‚Cao Fei‘, im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Cao Fei begleitet mit ihren Arbeiten die Gegenwart. Hier und Jetzt ist ihr Labor und ihr Habitat, ihr Bezugspunkt und das Ergebnis ihrer Gedanken. Sie ist dabei Beobachterin und Teil der Beobachtung, sie analysiert ihr Handeln und schaut mit analytischem Blick auf das Handeln der Individuen, denen sie begegnet.

‚Die Menschen verlassen die kleinen Städte in Richtung der großen Städte und ziehen später in umgekehrter Richtung wieder zurück. […] Ehemalige Bauarbeiter werden zu Kurieren der Internetfirma und die ehemaligen Wachleute der Fabriken übernehmen die Fahrradpatrouillen, um Leihfahrräder zu überwachen. All diese von oben nach unten durchgezogenen Veränderungen, ob riesengroß oder nur eine einzelne Person betreffend, lassen sich nicht ignorieren. Das betrifft jeden und ist unausweichlich, weil wir alle Mitspieler in dieser Geschichte sind.‘ (Katalog S. 55)

In den wachen Träumen über die Menschen und Dinge, die uns begleiten, gelten die Regeln des Koordinatensystems, in dem wir uns befinden. In einem Park etwa ist es die von Menschenhand gestaltete Außenwelt. Am Arbeitsplatz ist es der Horizont der Bürowände, einer Maschinenhalle, eines Zuständigkeitsbereiches etc.. Im Privatleben die ‚Zuhause‘ genannte Leinwand der Vorstellung von Räumen einer privaten Sphäre. 

Alle Möglichkeiten der Auseinandersetzung und Interpretation finden vor dem Hintergrund einer Zusammenfassung von Raum und Zeit statt, in der die handelnden Individuen ihre Handlungsweise als Interaktion mit der Gegenwart als Entität wahrnehmen. Anders gesagt: der Partner jeglicher gedanklicher (wie tatsächlicher) Interaktion zwischen Individuen ist diese Gegenwart. Sie ist ein Rausch der Stimmen und Eindrücke, schier unfassbar, unendlich, schnell. Cao Fei ergreift sie und erzählt von ihren Eindrücken.

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Cao Fei Installationsansicht der Ausstellung im K21, Foto: Achim Kukulies Foto: © Kunstsammlung NRW

In der Ausstellung, die das K21 der Kunstsammlung NRW der chinesischen Künstlerin Cao Fei gerade widmet, laden zwei sich gegenüberstehende, verschnörkelt altmodische Bänke zum Verweilen und Beobachten ein. Ihr Standort ist eine Inszenierung des Gegenüber, der Wechselwirkung und der Illusion. Der Rasen ist Kunstrasen, die Palmen sind Kunstpalmen, die Blumen Kunstblumen, die Statue ist Abbild der vielen Statuen, die der Vater im Auftrag und zur Ehre der Kommunistischen Partei Chinas schuf, hinter ihr ein geschlossenes, blaues Rolltor mit der Aufschrift ‚Utopia Factory‘. 

Man kann den Dingen und Menschen zunächst eben immer nur auf die Oberfläche blicken. Im Rolltor befindet sich eine verschlossene Tür und wie jede Überschrift, so verweist auch die darüber angebrachte auf den Inhalt, der verborgen ist.

Und doch wirkt sie ja auf uns, auf die Gegenwart. 

Im Interview mit Susanne Gaensheimer sagt Cao Fei:

‚Wir entwerfen und diskutieren immer gern die Zukunft. Tatsächlich geht die Zukunft mit uns synchron, denn in den Ruinen sehe ich die Zukunft der Vergangenheit. Vielleicht sehen wir jetzt gerade auch die Ruinen der Zukunft.’ (Katalog S. 65)

Cao wurde 1978 geboren, in dem Jahr also – darauf verweisen fast alle Rezensionen ihrer Arbeit, als sei dieser Umstand in die DNA der Gesellschaft und all ihrer Mitglieder eingebrannt – in dem mit Deng Xiaoping die Reform- und Öffnungspolitik Chinas begann, den gesteuerten Blick in die Zukunft aus einer Gegenwart, kontrolliert durch Eliten und Kader. Deng Xiaoping schaut von seinem Sockel altersmilde und gutonkelig auf die Besucher hinab, grüßt in die Utopie und versperrt doch den Weg zu dem Ort, an dem sie gestaltet wird. Wie die Utopie auszusehen hat, bestimmt der Apparat, alles ist Illusion, alles ist kontrollierte Gegenwart und kontrollierbare Zukunft, dieser Ort ist kein Tian’anmen-Platz.

