‚Der Fall der Sterne‘, in der Draiflessen Collection, Mettingen

‚Wie wollen wir leben?‘ – unter diesem Motto steht das Ausstellungsprogramm der Draiflessen Collection in diesem Jahr 2018.

Ich kann mir kaum eine bedeutsamere Frage vorstellen als diese, in einer Zeit, die geprägt ist durch erstarkenden Nationalismus, durch Blockdenken, in der wir Antisemiten und Rassisten wieder auf dem Vormarsch erleben, in der die Zerstörung der Natur und ihre Effekte so eindringlich offenbar wie vehement geleugnet werden und in der uns im privaten wie im öffentlichen Miteinander vielerorts die Wertesysteme abhanden gekommen zu sein scheinen.

2018-01-18_Plakat-DER_FALL_DER_STERNE-DRWeltuntergangsszenarien waren und sind Teil menschlicher Vorstellungswelten. Dabei hat sich aber in den Jahrtausenden, in denen Menschen sich über den Abgrund des Lebens Gedanken gemacht haben, eine entscheidende Konstante gravierend verändert, man könnte sagen, ihr ist ein hässlicher zweiter Drachenkopf gewachsen. Der Mensch ist auf den Plan getreten, die Apokalypse ganz eigenständig und auf Grundlage eigenen Fehlverhaltens zu verursachen.

Glaube hin oder her: in diesem Szenario ist kein Gott, der Sünden auf Erden reinigt und der den Gläubigen Anlass zur Hoffnung auf die Auferstehung machen könnte. In diesem Szenario erledigen wir das mit stoischer Akribie selbst und wissen bei all dem: ohne eine zweite Erde wird das Leben nach der Apokalypse schwierig…

‚Der Fall der Sterne‘, heisst die aktuelle Ausstellung des Museums in Mettingen.

Und mit nur drei Positionen, die eine auch ideengeschichtliche Zeitspanne von mehr als 500 Jahren überbrücken, gelingt ihr mühelos eine große Erzählung, die das Jahresmotto ‚Wie wollen wir leben?‘ auch als körperliche Erfahrung eindringlich erlebbar macht, und die Gottes Willen und des Menschen Beitrag zum Weltuntergang eindrücklich verbindet.

Das beginnt schon mit der Ausstellungsarchitektur. Vom Eingangsbereich liegt der Ausstellungsraum um eine steile Tribünentreppe erhaben, die man also hinaufsteigen muss. Aus der Ferne an- und abschwellend sphärische Musik, die schon von einer drei Arbeiten kündet, die dem Blick aber noch verschlossen ist. Auf der Wand, auf die man zusteigt, und an deren linker wie rechter Seite je ein Zugang zu den Exponaten wartet, nur diese drei Namen:

Julian Rosefeldt I Albrecht Dürer I Johannes Gerson

Eine Trias, in der zumindest zwei Namen hell in der Erinnerung leuchten können, während der des Theologen Johannes Gerson mir – wie wohl den meisten Besuchern hier – unbekannt ist.

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Albrecht Dürer, Der Fall der Sterne, aus: Albrecht Dürer, Apocalipsis cu[m] guris, Nürnberg: Anton Koberger für Albrecht Dürer, 1498 | © Draiflessen Collection, Mettingen
Magisch und unwillkürlich zieht es mich in den linken der Räume. Ein Kabinett in Dunkelheit. Und an den Wänden 15 der fantasiereichsten, faszinierendsten, verstörendsten und erschreckendsten Holzschnitte, die ich jemals gesehen habe, wunderbar ausgeleuchtet, als würden dieses Licht aus ihnen selbst kommen.

 

15 Stationen der Offenbarung als bildgewaltige Erzählung von Kampf, Verzweiflung, Untergang und Auferstehung des Menschengeschlechts.

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Albrecht Dürer, Die apokalypti- schen Reiter, aus: Albrecht Dürer, Apocalipsis cu[m] guris, Nürn- berg: Anton Koberger für Albrecht Dürer, 1498 | © Draiflessen Collection, Mettingen
Albrecht Dürer (1471 – 1528) hat dieses Werk mit nicht einmal dreißig Jahren geschaffen und es ist in seiner Größe, der ganzseitigen und rechtsseitigen Setzung der Illustrationen, die den Text zum Begleiter des Bildes (und nicht andersherum) werden lässt und ganz zuvorderst in seiner Qualität, auch Ausdruck einer schier unglaublichen Selbstsicherheit des Künstlers.

