‚The American Dream. Amerikanischer Realismus 1965 bis 2017‘, in der Kunsthalle Emden

Steven Shore_South of Klamath Falls
Stephen Shore, U.S. 97, South of Klamath Falls, Oregon, July 21, 1973, 1973, Chromogener Farbdruck, 50,8 x 61 cm © Stephen Shore, 303 Gallery, New York

Stephen Shore macht uns ein Bild von Amerika. ‚U.S. 97, South of Klamath Falls, Oregon, July 21, 1973‘ ist Porträt einer Landschaft und eines Zustandes. Und es reicht in beiden Fällen weit über die Zeit seiner Entstehung hinaus, in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Was wir sehen, ist ein mit allen Attributen eines vorstellbaren Klischees ausgestatteter Blick, der doch hinter der dünnen Schicht, die die fotografierte von der erfahrbaren Realität trennt, die Untiefen der Wahrheit bereithält.

Unendliche Weite und Freiheit, Landschaft, Natur, Frieden, Schönheit. Eroberung, Ausbeutung, Ein- und Ausgrenzung, Illusion, Unterdrückung, Zensur. Und vielleicht noch dieses sehr amerikanische ‚Von allem immer ein wenig zu viel‘.

Die Ausstellung ‚The American Dream – Amerikanischer Realismus 1945 bis 2017‘ in der Kunsthalle Emden zeigt mit 140 Werken, ergänzt durch einen umfangreichen Katalog, den Blick von Künstlern auf ein Land, dessen unbeschreibliche Weite nur von unbeschreiblicher Tiefe übertroffen wird, und das eine Annäherung immer nur als diesen einen, kurzen Kontakt mit diesem einen, winzigen Punkt einer Realität erlaubt.

Diesen Punkt berührt der künstlerische Realismus, um den es hier in der Ausstellung, und eben auch in der Fotografie von Shore geht. Er ist künstlerische Manifestation eines Gefühls in der Konfrontation mit erlebter und erlebbarer Umwelt, und trägt diese subjektive Sicht als Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mannigfaltiger Eindrücke im Bild an den Betrachter.

Für mich steht gerade diese Fotografie von Stephen Shore so im Mittelpunkt, weil sie im Realismus auch die Zurückhaltung wahrnimmt und es mir und meiner Vorstellungskraft überlässt, zu sehen, zu deuten, zu interpretieren. Realismus ist Individualismus, kann man sagen.

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Edward Hopper, California Hills, 1957, Aquarell, 50,1 x 71,8 cm © Hallmark Art Collection, Kansas City, Missouri

Es gibt in der Ausstellung immer wieder eindrückliche Beweise für diesen freien, und in der Freiheit suchen Blick auf Themen und Bezüge. Landschaft spielt da eine ganz herausragende Rolle. Das ist nun bei Amerika auch nicht weiter verwunderlich, denke ich, und doch hat es eine ungeahnte Stärke, Landschaft als integralen Bestandteil von Gesellschaft und gesellschaftlichen Entwicklungen zu sehen.

Edward Hopper malt 1957 mit den ‚California Hills‘ die Landschaft vor seiner Haustür. Und doch gibt es Details, die weit über die Natur hinaus reichen. Anders als bei Shore, sind sie hier nicht wortwörtlich plakativ, sondern verstecken sich quasi im Gemälde. Details von Architektur und eine Straße im Bildvordergrund definieren den Standort des Malers und damit vielleicht auch so etwas wie den Standpunkt der Gesellschaft gegenüber der sie umgebenen Natur. Sie wird zur Sehnsuchtskulisse. Hier leben und hier Teil der Landschaft sein als Ideal.

In Edward Hoppers Realismus spielen die Eroberung der Natur wie die Einsamkeit und Vereinsamung des Menschen eine große Rolle. Dieses Miteinander und Gegeneinander prägt dabei nicht nur seine Darstellungen, sondern wird erkennbar ein Motiv für den Amerikanischen Realismus, der sich den Themen Eroberung, Kampf, Sieg und Niederlage, Mensch und Umwelt in einem Land widmet, dass gerade mit und durch diese Themen gewachsen ist.

Der Mensch tritt ins Motiv. Seine Geschichte, sein Wille, wird treibende Kraft.

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Gordon Parks, Martin Luther King, Jr., Washington, D.C., 1963, Schwarz-Weiß-Fotografie 27,9 x 35,6 cm © Courtesy of The Gordon Parks Foundation

Die Ausstellung in Emden beleuchtet – wie gesagt – den Amerikanischen Realismus der Jahre 1965 bis 2017 nicht nur aus kunsthistorischer Perspektive, sondern vermittelt ganz eindrücklich auch das Gefühl für die Zeugenschaft dieser Kunstrichtung in der Begleitung gesellschaftlicher Phänomene.