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Cao Fei Installationsansicht der Ausstellung im K21, Foto: Achim Kukulies Foto: © Kunstsammlung NRW

Die von Cao Fei erdachte Inszenierung im K21 konstruiert den Anfangspunkt eines Lebens – Ergebnis von Erfahrung und menschlicher Interaktion – als Schlüsselmoment und Dreh- und Angelpunkt zwischen den Elementen eines Werkes.

Und damit definiert sie zwei Zeitachsen, die mir für das Verständnis der Arbeiten so bedeutsam zu sein scheinen: die Zeitachse der Wirkung einer Vergangenheit auf die Gegenwart und die einer Gegenwart als gestaltende und gestaltbare Epoche. 

Die Künstlerin schaut auf die Geschichte gesellschaftlichen Wandels in ihrem Heimatland mit den Elementen und durch die Elemente dieses Wandels. Sie dokumentiert die Arbeit ihres Vaters, ohne damit aber ihren Vater, sondern vielmehr, um damit eine Generation in ihrer noch ganz gegenwärtigen Wirkung zu dokumentieren. Der Ort (die Installation ‚Nation.Father‘) und der Dokumentarfilm (‚Father‘) dienen dem Ansinnen der Künstlerin, ihre Gegenwart als Ergebnis der Gegenwart der Vätergeneration zu verstehen, und sie dabei als Vergangenheit zu erkennen. Sie selbst erklärt ihr Ziel so:

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Cao Fei Installationsansicht der Ausstellung im K21, Foto: Achim Kukulies Foto: © Kunstsammlung NRW

‚Die historische Dimension wird für mich immer wichtiger, egal ob es sich um wirklich vergangene Zeit handelt oder um die Gegenwart, die als Vergangenheit betrachtet wird, oder vielleicht um die Zukunft, die noch nicht geschehen ist oder geschehen könnte und als Vergangenheit betrachtet wird, als etwas Vorhersehbares. Die chinesische Realität ist so realistisch und gleichzeitig so surreal – in China ist die Absurdität der Realität selbst rational.’ (Katalog S. 63)

Das bringt mich zurück zum Anfang, in die Vergangenheit dieser Erzählung: Cao Fei begleitet mit ihren Arbeiten die Gegenwart, habe ich geschrieben. Ihre Vorstellungskraft dehnt diese Zeit ins Extrem und gibt ihr die unterschiedlichen wie erstaunlichen Gesichter einer manchmal fremd und entfernt scheinenden Welt. Einer der überraschendsten Eindrücke, die ich vom Besuch der Ausstellung und aus der Auseinandersetzung mit dem Werk von Cao mitnehme, aber ist tatsächlich eine fast gänzlich fehlende Vision, die sich als Futurologie verstehen ließe.

‚Keine junge Künstlerin hat einen schärferen Blick auf die Zukunft‘ zitiert ein Artikel in der ZEIT über Cao Fei eine Charakterisierung ihrer Arbeit in der New York Times. Ich habe den kompletten Artikel in der Times nicht gelesen, aber ich kann mich dem wirklich nicht anschließen.

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Cao Fei, My Future Is Not A Dream 02, 2006, inkjet print on paper, Courtesy of the artist and Vitamin Creative Space Foto: © Cao Fei © Kunstsammlung NRW

‚My Future is Not a Dream‘ verkünden die Protagonistinnen und Protagonisten der ‚Whose Utopia‘ Serie von 2006, in der Cao Fei nicht nur Arbeitswelten, sondern eben auch Lebenswelten dokumentiert. Die Arbeiterinnen und Arbeiter des Osram-Werkes gewähren vor dem Hintergrund und in der Umgebung ihrer Gegenwart einen zutiefst persönlichen Einblick in ein paralleles Leben, das von der Realität doch so weit entfernt ist wie unsere unwissende Interpretation davon. 

