‚The Music of Color. Sam Gilliam 1967–1973‘, im Kunstmuseum Basel

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Ausstellungsansicht ‚Carousel Form II‘ (1969) in ‚The Music of Color. Sam Gilliam, 1967–1973‘, Kunstmuseum Basel Foto: Kai Eric Schwichtenberg

Könnte man so eine Ausstellung doch gänzlich mit geschlossen Augen entdecken und erfahren.

Auf einem (späteren) Cover von Ornette Colemans revolutionären Album ‚Free Jazz‘ von 1960 steht die Silhouette des Musikers in einer Farbexplosion, die ihn ebenso einnimmt wie er sie mit dem Saxophon zu erzeugen scheint.

‚Free Jazz‘ – das klingt nach einer Gattung, einem Ausdruck, einer Spielart, nach Unabhängigkeit, nach Lust, Freiheit, Grenzenlosigkeit. Free Jazz klingt aber auch wie ein Aufruf, eben dazu die Voraussetzungen zu schaffen.

Und es klingt nach Tönen, die sich im Raum brechen, von Wand zu Wand springen, sich mischen, verwirbeln. Töne, deren Wege sich kreuzen und die bei jedem Treffen neue Energie freisetzen. Pulsierende, fließende, harte und weiche, hohe und tiefe Töne, treibende Kräfte, wild und unberechenbar.

‚Before painting, there was Jazz‘ sagt der 1933 in Tupelo geborene Sam Gilliam, dessen Werk einer dringenden, umfangreichen und würdigen Wiederentdeckung lange harren musste.

Das Kunstmuseum Basel bietet nun in mehrfacher Hinsicht den Raum dafür.

Sam Gilliam; Whirlirama; 1970
Whirlirama, 1970 Acryl auf Leinwand, 282.6 x 293.4 x 5.1 cm Foto: Fredrik Nilsen, Courtesy of the artist, the Metropolitain Museum of Art, New York, and David Kordansky Gallery, Los Angeles ©2018, ProLitteris, Zurich

‚The Music of Color‘ ist die Ausstellung betitelt, und gibt damit schon den Sound vor und ein Gefühl für die Art und Weise, wie man diese Bilder, die so viel mehr Malerei als Gemälde sind, erleben sollte.

Und sie konzentriert sich dabei auf einen vermeintlich kurzen Ausschnitt im Schaffen des Künstlers, der allerdings die Revolution beziehungsweise Evolution von Malerei und Bildbetrachtung beinhaltet, die so entscheidend zur Bedeutung Gilliams beigetragen hat. Als er 1962 nach Washington D.C. zieht, und sich künstlerisch und in der Außenwahrnehmung in diesem Zusammenhang mit der Washington Color School und der Farbfeldmalerei von Künstlern wie etwa Mark Rothko, Louis Morris und Kenneth Noland assoziiert sieht, scheint ihm dieses Korsett doch schnell zu eng.

Medienkonferenz The Music of Color. Sam Gilliam
Ausstellungsansicht ‚The Music of Color. Sam Gilliam, 1967–1973‘, Kunstmuseum Basel Foto: Julian Salinas

1967 wagt Gilliam mit den sogenannten ‚beveled-edge paintings‘ einen ersten Schritt zur Befreiung der Farbe nicht nur von der Struktur und dem Plan, sondern auch von der Wand, die immer noch so sehr Maßstab und Grenze der Malerei zu sein scheint. Und das gilt explizit auch für Maler wie etwa Jackson Pollock, bei denen der Prozess zwar Wildheit und Freiheit in sich trägt, das Ergebnis jedoch – zumindest im Sinne der Präsentationsgeschichte von Kunst – konservativen Regeln folgt.

Bei Gilliam beginnt der Weg zur Befreiung mit der Farbe. Stark verdünnte Acrylfarbe schüttet er auf unbehandelte Leinwände, die dann im noch nassen Zustand gefaltet und zerknittert werden, bevor er sie schließlich auf abgeschrägte Keilrahmen spannt. Die großformatigen, teils wahrlich riesigen Arbeiten scheinen so Abstand von der Wand gewinnen zu wollen, schweben quasi leicht über dieser, als würde die Farbe sich mit aller Kraft von ihr abdrücken, als würde sie in den Raum pulsieren, als würde sie nur mit Mühe eingefangen, kurz vor dem Moment an dem die dünne Membran der Leinwand, die sie hält, birst. 