Gordon Parks fotografiert Martin Luther King Jr. am 28. August 1963. Vor dem Lincoln Memorial hält King seine heute berühmte Rede, die einen Traum zum Ausgangspunkt von Hoffnungen und Erwartungen macht. ‚I have a dream‘ ist die Proklamation der Gleichberechtigung von Wünschen, Hoffnungen, Lebensentwürfen, Lebenswelten und -umständen der schwarzen Bevölkerung in den USA. Und ‚I have a dream‘ denkt natürlich damit auch dem American Dream neu und weiter, der bis dahin und zu lange der ausschließliche Traum weisser Menschen, auch als Eroberer und Unterdrücker war. Parks verbindet die vielen Elemente dieser Geschichte in einem Bild, indem er King in der schwarzweissen Fotografie zwischen einer amerikanischen Flagge im Vordergrund und vor dem Hintergrund des Lincoln Memorial zeigt. Hier also Lincoln, der Präsident, der im Bürgerkrieg gegen die Sklaverei eintrat, und dessen Armeen jene der Südstaaten besiegten, und dort das Symbol einer nationalen Einheit, auf das alle eingeschworen werden, und das so viele Menschen ausschließt. Amerikanischer Realismus in Bild und Geschichte.

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Stone Roberts (*1951), Grand Central Terminal: An early December Noon in the Main Concourse, 2009 -2012, Öl auf Leinwand, 188 x 193 cm © Stone Roberts, Courtesy of The William Louis-Dreyfus Foundation Inc.. Louis-Dreyfus Family Collection

Eine wichtige Rolle als künstlerisches Motiv im Amerikanischen Realismus ist die Stadt, genauer: die Großstadt. Wo die Landschaft vor allem von Hoffnungen und Möglichkeiten erzählen kann, verdeutlicht kaum ein Hintergrund auch Hoffnungslosigkeit und Unmöglichkeit so genau. Unter Millionen fühlt sich Einsamkeit anders an, unter Millionen gibt es Millionen potenzieller Gegner, unter Millionen ist das einzelne Leben auch schneller vergessen. In der Kunst bekommen die Individuen der Stadt Gesichter und Geschichten, und die Stadt selbst wird zum Megaorganismus, dessen Gebäude, Straßen, Fahrzeuge, dessen Licht- und Schattenseiten von dauernder Energie vom dauernden Puls des Lebens erzählen.

In der Überwältigungsarchitektur des Grand Central Terminal in New York geht jeder Mensch seiner Aufgabe nach. Ein Gewirr aus Individuen, die einem unbekannten Ziel entgegenstreben oder für einen kurzen Moment und aus den unterschiedlichsten Gründen verweilen. Stone Roberts hat einen Augenblick festgehalten. Ein Dezembermittag in der Haupthalle des Bahnhofs. Und auch in diesem Gemälde, mit seinen Dutzenden von Geschichten, gibt es übergreifende Motive. Da ist zunächst das Gebäude. Als Großleistung menschlicher Ingenieurs- und Architekturkunst steht es für den Fortschrittswillen, die Kraft der Mobilität und einen Ort, der Schutz bietet. Die amerikanische Flagge verbindet Gebäude und Menschen. Im Glanz der Sonnenstrahlen wird sie zum Symbol für Ort und Zeit, zur Überschrift dieser Geschichte. Und darunter jene, die alles bewegen und von allem beweg und berührt werden. Man möchte jeden kennenlernen, jeden nach seinem Weg fragen, nach seiner Motivation und Geschichte. Sie sind das Fundament einer Geschichte, mehr als nur Bedingung der Geschichte, sondern treibende Kräfte.

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Robert Birmelin, (*1933), Northern City, 1974, Acryl auf Leinwand, 48 x 88 Inch. Louis-Dreyfus Family Collection © Robert Birmelin, Courtesy of The William Louis-Dreyfus Foundation Inc.

Auf dem Weg an diesen glänzenden Ort des Lebens mögen viele der Abgebildeten, vielleicht zur Arbeit, die Northern City passiert haben. Robert Birmelin bezeugt in seinem Gemälde gleichen Namens die Hässlichkeit und Unwirtlichkeit dieser Region zwischen Stadt und Land, die die Trostlosigkeit einer Industrielandschaft darstellt, und damit doch einen jener Ort des Lebens, der zu den Voraussetzungen von Stadt gehört. Auf dieser Schattenseite der Stadt liegt das Potenzial ihrer Entwicklung, sowohl im Moment als auch in die Zukunft gedacht. Irgendwann wird all dies vielleicht teurer Wohnraum am Wasser sein, unbezahlbar für jene, die jetzt hier arbeiten. Die Momentaufnahme einer Stadtentwicklung als Abbild einer städtischen Realität. So menschenleer wie auf diesem Gemälde hat sie schon den Anschein einer postapokalyptischen Realität.

