‚Thomas Gainsborough. Die moderne Landschaft‘, in der Hamburger Kunsthalle

Ich muss gestehen, dass ich den Begriff des ‚enclosure movement‘ noch nie gehört hatte, bevor ich mich auf den Besuch der Ausstellung ‚Thomas Gainsborough. Die moderne Landschaft‘ in der Hamburger Kunsthalle vorbereitet habe.

Und ich muss gestehen, dass es dann eben die hinter diesem Begriff steckende Problematik – mehr dazu gleich – war, die mich in erster Linie bewogen hat, mich als Betrachter und für diesen Beitrag mit Landschaftsmalerei zu beschäftigen, einem Genre, dem ich ansonsten gar nicht so zugetan bin.

Die erste große, monographische Ausstellung, die diesem Künstler in Deutschland gewidmet ist, bringt etwa 80 Werke – Gemälde und Arbeiten auf Papier – zusammen, deren Bedeutung und Qualität sich vielleicht schon an den leihgebenden Institutionen ablesen lassen kann: National Gallery London, Tate Gallery, Victoria And Albert Museum, Staatliche Museen zu Berlin, um nur einige zu nennen.

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Waldlandschaft mit Rindern an einem Teich (»Die Tränke«), vor 1777 Öl auf Leinwand, 147,3 x 180,3 cm London, The National Gallery © The National Gallery, London

Und unter den gezeigten Werken sind zumindest zwei Gemälde, nämlich ‚Waldlandschaft mit Rindern an einem Teich‘ (‚Die Tränke‘) und ‚Robert und Frances Andrews‘ (‚Mr. und Mrs. Andrews‘), die nicht nur Hauptwerke der National Gallery in London sind, sondern auch zu den bekanntesten und beliebtesten Motiven in Großbritannien zählen, und deren Anwesenheit hier dementsprechend dankbar zu würdigen ist.

Vor allem letztgenanntes Gemälde konfrontiert dabei den Betrachter mit Details, die es nicht nur unter dem Gesichtspunkt einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Porträt und der Darstellung von Perspektive, Wolken, Himmel und Schatten – perfekt erlernt und umgesetzt nach niederländischem Vorbild – herausragend machen.

In diesem Gemälde erzählt sich darüber hinaus die Geschichte der Landschaft, die wir sehen, und die Geschichte der Porträtierten, die uns sehen.

Thomas Gainsboroughs Landschaftsmalerei ist nämlich so viel mehr als eine moderne – das heißt die handwerkliche Seite der Darstellung betreffende – Malerei. Sie ist vielmehr Zeugenschaft einer modernen Landschaft.

Viele Besprechungen der Schau in Hamburg eröffnen ihr Lob und ihren Blick in dieselbe mit einer Betrachtung von ‚Mr. und Mrs. Andrews‘. Und auch mir bleibt noch jetzt, Wochen nach dem Besuch, gerade dieses Gemälde im Gedächtnis, was eben auch daran liegt, dass ich hier erstmals den Begriff ‚enclosure movement‘ gehört – auf jeden Fall den großartigen Audioguide nutzen! – und gelesen habe, und auf den Bildern gesehen habe, was er bedeutet.

‚Enclosure‘ (oder eben ‚enclosure movement) bezeichnet einen Prozess, der in Großbritannien seinen Höhepunkt im ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert fand, indem bisher als Gemeinschaftsgut genutztes Land (‚commons‘) eingehegt und einem Landedelmann zur exklusiven und vor allem intensiven landwirtschaftlichen Nutzung übertragen wurde. Auf den so entstehenden Großfarmen – ob mit Viehhaltung oder Ackerbau – schritt die landwirtschaftliche Revolution auch im kommerziellen Sinne in einem Tempo voran, dem Kleinbauern, wie auch die Landbevölkerung ganz allgemein, nicht mehr folgen, die sie sich wortwörtlich nicht mehr leisten konnten. Um sich greifende Armut und Landflucht waren die sichtbaren Folgen dieser Entwicklung.

Thomas Gainsborough hat diese Entwicklung in seinen Gemälden nie titelgebend oder explizit benannt oder gar kritisiert. Er hat sie aber sehr wohl gesehen und auf sichtbare Weise dokumentiert, ohne damit Auftraggebern eventuell in den Rücken zu fallen, oder sich um weitere und lukrative Aufträge zu bringen.

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Robert und Frances Andrews (»Mr. und Mrs. Andrews«), um 1750 Öl auf Leinwand, 69,8 × 119,4 cm London, The National Gallery © The National Gallery, London

Was also fasziniert mich – und so viele Menschen – vor allem vor diesem Hintergrund an ‚Mr. and Mrs. Andrews‘?

Zunächst ist es eine ganz offensichtliche, dramaturgische Ordnung im Bild: es ist Porträt und Landschaftsmalerei in Kombination. Auf der linken Seite die titelgebenden Protagonisten, auf der rechten Seite der Blick in die – in ihre – Landschaft.

