‚Botho Strauß: Non-Finito, Ausgespartes, Leere Stellen Reflexionen zu „Estampes“ von Henri Matisse‘, Verlag Josef Kleinheinrich

Buchstaben, Wörter, Linien als Gedankenumrisse. Wer schreibt, füllt den leeren Raum mit Konturen, Schattierungen, feinen Zirkeln, groben Bögen und den Pausen zwischen ihnen. 

Henri Matisse, Nu couché à la coupe de fruits, 1926, Lithografie, © Succession H
Henri Matisse, Nu couché à la coupe de fruits, 1926, Lithografie, © Succession Henri Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Eine Geschichte aus Konventionen als Ausdruck konventionsloser Vorstellungen, Bilder zu Bildern  über diesen Umweg.

Die Zeichnungen von Henri Matisse folgen der Schrift von der leeren Seite zur Sprache. Seine Linien sind dabei die minimalen Eingriffe einer sicheren Hand, die, dem Mund gleich, eine wortwörtlich selbstverständliche Geschichte erzählen. 

Matisse sagt:

‚Zeichnen ist der genaue Ausdruck des Gedankens. Durch die Zeichnung gehen Seele und Gefühl des Malers mühelos in den Geist des Betrachters über.‘

(zitiert im Katalog zur Ausstellung ‚Matisse – Die Hand zum Singen bringen‘, Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster 2016, S. 179)
Henri Matisse, Bédouine au grand voile, 1947, Aquatinta, © Succession H. Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Henri Matisse, Bédouine au grand voile, 1947, Aquatinta, © Succession H. Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Botho Strauß reflektiert über das Werk. Er nennt es ‚Non-Finito, Ausgespartes, Leere Stellen‘. Sein Handwerkzeug ist der Stift, der über die Sprache die Wörter artikuliert, der sich auf das Blatt senkt, Spuren erzeugt, sich hebt und pausiert, und der dieser Hand – eigentlich das Werkzeug – folgt, deren Finger so selbstverständlich agieren wie ein Gedankenblitz.

Botho Strauß schreibt (oder zeichnet Matisse ?):

‚Der Künstler reagiert auf ein Haus, das einstürzt, mit einem Achselzucken. Er reagiert indessen mit Alarmsignalen, sobald sich auf glatten weißen Wänden die ersten Haarrisse zeigen.‘

Die feinen Spuren sind die Geschichte, die es zu erzählen gilt. Es scheint bald, dass im Fertigen zu viel Ballast ist, unnötiges Beiwerk einer abgeschlossenen Erzählung. Das Erschaffen, oder besser: das Erschaffende, der Prozess, die Beobachtung, die Erwartung und die Konzentration ist die Kunst.

Wenn das Licht angeht, ein erstes Mal nach Jahrzehnten und in einem Raum, in dem alles unter Kontrolle ist, dann zeigt sich, was Bestand hat, haben muss. Was aus dem Dunkel eines Pariser Banktresors 2015 ans Licht kam, waren so zahlreiche wie feine, so intensive wie schwingende Linien, die auf dem Papier just dann zum Halt zu kommen schienen, als die Klarheit des ersten Blicks sie gebannt hatte. Nicht mehr, nicht weniger. 

Henri Matisse, Odalisque, brascero et coupe de fruits, 1929, Lithografie, © Succession H. Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Henri Matisse, Odalisque, brascero et coupe de fruits, 1929, Lithografie, © Succession H. Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Ich kann mir nur in Beispielen eines eigenen ersten Blickes vorstellen, was das für ein Gefühl gewesen sein muss, diese Blätter so ins Licht zurückzuholen. Die Ausstellung ‚Matisse – Die Hand zum Singen bringen‘ 2016/17 im Kunstmuseum Pablo Picasso hat eine vorzügliche Auswahl der 121 Blätter, die aus der Erbengemeinschaft des Künstlers ihren Weg nach Münster fanden, gezeigt, belichtet.

Es liegt so nahe in ihnen Schreiben zu erkennen, diese selbstverständliche Handbewegung aus Übung zu Inhalt, diese Manifestation von Gedanken.

