‚Über Kunst und Gegenwart‘ – Eröffnungsrede ‚Open House‘, 2018

Mit der Gegenwart zurecht zu kommen ist der schwierigste Kampf des Individuums.

(Und diese Gegenwart heisst auch Gegenwartskunst.)

Mit der Gegenwart zurecht zu kommen ist der schwierigste Kampf des Individuums.

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4.1 mit der Ausstellung ‚SKR_D‘

Das habe ich vor einigen Wochen in einem Beitrag auf meinem Blog zu einer Ausstellung von ‚fischerspooner‘ im Neuen Aachener Kunstverein geschrieben.

Im Rahmen dieser Ausstellung demonstrierte Casey Spooner eindrucksvoll exaltiert und berührend, was es bedeutet, Gegenwart zu leben.

 

Das eigene Abbild wurde zerstört und auch der Körper einer self actualization unterzogen.

Spooner hatte sich dazu entschieden sein Hochglanzabbild der letzten Jahre einer Radikalkur zu unterziehen.

Er zerstörte, übermalte, zerkratzte und verwarf die Gegenwart, die schulterlangen Haare fielen, der Bart kam ab, die Bekleidung runter, weiße Farbe bedeckte Wände und Boden, schließlich Körper und Gesicht und im weiteren Verlauf auch meine Schuhe.

Aus dem reinigenden Ritual der Performance entstand das neue Abbild des gegenwärtigen Künstlers.

Und über all der Exaltiertheit, der Show, die man hier vermuten durfte, stand eine klare Botschaft:

Mit der Gegenwart zurecht zu kommen mag der schwierigste Kampf des Individuums sein, aber es ist der einzige den wir führen können und den wir führen dürfen!

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Studio Thomas Wrede

Casey Spooners Ich beschließt den Abend und seine Wandlung ganz gegenwärtig mit einem post auf Instagram und kommentiert zum aktualisierten Abbild:

‚WHAT IS IDENTITY? IS IT YOUR HAIR? IS IT YOUR BODY? IS IT YOUR RELATIONSHIP? IS IT WHERE YOU LIVE? IS IT WHERE YOU ARE FROM? MAYBE YOU ARE COMPLETELY MUTABLE. MAYBE THERE IS NO SELF. WHEN YOU TAKE IT ALL AWAY….WHAT’S LEFT? AN IDEA? ARE YOU AN IDEA OF YOURSELF? IF SO…..WHY NOT CHANGE YOUR MIND.‘

Kunst macht etwas mit uns, weil Künstler etwas mit sich machen. Im besten Fall arbeiten sie an sich, wenn sie an uns arbeiten, verändern sich, wenn sie uns verändern. 

Das möchte ich jedenfalls glauben und geltend machen für die Künstler, die mir gute Künstler sind. Die haben dafür nicht immer die große Bühne eines Kunstvereins oder eines Museums. Aber im besten Fall haben sie zumindest die Freiheit kreativer Räume. Wie hier, in diesem wunderbaren Haus.

IMG_0435Ich stelle mir vor, dass hinter diesen schweren Türen auf diesen vielen Etagen eben genau das stattfindet, was am Ende mich und sie einnimmt, bewegt, verstört, erschüttert, berührt, abstößt, wie auch immer: Verändert.

Dieses Haus steht inmitten eines Sturmes.

Er umtobt das alte Gemäuer in direkter Berührung, sein Wirbel reicht aber weit darüber hinaus.

Dieser Sturm trägt Gegenwart an seine Wände, und ein Stimmengewirr aus Pamphleten, Forderungen, Ansprüchen, Sorgen, aus Hass, Neid, Rassismus, Kleingeistigkeit, Nationalismus, aus Baustellenlärm, Sozialneid, Egoismus, Stadtplanung, Kettensägen und dem Aufstand der Nachbarschaft verbindet sich zu einer Kakophonie, die gegen Wände und Türen drückt und durch alle Ritzen pfeift.

Niemand kann in die Köpfe seiner Bewohner schauen.

Ich habe keinen Anlass von Künstlerinnen und Künstlern zu verlangen, politische Kunst zu machen. Aber ich möchte an dieser Stelle doch ein paar Punkte erwähnen, die mich zu einer Hoffnung verleiten, die da heißt:

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Kunsthalle Münster mit der Ausstellung ‚Irony and Idealism‘

Kunst wird politischer sein. 

Denn: Die Freiheit, Kunst ohne Beschränkungen durch Zensur oder Systemdruck machen zu können ist eine der Festen unserer Demokratie.

Die Freiheit, im demokratischen Denken und Handeln unabhängig — eben: frei! — zu sein, ist eine noch unbändig stärkere Kraft, wenn sie ihren Ausdruck in Rede und Tat, im Wort und in der Kunst findet.

