‚museum global. Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne‘, im K20, Düsseldorf

„Bei jedem Kunstwerk von Bedeutung bedenke, daß wahrscheinlich ein Bedeutenderes hat aufgegeben werden müssen.“

Paul Klee

Da hängen sie an übermannshohen Gitterwänden, und wenn das Neonlicht angeht, reibt man sich verwundert die Augen.‚Ihr hier?, möchte man fragen. Man kennt sich, Freundschaft aus Gewohnheit. So eng, so dunkel und einfach aber war es lange nicht ums sie. Na gut, das ist nur eine Vorstellung. Aber was soll man schon denken, wenn Freunde einfach so verschwinden? Jahrelang ist man sich auf der Beletage begegnet, unter hohen, hellen Decken, vor weissen Wänden auf edlem Holzfußboden. Jahrelang haben doch alle um Aufmerksamkeit gebuhlt.

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museum global. Paul Klee: Eine Sammlung auf Reisen Führung durch die Paul-Klee-Ausstellung, Museo Calouste Gulbenkian, Lissabon, 7.11.1972 Foto: Carlos Coelho da Silva, © Arquivos Gulbenkian © Kunstsammlung NRW

Jede Farbe, jede Figur, jeder Strich, jede Kurve oder Fläche war Teil eines undurchdringbaren Gemurmels der Geschichten von Schönheit, Exzentrik, Lust, Verderben, Schöpfung, Verklärung, Anbetung, Rätsel, Offenbarung, Erkenntnis, Wissen und vollkommener Ahnungslosigkeit. 

Wer einen Blick auf ‚die Moderne‘ werfen will, wie wir sie über all die Jahre kennen und lieben gelernt haben, müsste – wenn er denn nur dürfte – gerade jetzt einmal das Licht einschalten in den Depots der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Gemälde und Skulpturen, Arbeiten von  Braque, Matisse, Picasso, Feininger, Nolde, Chagall, Kandinsky, Macke, Beckmann, Miro, Magritte, Arp, Giacometti, Noland… Alle sind sie dort, und noch so viele mehr, Säulenheilige einer Epoche und Aushängeschilder eines Museums, das es in seiner kurzen Geschichte zur ‚heimlichen Nationalgalerie‘ gebracht hat.

Vor einigen Jahren initiierte die Kulturstiftung des Bundes ein Projekt, gleichsam einen Auftrag an Museen, sich mit ihrer Sammlung und der Sammlungsgeschichte auseinanderzusetzen, sie zu hinterfragen und – wenn notwendig – neu zu bewerten. Die Idee zu ‚museum global‘ war geboren, einem Vorhaben, dem die meisten Werke der Kunstsammlung ihren derzeitigen, ungewohnten Aufenthaltsort verdanken, diese Stille und Unsichtbarkeit. 

Und was stattdessen? Das schon unter Marion Ackermann begonnene Vorhaben nahm sich Großes vor. Nicht weniger als die Neudefinition eines Selbstverständnisses in Wissenschaft und Vermittlung sollte es sein, oder wie Susanne Gaensheimer, die jetzige Direktorin der Kunstsammlung, es in ihrem Vorwort zum Ausstellungskatalog fragend definiert:

‚Wo gibt es in der Geschichte dieses sehr jungen und anfänglich mit einer strategischen Zielsetzung gegründeten und aus einer singulären Perspektive aufgebauten Museums Momente einer internationalen Ausrichtung und Anbindung? Und welche Werke kann man aufgrund ihres Inhalts oder Wirkungsfeldes in einen sinnvollen Bezug zu Werken an anderen Orten der Welt stellen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszukristallisieren und auf diese Weise einen differenzierteren Blick auf das Eigene zu gewinnen?’ (S. 9)

Klingt harmlos, fast selbstverständlich, heute, globalisiert, vernetzt und flexibel wie wir sind? Es raubt einem den Atem. 

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Installationsansicht „museum global“ OPEN SPACE, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Man könnte auch böse werden, gleich zurück zum Eingang laufen, sein Geld zurückverlangen, einen bösen Kommentar ins Gästebuch schreiben, und mit wehendem Schal im Hinauseilen ‚Nie wieder‘ rufen. So ein Museum, das sollte doch auch ein verlässlicher Partner sein, einladend, höflich. Und dann reist man von weit weg an, voller Vorfreude und Sehnsucht nach unverwechselbarem Kunstkonsum, und findet….