‚Meine Federzeichnung ist meine unmittelbarste Ausdrucksform mit größter Vereinfachung des Mittels. […] Ich habe dann den bestimmten Eindruck, dass sich mein Empfinden der gestaltenden Schrift als Mittel der Aussage bedient. Sobald mein bewegter Strich das Licht auf meinem weißen Papier modelliert hat, ohne dass es seiner rührenden Weiße verlustig gegangen wäre, kann ich nichts mehr zufügen, nichts mehr wegnehmen, die Seite ist geschrieben’.

(http://www.kunstzitate.de/bildendekunst/manifeste/matisse1.htm)

In den Büchern von Josef Kleinheinrich finden die Striche als Formen und Inhalte den Raum, sich zu entfalten. Das Papier ist die zartweiße Grundierung in der die Tinte wirkt. Fäden wie kleine Nägel im Rahmen des Leineneinbandes halten Geschichten zusammen, Seite für Seite, Blatt für Blatt.

Henri Matisse, Primavera, 1938, Linolschnitt, © Succession H. Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Henri Matisse, Primavera, 1938, Linolschnitt, © Succession H. Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Wer dieses Buch etwa aufschlägt, egal auf welcher Seite, wer hört, wie die Seiten aneinander reiben und sich jede von der anderen abhebt und für sich steht, kann auch im Weiß, in den Zwischenräumen und Aussparungen versinken.

Über Josef Kleinheinrich:

‚Auch ein Buchstabe ist nur ein Strich, den ein Autor zieht – für den einen eine Hieroglyphe, ein Universum für den anderen. Kleinheinrich entkleidet künstlerische Arbeit ihres Scheins, um ihr mit Sorgfalt, schwarzer Druckerkunst und einem sicheren Gespür für Materialien einen gültigen, möglicherweise ihren eigentlichen Ausdruck zu geben. Das ist die ganze Kunst: Buchstaben und Striche auf Papier.’

(Werner Irro ‚Buchstaben und Striche auf Papier  ,Ein Literatur- und Kunstverlag mit eigenem Gesicht: Kleinheinrich‘, in: Frankfurter Rundschau, 28.04.2001)

Wer den Linien folgt, folgt einer Geschichte. Aus wenigen Kringeln bilden sie das Wort, ein kühner Schwung, flankiert von undurchdringlicher Schwärze, eine Welle, ein Tal, ganz selbstverständlich, Haare, Nase, Augen, Mund. 

Wer teilt sich den Raum mit wem? Botho Strauß gehören die Vorworte, besser: Vorwörter, der Geschichte. Gesammelte Eindrücke, Reflexionen zu Matisse, aber eigentlich viel eher zur Sprache, der Sprache der Bilder, der Sprache der Linien, der Seiten, der Räume, Zwischenräume, Gedanken. Manchmal Reflexionen auf das Leben, manchmal die Stimmen der Modelle, die Stimme des Künstlers. Manchmal Analyse und Biografie, Beschreibung und Interpretation, vielleicht Autobiografie. Manchmal nur ein Satz, dann eine Seite.

‚Mit Hilfe einer gezielten Aussparung, eines unwahrscheinlichen Details verführte die Strenge Illustrierte den Betrachter, hinter den Spiegel des ersten Bildes zu schauen und so lange hinzusehen, bis aus ihm ein zweites, das vordere verdrängendes oder widerrufendes hervortrat. Was immer Sie festigt, woran immer Sie glauben mögen – glauben Sie einmal zwei Stunden nicht daran!’

‚Auch das schweigende Gesicht spricht. Das gleiche Siegel benutzen Himmel und Abgrund. Heil und Unheil. Matisse läßt oft Gesichter leer, etwa bei den sakralen Figuren in der Kapelle von Vence. Oder, besonders nicht-gemalt, fast magisch penetrant das fehlende Gesicht der Jungen Engländerin, Porträt einer jungen Frau im weißen Kleid von 1947.’

‚Sie waren dem Unscheinbaren schon ganz nah.‘

Strauß betreibt Bildanalyse als notwendige Voraussetzung für die Abstraktion der Gedanken. Er ist ganz bei sich und dabei ganz bei Matisse, der sich in seine Gedanken zitiert und so die Werke schon hier ankündigt:

‚Beachten Sie bitte, daß alle meine gezeichneten Blätter das rührende Weiß des Papiers haben.‘

76 Arbeiten von Matisse folgen dem wörtlichen Auftakt, erzählen weiter. Sie sind die feine Auswahl aus dem unschätzbaren Schatz eines Konvolutes von Holzschnitten, Lithographien, Radierungen, Linolschnitten und Aquatinten. Sie sind fein und grob, detailreich und pure Andeutung, hell und dunkel, entstanden zwischen 1906 und 1952. 