Und das ist schon der nächste faszinierende Punkt: Der Landedelmann Robert Andrews und seine frisch angetraute Gemahlin, Frances Mary Carter, jetzt Andrews, präsentieren sich nicht, wie es lange üblich gewesen wäre, vor oder gar in ihrem Landhaus und damit vor dem Hintergrund architektonisch manifesten Reichtums. Dieses Paar präsentiert sich in aller selbstsicheren Gelassenheit der reichen Landbesitzer – also vor allem er tut das –, die sie sind, vor eben dem Land, das ihnen gehört, ordentlich eingezäunt.

Selbstverständlich ist wohl auch die standhafte Eiche hinter dem Paar – auch wenn sie tatsächlich bis heute eben dort existiert – ein sprechendes Symbol. Mit dieser Generation der Andrews wird ein großes Erbe fortgeführt werden und Früchte tragen.

Diese Früchte sind nicht zuletzt die Früchte einer reichen Kornernte, deren Beginn auf der rechten Bildseite im wahrsten Sinne und schon fast aufdringlich in den Vordergrund rückt. Und die feinsäuberlichen Reihen im Feld verweisen auf eine revolutionäre Erfindung, die 1850, also im Jahr der Entstehung des Gemäldes, die Landwirtschaft bereits verändert hat: mit der Sämaschine von Jethro Tull kehrten Ordnung und Effizienz auf dem Feld ein und sicherten so einen größeren Ertrag aus der Ernte.

Thomas Gainsborough hat dieses Gemälde als Auftragsarbeit erstellt und bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts befand es sich noch im Besitz der Andrews. Alles im Bild folgt also ganz sicher einer gewünschten Dramaturgie, keiner der beteiligten Personen darf man wohl ein Interesse an der Zurschaustellung sozialer Ungleichheit, Landflucht und Armut unterstellen.

Und doch: auch in diesem Fall fügt die Rückschau der Vergangenheit die Erfahrung hinzu, und macht so aus einem Gemälde eben auch ein Geschichtsbuch.

Die Ausstellung ‚Thomas Gainsborough. Die moderne Landschaft‘ widmet sich dem Themenbereich der ‚sozialen Landschaft‘ mit zahlreichen weiteren Beispielen aus dem Œuvre des Malers. Für mich sticht dabei besonders ‚Waldlandschaft mit Hütte am See‘ hervor, ein Gemälde, das im wahrsten Sinne die Schattenseite der Welt abbildet, in der Mr. und Mrs. Andrews gelebt, und die sie vermutlich nie als solche wahrgenommen haben.

Ganz ins ärmliche Dunkel zurückgezogen, in einem winzigen Häuschen, leben hier die Menschen mit ihrem Vieh. Ein kleiner Teich ist Tränke für die Tiere und Wasserspender für die Bauern, ein Stapel (illegal) gesammelten Holzes liegt neben dem Haus, vor dem sich die Großfamilie versammelt hat, im Vordergrund, getaucht in das warme Licht der untergehenden Sonne, eine Mutter mit ihren beiden Kindern.

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Waldlandschaft mit Hütte am See, vor 1782 Öl auf Leinwand, 120,4 x 147,6 cm Sudbury, Gainsborough’s House © Gainsborough’s House, Sudbury

Gainsborough inszeniert. Wie in seinen Porträts, mit denen er ja vor allem großen Erfolg hatte und seine Berühmtheit erlangte, so auch in den Landschaftsbildern. Was wir heute an sozialkritischen Elementen in diese Gemälde lesen: Gainsborough scheint es doch vor allem eben darauf angekommen zu sein, auch in der Inszenierung der Bauern und ihrer Situation eher Schönheit, Idylle und Harmonie festzuhalten, zu inszeniert ist schließlich der Lichteinfall, die Position der Figuren, ob Menschen oder Tiere, die Komposition des Ortes.

Auch darin aber mag sich die Modernität dieses Malers zeigen, der zwar Chronist seiner Zeit ist, dessen Chronik aber aber eben keine ungeschönte Fotografie ist.

Neben der ‚sozialen Landschaft‘ beschäftigt sich die Ausstellung in Hamburg in zwei weiteren Kapiteln mit dem Werk Gainsboroughs.

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Holywells Park, um 1748–1750 Öl auf Leinwand, 50,8 x 66 cm Ipswich Museum and Gallery © Ipswich Museum and Gallery

Zunächst geht es in ‚Der Zugriff auf die Realität‘ um die eingangs schon kurz erwähnte Lernerfahrung aus der Auseinandersetzung mit niederländischen Landschaftsmalern, die Gainsboroughs Blick in die Natur und die Umsetzung auf Leinwand oder Papier ganz offensichtlich geprägt haben.

Vor allem in der Ausarbeitung der Lichtführung im Gemälde, in den Hell-Dunkel-Effekten, der Lebendigkeit der Naturdarstellung und dem Augenmerk auf das Wetter als Element der Bildsprache lässt sich diese Nähe und Bewunderung erkennen. Im direkten Vergleich mit einigen Gemälden niederländischer Künstler aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle ist es in der Ausstellung möglich, diese Ideen und den Lernprozess dahinter nachzuvollziehen.

