‚Generation Loss – 10 Years Julia Stoschek Collection‘

‚In Anbetracht eines Mediums, dessen überaus eigene und etablierte Historizität dadurch bestimmt wird dass es faktisch mit der geplanten Obsoleszenz jeder beliebigen Technologie verwachsen ist, habe ich vor, gewisse Grenzziehungen bewusst zum Einsturz zu bringen und die Arbeiten von dieser technologischen Historizität zu befreien;‘ (Ed Atkins)

‚Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.‘ (Heraklit)

‚Früher war alles besser.‘ (Volksmund)

Über die eigene Erfahrung und darüber hinaus…

Atkins_ Thompson
Installationsansicht / Installation view Julia Stoschek Collection, Düsseldorf ED ATKINS & SIMON THOMPSON SKY NEWS LIVE, 2016 TV-Liveübertragung, Farbe, kein Ton / TV live stream, colour, no sound, Courtesy of the artists Foto / Photo: Simon Vogel, Köln / Cologne

Seit Juni 2017, und noch bis in den Juli 2018, feiert die Julia Stoschek Collection ihr 10jähriges Bestehen in Düsseldorf mit der vom britischen Künstler Ed Atkins kuratierten Ausstellung ‚Generation Loss‘, deren Einmaligkeit nicht nur darin begründet liegt, dass es vermutlich so schnell keine so groß angelegte Übersichtsschau zur Sammlung mehr geben wird.

Vor allem gelingt eine Ausstellung, die sich den vielfältigen Möglichkeiten des Wieder- und Neuentdeckens von Räumen und Geschichten, dem Ort und der Kunst widmet und dabei dem Verlieren und dem Verlust eine entscheidende Rolle zuweist.

Verlust ist ein großes, ein Lebensthema. Bücher werden darüber geschrieben, Filme darüber gedreht, Lieder darüber gesungen, Bilder darüber gemalt. Verlust lässt Menschen zweifeln und verzweifeln, und der Umgang damit scheint so oft der ewige Konjunktiv.

Djurberg_Denike
Installationsansicht / Installation view Julia Stoschek Collection, Düsseldorf Links / Left: NATHALIE DJURBERG & HANS BERG WE ARE NOT TWO, WE ARE ONE, 2008 Video, 5’33’’, Farbe, Ton / Video, 5’33’’, colour, sound Rechts / Right: JEN DENIKE DUNKING, 2004 Video, 3’30’’, Farbe, Ton / Video, 3’30’’, colour, sound Foto / Photo: Simon Vogel, Köln / Cologne

Atkins’ Hinweis auf die Auswirkungen des Verlustes erschöpft sich aber eben nicht in der puren Analyse unumgänglicher Fakten und es gibt keine hingebungsvolle Trauer. Er verbindet vielmehr die Unausweichlichkeit des Verlustes mit den Möglichkeiten und Strategien damit umzugehen.

Sein Rezept – oder wohl eher: seine Therapie, und damit die Therapie der gesamten Sammlung – heißt und ist absolute Transparenz bei beständiger Wandlung.

Und das bedeutet auch, dass er die Auseinandersetzung mit Verlust nicht auf die Beobachtung der Qualitätsverluste in Kopien und Kopien von Kopien analoger wie digitaler Medien beschränkt, wie es der titelgebende Begriff zunächst einmal meint.

‚Generation Loss. 10 Years Julia Stoschek Collection‘ geht weit über eine technisch konservatorische Analyse hinaus, ohne dabei aber dieses Thema auszusparen.

Ulay_Abramovic_Jonas
Installationsansicht / Installation view Julia Stoschek Collection, Düsseldorf Links / Left: ULAY & MARINA ABRAMOVIC ́ RELATION IN SPACE, 1976 Video, 14’38’’, S/W, Ton / Video, 14’38’’, b/w, sound Rechts / Right: JOAN JONAS VERTICAL ROLL, 1972 Video, 19’38’’, S/W, Ton / Video, 19’38’’, b/w, sound Foto / Photo: Simon Vogel, Köln / Cologne

Ganz im Gegenteil wird ja schon durch die explizite Wahl des Titels in Verbindung mit der Geschichte der Sammlung deutlich, wie wichtig es der Sammlerin Julia Stoschek und ihrem Team ist, in diesem Bereich einen Fokus ihrer Arbeit zu sehen und Strategien zu entwickeln, um den möglichen Verlusten zu begegnen.

Das Thema Langzeitarchivierung hat einen großen Stellenwert und es lohnt sich sehr, gerade hierzu den ausführlichen Essay des Medienrestaurators Andreas Weisser im Katalog zu studieren, der auch das Archivierungskonzept der Stoschek Collection entwickelt hat und betreut.

