2018, eine Auswahl

Zeit für einen Rückblick auf das vergangene Jahr. Nicht viele Worte, dies ist meine Auswahl. Sie ist so subjektiv wie jeder meiner Beiträge, sie sie zitiert nur aus dem Gesehenen und Geschriebenen und ist dabei vor allem eines: Dank an die Menschen und Institutionen, die solche Erfahrungen, Erlebnisse, Herausforderungen und Räume schaffen. Ihnen allen, über die hier ausgewählten hinaus, gilt meine Hochachtung. 

Das war also 2018. Kommen sie, kommt ihr bitte alle gut ins Neue Jahr. Ich freue mich schon auf die Begegnungen und Gespräche, auf die Ausstellungen und die Kunst, die 2019 bringen wird.

 

Meine Ausstellung des Jahres

 

‚Gabriele Münter – Malen ohne Umschweife‘, Museum Ludwig 

rba_d048417_04
Museum Ludwig, Köln 2018 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln / Jonas Klein

‚‚Malen ohne Umschweife‘ präsentiert etwa 120 Arbeiten aus dem umfangreichen wie komplexen Werk Gabriele Münters. Das mag wenig erscheinen, und bliebe man bei der reinen Zahl, wäre das auch so. Dem Kuratorenteam aus München, Isabelle Janssen und Matthias Mühling und ihrer Kölner Kollegin Rita Kersting, ist es allerdings gelungen, dem Wunsch der Malerin nach der Darstellung einer Essenz, einem Extrakt im Bild anscheinend folgend, auch in der Ausstellung Essenzielles zu bieten. Auf viele Gemälde fällt dabei ein erster Blick, oder jedenfalls der erste nach Jahrzehnten, einige waren bisher nicht einmal gerahmt. Das diese so kostbaren wie seltenen ersten Blicke auf das Werk einer so bedeutenden Künstlerin des 20. Jahrhunderts noch möglich ist, belegt auch, wie dringend notwendig es ist, Gabriele Münter und ihre Arbeit aus dem Schatten der Männer ihrer Zeit und aus dem Fokus auf den ‚Blauen Reiter‘ zu befreien, und sie auszustellen — ohne Umschweife.

Und die Ausstellung zeigt auch, wie gut es tut (und wie einfach es ist), Münter von Murnau zu lösen. Mit dem befreiten Blick auf so viel mehr wird der nächste Besuch dort die Perspektiven verändern.’

 

Meine Entdeckungen des Jahres

 

‚Generation Loss – 10 Years Julia Stoschek Collection‘

Leckey_Jankowski
Foto: Simon Vogel, Köln

‚Es gibt die Erkenntnis, dass manche Dinge zu groß sind, um damit abschließend umgehen zu können, überzeitliche Themen, subjektive Eindrücke und Ausdrücke. Es kann ‚nur‘ um Weitergabe gehen, den Versuch, die Konstanten zu zeigen und es jeder Generation zu überlassen, in ihnen den eigenen Standpunkt zu finden. Wie wir unseren Körper betrachten, andere Körper, wie wir miteinander oder gegeneinander leben, handeln, kommunizieren, wie wir unsere Umwelt erleben, sie gestalten und von ihr gestaltet werden, wie wir unsere Rolle in der Gesellschaft sehen und die Gesellschaft unsere Rolle definiert, wie wir Halt in der Komplexität der Möglichkeiten finden, die Leben heißt und so vieles mehr: ‚Generation Loss‘ ist die Standortbestimmung einer Wandlung als dauerhaftem Prozeß ohne die Möglichkeit zu entkommen.‘

 

‚The Music of Color – Sam Gilliam 1967 – 1973‘, Kunstmuseum Basel

Medienkonferenz The Music of Color. Sam Gilliam
Foto: Julian Salinas

‚Von Free Jazz zu ‚Free Paint‘. Die Befreiung der Farbe durch die Farbe, die Essenz der Erkenntnis, das Farbe erst in uns wirkt und nicht schon auf der Leinwand, und dass sie diese doch braucht als Membran dieser Wirkung. Und ich möchte die Augen schließen und die Farben wortwörtlich verinnerlichen. Und ich stelle mir vor, wie sie zusammen mit der Musik, zusammen mit Jazz vielleicht, mit Coleman, Davis, Coltrane, beginnen sich zu bewegen, harmonisch oder chaotisch, implodieren, explodieren.’

 

‚Der Fall der Sterne‘, Draiflessen Collection

IMG_1291‚Schon in der Ausstellungsarchitektur greift der Weg durch die Dunkelheit hin zum Licht so offensichtlich wie undogmatisch die Geschichte auf, die diese Ausstellung auch erzählen kann: es gibt Hoffnung. Dazu muss man nicht religiös sein, man wird hier auch nicht bekehrt – vielleicht sogar eher im Gegenteil von dieser Unweigerlichkeit auch abgeschreckt –, aber man wird mit der Ansprache fast aller Sinne darauf hingewiesen, wer Verantwortung für sein Tun trägt und wer mit den Konsequenzen zu leben oder eben auch nicht mehr zu leben hat.’