Gilliam lässt das Bild Abbild sein. Sein Eingriff ist die Idee, nicht der Schöpfungsakt als solcher. Den überlässt er dem Element der Kunst, um das es geht, das wirkt, das alles Sehen und, ja, Hören ist: der Farbe.

Medienkonferenz The Music of Color. Sam Gilliam
Ausstellungsansicht ‚Green April`(1969) in ‚The Music of Color. Sam Gilliam, 1967–1973‘, Kunstmuseum Basel Foto: Julian Salinas

Farben sind wie Töne. Sie setzten Emotionen frei. Ganz unabhängig von ihrem Ursprung, sind sie absolute Gegenwart in jedem Moment, in dem sie uns erreichen. Alle Gemeinsamkeit, die wir von Konzept und Idee, von Struktur und Komposition teilen mögen, endet an den dünnen und durchlässigen Membranen, die unser Körper als empfindliche Resonanzflächen bietet: an unseren Augen, den Ohren, auf der Haut.

‚The Music of Color‘ beginnt ein Wirbel zu werden, in dem sich die Elemente in Ursache und Wirkung abwechseln. The Music of Color of the Color of Music of…

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Ausstellungsansicht ‚The Music of Color. Sam Gilliam, 1967–1973‘, Kunstmuseum Basel Foto: Kai Eric Schwichtenberg

1968 befreit er sie endgültig. Eine Explosion aus Farbe, aus farbegewordener Leinwand, erobert in der Folge den Raum. War der Keilrahmen, den er bis dahin nutzte, noch die verbliebene Reverenz an Tradition, eben der letzte ‚Umstand‘, so sind die Farben nun nicht mehr nur in ihrer Abbildung auf der Leinwand, sondern auch in den Raum hinein, auf sich gestellt.

In den sogenannten ‚Drapes‘ vertraut Gilliam ihnen voll und ganz. 

Die wie Vorhänge gerafften Leinwände sind fließende Farbe, sie sind Höhen und Tiefen,

Berge und Täler, Tag und Nacht, Reflexionen, Überlagerung. Sie nehmen die Räume ein, akzeptieren keine Grenzen, keine Ecken, kein Oben und Unten. Sie sind Skulptur, Architektur und Performance.

‚Drapes‘ sind Musik. Sie sind der Free Jazz auf Ornette Colemans Album, Auftrag und Inhalt in einem. 

304.8 x 2269 cm; Acryl auf Leinwand
Light Depth, 1969, Corcoran Collection, Washington D.C. ©2018, ProLitteris, Zurich

Von Free Jazz zu ‚Free Paint‘. Die Befreiung der Farbe durch die Farbe, die Essenz der Erkenntnis, das Farbe erst in uns wirkt und nicht schon auf der Leinwand, und dass sie diese doch braucht als Membran dieser Wirkung.

Und sie sind noch viel näher an der Musik. Sie nehmen den Raum wahr, reagieren auf ihn, spielen mit ihm. In jeder Ausstellung, jedem neuen Raum entfalten – oder besser: falten sie sich neu entlang der Wände. Die ‚Drapes‘ sind schon in der Form ihrer Hängung Schwingung und Sound zugleich, stellen also in sich quasi die Bewegung im Raum dar, der Wahrnehmung für alles sinnlich Erfahrbare bedarf.

Es gibt dabei also auch kein endgültiges Stadium möglicher Wahrnehmung. Nicht nur, weil man sie mit immer neuem Blick wahrnimmt, sondern weil sie immer neue Blicke, Formen, Verläufe schaffen, sei es an und entlang den Wänden oder am Boden, über einen Werkbock geworfen.