Keiner der Beteiligten wirft einen Blick in die Zukunft, sondern in ein alternatives Hier und Jetzt.

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Cao Fei, My Future Is Not A Dream 03, 2006, inkjet print on paper, Courtesy of the artist and Vitamin Creative Space Foto: © Cao Fei © Kunstsammlung NRW

Cao Fei wuchs in Guangzhou auf, einem der zentralen Orte wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Veränderungen in China der letzten vierzig Jahre, gelegen im Perlflußdelta, einer der größten Megalopolen weltweit. In einer Region zu leben, in der über 100 Millionen Menschen leben, scheint eine Beschäftigung mit Lebenswelten und ihren Abhängigkeiten dabei fast unumgänglich zu machen. Cao Fei kommt aus einer Künstlerfamilie, und es mag damit gelten, dass ihr Blick geschult war für Ursachen und Umstände einer Welt im extremen Wandel.

Sehr früh in ihrer künstlerischen Arbeit setzt sie sich daher mit den Strategien auseinander, die Menschen finden, finden müssen, um die wachsende Kluft zwischen gelebter und erlebter Welt zu überwinden. Wo die gelebte Welt immer weiter vorauseilt und das Erlebnis der Gegenwart bald zum Gefühl einer andauernden und nicht mehr veränderbaren, geschweige denn zu gestaltenden Vergangenheit wird, muss es Fluchtorte jenseits der Realität geben. 

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Cao Fei, Tussle (From Cosplayers series), 2004, Inkjet-Print auf Papier / inkjet print on paper, Courtesy of the artist and Vitamin Creative Space Foto: © Kunstsammlung NRW

In ‚Cosplayers‘ widmet sich Cao Fei den Menschen, die in die Realität als Kulisse für eine andere Individualität entfliehen. Vor dem Hintergrund ihres Alltags ereignen sich die phantastischen Abenteuer und Kämpfe, die ihre fantasievollen Alter Egos erleben und austragen müssen, um in der ‚normierten‘ Welt überleben zu können.

Zwischen 2007 und 2011 ‚verschwindet‘ Cao Fei selbst, aber nicht als ‚Cosplayerin’. Ihre Zuflucht wird ein virtueller Ort. Im Second Life wird sie zu China Tracy und gründet darüber hinaus ‚RMB City‘. Wie Millionen Menschen in diesen Jahren, nutzt sie die Möglichkeiten und Freiheiten des SL als Tarnkappe und Ort der Kreativität, bis auch diese Welten einstürzen. Was bleibt, ist die Dokumentation von Aufstieg und Fall einer Illusion. Der jugendliche Begleiter ihres Avatars entpuppt sich als deprimierter Dreiundsechzigjähriger und RMB City wird Opfer seiner Freiräume und der darin ausufernden Egomanien von Investoren und ‚Bewohnern‘. Heute ist RMB City eine leere Hülle virtueller Träume einer anderen Idee von Gegenwart. Lauren Cornell schreibt dazu im Katalog:

‚RMB City lässt sich teilweise als eine Zusammenfassung, als mikroskopische Sicht des Auf- und Abschwungs oder des Optimismus und letztlich der Skepsis bezüglich des Web 2.0 sehen – ein Begriff, der Anfang bis Mitte der 2000er Jahre benutzt wurde, um die massive Zunahme miteinander verbundener sozialer Plattformen (und Unternehmen) zu beschreiben, die das Internet in die Form eines Massenmediums verwandelte.‘ (Katalog S. 45)

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Cao Fei (SL: China Tracy), RMB City: A Second Life City Planning No.5, 2007, inkjet print on paper, Courtesy of the artist and Vitamin Creative Space Foto: © Cao Fei © Kunstsammlung NRW

Irgendwann verschwindet der Mensch aus der Geschichte. Seine Existenz manifestiert sich nur noch im Erscheinungsbild wie im Verhalten seiner Kreationen. Zwei Saug-Roboter ‚tanzen‘ Rumba und führen damit natürlich die Idee von Selbstbestimmung in Anziehung und Abstossung, wie sie sich Menschen zueinander wünschen und erhoffen, ad absurdum. Aktion und Reaktion sind schlicht programmierte Reflexe auf Impulse, Berührung ist der Fehler im System und ihre Vermeidung oberstes Gebot. Im Aufeinandertreffen der Individuen offenbart sich kein Interaktion, sondern nur noch zwei normierte Aktionen zu einem gewünschten Ergebnis. 