Bis in die späten Abendstunden leuchtet der rote Vorhang verführerisch auf den Grabbeplatz, und ein ziemlich übertriebener, geschwungener, weißer Pfeil weist den Weg. Was man nicht glauben mag, weil diese schwarz gekachelte Wand doch ansonsten so abweisend wirkt, wird hier mit allen Mitteln der Kunst – für die Kunst – inszeniert: Der ‚Open Space‘, der andere Weg, der neue Zugang, die Einladung, Öffnung, die Verführung eben.

‚museum global‘ bitte von hier betreten! 

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Installationsansicht „museum global“ OPEN SPACE, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Der ‚Open Space‘, gestaltet von raumlaborberlin, ist der Resonanzraum, den es für die Ausstellung braucht, und für die Fragen, die man sich im Vorfeld stellen, und vielleicht am besten hier, im Gespräch, in der Runde, gestaltend, zuhörend, redend, beantworten sollte:

Was verführt uns noch, in ein Museum zu gehen? Was ist die Erwartungshaltung? Mit welcher Prägung betreten wir diese Räume? Wie frei sind wir? Was wollen wir sehen? Was ist diese ‚Moderne‘ eigentlich? Und warum muss sich eigentlich immer alles ändern?

Man kommt schon auf einige Fragen, ganz sicher. Und mit jeder Frage nähert man sich nicht nur dem Ideal, dass man sich selbst für Inhalt und Form eines Museums, einer Ausstellung definiert hat. Man nähert sich der Geschichte dieses Hauses, Paul Klee und den ‚Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne‘.

Der Kopf ist frei – im besten Fall – für den Prolog. 

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museum global. Paul Klee: Eine Sammlung auf Reisen Ausstellungsplakat Paul Klee, Israel Museum Jerusalem, 1966, Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

In ‚Paul Klee – eine Sammlung auf Reisen‘ rekapituliert das Haus seine Gründungsgeschichte auch als Geschichte einer Versöhnungsgeste einem Künstler und der Welt gegenüber. Zwischen 1966 und 1985 reiste das als Grundstock der Sammlung erworbene Konvolut von 88 Werken Klees gleichsam als Botschafter eines neuen Deutschlands, einer auf Dialog und Wiedergutmachung ausgerichteten Gesellschaft, in 38 Ausstellungen auf vier Kontinente. Die Botschaft an die Welt war klar: wir haben uns an der Moderne vergangen, nicht nur, indem wir den Blick zurück, in eine von konservativen Rollenbildern und gefälligen Motiven geprägte Kunstgeschichte, als Blick in die Zukunft verkauft haben. Vor allem aber, indem wir Menschen verraten haben, deren ‚Moderne‘ uns unbequem und deren Meinung und Ausdruck uns zuwider waren. Wir haben sie und ihr Werk gequält, verbannt, vernichtet. Wir leisten Abbitte. 

Klee in Jerusalem, in Prag, in São Paulo, Tokio, Kairo. Klee (fast) in der ganzen Welt. Werner Schmalenbach, Gründungsdirektor der Kunstsammlung, hat dabei nicht nur Wiedergutmachung und Diplomatie im Sinn. Für die Station in Prag etwa hofft er, sie könne ‚die liberalen Kräfte‘ vor Ort stärken. Kunst ist auch in der Bundesrepublik Politik. Politik für die Welt, Kunst für die Politik, Klee als Protagonist, zeigen was man hat.

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museum global. Paul Klee: Eine Sammlung auf Reisen Paul Klee, Omphalo-centrischer Vortrag, 1939, Kreide und Kleisterfarbe auf Seide auf Jute, 70 x 50,5 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Foto: © Kunstsammlung NRW

1985 ist die Reise beendet. Klees Werke finden ihr neues Zuhause am Grabbeplatz. Die Welt hat sie gesehen, aber aus der Welt haben sie nichts mitgebracht. Die Sammlung für das Haus, die vor allem Schmalenbach kongenial, aber auch in bald autoritärer Manier für Düsseldorf erwarb, ist so herausragend in ihrer Auswahl wie sie eingeschränkt ist im Blick auf die künstlerischen Realitäten einer Welt, die eben nicht nur aus Europa und Nordamerika, nicht nur aus weißen Männern besteht. Sie ist ganz Kind ihrer Zeit, mit neuen Ausstellungsformaten wie der Documenta etwa, aus der zahlreiche Werke erworben werden, und Ausdruck einer ausgeprägten Sammlungspolitik in den 60ern, mit ihrem Fokus auf eine ‚westliche Moderne‘. 