Ein erkennbarer Höhepunkt der Kunst der Inszenierung der Landschaft, ohne sie dabei des Charakters einer vorstellbaren Realität zu berauben, ist sicher das Gemälde ‚Holywells Park‘, in dem ein fast unsichtbarer und doch sichtbar ergriffeneren Beobachter in der Landschaft sitzt, um die Perfektion der Natur in der Harmonie zwischen Himmel und Erde einerseits, und den kraftvollen Beitrag des Menschen zur Gestaltung seiner Umwelt andererseits zu bestaunen.

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Waldlandschaft mit Hirten und Rindern, Mitte bis Ende 1780er Jahre Aquatinta, Pinsel in schwarz, weiße und schwarze Kreide, Blattmaß 25,5 x 32,4 cm Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, © bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Dietmar Katz

Auf die Wiesen, Baumwipfel und das Wasser ziehen Lichtflecken der Sonnenstrahlen, die es durch die brüchige Wolkendecke schaffen. Himmel und Erde sind in absoluter Harmonie vereint, die Perspektive und der Blick für die Details verraten die Nähe zu niederländischen Vorbildern. Das dabei aber keine unberührte Landschaft gezeigt wird, kann kaum verwundern. Auch hier sehen wir die ‚moderne‘ Landschaft, in der Viehwirtschaft die Weideflächen prägt, und in der eine Konstruktion von Quellwasserteichen das frische Wasser in Kaskade zur Bierbrauerei von Thomas Cobbold führt, dem Besitzer des Landes, das hier abgebildet ist.

Im dritten Kapitel geht es schließlich um den kreativen Prozess in der Malerei von Thomas Gainsborough, und der Maler erscheint als progressiver wie phantasievoller Experimentator. Die (moderne) Landschaft auf den Bildern wird zum Ausdruck eines modernen Verständnisses im Umgang mit dem Material des Künstlers.

Gainsborough experimentiert mit Farben und Techniken, vor allem der noch jungen Aquatinta. Gerade in den Zeichnungen und Drucken wird die Akribie deutlich, mit der wer sich einem bestimmten Effekt nähert, von Fassung zu Fassung Korrekturen anbringt und Techniken verbindet oder verschiedene Werkzeuge, wie etwa Pinsel und Feder, in einem Motiv zur Anwendung bringt.

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Amelia Charlotte, Frances, Harriot und Charles Marsham (»Die Marsham-Kinder«), 1787 Öl auf Leinwand, 242,9 x 181,9 cm Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie © bpk / Gemäldegalerie, SMB / Jörg P. Anders

Im Ergebnis verschmelzen Themen und Eindrücke, werden Details sichtbar und Motive erkennbar, die über das Abbild hinausreichen, wie etwa in ‚Amelia Charlotte, Frances, Harriot und Charles Marsham‘ (‚Die Marsham-Kinder‘) von 1787, in dem vor allem der Junge rechts im Bild bald mit der Natur zu verschmelzen scheint.

Die Ausstellung präsentiert darüber hinaus auch eines der wunderbaren Glasbilder Gainsboroughs. Von hinten beleuchtet, wirkt die ‚Küstenlandschaft mit Segelschiffen‘ bis heute so frisch und lebendig wie eine Fotografie am Tag ihrer Entstehung. Ich fühle mich fast wie ein Zeuge des dargestellten Augenblicks, fühle den leichten Wind, sehe die Wolken vorüberziehen und die Männer diskutieren.

Gainsborough hat übrigens zahlreiche Bilder nach Vorlagen erschaffen, die er sich im Atelier etwa mit Steinen, Kohle, Wurzeln oder anderem Naturmaterial nachgebaut – inszeniert – hat. Nicht zuletzt so war es ihm möglich, die moderne Landschaft zu schaffen, das Ideal aus Realität und Vorstellung, aus Gottes Schöpfung und des Menschen Arbeit.

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Küstenlandschaft mit Segelschiffen, um 1783 Öl auf Glas, 27,9 x 33,7 cm London, Victoria and Albert Museum © Victoria and Albert Museum, London

Die Ausstellung ‚Thomas Gainsborough. Die moderne Landschaft‘ begeistert durch ihren tiefsinnigen und intelligenten Blick auf die Modernität in Motiv und Technik eines Malers, für den Landschaftsmalerei mehr als die Wiedergabe derselben war. Und sie begeistert durch die Konzentration auf Themen, in denen jedes gezeigte Werk notwendig und wichtig erscheint, in denen es glänzen und seine Geschichte erzählen kann. Eine großartige und sehenswerte Ausstellung, wie es sie zu Gainsborough in diesem Umfang sicher so bald nicht mehr geben wird.

‚Thomas Gainsborough. Die moderne Landschaft‘, in der Hamburger Kunsthalle, bis zum 27. Mai

Di. – So. 10 – 18 Uhr

Do. 10 – 21 Uhr

 

Zur Ausstellung ist im Hirmer Verlag ein umfangreicher Katalog erschienen, der im Museum 29€, im Buchhandel 45€ kostet.

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