‚Marc Chagall – Der wache Träumer‘, im Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster

‚Vater, Mutter, die beiden Großmütter, mein stattlicher Großvater, unsere Familie, andere Familien, Hochzeiten, Beerdigungen, Reiche und Arme, unsere Straße, die Gärten – all das zieht an mir vorüber wie die tiefen Wasser der Düna. Mein Elternhaus gibt es nicht mehr. Alles ist verschwunden oder gestorben. […] Aber ich will nicht, daß meine Erinnerungen erlöschen und mit mir sterben. Ich möchte sie retten. Und ich denke daran, daß du, mein treuer Freund, mich oft so zärtlich gebeten hast, von meinem Leben aus der zeit zu erzählen, als du mich noch nicht kanntest. Darum schreibe ich für dich.’

Bella Chagall schreibt diese Worte in dem mit ‚Das Erbe‘ betitelten Vorwort zu ihren Kindheitserinnerungen ‚Brennende Lichter‘ im Jahr 1939. Bella und Marc kennen sich da bereits seit dreißig Jahren und sind davon bald fünfundzwanzig Jahre verheiratet, haben eine Tochter, Sehnsucht, vor allem aber die äußeren Umstände führen beide bald rastlos durch Europa, halten sie fest und treiben sie fort. 1941 emigriert das Paar in die USA, wo Bella nur drei Jahre später stirbt.

Marc Chagall hat Bellas Miniaturen aus ihrer Kindheit mit zartem Strich illustriert, den Charakteren, den Ritualen, dem jüdischen wie dem ländlichen Leben, den Festen und Alltäglichkeiten die Sprache feiner wie schlichter Zeichnungen hinzugefügt, und damit die Sprache der Schrift um seine Erzählung ergänzt und erweitert.

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Marc Chagall, Der Schlitten im Schnee, 1944, Öl auf Leinwand, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

In der Ausstellung ‚Marc Chagall – Der wache Träumer‘ im Kunstmuseum Pablo Picasso, lässt sich eine Bildwelt Marc Chagalls erleben, die genau in dieser Sehnsucht und Melancholie, zwischen Erinnerung und Traum, Biografie und Religion wurzelt. 

Sie zeigt, dass sich Motive und Leben nicht voneinander trennen lassen, und dass es lohnt den Spuren zu folgen, die fliegende Geiger und Kühe, Mann-Hähne, schwebende Paare, Schlitten, Engel, Fische, Pferde und so weiter, weisen.

‚Wäre ich kein Jude (mit allem, was dieses Wort für mich beinhaltet), ich wäre überhaupt kein Künstler oder aber ein ganz anderer Mensch‘,

schreibt Chagall 1922 in einem biografischen Essay. 

Die Auseinandersetzung mit der Welt, in welcher Form auch immer, ist in ganz entscheidendem Maße der kulturellen Prägung des Einzelnen geschuldet. Marc Chagall wird 1887 als Moishe Segal im russischen Witebsk geboren. In einer Familie und Gemeinschaft chassidischer Juden wächst er mit ihrem Glauben, ihren Ritualen, ihren Motiven und Bildwelten auf, in der Realität harter und entbehrungsreicher Arbeit und der phantasievollen und mystischen Erzählungen der Religion.

Die Biografie wird Chagall nicht mehr loslassen. Und neben den vielen Motiven, die ihren Ursprung in den jiddischen Erzählungen seiner religiösen Heimat finden, ist es vor allem die Heimatstadt, die ihn nicht loslässt.

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Marc Chagall, Akt über Witebsk, 1933, Öl auf Leinwand, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

In zahlreichen seiner Gemälde begegnet man diesem Witebsk der 20er bis 40er Jahre. Mal als verkehrte Welt, mal schemenhaft im Hintergrund, mal als verschneites Idyll oder unter der herrlichen Rückenansicht eines weiblichen Aktes, einer schlafenden Odaliske ähnlich, die träumend und einer Wolke gleich, über der Stadt zu schweben scheint. Der Gedanke an Heimat und Heimatverlust in Biografie und Abbild begleitet den Maler lebenslang.

