‚Thomas Wrede. Sceneries‘, in der Von-der-Heydt-Kunsthalle, Wuppertal

Fotografien sind Fingerabdrücke. Sie verbinden den wortwörtlichen Abdruck der Realität als dauerhaftes Erlebnis mit der unverwechselbaren Individualität des Schöperfs. In Ihnen ist Leben gebannt, das beinhaltet aber auch ganz explizit die Möglichkeiten der Inszenierung, Täuschung, Fälschung. Mit der Kunstform Fotografie als über die reine Darstellung, Abbildung und Dokumentation hinausgehende Beschäftigung mit Realität, ist dem Betrachter eine besondere Aufgabe zugekommen, die ihn in Zeiten propagandistischer Umnutzung vor extreme Herausforderungen stellt.
Gerade in der vermeintlichen Kluft zwischen dokumentierender Fotografie im gesellschaftlichen und politischen Kontext, und der Fotokunst, wird dabei ein betrachtungsevolutionäres Manko auf Seiten des Konsumenten offenbar. Kunst macht uns Staunen und Hinterfragen, vielleicht mit Naivität, aber wir fragen zumindest nach dem Wahrheitsgehalt, nach Veränderung, nach Prozess. So weit sind wir außerhalb von Kunsträumen meiner Einschätzung nach noch lange nicht. Das liegt sicher auch vor allem am perfiden Perfektionismus im Zeitalter digitaler Manipulationsmöglichkeiten, mit dem uns vermeintliche Realität präsentiert wird.

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Thomas Wrede, Manhattan, 2002 150 x 150 cm, Aus der Serie: Manhattan Picture Worlds © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

In der Von–der–Heydt-Kunsthalle in Wuppertal präsentiert der Fotograf Thomas Wrede mit ‚Sceneries‘ nicht nur einen umfassenden Werküberblick über seine Arbeiten der vergangenen bald 30 Jahre. Wrede fordert den Besucher vor allem auf, den Blick zu schulen, den Standpunkt zu hinterfragen und Realität zu deuten. Seine Arbeiten erzählen von und sind Inszenierungen. Dabei sind sie einerseits in den umfangreichen Werkreihen, in denen sie zumeist Umsetzung finden, ganz klar erkennbar Kunstwerke. Sie sind aber eben auch Dokumente unserer (Lebens-)Realität und der Spuren die wir in ihr hinterlassen. Sie überbrücken die oben beschrieben Kluft als Sowohl–als–auch, und lassen den Betrachter auf der so entstehenden Brücke verweilen. Der sichtbare Raum weitet sich in beide Richtungen und aus der einen Komposition entstehen erstaunliche Kompositionen, die als Bild im Bild wirken.

Ohnehin spielt gerade der Standpunkt, intellektuell wie räumlich und zeitlich, eine entscheidende Rolle, will man die reflexive Tiefenschärfe seiner Fotografien in Gänze zu erfassen versuchen. In der Ausstellung, die mit dem Titel ‚Sceneries‘ auch sprachlich die Kluft zwischen Landschaft und Inszenierung überbrückt, und vom Menschen als Schöpfer der Welt dazwischen erzählt, zeugen 10 Werkreihen, entstanden zwischen 1990 und 2018, von den vielfältigen Möglichkeiten sich einem Standpunkt gegenüber zu verhalten.

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Thomas Wrede, Ohne Titel (Rollen), 1992 45 x 70 cm Aus der Serie: Samsø © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Der Mensch ist hier immer auf verschiedenen Ebenen präsent. Als Fotograf, als Gestalter seiner Umwelt und damit Schöpfer von Landschaft, und als Betrachter der Kombinationsmöglichkeiten aller Variablen. Allerdings taucht der menschliche Körper dabei in ihnen kaum auf.
Vermutlich geht es also weniger um das, was wir sind, als um das, was wir tuen.

Schon mit seinem Projekt Samsø, entstanden 1991/92, noch während der Studienzeit an der Kunstakademie Münster, widmet sich Wrede der Inszenierung von Landschaft durch den Menschen. Die Polyäthylenfolien, die im Frühjahr Samsøs wertvolle Kartoffelernte vor Wind und Wetter schützen, wurden damals nach Gebrauch noch zu glitzernden Müllbergen in der Landschaft oder befreiten sich doch aus ihrer ausgerollten Lage am Feldesrand aus der Erde, unter der sie bis zum nächsten Jahr harren sollten. Wie eigenwillige Organismen, bereit die Erde um sich pilzartig zu besetzen, quellen sie aus dem Boden hervor, bilden Berge zähflüssiger Anmutung und organische Formen in der Landschaft. In der schwarzweiß-dramatischen Inszenierung durch den Fotografen bekommt diese Bildwelt erst ihren doppelten Boden: Ästhetik und Hässlichkeit verbinden sich zu einer Erzählung über die Anwesenheit des Menschen. Als Betrachter des Kunstwerks stehen wir gebannt vor einer einnehmenden Bildwelt, als Gestalter unserer Umwelt stehen wir erschrocken vor den Auswirkungen, die uns hier so reizvoll präsentiert werden.

