‚Raoul De Keyser. Œuvre‘, im S.M.A.K., Gent

Raoul De Keyser_Hommage aan Brusselmans, 1969-1970
Raoul De Keyser
 Hommage aan Brusselmans, 1969–70 Acrylic & dispersion on canvas, 120 x 150 cm © Family Raoul De Keyser | SABAM Belgium 2018 Private collection Photo credit: Hilde D’haeyere Courtesy Zeno X Gallery, Antwerp & David Zwirner, New York / London / Hong Kong

Raoul De Keyser hat Jean Brusselmans eine Leinwand in die Landschaft gestellt, als Bild im Bild, als Intervention vielleicht, als Möglichkeit, vor allem aber als Hommage. Es ist die leise wie ehrfurchtsvolle Anerkennung der Kraft der Linie, der Stärke von Farbflächen, der Abstraktion, die doch nie den Moment des Erkennbaren gänzlich hinter sich lässt. Und es setzt Entwürfe eines eigenen malerischen Auftrags im wahrsten Sinne in Bewegung, die (auch) De Keyser zeitlebens begleiten werden: Leben – wie Landschaft – ist kein Zeitpunkt, sondern eine Aneinanderreihung von Möglichkeiten, auch solcher, die sich widersprechen oder zumindest ergänzt werden. Und hier, bei De Keyser für Brusselmans, scheint mir die Hommage auch eine Hommage an die gemeinsame Landschaft zu sein – an Belgien, die Jahreszeiten, die Weite und den Übergang zwischen Land und Meer – der De Keyser viele Jahre später wieder, aber nun mit ganz anderem Duktus in dem kleinen und ganz wunderbaren ‚Oever‘ Ausdruck verleihen wird.

Die ‚Hommage aan Brusselmans‘ aber, von 1969-1970, ist eines der frühesten Gemälde, das im S.M.A.K. den Auftakt zu einer großartigen Werkschau zum Arbeitsleben des 2012 verstorbenen Malers bildet. Und doch sind in diesem Auftakt schon die Rückbesinnung und die Bezugnahme als ständige Begleiter im Leben ein so wichtiges Thema.

Raoul De Keyser_Oever, 2005
Raoul De Keyser Oever, 2005 Oil on canvas on wood, 18 x 15.5 cm © Family Raoul De Keyser | SABAM Belgium 2018 Collection of Barbara Weiss, Berlin Photo credit: Jens Ziehe
Courtesy Zeno X Gallery, Antwerp & David Zwirner, New York / London / Hong Kong & Galerie Barbara Weiss, Berlin

Welche Rolle Bewegung und Veränderung für De Keyser spielte, und wie wichtig ihm die immer wieder notwendige Selbstbefragung auch in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk war, beweist die Ausstellung in Gent so schlicht wie überzeugend schon durch ihren Titel: ‚Œuvre‘.

In ‚Werk‘ wie ‚Gesamtwerk‘ steckt dabei eben auch der feine Hinweis auf den Prozess, auf die Arbeit und auf die Notwendigkeit, eben darin auch als Betrachter alles mit allem in Bezug zu setzen. ‚Œuvre‘ folgt in diesem Ansinnen einerseits – mit einer wichtigen Unterbrechung, auf die ich noch zu sprechen komme – der Chronologie eines Lebens.

Sie zeigt aber eben auch so poetisch wie bezeichnend, das Leben wie Werk im besten Fall die Gemeinsamkeit des Hinterfragens in sich tragen, und das es sehr wohl möglich ist, in beiden Fällen aus einer Abhängigkeit auszubrechen.

Portret Raoul De Keyser_Jef Van Eynde
Portret Raoul De Keyser, 
mei 2012, Bij Raoul De Keyser thuis, in Deinze. Foto: Jef Van Eynde

Raoul De Keyser wurde 1930 in Deinze geboren, hier ist er aufgewachsen, hier hat er gelebt und hier, zwanzig Kilometer westlich von Gent, ist er gestorben. In seinem Essay ‚Spiralen der Erinnerung – Gedanken zum Werk Raoul De Keysers‘ im Ausstellungskatalog, beschreibt Martin Germann diese Landschaft folgendermaßen:

‚Dieser Teil Belgiens erscheint als suburbanes Flickwerk aus Feldern, Bauernhöfen, Hügeln und kleineren Wäldern, bar jeder planerischen Geometrie ist er durchzogen von Einfamilienhäusern, Fabrikhallen oder mit anderer generischer Architektur bebauten Landstraßen. Bahntrassen durchschneiden das Panorama, ebenso Pfade, Alleen, Wäldchen, Sportplätze, Reihenhäuser, Grasparzellen, wiederholt steht ein Pferd auf einer umzäunten Wiese. Keine Linie verläuft gerade in dieser verschachtelten, zwischen allen ländlichen und städtischen Lebensformen angesiedelten Peripherie […]’ (S. 41)