Er konstatiert dabei zunächst einmal einen Generationswechsel, der die Datenformate und Datenträger betrifft, vor allem aber auch damit verbunden den Wandel im Bewusstsein und den daraus resultierenden Strategien einer konservatorischen Betreuung der Kunstwerke im Depot der Collection und den Ausstellungsräumen.

So wird deutlich, wie sehr die intensive Auseinandersetzung mit dem Material und den Veränderungen, denen es unterliegt, Grundlage für die Erfolgsgeschichte der Sammlung ist, und wie sehr dies so auch Grundlage für die Arbeit von Ed Atkins als Kurator werden konnte.

Seine Beschäftigung mit der Wandlung und mit den damit einhergehenden Veränderungen beginnt dabei allerdings gar nicht bei den Inhalten. Zunächst einmal widmet er sich nämlich der Form, dem äußeren Erscheinungsbild, dem Raum, und geht so in der Ausstellungsgestaltung subtil auf die konservatorische Arbeit und den Ausstellungsraum als quasi öffentliches Depot ein.

Atlas_Tillmans
Installationsansicht / Installation view Julia Stoschek Collection, Düsseldorf Links / Left: CHARLES ATLAS HAIL THE NEW PURITAN, 1985/86 16-mm-Film, transferiert auf Video, 84’47’’, Farbe, Ton / 16 mm film, transferred to video, 84’47’’, colour, sound Rechts / Right: WOLFGANG TILLMANS HEARTBEAT / ARMPIT, 2003 Video, 2’27”, Farbe, kein Ton / Video, 2’27’’, colour, no sound Foto / Photo: Simon Vogel, Köln / Cologne

Gegen die aus Erfahrungen gespeiste Erwartung an Ausstellungsräume setzt er hier die Durchlässigkeit von Akustikglaswänden, die die Räume zwar in Abteile gliedern, ihnen in der Gesamtheit aber eben doch Sichtachsen und Offenheit belassen bzw. schaffen. Ganz unabhängig noch von Inhalten und von den gezeigten Arbeiten liegt in dieser Wandlung schon der erste, so oberflächliche wie tiefgreifende Eingriff in die Wahrnehmung und Empfindung des Besuchers, der dem Gefühl, verloren – oder besser: einsam – zu sein entgegenwirkt. Man fühlt sich immer in Bezug gesetzt zu anderen Menschen, Arbeiten und Orten, quasi überzeitlich und verbunden mit der Gesamtheit der Sammlung, es gibt eine ständige, zumindest visuelle Rückkopplung.

Verlust als Befreiung, kann man sagen. Mit dieser Architektur einher geht natürlich auch die Befreiung der Wand von ihrer Rolle als Projektionsfläche. Durch alle Glaswände hindurch bleibt der Blick auf die Nachbarräume und die freistehenden Leinwände frei. Und damit auf den nächsten Verlust durch Wandel, der die Präsentation der Sammlung betrifft.

Losgelöst von ihrem ursprünglichen Speichermedium – also eventuell Videokassette oder DVD etwa – und losgelöst auch vom Ausgabemedium der Wahl zur Zeit ihrer Entstehung, zeigt Atkins die digitalisierten Arbeiten auf schlichten Projektionswänden im Format 4:3 oder 16:9.

Mit den Glaswänden und den je Raum meist paarweise angeordneten, einheitlichen Projektionsflächen, hinterfragt und negiert er die tradierte Vorstellungen von Räumen und Formalitäten im Bezug auf die Präsentation von Filmen. Hier gibt es keine abgedunkelten Kabinen und keine schweren Vorhänge und hier brummen und surren keine Filmprojektoren, flackern keine Röhrenmonitore.

Was also inzwischen möglich ist, was in den letzten 10 Jahren möglich wurde, möglich gemacht wurde: Atkins macht den Raum zu einem Schauraum, in dem nun schließlich nichts mehr von den Arbeiten ablenkt und verweist dabei gleichzeitig in der Gestaltung auf die Notwendigkeit einer so fundierten wie einheitlichen und nachvollziehbaren Strategie im Umgang mit dem Ursprungsmaterial all dieser Arbeiten. Der Generationsverlust befreit die Inhalte von einer möglicherweise falschen oder auf Dauer auch irreführenden Tradition und begründet im Wandel eine neue.