Im Epilog des ‚museum global‘ wird man dessen im Überblick noch einmal gewahr. 

Dazwischen aber ist nichts mehr wie es war.

Dazwischen muss also kurz dieser Einschub:

Wer einmal damit anfängt, sich mit Sammlungsmotivationen, Sammlungsgeschichte und den Gründungsmythen einer Sammlung kritisch auseinanderzusetzen, darf sich nicht wundern, wenn sich der Blick auf eben diese Sammlung grundlegend verändert. 

Das gilt für jene, die quasi aus dem Inneren mit einer Aufarbeitung beginnen, aber auch für die Besucherinnen und Besucher, deren Blick von Außen über die Jahre vielleicht auch sehr von Gewohnheit und Erwartung gesteuert war. 

Und – um den Wahrnehmungsraum, mit dem wir uns beschäftigen müssen, für den Moment noch zu vergrößern: Natürlich gilt die Veränderung auch für den Kunstmarkt. Die Motivation, bestimmten Künstlerinnen oder – vor allem – Künstlern Zutritt zum ‚lukrativen‘ Ausstellungsraum und -programm eines Museums zu gewähren – ganz nebenbei: wie lukrativ der tatsächlich ist, ist mehr als fraglich. Museen mögen die überhebliche Chance nutzen, eine Präsentation als unbezahltes Investment in den zukünftigen Erfolg zu sehen, wie immer der sich dann bemessen mag – ist wohl nicht selten immer noch Teil einer Abhängigkeitskette.

Im Interview mit den Kuratorinnen der Ausstellung reißt der Kunsthistoriker Christian Kravagna diesen wichtigen Bereich einer notwendig zu führenden Debatte an, wenn er sagt:

‚Ihre Frage, wie sich im Übergang von der systematischen Exklusiv zur jüngsten Inklusion von nicht-westlichen Künstler*innen ihre Vereinnahmung durch Markt, Spektakel und den Wettbewerb der Museen verhindern ließe, ist wichtig, aber kaum eindeutig zu beantworten. Können und wollen wir diese Kunst vor dem Kapitalismus bewahren, in den die westliche Moderne immer integriert war? Schrieben wir damit nicht auch ein wenig die alte, an Herkunft (und Geschlecht) gebundene, Beschneidung von Karrieren und und Erfolgschancen weiter?’ (Austellungskatalog, S. 31)

Wir müssen uns diese Fragen merken, und über sie diskutieren. Am besten gleich im Anschluss.

Dazwischen sind nun also die Räume hell, die Decken hoch, der Boden edles Holz, und an den Wänden hängen Bilder aus aller Welt, von Künstlerinnen und Künstlern mit rätselhaft exotischen wie unbekannten Namen: Yorozu Tetsugorō, Niko Piorosmani, Tarsila do Amara, David Alfaro Siqueiros, Amrita Sher-Gil, Saloua Raouda Chocair oder Uche Okeke. 

7 Namen aus so unendlich vielen möglichen. Diese Ausstellung ist ihnen gewidmet, erzählt von ihrer Laufbahn, ihren Vorbildern, Lehrern und ihrem Publikum, erzählt vom Austausch der Ideen, von der Lebendigkeit der Kulturen, von den Abhängigkeiten und Herausforderungen, den Wünschen und Hoffnungen einer ‚ex-zentrischen‘ Moderne. Die Beletage ist ihr ‚museum global‘, der Blick auf die Welt jenseits ‚unserer‘ Moderne. Von 1910 bis 1960 spannt sich chronologisch der Bogen, gehalten von historischen Ereignissen, die die Menschen und Länder, aus denen sie erzählen, geprägt haben. 

Drei Geschichten möchte ich herausgreifen, weil sie mich besonders beeindruckt haben, weil sie losgelöst sind von allen Erfahrungen und weil sie beispielhaft sind für die Erzählung dieser Ausstellung zu Wirkung und Wechselwirkung.