Kunst ist identitätsstiftend (und das ganz nebenbei schon länger als jede Religion und jedes Kreuz).

Kunst ist Freiheit und Verantwortung, für das Individuum und für die Gesellschaft.

Kunst ist anstrengend. Sowohl sie zu machen als auch sie zu betrachten. Und liegt nicht darin gerade der Reiz?

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Studio Malte van de Water

In der Performance von Casey Spooner habe ich diese Anstrengung ganz körperlich erfahren. In ihr und durch sie ist vieles durchgerüttelt und neu sortiert worden. In den USA regiert ein wildgewordener, homophober, frauenverachtender, egomanischer Rassist und notorischer Lügner. Spooner hatte sich entschieden, sein Wertesystem, sein Leben genau jetzt und genau darum noch plakativer, noch offensiver und mit aller Freiheit in der Öffentlichkeit zu leben.

Jetzt erst recht! Noch schwuler, noch männlicher, noch freier und lauter!

Dieses Haus hier steht als Feste eines Systems, das wir lieben und schätzen gelernt haben, dass wir halten und schützen möchten.

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Studio Melanie Bisping / Moritz Hagedorn

Wir mögen hier vielleicht in einem Hort der Glückseligkeit leben, aber die Gegenwart zeigt uns eben so unnachahmlich direkt wie unvermittelt:

So wie wir leben, leben wir nur so lange, wie wir so zu leben auch verteidigen. 

Kunst heißt Auflehnung. Gegen die bösen Geister in einem — dem Künstler —  selbst und gegen die bösen Geister, die auch die Kunst bedrohen.

Wir sollten uns ja nicht der trügerischen Hoffnung oder gar Erwartung hingeben, dass radikale Kräfte in Münster etwa dauerhaft gebannt oder nur mit minimalem Einfluss zu spüren sind.

Während wir uns noch für all die Aufgeklärtheit aus Wort Bild Schrift und Tat auf die Schultern klopfen, fällt uns Extremismus in den Rücken oder lacht uns ganz plötzlich feist ins Gesicht.

Vor einem Jahr war Münster erfüllt von Besucherinnen und Besuchern aus aller Welt.

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Studio Samuel Treindl

Die Skulptur Projekte waren erneut nicht nur Aushängeschild für die Kraft  großer Kunst im öffentlichen Raum, sondern auch für gelebten, demokratischen, multikulturellen, liberalen Pluralismus. Nicht nur die Besucherinnen und Besucher waren Ausweis dafür, sondern eben auch die Kunst. Die Arbeit von Nicole Eisenman wird mir dabei immer in Erinnerung bleiben. Sie hat mich berührt, und mir mit kleiner Geste Größe und Stärke demonstriert. Und sie hat standgehalten. Der Sturm von Aggression und Ressentiment ist über sie gefegt, aber sie war stärker. Am Ende hatte sie in ihren Wunden alle Kraft und alle Warnung die Kunst für und an die Gesellschaft sein kann.

Ablehnung speist sich zumeist aus Unwissenheit.

Und wie wir alle wissen ist Unwissenheit in vielen Fällen nur ein Faden in einem sehr fadenscheinigen Hemd der Bequemlichkeit über einem Körper voller Hass und Selbstmitleid.

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Studio Nadia Pereira Benavente

Wer sich nicht genügen kann, wird gerne die Schuld dafür bei jenen suchen, die gar nicht darum bitten, ihnen genüge zu tun.

In ihrem Pamphlet ‚Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld‘ stellen die Autoren Markus Metz und Georg Seeßlen fest:

‚So richtig es sein mag, dass weder alle Menschen Kunst machen noch alle Menschen Kunst mögen müssen, so richtig ist es auch, die Rechte der Kunst auf Freiheit und die Rechte der freien Menschen auf Kunst zu verteidigen. Immer ist die Kunst unter vielem anderen auch ein Metaphernfeld der Freiheit.

Eine Zivilgesellschaft ohne freie Kunst? Undenkbar!’

Wenn ich durch die Flure im Atelierhaus gehe und die Chance bekomme, mit den Künstlerinnen und Künstlern hier zu sprechen, dann ist der Begriff der Freiheit immer ein Thema.

Es geht um die Freiheit der Arbeitsbedingungen, um den Freiheitsbegriff in unserer Gesellschaft. Es geht um die Herausforderungen einer beschützenswerten Freiheit, es geht um die Freiheit im eigenen Werk, es geht um das Motiv Freiheit.

Immer und immer wieder.