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Thomas Wrede, Die Vögel stehen in der Luft und schreien Nr. 1, 1996 235 x 140 cm Aus der Serie: Die Vögel stehen in der Luft und schreien © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

In seiner Serie ‚Die Vögel stehen in der Luft und schreien‘ von 1996 geht Wrede dann noch einen Schritt weiter. Der Eingriff des Menschen wird unsichtbar, sein Effekt aber auf fast schon makabre Art und Weise um so eindrücklicher. Auf den großen, hochformatigen Fotografien sehen wir nichts mehr und auch nicht weniger als den Abdruck eines Vogelkörpers auf einer Scheibe. Was geblieben ist von diesem für den Vogel zumindest so unvermittelten Aufeinandertreffen mit einer unsichtbaren Barriere, hat den Anschein von Staub, der mit dem nächsten Windhauch gleich wieder fortgeweht werden könnte. Leben hinterlässt Eindrücke. Das Licht transportiert Körper und Bewegung als Welle in unsere Augen und hier steht es für nur einen unmerklichen Bruchteil zwischen Vergangenheit und Gegenwart, um gleich im nächsten Moment eine Nuance zu wandern, ein Detail zu verändern, neue Gegenwart zu generieren. Eine Scheibe, ein Foto, steht der Wandlung im Wege. Beides beendet die Möglichkeit der Bewegung nach Vorne. Die Vögel stehen, weil das Licht, für sie eine unsichtbare Scheibe, sie aufgehalten hat. Im Titel wird die Kraft dieser unsichtbaren Barriere offensichtlich. Schall lässt sich nicht halten, ein Geräusch ist immer Veränderung. Das Bild steht, die Vögel stehen. Der Mensch hat sie zum Stillstand gebracht, der Mensch kann es zeigen.

Hinter der Inszenierung steckt vermutlich auch häufig das sehr menschliche Bedürfnis nach Verlässlichkeit, nach Sicherheit, nach Vertrauen im Bekannten und ins Bekannte. So zumindest mag es sich erklären, dass Freizeitparks uns neben dem Nervenkitzel durch Achter- und Geisterbahnen immer auch die Welt im Kleinen präsentieren. Freizeitparks sind magische Orte der absoluten Künstlichkeit mit dem Anstrich einer nicht selten ins Absurde verformten Vorstellung und Umsetzung von Natürlichkeit. Eine Welt en miniature, ein gerade-gut-genug, ein Trigger für Klischees, Erinnerungen, Sehnsüchte.

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Thomas Wrede, Vulkanlandschaft, Bottrop- Kirchellen, 1997 80 x 95 cm Aus der Serie: Magic Worlds © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Thomas Wrede nennt sie ‚Magic Worlds‘. Seine gleichnamige Bildserie entleert die magischen Orte von Menschen und macht sie damit als Schöpfer derselben doch noch anwesender. Mit seinem inszenierten Blick auf die Szenerie, seiner Wahl der Perspektive, seinen technischen, fotografischen Eingriffen, entstehen Abbilder von Abbildern, Interpretationen unserer Interpretation von Realität. Und in dieser neuen Realität verliert man als Betrachter schnell den Halt, der sich mit festen Größen wie der Körpergröße eines Menschen, der Höhe eines Gebäudes, der Entfernung von zwei Orten und mit dem Schatz an Erfahrung ansonsten verbinden kann. Die Welt im Kleinen wirkt wie eine Welt im Kleinen in ihr selbst, eine geschrumpfte Phantasie der Möglichkeiten, oder, wie Klaus Honnef es in seinem Text zur Serie schreibt. ‚[…] als verfügbarer Gegenstand für konsumistische Zugriffe.‘ (Katalog, S.55)

Diese Welt ist Convenience Food, ihre Bestandteil sind Versatzstücke in der Größe verzehrfertiger Häppchen. Für jeden Geschmack ist etwas dabei und wer sich überfordert fühlt, dem wird ein Serviervorschlag gemacht.

‚Wrapped Landscapes‘ bezeichnet eine Serie Wredes, für die er Miniaturbäume, wie sie für Modelleisenbahnen etwa gedacht sind, in ihrer Verkaufsverpackung fotografiert. In ihnen wird die Pflanze dabei nicht einfach nur als Gebrauchsgegenstand zur weiteren Nutzung im angedachten Umfeld angeboten. Der Hersteller präsentiert sie vielmehr eingebunden in eine sinnvoll mögliche Naturansicht, schafft den Bäumen in ihrer Verpackung ein Biotop der imaginierten Heimat, und macht damit dem Nutzer einen Vorschlag zur weiteren Verwendung, analog zu Pflegehinweisen bei echten Pflanzen etwa, oder eben jenen Serviervorschlägen auf Konserven, die häufig nichts an Absurdität und Komik missen lassen.