Sam Gilliam; Rondo; 1971
Rondo, 1971 Acryl auf Leinwand, Eichenbalken 261 x 366 x 198 cm Foto: Lee Thompson, Courtesy of the artist, Kunstmuseum Basel and David Kordansky Gallery, Los Angeles ©2018, ProLitteris, Zurich

Das Kunstmuseum Basel konnte 2017 mit ‚Rondo‘ (1971) eine Werk aus der ‚Drapes‘-Reihe erwerben, und nun im Zuge der aktuellen Ausstellung mit dem umwerfenden ‚Green April‘ von 1969 eine weitere Arbeit, diesmal ein ‚beveled-edge painting‘.

Keine Farbe in der Natur ist Zufall, aber ihr Ausdruck, ihre Wandlung, ihr Zusammenspiel mit der Unendlichkeit möglicher Farben, Kombinationen, mit Tiefen und Emotionen, bleibt in jedem Moment ein Produkt des Zufalls. 

Und ich möchte die Augen schließen und die Farben wortwörtlich verinnerlichen. Und ich stelle mir vor, wie sie zusammen mit der Musik, zusammen mit Jazz vielleicht, mit Coleman, Davis, Coltrane, beginnen sich zu bewegen, harmonisch oder chaotisch, implodieren, explodieren.

Medienkonferenz The Music of Color. Sam Gilliam
Ausstellungsansicht ‚The Music of Color. Sam Gilliam, 1967–1973‘, Kunstmuseum Basel Foto: Julian Salinas

In der Ausstellung ‚The Music of Color‘ ist das zumindest in einem Raum mit Hörstation möglich. Kopfhörer auf, Farben aufsaugen, und in den Rausch fallen lassen. Ein wundervolles Erlebnis, wie hier Sinne angeregt, erregt und gefordert werden. 

Bei aller Überwältigung durch Farben und Formen: Es fällt nicht schwer, die gesellschaftlichen Umstände im Amerika der 60er Jahre gerade in ihrer Herausforderung für die schwarze Bevölkerung und ihrem Wunsch nach Gleichberechtigung, auch im Werk von Sam Gilliam suchen zu wollen. 

Gilliam hat sich nur sehr selten zu politischen und gesellschaftlichen Themen geäußert. Man darf darin auch die Freiheit des Künstlers sehen, eben nicht einer (zumal retrospektiven) Erwartungshaltung zu entsprechen. Gilliam wollte und will eben nicht als schwarzer Künstler wahrgenommen werden, schon allein, weil die Offensichtlichkeit einer Hautfarbe dem Werk eben keinen zusätzlichen Ausdruck verleiht. Und doch lässt er die Themen, die man gleichsam von ihm einzufordern scheint, nicht unberührt. Sie finden sich in Werktiteln wie etwa dem des oben schon gezeigten ‚Green April‘ von 1969.

Farbe ist auch bei Gilliam kein Zufall. Grün ist die Farbe der Hoffnung, April der Todesmonat von Martin Luther King nur ein Jahr zuvor. 

Autumn Surf-SFMOMA, 1973
Sam Gilliam, 1973, Foto: Art Frisch / Courtesy San Francisco Chronicle / ©2018, ProLitteris, Zurich

‚The Music of Color Sam Gilliam, 1967–1973‘, Kunstmuseum Basel, nur noch bis zum 30. September 2018.

Zur Ausstellung erscheint die Publikation ‚The Music of Color, Sam Gilliam 1967–1973‘ im Verlag der Buchhandlung Walther König mit Beiträgen von Josef Helfenstein, Jonathan Binstock, Sam Gilliam, Rashid Johnson und Lynette Yiadom Boakye. 

 

 


Ich danke dem Kunstmuseum Basel für die ausführliche, informative und kurzweilige Führung durch die Ausstellung, sowie für den Ausstellungskatalog und weitere Pressematerialien.

Der Besuch der Ausstellung fand im Rahmen einer von der Fondation Beyeler organisierten und finanzierten Blogger- und Instagrammer-Reise statt. Die Fondation richtet gerade eine große Balthus Retrospektive aus, die ich im kommenden Blogpost bespreche. Für die Organisation dieser Reise und das zur Verfügung gestellte Material gilt der Fondation Beyeler mein herzlicher Dank!