit und all den herrlichen Details, in seiner Verbindung zeitlicher wie perspektivischer Ebenen, seiner Bezugnahme und seiner Freiheit der Inszenierung, vermutlich das bestmögliche Beispiel, um schon auf die umfangreiche Themenwelt einzugehen, die es in den folgenden Räumen zu erleben gibt. Und vielleicht ist es ja auch bewusst für den Beginn gewählt, weil es unseren Gang durch die Ausstellung ähnlich lenkt und begleitet, wie viele der Motive hier unseren Blick. Man beginnt an einer Stelle, aber kommt hierher eben auch zurück.

La Vierge et l'Enfant avec Sainte Catherine dit "la vierge au lapin"
Tizian (um 1488/90–1576) Madonna mit Kind, der heiligen Katharina sowie einem Hirten (Die Madonna mit dem Kaninchen), um 1530 Öl auf Leinwand, 71 x 87 cm Paris, Musée du Louvre, Département des Peintures ©bpk / RMN – Grand Palais / Michèle Bellot

Mit jeder Runde durch die acht Kapitel verstärkt sich der Eindruck der Details, entdeckt man immer mehr Geschichten, aber auch immer mehr Geheimnisse.

Dem Geheimnis, oder besser: der Dichtung, widmet sich das Kapitel ‚Poesia und Mythos‘ ganz explizit, indem es Gemälde präsentiert, von denen viele bis heute Rätsel aufgeben. Auch wenn das Personal erkennbar ist, und damit Bezüge etwa zu antiker Dichtung und Mythologie, so lässt sich doch die Bilderfindung nicht mehr endgültig entschlüsseln. Mythos, Geschichte und Anekdote existieren in einem Bild gleichberechtigt nebeneinander und zeugen auch vom Selbstbewusstsein der Künstler der Zeit, eine eigene Gattung zu etablieren, in deren fiktionaler Dichtung sich antike Motive und eigene Dichtkunst berühren.

Zu Tizians Spätwerk ‚Knabe mit Hunden in einer Landschaft‘ (um 1570 – 76) und Veroneses ‚Amor mit zwei Hunden‘ (um 1580) stellen sich bei aller Deutlichkeit der Motive doch zahlreiche Fragen zur Motivation, diese eben so miteinander zu verbinden. In den Blicken und Temperamenten mag man eine Allegorie der Liebe oder Ehe erkennen, wie Sofia Magnaguagno im Katalog konstatiert.

Amor mit zwei Hunden
Paolo Veronese (1528–1588) Amor mit zwei Hunden, ca. 1580 Öl auf Leinwand, 100 x 134 cm München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek ©bpk|Bayerische Staatsgemäldesammlungen

‚All dies sind [aber] Hypothesen zur Interpretation eines Bildes, in dem zwei undisziplinierte Hunde mit vermenschlichten Zügen jeden zu verspotten scheinen, der sie zusammenzuhalten versucht.‘ (S. 117)

Die Ausstellung ‚Tizian und die Renaissance in Venedig‘ beweist an einer faszinierenden Auswahl an Meisterwerken die Innovations- und Inspirationskraft jener Zeit. Selten genug lassen sich Arbeiten etwa von Bellini, il Vecchio, del Piombo, Lotto, Tintoretto, Bassano, Veronese und eben Tizian in solchem Umfang und an einem Ort erleben. Welchen Einfluss diese Epoche auch auf die Kunstgeschichte hatte, beweist darüber hinaus das als Epilog angelegte Kapitel zu den Europäischen Folgen der venezianischen Renaissance von El Greco bis Thomas Struth mit Beispielen, die Jahrhunderte und Ländergrenzen überspannen. El Greco, Rubens, Guercino, Tiepolo, Rota, Géricault und schließlich Fotografien von Thomas Struth: ähnlich dem Blick, der über die Motive wandert und Geschichten sieht und Geschichten denken lässt, finden Künstler über die Jahrhunderte immer wieder zu den Bildern der Zeit zurück, und tragen ihre Eindrücke, ergänzt um ihre ganz individuellen Ausdrucksmöglichkeiten, in ihre und schließlich auch unsere Gegenwart.

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Tizian (um 1488/90–1576) Studie für den heiligen Sebastian, ca. 1520 Feder in Braun, braun laviert, weiß gehöht, auf graublauem Büttenpapier, 18,2 × 11,5 cm Städel Museum Frankfurt a.M. © Städel Museum – ARTOTHEK

‚Tizian und die Renaissance in Venedig‘, im Städel Museum, Frankfurt, bis zum 26. Mai 2019

Zur Ausstellungsbegleitung empfehle ich die Audiotour, die als App für iOS und Android kostenlos heruntergeladen werden kann.

Bei Prestel ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der den Ausstellungskapiteln folgend, und mit zahlreichen Essays zu Themen und Werken, eine spannende wie tiefsinnige Ergänzung zum Ausstellungsbesuch bildet. (Museumsausgabe 39,90 Euro, Buchhandelsausgabe 49 Euro).