Reynolds_McCarthy
Installationsansicht / Installation view Julia Stoschek Collection, Düsseldorf Links / Left: REYNOLD REYNOLDS & PATRICK JOLLEY BURN, 2001 16-mm-Film, transferiert auf Video, 10’, Farbe, Ton / 16 mm film, transferred to video, 10’, colour, sound Rechts / Right: PAUL MCCARTHY SPITTING ON THE CAMERA LENS, 1974 Video, 1’, S/W, Ton, aus Black and White Tapes, 1970–1975 / Video, 1’, b/w, sound, from Black and White Tapes, 1970–1975 Foto / Photo: Simon Vogel, Köln / Cologne

Gezeigt werden 48 Werke aus den 60er Jahren bis in die Gegenwart, und dabei wurden ‚in der Sammlung befindliche Arbeiten, die ausgedehnte Installationen erforderten oder aus mehreren Kanälen bestanden oder nur in einer Hütte, auf einem Kuchen oder auf einem Goldfischglas gezeigt werden konnten […] nicht berücksichtigt.‘ (Ed Atkins in: ‚On Losslessness‘ im Katalog zur Ausstellung). Die KünstlerInnennamen lesen sich dabei wie ein Who-is-Who der Medienkunstgeschichte: Abramović, Atlas, Bengalis, Burden, Donnelly, Ciao Fei, Gaillard, Jankowski, Jonas, Leckey, Matta-Clark, Nauman, Rafman, Tillmans, Ulay, Wolfson, Zielony und natürlich Ed Atkins, um nur einige zu nennen.

In der Kombination der Arbeiten zum Raum, zu den Räumen, vor allem aber in der Kombination der einzelnen Arbeiten zueinander, in ihrer bewussten, und die Jahrzehnte überbrückenden Nebeneinanderstellung, öffnet Atkins schließlich den freien und assoziativen Blick auf Zusammenhänge, die sich losgelöst vom Material aus den Filmen ergeben können, und die jeden Film für sich, aber eben auch die Gleichzeitigkeit der Filme als Teil von Veränderungsprozessen zeigt.

Wie bei einem Paartanz, bei dem die Partner zwar aufeinander reagieren, sich aber nie berühren, bewegen sich die Filme in einem andauernden Rhythmus miteinander und gegeneinander. Sie überbrücken Jahrzehnte und Themen und nehmen den Betrachter dieses Tanzes ganz ein und mit.

Jeder Film spricht nicht nur über die Individualität des Künstlers und die mit dem Werk verbundene Intention eine eigene Sprache. Er spricht auch die Sprache einer Zeit und ihrer Themen. Die Präsentation im Nebeneinander als Hinweis auf die Gleichzeitigkeit von Veränderungen an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt ist kraftvoll, beeindruckend und bedrückend zugleich.

Nauman_Liden
Installationsansicht / Installation view Julia Stoschek Collection, Düsseldorf Links / Left: BRUCE NAUMAN WALKING IN AN EXAGGERATED MANNER AROUND THE PERIMETER OF A SQUARE, 1967/68 16-mm-Film, transferiert auf Video,10’, S/W, Ton / 16 mm film, transferred to video, 10’, b/w, Rechts / Right: KLARA LIDÉN PARALYZED, 2003 Video, 3’, Farbe, Ton / Video, 3’, colour, sound, Foto / Photo: Simon Vogel, Köln / Cologne

Im Wandeln durch zehn Jahre Sammlungsgeschichte, die deutlich mehr als zehn Jahre Kunstgeschichte – und damit eben auch politischer und sozialer Geschichte – abbilden, wird eine Intention offensichtlich:

‚Im Kontext der Ausstellung erstreckt sich der Darstellungsbegriff gleichermaßen auf Politik und Kultur, auf Gefühle, Stimmen, Biografien und umkomprimierte Videofiles.‘ (Ed Atkins in: ‚On Losslessness‘ im Katalog zur Ausstellung)

Es gibt die Erkenntnis, dass manche Dinge zu groß sind, um damit abschließend umgehen zu können, überzeitliche Themen, subjektive Eindrücke und Ausdrücke. Es kann ‚nur‘ um Weitergabe gehen, den Versuch, die Konstanten zu zeigen und es jeder Generation zu überlassen, in ihnen den eigenen Standpunkt zu finden. Wie wir unseren Körper betrachten, andere Körper, wie wir miteinander oder gegeneinander leben, handeln, kommunizieren, wie wir unsere Umwelt erleben, sie gestalten und von ihr gestaltet werden, wie wir unsere Rolle in der Gesellschaft sehen und die Gesellschaft unsere Rolle definiert, wie wir Halt in der Komplexität der Möglichkeiten finden, die Leben heißt und so vieles mehr:

‚Generation Loss‘ ist die Standortbestimmung einer Wandlung als dauerhaftem Prozeß ohne die Möglichkeit zu entkommen.