Seinen Aufbruch nach Paris (1910) wird er in diesem Sinne Jahre später so erklären:

‚Damals hatte ich erkannt, dass ich nach Paris gehen musste. Die Erde, die die Wurzeln meiner Kunst genährt hatte, war Witebsk; aber meine Kunst brauchte Paris so nötig wie ein Baum das Wasser. Ich hatte keinen anderen Grund, meine Heimat zu verlassen, und ich glaube, ihr in meiner Malerei immer treu geblieben zu sein.’

Auf seinem Gemälde ‚Der Hahn über Paris‘ mag man diese Abhängigkeiten wie Notwendigkeiten erkennen, und darüber hinaus all die lebendige Klarheit, die in seinen Worten ja auch mitschwingt. Lebenslust und Lebenskunst, Lust und Kunst, in einem Kreislauf aus Erinnerung, Traum und Erkenntnis. Ein schwebendes Liebespaar, der Künstler samt Palette, mit zwei Gesichtern und einem Hahnenkörper, die Sonne ein Ring, das Porträt einer Braut. 

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Marc Chagall, Der Hahn über Paris, 1958, Farblithografie, Dauerleihgabe der Sparkasse Münsterland Ost im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Chagall löst im Bild die vermeintlichen Gegensätze von Realität und Traum auf, und findet sich auch darin vielleicht ganz in der Tradition seiner religiösen Heimat, in der es keine Trennung zwischen Weltlichem und Religiösem gab, in der die Mystik und ihre Elemente eine Bedeutung im Leben hatten, und in der ihre Geschichten immer auch die Geschichten des Lebens waren.

‚Ich bin ein Maler und sozusagen ein unbewusst bewusster Maler. Es sind so viele Dinge im Reich der Kunst, für die schwer Schlüsselwörter zu finden sind. Aber warum eigentlich muss man unbedingt versuchen diese Tore zu öffnen? Manchmal scheint es, dass sie sich von selbst auftun, ohne Anstrengung, ohne überflüssige Worte.’

‚Der wache Träumer‘ lautet der Untertitel der Ausstellung in Münster. 

Und eben in der Auseinandersetzung mit der Zwischenwelt, in der ‚Traum‘ nicht ‚Schlaf‘ bedeutet, sondern eher ‚Möglichkeit‘, liegt der reizvolle Fokus auf das Werk Chagalls. 

Chagall sieht augenscheinlich keinen Widerspruch zwischen den Bildwelten einer teilbaren Realität und denen einer zutiefst individuellen Erfahrung. Wie er in seinen Gemälden mit erkennbaren Motiven arbeitet und ihnen doch in phantasievoll und phantastischer Gestalt und Gebaren die Freiheit einer neuen, viel tieferen Geschichte gibt, löst die vermeintliche Grenze zwischen Wachheit und Traum auf. 

Der Maler nimmt Freiheit und Möglichkeit als Motive in seine Erzählungen auf, und in ihr vermischen sich schließlich Phantasie und Realität zu einer neuen Geschichte. 

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Marc Chagall, Der Vogelkäfig, 1925, Öl auf Karton, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

1925 etwa malt Chagall mit ‚Der Vogelkäfig‘ eines der, wie ich finde, anrührendsten und tiefsinnigsten Gemälde. Zwei Vögel sitzen gefangen in einem Käfig, der hier anstelle ihres Nestes in einem Busch oder Baum platziert, erzwungen, scheint. Sie sind ganz nah an die Käfigstäbe gerückt, ganz aufmerksam scheinen sie die Umwelt jenseits zu beobachten, als würde etwas ihre Aufmerksamkeit erregen.

Und tatsächlich erscheint unter ihnen diese wundersame Gestalt, ein Fantasiewesen mit Vogelkopf und Menschenkörper, fliegend und Geige spielend. Die Freiheit der Täume und ihrer Bilder, die Freiheit der Töne, der Musik und die Freiheit und Schönheit der Erinnerung und Lebendigkeit vereinen sich in diesem kleinen und zunächst ja so unscheinbaren Motiv und lassen es zu einem starken Botschafter der Hoffnung werden.

Meine Augen wandern zwischen den Vögeln und dem Wesen hin und her, als würde ich mit ihnen hoffen und bangen, dass hier die Rettung kommt. Vielleicht kommt die Rettung aus Träumen, vielleicht wenn man ihrer Kraft traut und sie auch im Wachen zulässt. Zumindest ist das eine schöne Vorstellung.

