Fischerspooner, ‚SIR: character studies, promotional materials, self-actualization and contemporary photography 2013 – 2018‘, im NAK. Neuer Aachener Kunstverein

‚Mehr Jetzt ist Nie‘ steht auf dem Dach des NAK. Eine Selbstvergewisserung für jene, die das geschrieben haben, und jene, die mit Google Earth über den Aachener Kurpark fliegen.

‚Mehr Jetzt ist Nie‘ ist ebenso vermutlich die treffendste Aussage, die sich ein Kunstverein in aller hintergründiger wie humorvollen Ernsthaftigkeit auf die Fahnen – aufs Dach – schreiben kann.

Absolute Konzentration auf das Erlebnis Gegenwart für die Zeit, die sie andauert. Und in einem Kunstverein kann diese Gegenwart eine Ausstellungslaufzeit lang sein. Jeder Tag ein Statement zum Stand der Dinge mit Hilfe der Kunst, in der Kunst, durch die Kunst.

Man sollte allerdings vorsichtig sein, zu vermuten, dass Jetzt ein Zustand ist. Oder vielmehr, dass man sich in dieser Gegenwart ausruhen kann. Jetzt ist vielleicht die unberechenbarste aller Möglichkeiten. Ein weisses Blatt Papier erzählt diese Geschichte.

Mit der Gegenwart zurecht zu kommen ist der schwierigste Kampf des Individuums. Die ständige Notwendigkeit, sich und seinen Standpunkt zu hinterfragen, strengt an.

Gegenwartskunst strengt an. Sie ist Gradmesser von gesellschaftlichen und individuellen Befindlichkeiten in der Ausdrucksform absoluter Subjektivität. Und dazu muss man sich positionieren, sich zunächst erst einmal finden. Das gilt ganz selbstverständlich auch und vor allem für den Künstler.

IMG_9202

Casey Spooner und Warren Fischer liefern mit Fischerspooner seit 1998 einen zu jedem Zeitpunkt gegenwärtigen Kommentar zu den Abhängigkeiten des Individuums von gesellschaftlichen Konventionen in einem immer anstrengender werdenden Hier und Jetzt zwischen Selbstverwirklichung und Selbstaufgabe, nicht zuletzt in einem immer noch so unsinnigen wie schwer auflösbaren Spannungsfeld von Kunst und Unterhaltung.

Im NAK haben die beiden in konsequenter Weiterentwicklung ihres Albumprojektes SIR eine photographische Seelenlandschaft installiert, die Körperlichkeit, Suche, Wandlung und Abhängigkeit am Abbild von Casey Spooner vergegenwärtigt. Die Räume sind Zeugnisse für das Kaleidoskop Gegenwart als Perspektive. Casey Spooners Körper ist an den Wänden und Böden hier die Projektionsfläche von Rollen und Gefühlen, die zwischen Seelenstriptease, Exhibitionismus, Erotik, Sexualität, Verletzlichkeit und Unsicherheit vibrieren und dabei alles in einer ungewohnten Gleichzeitigkeit verbinden.

 

Fischer und Spooner widmen sich nicht weniger als der ständigen Neuerfindung des Individuellen in Zeiten einer medial geprägten Körperlichkeit, die Unsicherheit und Fehler nicht zu verzeihen scheint, und in der diese kollektive Individualität ständig erreichbare wie wandelbare Bühne für das Ego ist.

‚SIR: character studies, promotional materials, self-actualization and contemporary photography 2013 – 2018‘ heißt die Ausstellung im NAK, die ihren Höhepunkt an einem lauen Frühsommerabend Ende Mai findet.

Der Abend steht unter dem Motto ‚Deinstall/Destroy/Dismantle‘, und wie sehr sich das nicht nur auf den Umgang mit dem eigenen, ungeliebten Abbild bezieht, das Spooner in einer mehrstündigen Performance mit unbedingtem Willen, Kraft, Farbe, Aceton und Schleifpapier von den Wänden und aus der Gegenwart reißt, wird so mitreißend und begeisternd wie unerwartet hintergründig und emotional sein und für mich noch lange über den Abend hinaus wirken.