Die Moderne als Erlebnis einer Erzählung

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museum global. Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne Yorozu Tetsugoro, Nude Beauty, 1912, Öl auf Leinwand, 162 × 97 cm, Important Cultural Property, The National Museum of Modern Art, Tokyo Foto: © Kunstsammlung NRW

Tokyo, 1910. 

Der Dichter Takamura Kōtarō war in den USA, in London, in Paris, in den ersten Jahren des Jahrhunderts. Und was er gelesen und gesehen hat, lässt ihn nicht los. Sein Gedicht ‚Grüne Sonne‘ preist den Impressionismus in Japan, und der Bruch mit der Tradition, diese wörtliche Wende zu Modernisierung und Individualisierung, wird zum künstlerischen Manifest des Aufbruchs in die Moderne. Yorozu Tetsugorō etwa fühlt sich berufen, seine Vorbilder auch in der europäischen Kunst dieser Jahre zu finden, ohne dabei japanische Tradition zu vergessen oder gar zu verraten, ja ohne das Land jemals zu verlassen. Seine Bilder spiegeln die Möglichkeiten wieder, sich im Umbruch nicht zu verlieren, sondern sich vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen und kultureller Prägung neu zu finden.

Im Katalog heisst es zu dieser prägenden Phase der neuen Freiheiten:

‚Die Begegnung mit der Kunst des Westens, den Werken der Impressionisten und Postimpressionisten […] löste um 1910 einen ‚gegenläufigen Japonismus‘ aus, der wie ein Bumerang Ideen über die japanische Kunst in ihre Heimat zurückbrachte, und folglich den Blick auf die eigene Tradition veränderte. Modern sein musste nicht mehr heißen, das Tradierte aufzugeben.’ (S. 81)

Die kannibalisch angeeignete Moderne 

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museum global. Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne Tarsila do Amaral, Antropofagia, 1929, Öl auf Leinwand, 131 x 146 cm, Collection of the Fundação José e Paulina Nemirovsky, on long-term loan to the Pinacoteca do Estado de São Paulo, © Tarsila do Amaral Licenciamentos Foto: Isabella Matheus

São Paulo, 1922.

Die ‚Woche der Modernen Kunst‘, aus Anlass der Unabhängigkeit Brasiliens, führt den starken Drang zu künstlerischer Eigenständigkeit und einer nationalen Identität vor Augen. Oswald de Andrade formuliert davon ausgehend sein ‚Antropophagisches Manifest‘ des ‚Kulturkannibalismus‘, also der Aneignung durch Einverleibung. ‚Tupi or not Tupi: that is the question.‘ heißt es dort etwa, einerseits in Reminiszenz an das Volk der Tupi und ihren rituellen Kannibalismus, und andererseits ganz offensichtlich an Shakespeares elementare Frage nach Sein oder Nichtsein. Idee und Kultur verschmelzen, etwas Neues entsteht. Tarsila do Amara lernt zu Beginn der 20er Jahre bei Fernand Léger in Paris. In dieser Welt, an diesem Ort, in einem Freundeskreis Kunstschaffender, geht sie auf, ohne die Motive der Heimat aus den Augen zu verlieren. Zurück in Brasilien wird sie ihre Erfahrungen und ihren Blick auf die europäische Kunst mit den Erzählungen und Farben, den Landschaften und Geschichten hier verbinden. Diese ‚Strategie ästhetischer Dekolonisierung [wird] zur Leitmetapher für die Kunst der Moderne in Brasilien‘ (Textmaterial zur Ausstellung, S.4)

Die Moderne als Aufbruch zur Tradition

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museum global. Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne Uche Okeke, Ana Mmuo (Land of the Dead), 1961, Öl auf Holztafel, 92 × 121,9 cm, National Museum of African Art, Smithsonian Institution, gift of Joanne B. Eicher and Cynthia, Carolyn Ngozi, and Diane Eicher, 97-3-1, © Estate of Uche Okeke, courtesy Asele Institute, Nimo Foto: Franko Khoury © Kunstsammlung NRW

Zaria, 1960.