‚Apocalipsis cum figuris‘, heisst die hier gezeigte, lateinische Illustration mit Text, der der Johannesoffenbarung in der damals gängigen Bibelübersetzung, der Vulgata, folgt. Indem Dürer seine Holzschnitte in dieser Erzählung nun aber – wie erwähnt – auf die rechte Seite des Folioformates platziert, gerät der Text im wahrsten Sinne in den Hintergrund. Auf den gezeigten Blättern schimmert er nur hier und dort als Rückseite durch, einzig in einem aufgeschlagenen Exemplar in der Mitte des Raumes erkennt man das kongeniale Werk in seiner nicht minder genialen Ausführung aus Text und Illustration.

Und dieses Exemplar präsentiert auch die Ausstellungstitel gebende Bildseite, nämlich ‚Der Fall der Sterne (Die Öffnung des fünften und sechsten Siegels)‘.

Die Sterne des Himmels fielen herab auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine Früchte abwirft, wenn ein heftiger Sturm ihn schüttelt. (Offenbarung 6,13)

In diesem Sternenregen schon verborgen, fällt auch der Schlüssel zum Abgrund herab, in den schließlich, nach zahlreichen Drachenkämpfen, Posaunenchören, dem Fall Babylons, nach Donnern und den apokalyptischen Reitern, Satan gestossen, und mit dem sein Verließ für tausend Jahre verschlossen wird.

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Albrecht Dürer, Der Engel mit dem Schlüssel zum Abgrund, aus: Albrecht Dürer, Apocalipsis cu[m] guris, Nürnberg: Anton Koberger für Albrecht Dürer, 1498 | © Draiflessen Collection, Mettingen
Was für ein unglaubliches Tableau von Engeln, Menschen, Tieren, von düsteren und grausamen Wesen. Jedes Menschengesicht ein Individuum der Zeit, zwischen Hoffen und Bangen, gleich welcher Gesellschaftsschicht es entspringt. Schmerzen und Leiden an Körper und Seele prägen ihre Gesichter, die in Gewand, Ornat und Habitus Zeitgenossen Dürers sind. In diesen Bildern erkennen sich Menschen und sie erkennen, dass es um sie geht. Das Erscheinungsjahr 1498, also der anstehende Wechsel in ein neues Jahrhundert, mag das Interesse an dieser Selbsterkenntnis und Hinwendung noch verstärkt haben.

Während ich in den Bildwelten des Mittelalters versinke, und die Drachenwesen lebendig zu werden scheinen, schwillt die Musik aus dem Nachbarraum bedrohlich an. In der Dunkelheit hier, und allein in diesem Raum, fühle ich mich auf einmal beobachtet, wähne eines der Drachentiere in meinem Rücken, und der Puls steigt, die Hände werden schwitzig, ein Blick geht über die Schulter.

Ich muss der Geschichte keinen theologischen Glauben schenken. Ich muss mich nicht schuldig und reuig fühlen, muss keinen Anlass zu Buße sehen oder mich unweigerlich im Abgrund wähnen. Das ist meine Freiheit aus heutiger Sicht. Wenn ich hier, vor diesen Holzstichen stehe, ahne ich etwas von der religiösen Dogmatik dieser Zeit, als Eingriff in alle Lebensbereiche aller Menschen zu Hörigkeit und Gefügigkeit im Glauben an diese Geschichte. Diese 15 Illustrationen sind aber eben nicht nur ein Ausdruck von Macht der Kirche über den Menschen, sondern auch ein Beweis für die Macht von Geschichten und Inszenierungen, von Verführung durch das Bild und mit dem Bild.

In seiner mitreißenden Lebendigkeit und Eindringlichkeit zeigt sich Dürer in diesem Zyklus als Meister dieser und Herr über diese Macht.

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Julian Rosefeldt, In the Land of Droughts (Filmstill), 2015/2017 | © Julian Rosefeldt, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Julian Rosefeldts Erzählung ist subtiler, aber nicht minder bildgewaltig. Auf der wandfüllenden Leinwand in diesem, dem zweiten und größten der drei Räume, läuft als Loop Rosefeldts Arbeit ‚In the Land of Drought‘, deren erste Fassung bei der Ruhrtriennale 2015 zu Haydns ‚Schöpfung‘ aufgeführt wurde.

Die von der Draiflessen Collection erworbene Fassung von 2017 hat einen ganz eigenen Sound. Eine undefinierbare, mystische, mal schwingende, mal pochende Tonintensität liegt über den Bildern. Im Zusammenspiel wechseln sich hypnotische Wirkung und Momente der Ergriffenheit, der Angst und des Unwohlseins ab.

