‚Gabriele Münter – Malen ohne Umschweife‘, im Museum Ludwig, Köln

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Gabriele Münter Kahnfahrt, 1910 Milwaukee Art Museum, Gift of Mrs. Harry Lynde Bradley © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Efraim Lev-er, © Artists Rights Society (ARS), New York/ADAGP, Paris

 

 

 

Es ist Mitte des Jahres 1908. Über Südtirol und München führt der Weg der Künstlerin – in Begleitung von Wassily Kandinsky – ins beschauliche Murnau am Staffelsee, idyllisch gelegen in den oberbayerischen Voralpen.

Im Gasthof ‚Griesbräu‘, am Obermarkt, treffen Münter und Kandinsky auf die Freunde Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin. Bis Ende September des Jahres werden die Vier verweilen und den Ort, die Farben und Gerüche, den Blick in die Weite der Landschaft wie auf die Häuser hier, direkt vor ihren Fenstern, nicht nur verinnerlichen. Sie werden all das zu Motiven ihrer Kunst machen. Und sie werden darüber hinaus am Farbenspiel aus Architektur, Landschaft, Natur und Himmel ihre Kunst schulen. Sie werden Farben und Formen verdichten, die Fläche sehen und Details extrahieren.

Für Gabriele Münter beginnt in diesem Sommer ein neues Kapitel ihres künstlerischen Ausdrucks. In diesen Monaten findet sie vermutlich das Selbstbewusstsein und die Überzeugung zum ‚Malen ohne Umschweife‘, das sie so beschreibt:

‚Was an der Wirklichkeit ausdrucksvoll ist, hole ich heraus, stelle ich, [sic!] einfach dar, ohne Umschweife, ohne Drum und Dran. So bleibt die Vollständigkeit der Naturerscheinung ausser acht, die Formen sammeln sich in Umrissen, die Farben zu Flächen, es entstehen Abrisse der Welt, Bilder.’ (zitiert im Katalog zu Ausstellung, S. 12)

Ziemlich genau 110 Jahre nach ihrer Entstehung stehe ich in der Ausstellung ‚Gabriele Münter – Malen ohne Umschweife‘ im Museum Ludwig, Köln, vor den Gemälden ‚Vom Griesbräu-Fenster‘ und ‚Aussicht vom Griesbräu-Fenster‘. Mit ihren gerade einmal 33×40 cm sind sie wahrlich keine Großformate, und doch sind sie so unaufgeregte wie eindrucksvolle Entwicklungsmarken einer künstlerischen Biografie, die derer nicht wenige kennt, und deren Vielschichtigkeit und Ausdrucksstärke beeindruckt.

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Gabriele Münter Vom Griesbräu-Fenster, 1908 Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Lenbachhaus, München

Und sie sind mir Abbilder eines bekannten Blickes. Meine persönliche Verbindung zu dieser Biografie und zum Werk von Münter verbindet sich so sehr mit dem Blick auf Murnau und die Landschaft da herum, dass ich auch diesen Bericht von einer großartigen Ausstellung eben damit beginnen möchte.

Ich war vor bald zwanzig Jahren zum ersten Mal dort. Ich erinnere mich noch an den schmalen, leicht aber stetig ansteigenden Weg vom Bahnhof Murnau Ort, hinauf mit Blick auf die Stadt linker Hand und immer klarer und immer eindrucksvoller auf die Felder dahinter und auf den Horizont der Alpen. Ich erinnere mich an das Marterl am Wegesrand, den ersten Blick auf den Kirchturm und das Schloss von hier, die ich von so vielen Gemälden bereits kannte, und auf die Bahnstrecke, die der Steig eine Weile begleitet und auf der ich jederzeit die Dampflock entlangzufahren erwartete, wie sie Kandinsky gemalt hat. Und ich erinnere mich an den ersten Blick auf das ‚Russen-Haus‘, das Gabriele Münter 1909  kaufte, und in dem sie – zunächst auch durch die Wirren einer an Wirrnissen reichen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – nur unregelmäßig lebte, leben konnte, in dem sie erst ab 1931 endgültig zuhause war und in dem sie im Mai 1962 stirbt.

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Gabriele Münter Bildnis von Marianne von Werefkin, 1909 Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Ich war in diesem und im Folgejahr, und immer wenn sich die Gelegenheit bot, allemal zu selten, dort, bin die enge und von Münter und Kandinsky so liebevoll verzierte Holzstiege hinauf ins Wohnzimmer mit der holzvertäfelten Ecke, in der Kandinsky und Erma Bossi gerade noch zu sitzen schienen, in Küche und Schlafzimmer und zu den Fenstern mit Blick ins Tal. Ich habe die kleinen Figuren, Bilder und Haushaltsgegenstände bewundert, die sich auf vielen Interieurszenen finden. Ich bin durch den Garten gegangen, zu den Bäumen, Sträuchern und Blumen, vor und mit denen sie sich und Johannes Eichner, ihren Partner ab 1928, gemalt hat. Und ich habe mich hier auf die Bank gesetzt, vor der gelben Wand, vor der schon Marianne von Werefkin stand, damals, als dies eben das ‚Russen-Haus‘ war, ein offenes, ein kreatives, das Geburtshaus des ‚Blauen Reiters‘. 