Die Videos laufen in Dauerschleife und jeder Betrachter wird bei jedem Besuch und mit jedem neuen Blick eine neue Ausstellung erleben, eine neue Konfrontation mit der Veränderung und einem stetigen Verlust.

Ich habe nicht das Gefühl, dass hier etwas ist oder auch nur sein sollte, das Halt gewährt. In der Freiheit der Präsentation liegt auch die Ablenkung, das treiben und getrieben werden. Alles Verlieren verlangt eine Aktion. Der Blick springt von Leinwand zu Leinwand, und doch kommt auch in den ruhigen Sequenzen keine Ruhe auf, weil eben nichts zum Abschluss kommt.

Vielleicht ist eine Erkenntnis diese: wir müssen uns mit dem Verlust arrangieren. Nur er klärt den Blick und ermöglicht einen Anfang. Und wir müssen wissen, dass wir immer nur Ausschnitte eines großen Bildes weitergeben können. Wir brauchen die Kunst, diese Kunst, und Ausstellungen wie diese, um uns des Gefühls der Ausweglosigkeit bewusst zu werden, die unser Tempo mit sich bringt.

Leckey_Jankowski
Installationsansicht / Installation view Julia Stoschek Collection, Düsseldorf Links / Left: MARK LECKEY MADE IN ‘EAVEN, 2004 16-mm-Film, transferiert auf Video, 2’, Farbe, kein Ton / 16 mm film, transferred to video, 2’, colour, no sound Rechts / Right: CHRISTIAN JANKOWSKI WHAT REMAINS, 2004 16-mm-Film, transferiert auf Video, 11’33’’, Farbe, Ton / 16 mm film, transferred to video, 11’33’’colour, sound Foto / Photo: Simon Vogel, Köln / Cologne

Nachdem Augen und Gedanken nun immer wieder und immer wieder neu durch die Geschichten und Jahrzehnte gesprungen sind, nach ständig wechselnden Assoziationsketten, nach Rastlosigkeit, die nicht nur den fehlenden Sitzgelegenheiten geschuldet ist, richtet sich der Blick gen Himmel. Ruhe für einen Moment, Erholung und Entspannung.

Jeder Besucher wird diese Ausstellung anders erleben, und so wird sie ein unteilbarer Blick. Aber die große Geschichte, die sie erzählt, ist die Geschichte unserer Zeit. Sie fängt mit Räumen an und hört mit dem eigenen Körper nicht auf.

Vielleicht heilt nichts den Verlust. Vielleicht kann es wirklich nur darum gehen, zu erkennen, dass Verlust allgegenwärtig und zeitlos ist.

Bis zum 29. Juli ist nun also noch Zeit, immer wieder in den Fluss zu steigen, und sich immer wieder zu überlegen, was ihn unterscheidet.

Für die Zeit dahin und danach bleibt der so fantastische (wie teure), im KERBER Verlag erschienene Katalog zur Ausstellung, der einem Jubiläum wie diesem hier mehr als gerecht wird. Er ist durch seine Gestaltung und durch die Texte und Gedanken verwoben mit der Ausstellung und öffnet so – auch als Bestandskatalog – einen zeitlosen Zugang zur Wunderkammer, die die Julia Stoschek Collection ist.

Friedman_Gordon_Djurberg_Denike
Installationsansicht / Installation view Julia Stoschek Collection, Düsseldorf Links / Left: DARA FRIEDMAN REVOLUTION, 2003 16-mm-Film, transferiert auf Video, 9’20’’, Farbe, kein Ton / 16 mm film, transferred to video, 9’20’’, colour, no sound Rechts / Right: DOUGLAS GORDON OVER MY SHOULDER, 2003 Video, 13’48’’, Farbe, Ton / Video, 13’48’’, colour, sound, © Gordon: Studio lost but found / VG BildKunst, Bonn 2017 Foto / Photo: Simon Vogel, Köln / Cologne

Es bleibt, Julia Stoschek und ihrem Team zu danken. Was sie mit großem Engagement über die vergangenen 10 Jahre aufgebaut haben und mit uns teilen, ist mir immer wieder ein Augenöffner, der Beginn von Geschichten, Anlass zum Nachdenken und Innehalten, Neues, Fremdes, Überraschendes. Ich freue mich auf die kommenden 10 Jahre und hoffe — nicht nur als gebürtiger Düsseldorfer— dass diese Sammlung und ihre Sammlerin der Stadt erhalten bleiben.

‚Generation Loss. 10 Years Julia Stoschek Collection‘, bis zum 29. Juli 2018

Sonntags, 11–18 Uhr Ein tritt frei!

 

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