Worum mag es gehen? Im Katalog wird Rosefeldt zu dieser Arbeit zitiert:

In der Drohnenperspektive des Filmes wirkt es, als ‚gucken [wir] aus einer imaginierten Zukunft heraus zurück […] auf unsere Zeit, in der wir alles verkackt haben, den Planeten desolat hinterlassen haben. Uns gibt es nicht mehr, aber was geblieben ist, sind natürlich die Bauten, die wir geschaffen haben.‘ (Katalog, S. 29)

Eine Drohnenkamera fliegt also als unser Blick über eine menschenleere karge Landschaft, über Steinwüsten, über Sandwüsten. Und dann tauchen aus dem Nichts Gebäude auf. Mächtige Bauten, die an ägyptische Tempel, babylonische Tore, an Festungen erinnern.

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Julian Rosefeldt, In the Land of Droughts (Filmstill), 2015/2017 | © Julian Rosefeldt, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Und in der Landschaft und in den Gebäuden, suchend, tastend, umherlaufend, weiß gekleidete Wesen. Sie scheinen zu erkunden, zu suchen, zu forschen. Es ist nicht klar, wer sie sind, wer sie leitet und was ihr Auftrag ist. In ihrer einheitlichen Kleidung, die den ganzen Körper und eben auch das Gesicht bedeckt, geht ihnen Individualität verloren, und damit auch der Glaube des Betrachters, es könne sich hier um Menschen handeln.

Rosefeldt inszeniert seine postapokalyptische Vision in den Überresten von Filmkulissen in Marokko und den Abraumgebieten und Industrieanlagen des Ruhrgebiets. Im Land der Dürre, das die Erde nun ist, zeigen sich die tiefen Wunden, die der Mensch ihr zugefügt hat. Es zeigen sich aber auch die mächtigen Anlagen, erschaffen von einem unstillbaren Erfindergeist und der Sehnsucht nach immer mehr und immer weiter, die als notwendige Gehilfen zur Unterwerfung der Erde unter den Willen des Menschen gebraucht wurden.

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Julian Rosefeldt, In the Land of Droughts (Filmstill), 2015/2017 | © Julian Rosefeldt, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Und werden! Das ist eine erstaunliche und berührende Erkenntnis aus diesem Film. Was er zeigt, ist unsere Gegenwart. Das mag ganz selbstverständlich klingen, aber Rosefeldts Inszenierung legt so bildgewaltig wie poetisch, so direkt wie mystisch, den Finger in eine klaffende Wunde in der menschlichen Moral und Ethik von Verantwortung und Mäßigung.

Mir scheinen die weißen Wesen, die hier auch die Landschaft und die Gebäude wandeln, und sich schließlich wie zu einem Ritual, einer Befruchtung gleich, treffen, Unschuld, Reue, Buße, Erkenntnis und Hoffnung zu sein, die es braucht, um eine neue Erde, eine bessere Welt zu erschaffen. Auch Rosefeldts Arbeit stößt den Betrachter auf den Optimismus am Ende einer Geschichte von Zerstörung und Tod.

43 Minuten dauert diese Konfronationstherapie. 43 Minuten, die es lohnen, sie auf sich wirken zu lassen. ‚Diese Videoarbeiten sind die Gemälde unserer Zeit‘, sagt Kuratorin Andrea Kambartel. Und als solche brauchen sie auch die Möglichkeit in einem Ausstellungskontext wirken zu können. Genau dieser Notwendigkeit verdankt die Ausstellung auch ihre Konzentration. Bei aller möglichen Auswahl, die sich aus der Sammlung Draiflessen mit ihrer 2012 in sie eingeflossenen Liberna Collection und deren reichem Schatz an Werken des 15. Und 16. Jahrhunderts ergeben hätte, liegt in dieser Konzentration die Stärke und damit verbunden auch der wunderbare Effekt, dass man sich eben Zeit nehmen kann, für jede Illustration, für jede Minute Video und für ein kleines, unscheinbares Buch.

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Johannes Gerson, Een seer schoon boecxken ghenoemt van den. Vijfthi- en vreesselijke bitter teekene[n]. […], Antwerpen: [Jan Dinghelsche alias Lettersnijder], 1503 | © Draiflessen Collection, Mettingen
Ein erstaunliches Unikat erwartet mich im letzten Raum! Ein kleines Büchlein eben, nur 20,6 x 14,4 cm groß. Es erscheint in dieser illustrierten Ausgabe 1503, über 70 Jahre nach dem Tod seines Autors, des Theologen Johannes Gerson (1363 – 1429).