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Studio Chiemi Nakagawa

Die Freiheit von der erzählt wird, ist dabei allerdings nicht immer eine werkimmanente, sondern häufig die Freiheit als Recht, die Metz und Seeßlen ansprechen.

Das Recht auf Freiheit – der Kunst – ist immer in Gefahr.

Und vielleicht ist es das im Moment neben den wirtschaftlichen Abhängigkeiten, denen der Künstler am Markt ausgesetzt ist, und die seine Freiheiten beschneiden können, vor allem durch Sätze wie diesen:

‚Die AfD bekennt sich zur deutschen Leitkultur. […] Sie umfasst neben der deutschen Sprache auch unsere Bräuche und Traditionen, Geistes- und Kulturgeschichte. Damit eng verbunden sind unser liberaler Rechtsstaat, unsere Wertschätzung von Bildung, Kunst und Wissenschaft sowie die soziale Marktwirtschaft als Ausdruck menschlicher Kreativität und Schaffenskraft.

Die Ideologie des Multikulturalismus gefährdet alle diese kulturellen Errungenschaften. „Multi-Kultur“ ist Nicht-Kultur. Sie löst die Gemeinschaft auf und befördert die Entstehung von Parallelgesellschaften.’

Mit der Gegenwart zurecht zu kommen ist der schwierigste Kampf des Individuums.

Ein sächsischer AfD-Landtagsabgeorndeter formuliert das so:

„Die Romantik wäre vor allen Dingen wichtig. Und die steht leider etwas zu stark im Schatten in den letzten Jahren. Aber dabei ist gerade die Romantik für uns Deutsche enorm wichtige Epoche. Es ist die Epoche, zu der wir zu uns gefunden haben.“

Mit der Gegenwart zurecht zu kommen ist der schwierigste Kampf des Individuums.

Adolf Hitler schrieb 1929:

‚Die Kunst ist der Ausdruck eines weltanschaulichen, eines religiösen Erlebens und zugleich der Ausdruck eines politischen Machtwillens zu allen Zeiten gewesen.‘

Bleiben wir lieber in der Gegenwart.

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Studio Il Jong Park (Ille)

Die Künstlerinnen und Künstler in diesem Haus verstehen etwas von ihr und ihren Herausforderungen. Sie sind sich der Komplexität der Zeit bewusst, ihrer eigenen Zwänge, aber hoffentlich eben auch ihrer Möglichkeiten.

Wenn wir wollen, dass Kunst in aller Vielfalt – und das meint Künstler wie Werke – Teil unserer Verteidigungsstrategie gegen den anbrausenden Sturm ist und bleibt, dann müssen wir ihr helfen:

Wir müssen den Künstlerinnen und Künstlern immer wieder sagen wie sehr wir ihre Arbeit schätzen,

Wir müssen darüber schreiben und darüber reden, was sie uns bedeutet

und was sie uns bedeuten.

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Studio Minkyung Kim

Und wir müssen sie fördern! Wir müssen ihnen Zukunftsängste nehmen, damit sie sich auf die Gegenwart konzentrieren können!

Ich bin sehr dankbar, dass dieser Ort Teil dieser Unterstützung geworden ist und ich hoffe, dass er es noch lange sein wird. In aller Veränderung ist er vom kleinsten Atelier über die Galerie bis hinauf zur Kunsthalle ein Bollwerk der Freiheit in der Gegenwart.

‚Die Kunst ist die höchste Form von Hoffnung‘ schreibt Gerhard Richter 1982 im Katalog der documenta 7. Wenn wir das glauben wollen, selbst aber wenn wir es relativieren, dürfen wir nicht vergessen:

Diese Hoffnung wird von Menschen gemacht und beide bedingen einander. Wir überlassen es Künstlern die komplexe Gegenwart vielleicht zu fassen. Sie wird dadurch nicht weniger komplex.

Ganz im Gegenteil. Künstler neigen ja zur Verkomplexisierung.

IMG_0500Aber mit den richtigen Rahmenbedingungen, zu denen wir alle beitragen können, und die wir alle immer wieder einfordern sollten, können wir einen erheblichen Beitrag dazu leisten, dass da wo Kunst ist auch Hoffnung ist.

Hier und heute ist sie in jedem Flur, in jedem Atelier, in jedem Gesicht, und das macht mich sehr dankbar. In diesem Moment ist Gegenwart ganz leicht.

Danke

 

Rede gehalten aus Anlass der Eröffnung von ‚Open House‘, dem Wochenende der offenen Ateliers, im Atelierhaus Speicher II, Münster, am 8. Juni 2018.

Herzlichen Dank allen Künstlerinnen und Künstlern für die Einladung, insbesondere Dank an Melanie Bisping, Moritz Hagedorn und Malte van de Water für ihr Vertrauen.