‚Mary Beth Edelson: Nobody Messes with Her‘, in der Kunsthalle Münster

Alles beginnt mit Kulturgeschichte, mit Religionsgeschichte, mit Kunstgeschichte, mit den Motiven einer Gesellschaft von Männern für Männer. 

Mary Beth Edelson hat feinsäuberlich die Köpfe der Apostel und des Heilands ausgeschnitten. Nicht aus irgendeinem Gemälde natürlich, sondern aus einem Abdruck von Da Vincis ‚Abendmahl‘, einer Ikone der Bildwerdung des Glaubens. Und sie hat die Köpfe ersetzt durch ihre Heroinnen. Durch Louise Bourgeois, Georgia O’Keefe oder Carolee Schneemann etwa. 

IMG_8355
Mary Beth Edelson Some Living American Woman Artists, 1972, Offset Courtesy of the artist and David Lewis, New York

In ‚Some Living American Women Artists / Last Supper‘ von 1972 wird aus der künstlerischen Erzählung eines religiösen Erweckungsmomentes, einer Szene von Umbruch, Aufbruch und Neubeginn, eine starke Metapher für die Stärke und Macht des Weiblichen. Und darüber hinaus verweist Edelson im Titel ganz bezeichnend auf eine Fehlstelle: ‚Some‘ verweist eben nicht auf die patriarchale Festlegung auf einen bestimmten Kreis von Männern als Gründungszirkel einer gesellschaftlichen und kulturellen Relevanz, sondern auf die qualitative wie quantitative Vielfalt der weiblichen Stimme. Mag ein Zirkel ‚Auserwählter‘ sich von der Vergangenheit bis in die Gegenwart als Nukleus von Bewegungen und Bedeutungen etabliert – oder besser: geriert – haben: die Schöpfung dieser gesellschaftlichen wie kulturellen Relevanz ist nicht denkbar ohne diese Frauen, nicht möglich ohne das Weibliche und seine Kraft insgesamt.

_M1I1652 volker renner
Mary Beth Edelson Death oft he Patriarchy / A.I.R. Anatomy Lesson, 1976, Offset Bringing Home the Evolution, 1976/1978, Offset Happy Birthday America, 1976, Offset Death oft he Patriarchy / Heresis, 1976, Offset Ausstellungsansicht Kunsthalle Münster Courtesy of the artist and David Lewis, New York Foto: Volker Renner

Edelson belässt es nicht bei dieser Wandlung. Ihre Collagen vor dem Hintergund klassischer Darstellung einer durch Männer dominierten Geschichtsschreibung werden weitere Werke umprägen, und dabei nicht zuletzt auf einen entscheidenden Punkt hinweisen: Das weibliche Abbild in der Kunst, geschaffen durch den Mann, war und ist in so vielfältiger wie bezeichnender Weise ein Spiegel männlicher Vorstellungen. Es dient eben nicht zuerst einer Stärkung und Herausstellung des Weiblichen, sondern der Bestärkung eines männlichen Machtanspruchs auch über das Abbild des Weiblichen.

1989 präsentiert das Künstlerinnenkollektiv ‚Guerrilla Girls‘ eine konkrete, aber bis heute in ihren Ausmaßen nicht minder relevante wie zeitgemäße Intervention: ‘Do women have to be naked to get into the Met. Museum?’ fragen sie, unterlegt mit dem Faktum ‘less than 5% of the artists in the Modern Art Sections are women, but 85% of the nudes are female’. Bis heute sind sie so lautstarker wie wichtiger Part einer Bewegung weiblicher Künstlerinnen, die an dieser Stelle den Finger in die Wunde einer männlich und vom männlichen Blick dominierten (Kunst-)Gesellschaft legen. Die Namen vieler ihrer Vorreiterinnen sind über die Jahre in Vergessenheit geraten, oder konnten sich in diesem System nicht behaupten oder durchsetzen. Der Fehler im System beginnt nicht 1972, und er endet nicht 1989. Der Fehler im System waren und sind männliche Machtansprüche auch auf die Deutungshoheit, wenn es um künstlerische Relevanz und, ganz einfach, um Erfolg geht. 

IMG_8338
Mary Beth Edelson: Nobody Messes with Her Ausstellungsansicht Kunsthalle Münster Courtesy of the artist and David Lewis, New York

Vielleicht mag sich das alles etwas überspitzt negativ oder gar deprimierend anhören. Wer aber die Ausstellung ‚Mary Beth Edelson: Nobody Messes with Her‘ in der Kunsthalle Münster besucht, wird mit Wunsch und Wirklichkeit konfrontiert. In ihrem Werk, das sich über fünf Jahrzehnte erstreckt, und aus dem hier vor allem Arbeiten aus den 70er und 90er Jahren präsentiert werden, vermittelt sich die anhaltende Notwendigkeit, Rollenverständnisse und Klischees zu hinterfragen und über Bord zu werfen. So unbekannt uns ihre Stimme dabei sein mag, kann das eben kein Hinweis auf fehlende Relevanz sein, vermutlich ist das Gegenteil der Fall. Sie erlebt in ihren Zeugnissen eine Auferstehung, die sie mitten in eine weiterhin und gerade jetzt aktuelle Fragestellung involviert: Wie kann Gleichberechtigung gelingen, wenn es weiterhin Männern überlassen ist, sie nach ihren Vorstellungen zu definieren?

