‚Carmen Herrera – Lines of Sight‘ im K20 der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf

Die Ausstellung ‚Carmen Herrera – Lines of Sight‘ im K20 der Kunstsammlung NRW habe ich im Januar 2018 besucht. Über ein Monat ist vergangen, bis ich endlich – inzwischen neigt sich der Februar dem Ende zu – am Computer sitze, um darüber zu schreiben.

Ich habe in der Zwischenzeit manches mal im Kopf mit diesem Text begonnen, ihn verworfen, verändert, Sätze und Ideen abgespeichert, Bilder analysiert und mir Fragen gestellt.

Womit beginnen?, etwa.

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Installationsansicht der Ausstellung „Carmen Herrera. Lines of Sight“ im K20 Foto: Achim Kukulies, © Carmen Herrera © Kunstsammlung NRW

In Gedanken bin ich in diesen Tagen immer wieder durch den Ausstellungsraum gegangen, vor den Leinwänden stehengeblieben, habe Farben, Kompositionen, Hintergründe und Vordergründe, den Wechsel der Flächen und Formen, das Skulpturale, die Landschaft, die Bewegung und den Augenblick verinnerlicht.

Im Eingangsbereich fasst ein Wandtext in Daten und Fakten die Biografie von Carmen Herrera zusammen und ist so Zeugnis einer Zeitspanne von 1915 bis in die Gegenwart. Ein volles Leben. Ein Leben, das auch Passionen und Kontinente überspannt, zu dem der Aufbruch gehört und die Liebe, Not und Verzweiflung, Notwendigkeit und Einsicht, Tod und Beharrlichkeit, und zu dem eine Maxime zu gehören scheint, die dieses Leben vielleicht so konsequent trägt: sich zu entscheiden.

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Installationsansicht der Ausstellung „Carmen Herrera. Lines of Sight“ im K20 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Ob ausweglos oder konsequent: sich zu entscheiden bedeutet auch, Möglichkeiten zu denken ohne das Unmögliche danach aus den Augen zu verlieren. Sich zu entscheiden verbindet in einem Augenblick alle Gegensätze, Widersprüchlichkeiten und Kontraste. Sich zu entscheiden ist der Moment und der Prozess, das Ende und der Anfang.

Womit also beginnen?

Der Wunsch danach, Werk und Biografie zu vereinen, das eine mit dem anderen zu begründen, gar zu erklären, wird gerade bei einem so langen Leben bald übermächtig. Ich will das komplexe, das herausfordernde und abwechslungsreiche Leben dieses Menschen in den Bildern finden. Carmen Herrera aber gibt mir: Farben, Flächen, Formen. Das scheint irritierend simpel, fast naiv, das scheint zu einfach zu sein, um eine Geschichte erzählen zu können.

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Carmen Herrera, Green and Orange, 1958, Acryl auf Leinwand, 152,4 x 182,9 cm, Sammlung Paul and Trudy Cejas, © Carmen Herrera Foto: © Kunstsammlung NRW

Und doch ist das Gegenteil der Fall. Es muss nicht darum gehen, in den Bildern die Biografie zu sehen. Es wird darum gehen, die Bilder als Biografie zu sehen. Sie sind Ausdruck dieser Lebensmaxime sich zu entscheiden, jeden Moment, jeden Augenblick, immer wieder, immer neu.

Eine der unwillkürlichsten Entscheidungshilfen, die unser Körper uns zur Verfügung stellt, ist der Blick. Dinge, die wir noch gar nicht wissen, Worte, die wir noch gar nicht sagen, Bewegungen, die wir noch gar nicht machen: unsere Augen blicken voraus und ihre Entscheidungen erschaffen Worte, Bedeutung und Bewegung.

Ich verlasse mich auf meine Augen. In dieser Ausstellung so sehr, wie in wenigen zuvor. Ich muss mich auf sie verlassen. Sie müssen mir immer wieder Fragen stellen. Carmen Herrera benennt die meisten ihrer Gemälde nur nach den Farben, oder nach einer Struktur. Jedenfalls benennt sie häufig nur das Offensichtliche.

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Carmen Herrera, Verticals, 1952, Acryl auf Leinwand, 71,75 x 119,38 cm, Privatsammlung Portugal, © Carmen Herrera Foto: © Kunstsammlung NRW

Von da an bin ich mit allen Entscheidungen auf mich gestellt. Das kann Ungläubigkeit hervorrufen. Was es aber immer ist, ist eine körperliche Erfahrungen die etwas über mich erzählt: dieser ständige Versuch, zu fokussieren. Ständig rücken Formen in den Vordergrund, Flächen in den Hintergrund, ständig wechseln sich Schärfe und Unschärfe ab und ständig ändert sich damit die Bewegung im Gemälde. Ständig springt mein Blick unkontrolliert zwischen den Kontrasten, ein leichter Schwindel und Unsicherheit.