Henri Matisse, Torse à l'aiguière, 1927, Lithografie, © Succession H. Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Henri Matisse, Torse à l’aiguière, 1927, Lithografie, © Succession H. Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sie sind ‚Danseuse‘‚ Figure‘ ‚Torse‘‚ Nu‘ ‚Odalisque‘, ‚Martiniquaise‘, ‚Marguerit‘, ‚Madeleine‘, ‚Masque‘, ‚Bédouine‘, ‚La Pompadour‘ und viele und vieles mehr.

Sie alle haben den Raum der Seite, ein Blatt für sich, Luft. Und darauf scheinen sie bald zu schweben, wenn man das Papier erkennt, das ihr ursprünglicher Halt ist. Grau, gelblich, bräunlich, kein Weiß mehr, eine eigene Geschichte von Zeit und Veränderung, hin zu den Rändern, die ganz eigene Linien sind. Keine starren Abgrenzungen, eher ein Übergang.

Neben, zwischen den Gesichtern der Geschichte, wie Reflexionen der Reflexionen des schon erlebten, eher also als Begleiter, die Wörter und Sätze von Botho Strauß. Zwei letzte Zitate:

‚Mihi: mir gehört’s, so stand es auf alten Exlibris. Mihi ist auch des anderen Gesicht: Mir gegenüber, mir zugewandt, es wird mir gezeigt. Es gilt mir, ja es besteht nur aus Mir, es gehört mir und ist nicht das meine. Mihi. Nicht-Meins.‘

‚Man bewegt sich schaffend auf immer neue Verwandtschaften zu und geht Verbindungen ein, wenn diese auch instabil sind und sein müssen. Es gibt unendlich mehr Ähnliches auf der Welt als Unvergleichliches.‘

Zum Abschluss ein Essay von Markus Müller, Direktor des Kunstmuseums Pablo Picasso, Hüter der Linien, Geschichtenerzähler. Wohin die feinen Linien von Freundschaft, Nähe, Vertrauen führen können, wie aus ihnen Gesichter werden, davon kann er wahrlich erzählen. Das Vertrauen, dass er bekommen hat, hat das Gesicht der vielen Gesichter in den 121 Arbeiten von Henri Matisse. Sein Text rundet ein Bild ab, wie man sagt, aber eigentlich ist es eher so, dass er es öffnet. Es geht um ‚Die Essenz der Dinge‘, um ‚Die Sprache der Linie bei Henri Matisse‘. Nach der Lektüre ist man dem Künstler näher, der Biografie und dem Werk, dem ‚Hohelied eines linearen Purismus‘, wie Müller die ‚strikte Ökonomie der zeichnerischen Mittel‘ bei Matisse und in seinem Namen nennt.

‚Botho Strauß: Non-Finito, Ausgespartes, Leere Stellen Reflexionen zu „Estampes“ von Henri Matisse‘ ist ein Meisterwerk der Buchkunst. Es nimmt als Objekt das Material der Inhalte und deren Erzählung auf und gibt sie wie ein Spiegel an den Betrachter/Leser zurück. Wir sehen, lesen, fühlen um was es geht, bei Matisse und bei Strauß. Das alles kommt so unaufgeregt, so wenig unnahbar daher, mit so viel Freiraum für die eigenen Geschichten. Ein mehrfach wundervolles Buch.

Die Fakten:

Botho Strauß

NON-FINITO, AUSGESPARTES, LEERE STELLEN

Henri Matisse

ESTAMPES

Markus Müller

DIE ESSENZ DER DINGE

DIE SPRACHE DER LINIE BEI HENRI MATISSE

Format 31,5 x 20,5 cm

Umfang 186 Seiten

Leinengebunden mit Pergaminumschlag

Fadenheftung

ISBN 978-3-945237-19-9

49 €

Alle Zitate entstammen o.g. Werk, so nicht anders angegeben. Aus den Reflexionen zitiere ich mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Das Copyright dieser Texte liegt bei Botho Strauß, für die Buchausgabe bei Josef Kleinheinrich und für die Bilder, freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Kunstmuseum Pablo Picasso, bei den jeweils angegeben Rechteinhabern.