Anders als bei Dürer, bettet Gersons Geschichte der ‚15 Zeichen vor dem Jüngsten Gericht‘ die zu erwartenden Ereignisse in Miniaturabbildungen in den Text ein, und die Bilder erzählen dabei anders als in der ‚Apocalipsis cum figuris‘ auch keine Geschichten, sondern sind vielmehr – vielleicht heutigen Piktogrammen gleich – Abbildungen für einen Moment, Standbild einer Situation, quasi Warnschilder, die das Augenmerk lenken.

Während das kleinformatige Unikat in einer Vitrine in der Mitte des Raumes ruht, und nur zwei Seiten seiner Erzählung offenbart – in diesem Fall das Jüngste Gericht – reihen sich die 15 ‚Vorstufen‘ zu diesem Gericht als vergrößerte Reproduktion entlang der Wand des Raumes. So vergrößert offenbaren sie alle Details der apokalyptischen Geschehnisse – vom sich erhebenden Meer über den blutfarbigen Tau, der von Bäumen und

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Johannes Gerson, Een seer schoon boecxken ghenoemt van den. Vijfthien vreesselijke bitter teekene[n]. […], Antwerpen: [Jan Dinghelsche alias Lettersnijder], 1503 | © Draiflessen Collection, Mettingen
Sträuchern fällt, die Erdbeben , schließlich bis zum Tod aller Menschen. Und auch wenn die Idee einer eher analytischen Aufzählung zu erwartender Fakten – und damit auch der Hinweis auf die Ausweglosigkeit und die Notwendigkeit auf ein gutes Leben im Hier und Jetzt – sich deutlich von der Erzählung Dürers unterscheidet: natürlich fallen auch hier die Sterne und Planeten vom Himmel, und mit ihnen der Schlüssel zu jenem Abgrund, der das Böse verbannen wird.

Da sah ich einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war; ihm wurde der Schlüssel zu dem Schacht gegeben, der in den Abgrund führt. (Offenbarung 9,1)

Dieser Raum ist hell, weiße Wände und Möbel, hell holzfarben die Reproduktionen an den Wänden, alles ist Licht. In der Ausstellungsarchitektur greift der Weg durch die Dunkelheit hin zum Licht so offensichtlich wie undogmatisch die Geschichte auf, die diese Ausstellung auch erzählen kann: es gibt Hoffnung. Dazu muss man nicht religiös sein, man wird hier auch nicht bekehrt – vielleicht sogar eher im Gegenteil von dieser Unweigerlichkeit auch abgeschreckt –, aber man wird mit der Ansprache fast aller Sinne darauf hingewiesen, wer Verantwortung für sein Tun trägt und wer mit den  Konsequenzen zu leben oder eben auch nicht mehr zu leben hat.

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Johannes Gerson, Een seer schoon boecxken ghenoemt van den. Vijfthien vreesselijke bitter teekene[n]. […], Antwerpen: [Jan Dinghelsche alias Lettersnijder], 1503 | © Draiflessen Collection, Mettingen
Die Draiflessen Collection hat sich ein so umfangreiches wie beeindruckendes museumspädagogisches Engagement auf die Fahnen geschrieben. Von der Vielfalt der Aktionen und der inklusive Herangehensweise konnte mir Laura Oymanns bei meinem Besuch eindrücklich erzählen. ‚Es ist spannend zu erleben, wie unterschiedlich Eltern und Kinder zum Beispiel auf das Video reagieren.‘ Während Eltern konsterniert mit den Schultern zucken, sich quasi eingestehen, dass wir es verbockt haben, stellen Kinder Fragen. Sie wollen wissen, warum es so ist wie es ist, wollen wissen was kommt, sind unschuldig und neugierig.

Auch darin liegt wohl viel Hoffnung, vielleicht alle.

‚Der Fall der Sterne. Julian Rosefeldt | Albrecht Dürer | Johannes Gerson‘, in der Draiflessen Collection, bis zum 26.8.

Mittwochs – Sonntags 11 – 17 Uhr

Jeden ersten Donnerstag im Monat 11 – 21 Uhr

Montags und Dienstags geschlossen

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Darüber hinaus gibt ein ausführlicher Blog noch tieferen Einblick in die Ausstellung und die künstlerischen Positionen.

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