Es ergeben sich Untiefen, Strudel und Räume in Räumen, es entstehen Dächer und Häuser, Gebirge und Täler, alles bewegt sich. Gerade in den Gemälden in Schwarz und Weiss findet maximale Nervosität ihren Ausdruck. Der flirrende Blick erschafft Objekte in der Fläche, die Erfahrungsräume sind. Die dauernde Entscheidung vereint die vermeintlich gegensätzlichen Pole, und sie tut dies über die Erkenntnis, vor einem Gemälde zu stehen, hinaus.

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Installationsansicht der Ausstellung „Carmen Herrera. Lines of Sight“ im K20 Foto: Achim Kukulies, © Carmen Herrera © Kunstsammlung NRW

Sie eröffnet damit vor allem den Blick für den Raum, in dem wir stehen. Flächen und Formen treten aus der Wand hervor und stellen sich in Eigenständigkeit auf. Und damit werden sie zu Architektur.

In dieser Erkenntnis zumindest finde ich Rückhalt in dem, was Carmen Herrera selbst über ihre Werke sagt:

‚Ich würde nicht so malen, wie ich es tue, wenn ich nicht Architektur studiert hätte. Dort lernte ich, abstrakt zu denken und wie ein Architekt zu zeichnen.‘

Herreras Bildwelten trotzen statischen Notwendigkeiten. Ihre Gebäude, ihre Gebilde, können sich der Tragfähigkeit des Momentes gewiss sein, in dem sie auf Leinwand gebannt wurden. Sie lehnen aneinander, sind miteinander verzahnt, stützen sich aufeinander auf, werden von Keilen gehalten und getrennt.

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Installationsansicht der Ausstellung „Carmen Herrera. Lines of Sight“ im K20 Foto: Achim Kukulies, © Carmen Herrera © Kunstsammlung NRW

Und weil sie den Raum, der sie umgibt, immer mitdenken, weil Carmen Herrera eben auch Architektin ist, und weil eine Leinwand nur wortwörtlich vordergründig eine Fläche ist, wird die Wand dahinter Teil der Statik und der Geschichte. Häufig ist der Leinwandrand die Fortsetzung der Fläche in die Tiefe und lässt so Tiefe mitdenken. Das Bild verlängert sich in eine mögliche Entfernung vom Betrachter, weiter noch als die Wand vermeintlich erlaubt.

Indem ich aus der frontalen Betrachtung trete, müssen meine Augen in der Wahrnehmung einer weiteren Dimension dazu herausfordern, auch hier Stellung zu beziehen und Worte zu finden. Gemälde oder Skulptur? Fläche oder Architektur? Vordergrund oder Hintergrund? Immer geht es um Dimensionen der Wahrnehmung.

Herreras Arbeiten können überwältigende Effekte hervorrufen. In der Ausstellung wird das durch das Miteinander von Gemälden, Skulpturen und dreidimensionalen Bildträgern aus Holz deutlich.

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Installationsansicht der Ausstellung „Carmen Herrera. Lines of Sight“ im K20 Foto: Achim Kukulies, © Carmen Herrera © Kunstsammlung NRW

Sie alle sind Fläche und Form, Inhalt und Umgebung gleichzeitig. Alles in ihnen ist der ständige Wandel von Dingen, die sich aufeinander beziehen. Und das schließt mich als Betrachter und meinen Blick ganz explizit ein.

Wenn ich mich einer der Wandplastiken von der Seite nähere, wird aus Tiefe Fläche und aus Umgebung Inhalt. Hintergrund und Vordergrund verschmelzen und bedingen einander. Sie werden sich zu Stützen, zu Keilen, zu Objekten, die einen Namen haben.

Wenn ich mich um eine der Skulpturen bewege, entstehen ständig neue Formen, neue Zusammenhänge. Ich kann mich für einen Moment entscheiden, in dem aus der Bewegung ein Abbild wird, eine Fläche für den Augenblick, die den Hintergrund mitdenkt und den Boden, und manchmal auch den Schatten.