 

 

‚Carmen Herrera – Lines of Sight‘, K20 Kunstsammlung NRW

IMG_5581‚Herreras Bildwelten trotzen statischen Notwendigkeiten. Ihre Gebäude, ihre Gebilde, können sich der Tragfähigkeit des Momentes gewiss sein, in dem sie auf Leinwand gebannt wurden. Sie lehnen aneinander, sind miteinander verzahnt, stützen sich aufeinander auf, werden von Keilen gehalten und getrennt. Und weil sie den Raum, der sie umgibt, immer mitdenken, weil Carmen Herrera eben auch Architektin ist, und weil eine Leinwand nur wortwörtlich vordergründig eine Fläche ist, wird die Wand dahinter Teil der Statik und der Geschichte. Häufig ist der Leinwandrand die Fortsetzung der Fläche in die Tiefe und lässt so Tiefe mitdenken.‘

 

‚Raoul de Keyser – Œuvre‘, S.M.A.K. Gent  

IMG_7321‚Hier wird eindrucksvoll deutlich wie poetisch De Keysers Malerei aus einem Angebot schöpft und gleichzeitig Angebot ist. Alles gilt für den Moment und könnte im nächsten Augenblick schon etwas anderes sein. Mit ‚Z.t. (Rand) von 1964 und ‚Robben 2‘ von 2012 hängen hier das erste und das letzte Gemälde aus dem Werkverzeichnis direkt nebeneinander. Das könnte leicht sentimental wirken. Hier aber ist es ein ganz leiser und feiner Hinweis auf Beständigkeit und Wandel und darauf, dass alles was wir sehen und erleben immer nur ein Ausschnitt sein kann, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.’

 

 

Mein Ausstellungshaus des Jahres 

 

Neuer Aachener Kunstverein

‚‚Mehr Jetzt ist Nie‘ steht auf dem Dach des NAK. Eine Selbstvergewisserung für jene, die das geschrieben haben, und jene, die mit Google Earth über den Aachener Kurpark fliegen.

‚Mehr Jetzt ist Nie‘ ist ebenso vermutlich die treffendste Aussage, die sich ein Kunstverein in aller hintergründiger wie humorvollen Ernsthaftigkeit auf die Fahnen – aufs Dach – schreiben kann.

Absolute Konzentration auf das Erlebnis Gegenwart für die Zeit, die sie andauert. Und in einem Kunstverein kann diese Gegenwart eine Ausstellungslaufzeit lang sein. Jeder Tag ein Statement zum Stand der Dinge mit Hilfe der Kunst, in der Kunst, durch die Kunst.’

 

Meine Kunstmenschen des Jahres

 

Meike Behm

2ED25F86-2E6C-41B2-B743-F5D8A53099CF
Foto: Privat

Ob Äpfel, Wolken, Wellen oder Blumen. Meike Behm rückt in der Kunsthalle Lingen Dinge in den Fokus, die auch von Alltäglichkeit und Vergänglichkeit erzählen. Sie nimmt die Kunstgeschichte wie die Kunst, die sich aus dieser Alltäglichkeit der Wahrnehmung und aus den Biografien der Künstlerinnen und Künstler entwickelt, so ernst, wie das Publikum, für das sie arbeitet. Sie ist im besten Sinne Vermittlerin und Partnerin der Künstler, der Besucher, der Stadtgesellschaft und der in ihr verwurzelten Idee der Kunstvereine auch als partizipativer Orte der Kunst.

 

 

Yilmaz Dziewior 

70B54B8E-AB17-4BA2-AE3D-A4130D90A2C3
Foto: Albrecht Fuchs

Wer ein Ausstellungsschiff wie das Museum Ludwig lenken will, muss Weitblick und Umsicht balancieren können. Zwischen Gabriele Münter und Haegue Yang etwa liegen Zeiten und Welten, und doch macht Dziewior sein Haus zu einer Bühne der verständlichen wie notwendigen Dialoge über die Generationen und über deren Rollenverständnisse hinweg. Seine Aufmerksamkeit ist so charmant wie unerbittlich, aber genau darum immer ein Gewinn. Und ganz persönlich bin ich ihm ausserordentlich dankbar für jeden Moment einer neuen Begegnung, die seinem ‚Kennst du eigentlich schon …‘ folgt.

 

 

Julia Stoschek

C0B2F125-0EDE-4A83-A0D5-B808E98E6908
Foto: Şirin Şimşek

Eine Sammlerin mit einem untrüglichen Gespür für die Themen der Zukunft, die Qualität der Gegenwart und die Verantwortung für die Vergangenheit. ‚Medienbasierte Kunst‘ ist der trocken technische Bergriff für ihren Sammlungsfokus. Wie lebendig und vielfältig dieser ist, beweisen Julia Stoschek und ihr Team in Ausstellungen sowohl im Düsseldorfer Stammhaus, als auch in ihrer Dependance in Berlin. Was sie mit großem Engagement über die vergangenen 10 Jahre aufgebaut haben und mit uns teilen, ist mir immer wieder ein Augenöffner, der Beginn von Geschichten, Anlass zum Nachdenken und Innehalten, Neues, Fremdes, Überraschendes.

 

 

Mein Ausblick

 

Kunsthalle Münster

IMG_0432Merle Radtke startet ihr erstes Ausstellungsprogramm als Direktorin der Kunsthalle Münster mit einer Ausstellung zum Werk von Mary Beth Edelson. Fotografien, Malereien und Collagen aus fünf Jahrzehnten gewähren Einblick in die Arbeit einer der wichtigsten Vertreterinnen der feministischen Kunst, vor allem der 70er Jahre. 2019 folgen Ausstellungen von Christiane Blattmann und Katia Kameli. Damit zeichnet sich ein Programm ab, dass nicht nur generationenübergreifende Themen erkennt und analysiert, sondern auch Standpunkte und Standorte vermittelt und zu einer notwendigen Grundlage für Gespräche über Künstlerinnen und Kunst, Gesellschaft und Individualität einlädt. Ich bin mir sicher, dass das Ausstellungs- wie auch das Begleitprogramm die Kunsthalle Münster im kommenden Jahr zu einem unumgänglichen wie relevanten Partner wichtiger und zukunftsweisender Auseinandersetzungen werden lässt.