Zum Gefühl über das Werk der Gruppe gehört an diesem Ort auch immer das Gefühl von Wut und Traurigkeit, dass sich mit der Frage verbindet, wie viel noch möglich gewesen wäre, wäre die Geschichte anders verlaufen. 

Zunächst aber, 1908, ist dieser Ort Initial.

„Ich habe da nach einer kurzen Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen eines Inhaltes – zum abstrahieren – zum Geben eines Extraktes.“

In eben diesem Jahr, noch vor der ersten Reise in die Voralpen, hat Gabriele Münter ihre erste Einzelausstellung, im Kunstsalon Lenobel in: Köln.

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Gabriele Münter Im Garten in Murnau, 1911 Neue Galerie New York. This work is part of the collection of Estée Lauder and was made available through the generosity of Estée Lauder. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Hulya Kolabas

Bis sie hierhin zurückkehren wird, werden sich Werk und Lebensumstände einschneidend verändert haben. Nach der Flucht Kandinskys aus Deutschland 1914 wird sie ihm noch nach Skandinavien folgen, bevor sich das Paar 1916 in Stockholm ein letztes Mal begegnet und für Münter rastlose Jahre beginnen, von der Schweiz über München und Berlin, eben Skandinavien, dann 1918 ihre bis dahin größte Einzelausstellung in Kopenhagen, nach Kriegsende wiederum Berlin, wieder München, Murnau, Elmau. Im Februar 1925 zeigt der Kunstverein in Köln als erste Station einer Wanderausstellung 56 ihrer Gemälde und Zeichnungen, ‚Gabriele Münter-Kandinsky‘ stellt aus. Sie ist dort und zieht doch weiter. Wieder München, Murnau, Berlin. Vielleicht lässt sich sagen, dass diese Rastlosigkeit erst endet, als sie 1927/28 Johannes Eichner kennen und lieben lernt. Münter reist weiter viel, das liegt ihr im Blut, aber Murnau wird endlich Heimat.

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Gabriele Münter Sinnende II, 1928 Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Lenbachhaus, München

Das ist die Chronologie, jedenfalls ein Teil. Das sind die Abläufe, aus denen sich Abhängigkeiten, Notwendigkeiten und Wandlungen lesen lassen, die die Biografie betreffen, so wie sie die Biografie vieler ZeitgenossInnen betreffen. 

Die beiden Bilder, ‚Vom Griesbräu-Fenster‘ und ‚Aussicht vom Griesbräu-Fenster‘, sind für mich die Fixpunkte eines Oeuvres, das von dort aus in die Vergangenheit wie in die Zukunft weist, ins kindliche wie ins mystische, in die Nähe wie in die Ferne, auf Landschaften wie auf Gesichter, auf das Gegenständliche wie in die Natur. 

Das allerdings habe ich erst viel später kennengelernt, entfernt von Murnau und München, entfernt von Kandinsky und dem ‚Blauen Reiter‘. Auch hier wieder, in Köln, stehe ich jetzt staunend und neugierig vor dem so umfangreichen Werk einer faszinierenden Frau.

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Gabriele Münter Stilleben vor dem gelben Haus, 1953 Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Lenbachhaus, München

Die Ausstellung, die nach ihrer Heimatstation, der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München, Sitz der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, und dem Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, nördlich von Kopenhagen, jetzt im Museum Ludwig in Köln ihre abschließende Station genommen hat, folgt mit diesen Orten nicht nur geografisch der Biografie Münters, sondern vor allem folgt sie inhaltlich den künstlerischen Themen ihres Lebens. 

Sie zeigt die Vielschichtigkeit, die Ausdrucksstärke und die Entwicklungsmarken, befreit von einer rein chronologischen Darstellung, auch als Biografie der Wandlung, Erneuerung, Wiederholung und Referenz.

‚Malen ohne Umschweife‘ zeigt in all dem auch die lebenslange Experimentierfreudigkeit und den Wagemut einer Frau, die sich schon früh im im Leben eben darin geschult hat.

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Gabriele Münter Drei Frauen im Sonntagsstaat, Marshall, Texas 1899/1900 © Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Nach dem Tod des Vaters und der Mutter, 1886 bzw. 1897, reist Gabriele Münter mit ihrer Schwester für zwei Jahre zu Verwandten nach Nordamerika. In Köln bekommt man jetzt von diesen Jahren einen einmaligen wie seltenen Eindruck. Nicht etwa durch Zeichnungen oder Gemälde, sondern durch etwas, dass dem Begriff des ‚Malens ohne Umschweife‘ schon zu diesem Zeitpunkt ihres Leben und auf ungewöhnliche Weise ein Medium gibt: Münter fotografierte auf der Reise. Menschen, Landschaft, Menschen in der Landschaft, Licht, Spiegelungen, Technik, Architektur. Auch wenn auf diesen Fotografien die dokumentierte Welt ‚nur’ schwarzweiß ist, erkennt man doch in den Motiven, der Wahl der Ausschnitte, im Spiel mit Linien und Flächen ein Bewusstsein, das sich in späteren Zeichnungen oder Gemälden, ergänzt um die Kraft der Farben, wiederzufinden scheint. Der Blick auf diese Fotografien verändert für mich den Blick auf das Werk, indem es ihn um eine mir unbekannte Facette erweitert.