Raoul De Keyser_Grenier 14, 1992
Raoul De Keyser 
Grenier 14, 1992 Oil on canvas, 82 x 67 cm © Family Raoul De Keyser | SABAM Belgium 2018 S.M.A.K., long-term loan from the Collection of the Flemish Community Photo credit: Dirk Pauwels Courtesy Zeno X Gallery, Antwerp & David Zwirner, New York / London / Hong Kong

Nicht nur, dass man in dieser Beschreibung auch den Bezug zur Eingangs beschriebenen ‚Hommage‘ fast zwangsläufig erkennen mag, auch scheinen Strukturen und ihre Veränderung, des Eingriffs in Umstände, eine wichtige Rolle zu spielen. Eine so konsequente Verbundenheit zu einem Ort mag aus heutiger Sicht ‚unzeitgemäß‘, bald langweilig oder zumindest einengend erscheinen. Für De Keysers Werk und Wirken aber scheint dieser Ort, scheint diese Landschaft  nicht weniger als die Großstadt, nicht geringer als die ‚weite Welt’, Geltung zu haben.

An den Strukturen dieser Landschaft lässt sich der Gestaltungswille und die Gestaltungskraft des Menschen in und mit der Landschaft ablesen, ein wenig auch die Sisyphusarbeit, die Gestaltung manchmal sein kann.

Vom Wohnzimmer fällt der Blick über viele Jahre auf einen Fußballplatz vor dem Haus. De Keyser beobachtet den Platzwart dabei, wie er der gezügelten Natur hier mit weißer Kreide immer wieder aufs Neue ein Korsett verpasst, dass Teil eines Regelwerkes ist und fotografiert das Ergebnis. Die Linie in der Landschaft und ihre Veränderung, die Gestaltung und Abhängigkeit des Menschen und seines Tuns, lassen sich hier exemplarisch aufzeigen.

Raoul De Keyser_Correctie, 1973_1982
Raoul De Keyser
 Correctie, 1973/1982 Oil on canvas, 150 x 120 cm 
© Family Raoul De Keyser | SABAM Belgium 2018

Über die Jahre wählt De Keyser aus seinem Überblick immer wieder ein Detail dieses Regelwerks, um es auf der Leinwand zu bannen und damit endgültig aus dem Kontext zu nehmen. So erscheint er einerseits als Dokumentarist und gleichzeitig wie ein Verbündeter des Platzwartes. 

Im Katalog gibt es ein sehr spannendes Kapitel zur Fotografie als Grundlage und Bestandteil von De Keysers Arbeit. Hier zeigen sich in fast dokumentarischer Manier die Grundlagen zur Malerei als integraler Bestandteil eines Dreiklangs aus schöpferischen Tätigkeiten in einer Folge von Regeln (Manifestation auf dem Rasen, Manifestation im Foto, Manifestation auf der Leinwand). 

1973 entsteht ein Werk, dem man heute seine ursprüngliche Gestalt nicht mehr ansieht, dessen ehemalige Struktur sich nur noch erahnen lässt. Ist da nicht ein weißes Kreidekreuz noch ganz schemenhaft angedeutet zu erkennen? Inzwischen ist darüber ein Wirbel dunkler Farbe, eine braunschwarze Wolke, die den Blick verstellt und alles Dagewesene auslöscht. 

‚Correctie‘ ist ein äußerst prägnantes Beispiel für De Keysers lebenslangen Ansatz, Werk und Wirkung zu hinterfragen und damit auch zu einem essenziellen Teil der Biografie zu machen. Als das Gemälde 1982 ‚korrigiert‘ wird, gibt es nämlich den Fußballplatz nicht mehr. Aus der nun aufgewühlten Erde werden Häuser erwachsen und den Blick auf die Landschaft und ihre Geschichte verändern.

Wie entscheidend die Rückschau und die Veränderung wie Anpassung für De Keyser sind, beweist eine Unterbrechung der Chronologie, die gleichsam wie eine Ausstellung in der Ausstellung wirkt. Das Architekturbüro ‚Robbrecht and Daem‘ hat – auch aus einer langen Erfahrung der Zusammenarbeit mit Raoul De Keyser und damit ganz offensichtlich einem tiefen Verständnis für das Werk und seine Unabhängigkeit und Freiheit – einem Ausstellungsraum eine neue Struktur gegeben. Eine simple, leicht gegen die eigentlichen Ausstellungswände versetzte und mit einer einfachen Balkenkonstruktion von diesen abgesetzte Wandkonstruktion samt einer vorspringenden, aber nur angedeuteten Decke, hinterfragt bekannte weil gewohnte Linien und Wege, und fordert zur Neupositionierung auf.