Im Ausstellungstext schreibt Kuratorin Merle Radtke:

‚In ihrem Werk nutzt Mary Beth Edelson Strategien der Selbstbehauptung, befreit sich aus der Identifikation mit dem Mann und ermöglicht damit eine Neubeurteilung der Gesellschaft. […] Edelsons Feminismus kann als Katalysator für eine dringende, revolutionäre Suche nach einer weiblichen Identität beschrieben werden.’ (S.11)

Edelsons weibliche Körper, ihre Manifestationen der Selbstbehauptung, sind so wandlungsfähige wie starke Wesen, die ihren Ursprung nicht zuletzt im Mythologischen finden. 

smile
Mary Beth Edelson Smile (Sheela, Series) 1993 Tinte und Collage auf Leinwand 12,7 x 10,2 cm Ausstellungsansicht Kunsthalle Münster Courtesy of the artist and David Lewis, New York

Das Mythologische, die auch und vor allem durch Sexualität und in Körperlichkeit wirkenden Gestalten, werden in ihren Arbeiten zu einem Alter Ego, einem neuen, weil notwendigen Bewusstsein, oder wie sie selbst es formuliert:

‚There is a feminist adage: The master’s tools will never dismantle the master’s house. To which I say: Let’s get some other tools! Fuck his house – who goes there anyway? I’ve always felt that we can claim our own tools by deeply examining history, by researching the eras when women were revered in a different way – or so the myth goes. This is why I am so interested in ancient goddess figures – for example, the enigmatic Baubo, the trickster Sheela-na-gig, an Egyptian bird goddess, and Minoan snake goddesses. All four of these figures can be reinterpreted and repurposed, and thus they show up over and over again in my collage work.’  

(Mary Beth Edelson in: Lauren O’Neill-Butler: ‚Mary Beth Edelson‘, Artforum, 10.11.2011)

Mary Beth Edelson ist Sheela-na-gig. Mit dem verschmitzt unschuldigen Lächeln eines Tricksters und weit aufgerissener Vulva hockt ‚Sie‘ unter dem ‚Her‘ des Ausstellungstitels, ein (verrutschter) Punkt oder besser: der entscheidende Teil eines verlorenen Ausrufezeichens.

MBE495 Seeing Double 01 hr
Mary Beth Edelson Seeing Double (Woman Rising Series), 1973 Öl und Tinte auf Silbergelantine-Print, 25,4 x 20,3 cm Courtesy of the artist and David Lewis, New York

Die Verbindung aus Mythologie und Gegenwärtigkeit, aus Haltung und Ausdruck ist Hinweis auf eines der wiederkehrenden Motive im Werk der Künstlerin und Warnung und Mahnung, hier besser nichts auf die leichte Schulter zu nehmen.

In ihrer Serie ‚Woman Rising‘, die zwischen 1973 und 1977 entstand, präsentiert Edelson ihren Körper, ausgehend von der fotografischen Dokumentation einer rituellen Performance, als Projektionsfläche und Abbild. Sie übermalt und bearbeitet ihr Abbild, wird Sheela, Kagi, eine Gottesanbeterin, Baubo. 

Mit diesen Wesen spielt man besser nicht. Nicht mit Göttinnen, vor allem aber nicht mit Frauen. Und Edelson richtet die Warnung und Mahnung nicht ausschließlich an Männer. Viel mehr geht diese zunächst an die Frauen selbst. Sie ist die Figur des Tricksters selbst, der/die die gegebene Ordnung durcheinander wirbelt, der/die der Gesellschaft lachend und feixend den Spiegel vorhält. Sie ist der Gestalt- und Geschlechtwandler, Tabubrecher und Held.

Donald Kuspit beschreibt seinen Eindruck von den Arbeiten Edelsons 1983 so:

‚I think of Mary Beth Edelson as a priestess looking for a goddess to worship, and confusing this goddess with herself. This is not a case of the new narcissism, but of the old mythological mode of selfhood: no self-discovery without discovery of the primordial source of selfhood – no becoming a particular self without recognition of the general idea of self.’

(Donald Kuspit ‚Mary Beth Edelson: An Introduction‘, in: ‚Mary Beth Edelson – – New Work: An Ancient Thirst and A Future Vision‘, NYC, 1983)
_M1I1660 volker renner
Mary Beth Edelson Untitled, 1994, Tinte und Collage auf Leinwand / Ink and collage on canvas Nevelson Presents (O’Keeffe series), 1972, Ink and collage on canvas / Tinte und Collage auf Leinwand Wheel series, 1976, Tinte, Filzstift und Papier auf Leinwand / Ink, marker, and paper mounted on canvas Staging The Revolution, 1972, Tinte und Collage auf Leinwand / Ink and collage on canvas Look Out series, 1972, Tinte, Filzstift und Papier auf Leinwand / Ink, marker, and paper mounted on canvas Untitled, undatiert / not dated, Tinte und Collage auf Leinwand / Ink and collage on canvas Hat Dance series, 1973, Tinte, Filzstift und Papier auf Leinwand / Ink, marker, and paper mounted on canvas Top Flight (Staging the Revolution series), 1972-2000, Tinte, Filzstift und Papier auf Leinwand / Ink, marker, and paper mounted on canvas Untitled, undatiert / not dated, Tinte und Collage auf Leinwand / Ink and collage on canvas Ausstellungsansicht Kunsthalle Münster Courtesy of the artist and David Lewis, New York Foto: Volker Renner