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Andy Warhol, Paul Anka, 1976, Acryl und Siebdruck-Tinte auf Leinwand, 101,5 x 101,5 cm. Hall Art Foundation © 2017!The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York

Paul Ankas Lebensgeschichte ist die eines verwirklichten American Dreams. Als Sohn libanesischer Eltern wird er ab den späten 1950er Jahren zum Idol und zum Symbol für diesen Traum. Andy Warhol hat ihm, wie so vielen Prominenten seiner Zeit, in einem Porträt ein Denkmal gesetzt, das eben auch auf diesen Traum verweist. In ‚My Way‘ – geschrieben für Frank Sinatra – hat er der Kraft des Willens, der Beharrlichkeit und dem Vermögen, sich nicht vom Weg abbringen zulassen, egal wie die Umstände sind, ein Denkmal gesetzt. Dieser Weg mag stellvertretend für den American Way stehen. Die Verwirklichung des American Dream ist hier kein Selbstläufer. Nur harte Arbeit und Durchsetzungsfähigkeit führen zum Ziel. Andy Warhol mag als Sohn russischer Einwanderer selbst Teil dieser großen Geschichte von Träumen und Hoffnungen gewesen sein. Mit seinen Gemälden jedenfalls hat er ikonografische Abbilder erschaffen, die Geschichten und Biografien mit Bildern verbinden. Mit seiner ‚Factory‘ wird er die Massenproduktion zum integralen Bestandteil der künstlerischen Arbeit machen, und damit auch einen Prozess zur Kunst erheben, der die Vervielfältigung am Fließband nicht als Makel, sondern als Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit erklärt.

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Anthony Brunelli, Court and Chenango, 1994, Öl auf Leinen, 34 x 82 inches © Anthony Brunelli, Courtesy Louis K. Meisel Gallery, New York

Natur, Landschaft, Mensch, Politik und Stadt: allein diese fünf Themen geben einen Hinweis auf die Vielfalt der Motive des Amerikanischen Realismus, wie er hier in Emden präsentiert wird. Die Ausstellung ‚The American Dream. American Realism (II): 1965 – 2017‘ ist eine Zusammenarbeit zwischen der Kunsthalle Emden und dem Drents Museum im niederländischen Assen, circa 60 Kilometer von Emden entfernt. Dort beleuchtet die Schau den Amerikanischen Realismus in der Kunst vom Zweiten Weltkrieg bis zur Mitte der 1960er Jahre – das Gemälde von Edward Hopper ist also sozusagen der Brückenschlag in diese Epoche –, und bildet damit den chronologischen Unterbau für die Ausstellung hier in Emden.

Realität ist eine Kombination aus Wahrnehmungsebenen. Sie ist damit nicht notwendigerweise der Wahrheit verpflichtet, sondern vor allem einem Bewusstsein für Umstände und Empfindungen. Sie fordert den Blick auf die Details und den Schritt zurück, um aus der Ferne die großen Zusammenhänge erkennen zu können, ohne sie damit auch gleich verstehen zu müssen. Wer sind wir und was macht uns aus? Was prägt uns und was prägen wir?

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Chuck Close (*1940), Self Portrait (ed. 8, AP), 2000, Silkscreen, 165,1 x 137,16 cm © Chuck Close, Courtesy Louis K. Meisel Gallery, New York

Kaum ein Land mag so beispielhaft für alle Herausforderungen stehen, denen Menschen sich selbst aussetzen in ihrem Wunsch, die Zukunft zu gestalten. In der Ausstellung in Emden reicht der Blick von Vietnamkrieg bis 9/11, von der Bürgerrechtsbewegung bis zu Barack Obama, von Kennedy zu Trump, von der Konsumgesellschaft zur AIDS-Epedemie. Der Amerikanische Traum ist Teil dieser Geschichten und der Amerikanische Realismus der Jahre 1965 bis 2017 kann dafür als Zeuge stehen. Die Künstlerliste für Emden liest sich dabei wie ein Who-is-who der amerikanischen Nachkriegskunst, und untermauert sowohl die Bedeutung des Themas, als auch die Notwendigkeit einer solchen Ausstellung. Neben den hier genannten u.a. mit Werken von Diane Arbus, Nicole Eisenman, Lee Friedlander, Duane Hanson, Peter Hujar, Alex Katz, Robert Longo, Alice Neel, Richard Prince, Martha Rosler, Cindy Sherman, Kehinde Wiley und Andrew Wyeth.

In Chuck Closes’ Porträts löst sich das Individuum in der Nähe auf. Aus dem Ganzen werden Details, die sich erst in der Ferne fügen. Das ist die Realität im Bild, die wir als Realität im Blick auf unser Leben kennen. Es ist der ständige Widerspruch zwischen dem Wunsch, als Ganzen wahrgenommen zu werden, und dem Wissen, dass wir Fragmente von Geschichten sind. Das ist der Realismus in Vielfalt, ein Abbild von uns und ein Beispiel für die zahlreichen Geschichten, die diese Ausstellung erzählt.

‚The American Dream. American Realism (II): 1965 – 2017‘ in der Kunsthalle Emden, bis zum 27. Mai

www.visittheamericandream.com

Dienstag – Freitag 10 – 17 Uhr

Jeder 1. Dienstag im Monat 10 – 21 Uhr

Sa, So & Feiertage 11 – 17 Uhr

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