Nigeria erlangt seine Unabhängigkeit von Großbritannien. Aber welche Geschichte gilt es jetzt zu erzählen? Welche Tradition zu vermitteln? Die nigerianische Gesellschaft ist und bleibt zunächst gefangen in den Traditionen aus der Kolonialherrschaft und muss ihre eigenen Traditionen – vielfach tief verschüttet in der Erinnerung, wenn nicht gar verloren, vielfach geraubt und ausser Landes gebracht – wiederfinden und annehmen. Zumindest sehen etwa Demas Nwoko und Uche Okeke das so, die gemeinsam mit Künstlerfreunden die ‚Zaria Art Society‘ gründen, und radikal fordern:

‚Junge Künstler*innen in einer neuen Nation, das sind wir! Wir müssen mit dem neuen Nigeria wachsen und arbeiten, um seine traditionelle Liebe zur Kunst zu befriedigen, oder mit unserer kolonialen Vergangenheit untergehen.’ (zitiert im Katalog zur Ausstellung, S. 234).

Sie fordern eine ‚natürliche Synthese‘, eine Verschmelzung europäischer Kunsttechniken und nigerianischer Tradition.

Die Kunstwerke zu all diesen Geschichten zu sehen und ihre und die Biografien der Künstlerinnen und Künstler zu erfahren: Das ist atemberaubend. Das ist es, was es ausmacht, Freiheit zu erfahren, die Welt erleben zu dürfen, eine Meinung zu haben und sie ändern zu können. Das ist, was ein Museum leisten sollte. Das soll wirklich passieren, wenn man das Licht anmacht und die Stimmen beginnen. Jede Farbe, jede Figur, jeder Strich, jede Kurve oder Fläche Teil eines undurchdringbaren Gemurmels der Geschichten von Schönheit, Exzentrik, Lust, Verderben, Schöpfung, Verklärung, Anbetung, Rätsel, Offenbarung, Erkenntnis, Wissen und vollkommener Ahnungslosigkeit. 

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Installationsansicht „museum global“ Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Durch die Robert Rademacher Galerie mit ihrem abschließenden Blick auf die Anfangsjahre der Sammlung, auf die Ära Schmalenbach und die Documenta, auf einige Ungesehene und einige bekannte Gesichter der ‚westlichen‘ Moderne, geht es an die frische Luft. 

Tief durchatmen und erst einmal alles sacken lassen. Das war viel. Das war beeindruckend. Das war notwendig.

Nur:

Wie lange wird dieser Aufbruch währen? Was geschieht am 11. März? Was soll ein Museum sein? Was muss es leisten? Für wen ist es da? Ich bin gespannt, was am Ende des Projektes stehen wird. Hoffentlich mehr als ein Katalog, Abschlussberichte, einige Neuerwerbungen. Hoffentlich ein dauerhafter ‚Open Space‘. Das muss ja nicht dieser aufreizende am Grabbeplatz sein. Aber einer muss da sein! 

Einer, in dem wir dann auch mal darüber sprechen müssen, warum es den Katalog ‚Meisterwerke des 20. und 21. Jahrhunderts‘ der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen überhaupt noch gibt. Eine – wohlgemerkt – subjektive und nicht notwendige Auswahl mit 77 männlichen und nur 6 weiblichen Positionen. 

Noch einmal Susanne Gaensheimer:

‚Wird sich das Museum als Institution verändern? Den Weg hin zu einer Institution des öffentlichen Dialogs und Begegnung auszuloten und ihn mit den traditionellen Aufgaben des Museums – Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln – zu verbinden, wird unsere Aufgabe für die Zukunft sein.‘ (Ausstellungskatalog, S.10)

Wir bleiben im Gespräch, Kunstsammlung, versprochen. 

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Installationsansicht „museum global“ Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

‚museum global. Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne‘, im K20 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, bis zum 10. März

 

 

Zur Ausstellung ist bei Wienand ein dringend angeratener Katalog mit uzmfangreichem Textmaterial zu den einzelnen Mikrogeschichten und den damit verbundenen Künstlerinnen und Künstlern erscheinen.

Auf jeden Fall beachtenswert ist das umfangreiche Begleitprogramm, von Vorträgen, Diskussionen, Tagungen, über Workshops, Führungen, Ausstellungsgespräche, bis zu Musik, Film und Literatur.