Von den 70er Jahren bis in die Gegenwart, im wahrsten Sinne über alle Zeiten und Moden hinweg, bedient sich die Künstlerin einer so simpel erscheinenden wie faszinierenden Bildsprache. In ihren ‚Cut Outs‘, die über die Ausstellungswände mäandern, und schon so ein Hinweis auf ihre Stellung als Bindeglieder zwischen Schaffensperioden und gesellschaftlichen Themen, Phänomenen und Veränderungen sind, collagiert Edelson mythologische Körper, Frauenfiguren der Kunst- wie Kulturgeschichte, Abbildungen ikonischer Modeaccessoires, Selbstporträts wie Porträts der Künstlerinnen, die so auch in ihren Collagen auftauchen. Sie erschafft phantastische Wesen, der Kopf die Venus von Botticelli und der Körper ein viel- und feingliedriges Sammelsurium von Gesichtern etwa, Flügelwesen und Spinnenwesen mit Skorpionstacheln, erinnernd an Würmer, Insekten, fleischfressende Pflanzen.

Im verwirrenden Geflecht der Vielfalt dieser Wesen löst sich der Blick auf das Individuum auf. Ein großer, weiblicher, einnehmender Körper entsteht, dessen Ornamentik Täuschung ist. 

Mit ‚Ihr‘ macht auch ‚Sie‘ keine Scherze, das macht schon der Titel der Ausstellung mehr als deutlich. ‚Sie‘ ist die Neudefinition des Weiblichen durch die Frau, die Lösung vom männlichen Blick auf das Weibliche, auch – in diesem Kontext: vor allem – in der Kunst.

Wenn Gena Rowlands auf Chiffon zur ‚Athena of the Hallway‘ (1992-95) wird, dann ist sie eben mehr als nur noch die popokulturelle Reminiszenz an Hollywood und seine Rollenklischees. Athene ist die Göttin des Kampfes wie der Kunst, was sie im Spiegel sieht sind wir. Sie ist bereit, die Pistole im Anschlag. Auch wenn sie diese gegen sich selbst zu richten scheint: das ist wohl eher eine Aufforderung zur Selbsterkenntnis und absoluter Wille. Wille zum Kampf und zur Macht, äußerste Anspannung, äußerste Konzentration, denn noch ist nichts gewonnen, oder nicht viel, in all den Jahren.

_M1I1671 volker renner
Mary Beth Edelson Athena oft he Hallway (Gena Rowlands), 1992-1995 Siebdruck auf Chiffon, 299,7 x 566 cm Ausstellungsansicht Kunsthalle Münster Courtesy of the artist and David Lewis, New York Foto: Volker Renner

Wie sehr Gewalt eine Rolle im Verhältnis der Geschlechter zueinander spielen kann – und hier ist die von Männern ausgehende, vor allem häusliche Gewalt gemeint –, und wie es darum um so wichtiger ist, Frauen zur Gegenwehr zu befähigen, verdeutlicht Edelson 1994 in ihrer ‚Combat Zone‘. Als Teil und mit Hilfe der Women’s Rising Coalition (WAC), die Anfang der 1990er Jahre feministische Themen und Botschaften auf die Straßen bringt, schafft sie einen Raum der Information und Ausbildung. Ein Jahr, nachdem Lorena Bobbit ihrem gewalttätigen Mann den Penis abgeschnitten hatte, fasst sie Ernüchterung und Auftrag zusammen:

‚As someone once said: A hundred ten million women worldwide are survivors of genital mutilation, and then there is just John Bobbit – – one man, one name.‘ 

(Mary Beth Edelson in: Lauren O’Neill-Butler: ‚Mary Beth Edelson‘, Artforum, 10.11.2011)

Aus Lorena Bobbit wird in dieser Erzählung Kali Bobbit, die vielarmige Göttin des Todes und der Zerstörung, aus deren notwendigem Werk das Neue entsteht, weil es nur so entstehen kann. 

Die Ausstellung ‚Mary Beth Edelson: Nobody Messes with Her‘ in der Kunsthalle Münster präsentiert das so facettenreiche wie hintergründige Werk einer Künstlerin, auf deren Schultern viele folgende Generationen von Künstlerinnen standen und stehen. Auch ihnen – sollten sie sich der Stärke dieser Schultern eventuell nicht bewusst sein – sei ein Besuch in der Ausstellung dringend angeraten, denn auch an sie wendet sich Edelson.

‚Mary Beth Edelson: Nobody Messes with Her‘ in der Kunsthalle Münster, bis zum 10. März