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Der Paradiesvogel Sirin, Eitempera auf Holz, Russland, 19. Jahrhundert

Die Ausstellung in Münster zeigt am Beispiel ausgewählter Ikonen auch, dass die Fantasiewesen Chagalls nicht nur immer wiederkehrende Motive in der Freiheit künstlerischer Kreativität sind, sondern dass sich in ihnen auch eine tiefe wie ehrfurchtsvolle Verbindung zur Ikonenmalerei und ihrer Bildsprache ausdrückt, aus der der Maler schöpft, und die er als Inspirationsquelle nutzt.

Im Auftrag des Pariser Verlegers Ambroise Vollard beginnt Chagall 1930 mit seiner Bibelillustration, einem Vorhaben, dass er erst 1956 beenden wird. 

‚Seit meiner Jugend hat mich die Bibel gefesselt. Sie erschien mir immer und erscheint mir auch heute noch als die größte Quelle der Poesie aller Zeiten. Stets habe ich ihre Spiegelung im Leben und in der Kunst gesucht. Die Bibel ist der Widerhall der Natur, und dieses Geheimnis habe ich weiterzugeben versucht.’,

bekennt er über seine Motivation dazu, die auch offenbart, dass er in ihr mehr noch als den religiösen vor allem den erzählerischen, literarischen Einfluss widerspiegelt.

In Münster lässt sich der Entstehungsprozess der ‚geträumten Bibel‘ – wie es hier heißt – durch zahlreiche Radierungen und die dazugehörigen vorbereitenden Studien erleben. Über das ebenfalls ausgestellte Motiv ‚Die Taube der Arche‘ schreibt Gottfried Sello 1956 in DIE ZEIT:

‚Illustrieren heißt: einen Text erleuchten, den Sinn bildhaft machen. Das helle Fenster in der dunklen Arche des Noah steht für Verheißung. Und alle sehnsüchtige Erwartung der Eingeschlossenen spricht aus dem Gesicht nicht der Menschen, sondern des Zickleins. Nur die Gestalt der Mutter im Hintergrund bleibt gänzlich unberührt von dem Schrecklichen, was draußen vorgeht: keine kosmische Katastrophe und nicht einmal die Sintflut ist so wichtig wie das Kind, dessen Kopf sie an ihr Herz preßt.’

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Marc Chagall, Die Braut mit zwei Gesichtern, 1927, Öl auf Leinwand, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Traum und Realität sind auch hier keine Widersprüche. Sie sind Ausdruck von Möglichkeiten in ein und derselben Welt, Hoffnung und Erinnerung, die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft.

‚Die Braut mit zwei Gesichtern‘ verweist in ihrer doppelhäuptigen Gestalt darauf, dass gerade der Facettenreichtum und die Wandlungsfähigkeit die Lebendigkeit des menschlichen Charakters ausmachen. Sie ist ganz Ritual und Ausbruch aus eben jenem, ganz der Tradition verhaftet und doch entschlossen Freiheiten zu genießen, ein Kind der Nacht und des Tages, ein Traum und  Realität eben. Sie verbindet in sich die religiösen wie die weltlichen, geistige wie körperliche Begehren.

‚Marc Chagall – Der wache Träumer‘ lässt einen diesen Maler, über den scheinbar doch alles erzählt schien, und dessen Motive als Poster und Kunstdrucke so zahlreich wie qualitätsfrei verbreitet sind, wieder-, das heißt: neu entdecken.

Ich hätte nie gedacht, dass mich eine Ausstellung mit seinen Werken begeistern könnte. Diese tut es, weil sie die Bilder aus der Biografie und Motivation des Künstlers heraus ihre Wirkung entfalten lässt, und weil genau dieser Weg so frei und leise, so unaufdringlich und frisch gerät. Marc Chagall war nie vergessen, aber vielleicht kann und darf man jetzt sagen: er ist aufgewacht.

‚Marc Chagall – Der wache Träumer, im Kunstmuseum Pablo Picasso, bis zum 20. Januar 2019

Bei Wienand ist ein umfangreicher Katalog zur Ausstellung erschienen.