Raoul De Keyser_Angouleme, 1994
Raoul De Keyser
 Angoulême, 1994 Oil on canvas, 55 x 31,5 cm 
© Family Raoul De Keyser | SABAM Belgium 2018 S.M.A.K., long-term loan from the Collection of the Flemish Community Photo credit: Dirk Pauwels Courtesy Zeno X Gallery, Antwerp & David Zwirner, New York / London / Hong Kong

In diesem Raum, der sich aus dem Regelwerk der Räume löst, treten Arbeiten aus mehreren Jahrzehnten in einen so behutsamen, stillen wie beeindruckenden Dialog miteinander und mit dem Betrachter. Ganz treffend hängt hier das oben genannte ‚Correctie‘, aber auch eine meiner absoluten Lieblingsarbeiten, ‚Angouleme‘ von 1994, in dem mir ein blauer Vorhang zur Seite gezogen scheint, um so den Blick in unendliches Grün freizugeben.  

Hier wird eindrucksvoll deutlich wie poetisch De Keysers Malerei aus einem Angebot schöpft und gleichzeitig Angebot ist. Alles gilt für den Moment und könnte im nächsten Augenblick schon etwas anderes sein. Mit ‚Z.t. (Rand) von 1964 und ‚Robben 2‘ von 2012 hängen hier das erste und das letzte Gemälde aus dem Werkverzeichnis direkt nebeneinander. Das könnte leicht sentimental wirken. Hier aber ist es ein ganz leiser und feiner Hinweis auf Beständigkeit und Wandel und darauf, dass alles was wir sehen und erleben immer nur ein Ausschnitt sein kann, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. 

Bernhart Schwenk formuliert zum Thema der Assoziationsräume bei Raoul De Keyser wie ich finde auch im Zusammenhang mit diesem speziellen architektonischen Raum treffend:

‚Vielleicht ist die Malerei De Keysers heute gerade deshalb so aktuell, weil sie zum eine jene Erdung und Sicherheit vermittelt, die in der Ära virtueller Raumerkundungen abhanden kommt. Vielleicht wirkt diese Malerei aber auch deshalb so frisch, weil sie die Freiheit bietet, in neuen Räumen zu denken und sämtliche visuellen Übereinkünfte und sonstigen Begrenzungen hinter sich zu lassen.’ (Katalog, S. 120 f.)

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Ausstellungsansicht ‚Raoul De Keyser. Œuvre‘, mit ‚Robben 2‘ und ‚Z.t. (Rand)‘ ganz rechts, S.M.A.K Gent. Foto: Dirk Pauwels

Mit den kleinformatigen Arbeiten, die De Keyser in seinen letzten Lebensjahren geschaffen hat, und die, zusammenhängend und damit wie in ihrer Ateliersituation 2012 gezeigt, als ‚The Last Wall’ einer eigenen Dramaturgie zu folgen scheinen, greift der Künstler noch einmal Themen und Fäden seines Werkes auf und erschafft eine Retrospektive en miniature, die nicht an Humor spart, die Vergänglichkeit als Teil eines Kreislaufs anerkennt und dabei auch vor diesem Hintergrund nie wehleidig erscheint.

Raoul De Keyser_To Walk, 2012
Raoul De Keyser
 To Walk, 2012 Oil, gesso, wasco on canvas & wood, 28,2 x 21,2 cm © Family Raoul De Keyser | SABAM Belgium 2018 Private collection Photo credit: Jens Ziehe Courtesy Zeno X Gallery, Antwerp & David Zwirner, New York / London / Hong Kong & Galerie Barbara Weiss, Berlin

‚To Walk‘ etwa, der bildgewordene Knauf des Gehstocks vor einem feinen Kreuz auf weißem Grund, scheint das Thema der Linie noch einmal zart und zerbrechlich andeuten zu wollen, und doch steht eine andere Notwendigkeit mit offensiver Selbstverständlichkeit im Vordergrund. Das Leben ist ständige Veränderung auch in der Erinnerung an die Vergangenheit, oder wie es in einem Saaltext so treffend heisst: ‚Returning is a journey too.‘

Im Anschluss an die Station im S.M.A.K. wird Raoul De Keysers ‚Œuvre‘ (ab April 2019) in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen sein. Es wird sicher spannend, hier dann noch einmal ganz neue Bezüge, Begleiter und Motive zu entdecken.

‚Raoul De Keyser. Œuvre‘, im S.M.A.K., Gent, bis zum 27. Januar 2019

Im Verlag der Buchhandlung Walther König ist ein ganz hervorragender Katalog zu beiden Stationen der Ausstellung erscheinen.