‚Du bist hoffnungslos als Schüler. Man kann Dir nichts beibringen. Alles was ich für Dich tun kann, ist Dein Talent zu hüten und zu pflegen, als guter Gärtner, nichts Falsches dazu kommen zu lassen – Du kannst nur das machen, was in Dir gewachsen ist‘,

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Gabriele Münter In der Erdbeerzeit, 1919 Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Lenbachhaus, München

sagt Kandinsky, der 1902 einer ihrer Lehrer an der ‚Phalanxschule’ in München wird, in der sich Kunst und Ausbildung in den wenigen Jahren ihrer Existenz (1901-1904) auch gegen die konservativen gesellschaftlichen Konventionen der Zeit wenden wollen.

Gabriele Münter weiß zu diesem Zeitpunkt nichts von kommenden Brüchen und Herausforderungen, aber sie mag geahnt haben, dass sie etwas in sich entdeckt hat, dass in aller Konsequenz an die Oberfläche will und muss.

Bis zu ihrem Lebensende wird sie allein über 2000 Gemälde geschaffen haben, dazu kommen Tausende Zeichnungen, Aquarelle, Hinterglasbilder und Druckgrafiken.

In Köln lässt sich etwas erahnen von Münters unbedingtem Blick zum Bild, zum Motiv in allem. Sie inszeniert Gebrauchsgegenstände wie auch Menschen, lässt sich von Kinderzeichnungen inspirieren und überträgt ihre Naivität und Leichtigkeit respektvoll ins eigene Werk, sie gestaltet die Räume ihrer Gemälde als Leinwände und nutzt ihre Gemälde wieder als Teil dieser Räume. Sie, Kind einer viel weniger technischen und viel ländlicheren Zeit, sieht gefräßige Ungeheuer in Baggern, widmet der Technik und diesen Ungetümen ganze Serien, und sie abstrahiert nicht nur in Gedanken, sondern auch im Bild, und das bis zum Lebensende. Sie spielt und experimentiert mit Farben und Flächen und scheint hier gerade in der Druckgrafik die PopArt und Farbvariationen wie bei Warhol vorwegzunehmen. Alles Sehen ist Möglichkeit und ohne Umschweife muss der Blick gebannt werden. 

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Gabriele Münter Der blaue Bagger (Baustelle an der Olympiastraße nach Garmisch), 1935 Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Lenbachhaus, München

‚Malen ohne Umschweife‘ präsentiert etwa 120 Arbeiten aus diesem umfangreichen wie komplexen Werk. Das mag wenig erscheinen, und bliebe man bei der reinen Zahl, wäre das auch so. Dem Kuratorenteam aus München, Isabelle Janssen und Matthias Mühling und ihrer Kölner Kollegin Rita Kersting, ist es allerdings gelungen, dem Wunsch der Malerin nach der Darstellung einer Essenz, einem Extrakt im Bild anscheinend folgend, auch in der Ausstellung Essenzielles zu bieten. Auf viele Gemälde fällt dabei ein erster Blick, oder jedenfalls der erste nach Jahrzehnten, einige waren bisher nicht einmal gerahmt. Das diese so kostbaren wie seltenen ersten Blicke auf das Werk einer so bedeutenden Künstlerin des 20. Jahrhunderts noch möglich ist, belegt auch, wie dringend notwendig es ist, Gabriele Münter und ihre Arbeit aus dem Schatten der Männer ihrer Zeit und aus dem Fokus auf den ‚Blauen Reiter‘ zu befreien, und sie auszustellen — ohne Umschweife.

Und die Ausstellung zeigt auch, wie gut es tut (und wie einfach es ist), Münter von Murnau zu lösen. Mit dem befreiten Blick auf so viel mehr wird der nächste Besuch dort die Perspektiven verändern. Ich freue mich auf jede neue Begegnung mit Münters Werk und in diesem Zusammenhang auch sehr darauf, dass dies dann bald (endlich!) auch im Museum Ludwig der Fall sein kann, das zwar eine große Werkauswahl zum ‚Blauen Reiter‘, bisher jedoch keine einzige Arbeit von Gabriele Münter beheimatet. Mit ‚Knabenkopf (Willi Blab)‘, einem eindrucksvollen Porträt aus dem so entscheidenden Jahr 1908 – und Titelbild dieses Beitrags – wird sich das nach seinem Ankauf durch den Freundeskreis dort nun ändern können.

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Gabriele Münter Abstrakt, 1914 Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

 

‚Gabriele Münter – Malen ohne Umschweife‘, im Museum Ludwig, Köln, bis zum 13. Januar 2019

Bei Prestel ist ein in Bild- wie Textteil ebenso umfangreicher wie informativer Katalog zu den Ausstellungsstationen erschienen.