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Carmen Herrera Verde De Noche, 2017, Acryl auf Leinwand, 182,9 x 121,9 cm, Courtesy Lisson Gallery, © Carmen Herrera Foto: © Kunstsammlung NRW

Die Ausstellung in Düsseldorf ist Fortsetzung und Weiterentwicklung der großen Retrospektive im Whitney Museum in New York, 2016. Wurden dort 55 Werke aus den Jahren 1948 bis 1978 gezeigt, so ist sie in der Kunstsammlung NRW auf insgesamt über 70 Werke und die neueren und neuesten Arbeiten von Carmen Herrera ergänzt. Ihr jüngstes Gemälde, ‚Verde de Noche‘ (2017) hängt hier und offenbart im Miteinander mit den Arbeiten der vergangenen Jahrzehnte die Stärke, Standhaftigkeit und Überzeugungskraft ihrer Idee der Reduzierung auf zwei Farben und eine zurückgenommen einfache Formensprache.

‚Things happen in a funny way. I mean you have to be in the right place at the right time, which I always manage not to be‘, offenbart Herrera 2010 in einem Interview.

Wenn man vor diesem Hintergrund auf ihre Werke schaut, verbinden sie sich auf ganz besondere Weise mit ihrer Biografie und man kann sie als solche sehen. Es geht darum, Position zu beziehen, im Raum wie im Leben. Es geht darum zu entscheiden und es geht darum die gefällten Entscheidungen in Ursache und Wirkung zu betrachten.

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Carmen Herrera, Saturday, 1978, Acryl auf Leinwand, 162,6 x 106,7 cm, Privatsammlung, © Carmen Herrera, Courtesy Lisson Gallery Foto: © Kunstsammlung NRW

Carmen Herrera fordert mich heraus, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen und mich ständig neu zu fragen, ob ich glaube, was ich sehe. Sie fordert mich dazu heraus, Erfahrungen zu sammeln wie Eindrücke. Aus dem unwillkürlichen Blick eine Meinung zu bilden, mich zu positionieren, die Position zu begründen, standhaft zu bleiben und Veränderung zuzulassen.

Und indem sie so vermeintlich lapidar von ihrem ‚Fehler‘ erzählt, fordert sie zu einer Beschäftigung mit einem Thema heraus, das über das Werk hinaus weist, in die Biografie weist. Dabei geht es um die Herausforderungen der Zeit, um die finanziellen, die kulturellen und politischen Abhängigkeiten und vor allem um eine Tatsache: Carmen Herrera ist eine Frau.

Wie kann es sein, dass sie in Galerien abgelehnt wurde, nicht ihrer Kunst wegen, sondern ihres Geschlechtes wegen? Wie kann es sein, dass sie im Kanon der Abstrakten bisher nicht den gebührenden Stellenwert hatte, weil sie eine Frau ist? Wie kann es sein, dass sie bis zum Alter von 89 Jahren warten musste, um das erste Bild zu verkaufen? Wie kann es angehen, dass dies die erste umfassende Retrospektive in ihrer Heimat und in Deutschland ist? Wie kann es sein, dass das Geschlecht immer noch mitgedacht werden muss, weil es als Argument ausgenutzt wird? Wie kann es sein, dass eine Künstlerin mit der Stärke und Kraft einer Carmen Herrera ihren Platz in der Kunstgeschichte als Ergebnis eigenen Fehlverhaltens sieht? Wie kann es sein, dass dieser Blick bis heute so aktuell ist, in so vielen Lebensbereichen?

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Carmen Herrera, ca. 1961 „Portrait of Herrera“, Fotografie von Ralph Llerena, George Perruc Staff Photographers Foto: © Kunstsammlung NRW

Die Ausstellung ‚Carmen Herrera – Lines of Sight‘ ist eine Ohrfeige an die Ignoranz, eine Feier des Lebens mit all seinen Irrungen und Wirrungen, ein Fest für das Auge und für unsere Fähigkeit zu sehen. Sie feiert eine Künstlerin als Vorbild und gleichberechtigte Zeitgenossin und Bilder als Biografien. Und sie feiert es, in jeder Entscheidung die Gleichzeitigkeit der Möglichkeiten zu sehen.

‚Carmen Herrera – Lines of Sight‘, im K20 der Kunstsammlung NRW, noch bis zum 8. April 2018.

Zur Ausstellung ist bei Wienand ein umfangreicher Katalog erschienen, der nicht nur Leben und Werk von Carmen Herrera beleuchtet, sondern ihr auch in der Auseinandersetzung mit Zeitgenossinnen und Zeitgenossenen einen gebührenden Platz  als Pionierin in der Kunst des 20. Jahrhunderts zuweist.

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