 

Spooners ‚self-actualization‘ findet ihren Höhepunkt in der Wandlung vom muskulösen, langhaarigen, schnurrbartragenden Abbild einer buffen Pornophantasie aus den 80er Jahren in einen kahlen, gleichsam Neugeborenen, dessen Nacktheit sich vom einen zum anderen Moment von Exhibitionismus in die Verletzlichkeit wandelt, die der Moment der Häutung ist.

Casey Spooner nutzt sein Selbstverständnis im Umgang mit dem eigenen Körper und seiner Inszenierung einer selbstgewählten Persona zur eindrücklichen Demonstration einer Möglichkeit des selbstbewussten wie selbstbestimmten Umgangs mit der Darstellung des Ego in Zeiten ständigen Justierungszwangs.

 

Für einen kurzen Moment kehrt die öffentliche und veröffentlichte Person des Künstlers, dessen Körper als fremdbestimmtes Abbild seine Aufgabe erfüllt zu haben scheint, im Moment der Wandlung ganz in sich, kommt zu sich, nur um gleich im nächsten Moment mit neuer Kraft als neue Person aufzuerstehen, um danach den kommenden Diskurs über Körperlichkeit, Schönheit, Ideale, Normen, Abhängigkeiten mit neugewonnener Stärke führen zu können. Dieser Samson verliert seine Kräfte nicht im Verlust, sondern gewinnt neue Stärke hinzu. Die neue Gegenwart baut auf die Erfahrungen und Erkenntnisse der Vergangenheit und trägt in die Zukunft.

Spooner hat eine klare Botschaft, die in aller Ernsthaftigkeit durch die Extravaganz, alle Rollen, alle Klischees und über den Abend hinweg stark ist und wirkt:

‚What is identity? Is it your hair? Is it your body? Is it your relationship? Is it where you live? Is it where you are from? Maybe you are completely mutable. Maybe there is no self. When you take it all away….what’s left? An idea? Are you an idea of yourself? If so…..why not change your mind.‘

Bildschirmfoto 2018-05-21 um 13.25.29

Der Abend wird lang. Eine sehr lange Gegenwart, ein gestrecktes, anstrengendes Jetzt mit viel Alkohol und Zigaretten, das ich eigentlich gar nicht verlassen möchte. Die Räume des Kunstvereins sind zu einem lebendigen Organismus geworden, der Puls sind wir, und für alle Aussenstehenden, die in dieser Nacht den Kurpark betreten oder umrunden, macht der pulsierende Rhythmus, in dem das blaue Licht vom Dach des NAK ihn immer wieder in eine unheimliche Wirklichkeit taucht, auf die unerhörte Kraft der Kunst aufmerksam.

Zeit und Raum haben sich aus der Umgebung in diese Räume umgestülpt und alle möglichen Zeitebenen sind in eine Gleichzeitig zusammengefallen, eine Implosion der Emotionen zu einer Supernova des Neubeginns.

 

Das ist ‚Mehr Jetzt ist Nie‘ in Reinform.

Das leistet die Gegenwart, das leistet Kunst, das leisten Menschen und das zeigen Kunstvereine. Ihre Stärke ist diese unbedingte Beteiligung des Betrachters als Teil der Inszenierung. Natürlich muss das nicht immer in einer so körperlichen und performativen Weise geschehen. Ganz im Gegenteil muss diese erschöpfende Form der Vermittlung wohl eher vorsichtig dosiert sein.

Immer wieder aber muss Kunst uns vor den Kopf stoßen und verstören.

Ich werde noch lange von den Erlebnissen und Erfahrungen zehren, die sich mit dieser Nacht an diesem wunderbaren Ort mit diesen wunderbaren Menschen verbinden, und ich bin sehr dankbar dafür. Die Self-Actualization hat vermutlich viele an diesem Abend erreicht, oder zumindest einen unbequemen Stachel im Ego hinterlassen. Mehr kann man nicht erwarten.

Wer noch etwas von der Bildsprache dieser Ausstellung vorfinden will, noch etwas von der Wandlung erleben will, muss sich beeilen.
‚SIR: character studies, promotional materials, self-actualization and contemporary photography 2013 – 2018‘ läuft nur noch in dieser Woche.

Einen Besuch ist der NAK aber mit aller Sicherheit auch darüber hinaus jederzeit wert.

P.S.: Das ich und meine Schuhe Bestandteil dieses Abends und seiner Geschichte sein durften, macht ihn mir sicher noch unvergesslicher…

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.