In einer westlichen Kunstinstitution die Arbeiten einer chinesischen Künstlerin zu sehen, verleitet schnell, zu schnell, zu einem Reflex, der da politische Statements, Opposition, zumindest aber Kritik am politischen Apparat des Heimatlandes einfordert. Cao Fei verweigert sich dieser Erzählung nicht indem, sondern weil sie eine andere und für sie ebenso wichtige Erzählung (heraus)gelesen und gehört wissen will. Nicht der Staat, nicht die politischen Abhängigkeiten, nicht die Gesellschaft, nicht die Menschen, stehen im Mittelpunkt, sondern der Mensch als integraler Teil einer Gesellschaft und ihrer Abhängigkeiten. Ob sie die Vergangenheit zitiert, Utopien hinterfragt, Träume inszeniert, ob sie zum Avatar wird, eine virtuelle Stadt gründet oder Saug-Roboter miteinander tanzen lässt: all diese Geschichten sind Oberflächen, die Bezüge herstellen und weiter denken lassen, gerade weil sie Nahbarkeit erzeugen können. Selten gibt es eine undurchdringliche Metaebene, einen verklausulierten Umweg. Cao Feis Arbeiten sind direkt und doch zumeist unaufdringlich, in ihrer Abstraktion geht die Emotion nicht verloren, sie sind Hinweise und Verweise, aber eben keine Pamphlete. 

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Cao Fei Installationsansicht der Ausstellung im K21, Foto: Achim Kukulies Foto: © Kunstsammlung NRW

Wer das als Schwäche interpretiert, wer sich vielleicht lieber von chinesischen Grosskünstlern a la Ai Wei Wei erklären lässt, wie die Welt funktioniert, sollte sich die Stunden nehmen, die es brauchen würde, alle Videoarbeiten und alle weiteren Werke in der Ausstellung vollständig zu sehen, und sie auf sich wirken lassen. 

Zwischen der Reminiszenz an die Arbeiten des Vaters auf der einen Seite und den Saug-Robotern auf der anderen Seite (auch der Ausstellung), liegen bald fünfzehn Jahre künstlerischer Arbeit. Die Ausstellung weist sogar noch darüber hinaus und bis zu den Anfängen 1995. In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren hat Cao Fei die Gegenwart ihrer Heimat als Kind ihrer Zeit begleitet und dokumentiert. In China wartet sie noch immer auf ihre erste Einzelausstellung. Wer möchte darf sich wohlfühlen damit zu sagen, dass wir da wohl fortschrittlicher sind. Zumindest.

Wer über die Auseinandersetzung mit dem Werk von Cao Fei hinaus interessiert ist an einer Generation junger chinesischer Künstlerinnen und Künstler, die in der Komplexität und den Herausforderungen ihrer Gesellschaft den Anlass für vielschichtige wie intensive künstlerische Beiträge zum Diskurs sehen, dem sei ein Besuch der von Cao Fei und Yang Beichen kuratierten Ausstellung ‚New Metallurgists‘ in der Julia Stoschek Collection Düsseldorf dringend empfohlen. 

Julia Stoscheks Sammlung ist damit nicht nur Leihgeberin für entscheidende Werke der Ausstellung im K21, sondern wieder einmal der richtige Ort zur richtigen Zeit, wenn es darum geht medienbasierte Gegenwartskunst zu kontextualisieren, zu zeigen und damit wirken zu lassen.

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Cao Fei Foto: © Andreas Endermann © Kunstsammlung NRW

‚Cao Fei‘, eine Ausstellung in Kooperation mit dem MoMa PS1 und der Julia Stoschek Collection, im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, bis zum 13. Januar 2019 

Bei Hirmer ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der sich den künstlerischen Aspekten und der Biografie in Essays und Interviews – unter anderem mit Klaus Biesenbach  – widmet und darüber hinaus ein Werkverzeichnis der Arbeiten von 1995 bis 2018 enthält.

‚New Metallurgists‘, in der Julia Stoschek Collection Düsseldorf, läuft bis zum 28. April 2019