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Thomas Wrede, Blühende Obstbäume, 2005 120 x 180 cm Aus der Serie: Wrapped Landscapes © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Das der Titel dieser Serie so frappierend an eine Kunstaktion von Christo und Jeanne-Claude erinnert, kann nicht unerwähnt bleiben. Wir sind Augentiere. Die Motive unserer Welt sind Erkenntnisräume und jede Veränderung fordert uns heraus. Dabei spielt es quasi keine Rolle, ob die Details dem Auge entzogen und so erst offenbar werden, wie bei Christo und Jeanne-Claude, oder ob wir mit Wredes feinem Humor auf das Offenliegende, das Offensichtliche gestoßen werden.
Da macht es schon Vergnügen, sich einfach vorzustellen, die Palme einmal nicht in ihrem angedachten Umfeld anzukleben, sondern ganz anarchisch inmitten einer Alpenkulisse etwa.

In ihrem neuen Umfeld könnten sie dann erst recht ein Bruch mit Sehgewohnheiten sein, wie etwa die Spiegelschränke oder Sofas oder Lampen vor Natur in Wredes wunderbarer Serie der ‚Domestic Landscapes‘. Auch diese Landschaften sind zunächst einmal eine domestizierte Version ihrer selbst. Auf Format gebracht für Wohn- und Traumzimmer.

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Thomas Wrede, Gebirgslandschaft im Spiegelschrank, 2000 110 x 74 cm Aus der Serie: Domestic Landscapes © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

In ihnen ist der Bewohner den Modellbäumen gleich, nur selbstgewählt, Teil einer, seiner Inszenierung. Die Fotografien gehen dabei allerdings deutlich über eine schlichte Dokumentation von Wohnraum hinaus. Die Landschaft, und eben nicht der Raum, steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Erst im zweiten Blick schält sich aus den erkennbaren Naturelementen die Störung und vielleicht Unbehagen hervor. Diese Dekoration der eigenen vier Wände kann und darf man kitschig finden. Wrede weist aber auch auf die Kraft der Fotografie als Verstärker von Imagination hin, indem er uns einerseits im Unbehagen über die Unstimmigkeiten im Bild etwas auflaufen lässt, und uns andererseits auch mit dem überschaubaren Detailrepertoire von Klischeelandschaft konfrontiert, das wir als Maßstab für Erkenntnis anlegen. Es braucht nicht viel, um sich in den Alpen zu fühlen, auch wenn man in Wuppertal auf dem Sofa sitzt.

Schließlich und zum Abschluss noch ein Blick auf die ‚Real Landscapes‘, die neueste Werkreihe von Thomas Wrede. Die Realität, die hier im Titel heraufbeschworen wird, ist nicht zu verwechseln mit Wahrheit. Realität ist das Ergebnis der Konfrontation, ohne dabei eine Wertung zu sein. Jeder Betrachter kann diese Landschaften als reale Landschaften sehen, die sie auch bleiben, wenn man weiß, dass sie nicht wahr sind. Sie existieren nur so, nur hier, nur in dieser Form, weil sie ein Abbild der Phantasie und des technischen Könnens des Fotografen sind, der mit Modellautos und -häusern Stadtszenen und Straßenszenen nachbaut, Naturkatastrophen in einem Sandhügel oder einer Pfütze inszeniert und bei dem mondäne Badeorte nur Täuschung durch Perspektive, Licht und Perfektion sind. Erst der Wunsch und das notwendige Instrumentarium in seinen Händen erschaffen diese Realität, einen Fingerabdruck, Einmaligkeit. Die Kunstfertigkeit gehört dabei selbstverständlich zu den Kriterien, denen alle Werke in ihrer Unterschiedlichkeit gerecht werden. Hier aber schärft noch der Titel den Verstand des Betrachters. Wieder sucht man sich und die eigenen Maßstäbe in diesen Bildern.

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Thomas Wrede, Nach der Flut 1, 2012 140 x 200 cm Aus der Serie: Real Landscapes © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Thomas Wrede zwingt uns – glücklicherweise – einen Blick auf, in dem sich Sehen und Wahrnehmung stets in einer unauflösbaren Reibung miteinander befinden. Die Ausstellung in Wuppertal bietet die perfekte Möglichkeit, um sich in diese, seine Schule des Sehens und Erfahrens zu begeben und daraus zu lernen.

‚Thomas Wrede ‚Sceneries‘, in der Von-der-Heydt-Kunsthalle Wuppertal, bis zum 26.8.

Di. – So. 11 – 18 Uhr

Zur Ausstellung ist bei Kehrer ein Katalog erschienen.

Am 19.6. wird Thomas Wrede im Rahmen der ‚Münster Lectures‘ an der Kunstakademie Münster über sein Werk und über die aktuelle Ausstellung sprechen. Beginn ist 18 Uhr. Weitere Infos unter http://www.kunstakademie-muenster.de/akademie/veranstaltungsreihen-projekte/muenster-lectures/sommersemester-2018/