‚Neo Rauch – Dromos, Malerei 1993 – 2017‘ im Museum de Fundatie, Zwolle

Malen als Katharsis. Malen um die Geister zu bannen, die sich durch die Nacht an die Augen gearbeitet haben, die im Kopf schwirren, die Unruhe bedeuten, Schlaflosigkeit, Erbeben. ‚Aus nebulösen Gefilden‘, sagt Neo Rauch, kommen viele dieser Bilder, die Ideen, die Motive. Wenn ich vor seinen Gemälden stehe, kann ich mir die Pein gut vorstellen, die dem Schaffen vorausging. Und damit meine ich sowohl die Pein des Denkens dieser Motive, dieser Alpträume, dieser Erinnerungen und Geschichten, als auch die der Tat. Vor der leeren Leinwand, der ‚Nebelwand‘, eindringen zu müssen in die körperlichen und seelischen Innereien, die schließlich oft zu einer Einheit werden.

Das ‚Museum de Fundatie‘ in Zwolle widmet der Kunst dieser schmerzhaften Offenbarung derzeit eine 65 Werke umfassende Schau, die in einer Zusammenstellung von Arbeiten der Jahre 1993 bis 2017 umfangreiches wie beeindruckendes Zeugnis für die Wirkmacht der Kunst Neo Rauchs ist.

Über alle Etagen des Museums reiht sich Biografie als Kunst und Kunst als Ausdruck der Welt über die Biografie hinaus aneinander. Dazwischen, wie zur Reinigung, in den Gängen, immer wieder Zitate von Neo Rauch.

Wie dieses:

‚Das kann Kunst leisten. Aber sie sollte niemals den Sprung wagen über die Bruchkante hinaus, Hand in Hand mit dem Betrachter. Sie sollte ihm den Abgrund zeigen und ihn dann umarmen und ihn zurückführen in sichere Gefilde.‘

Neo Rauch, Vater, 2007, 200x150 cm, Collectie Ruth
Neo Rauch Vater, 2007 Öl auf Leinwand 200 x 150 cm Sammlung Ruth © Neo Rauch / VG Bild-Kunst, Bonn Foto: Uwe Walter, Berlin

Neo Rauch lässt zweierlei für seine Werke gelten: eben jenen Blick in den Abgrund, der Seelengrund, Leid, auch nur Unwohlsein, der Dunkelheit, Unsicherheit, Schutzbedürftigkeit und vieles mehr ist. Und er verbittet sich durch sie und mit ihnen eine teilbare Erfahrung. Seine Werke sind keine Erzählung, auch wenn sie erzählen, sind keine Meinung, auch wenn sie Position beziehen.

Ihre Erzählung ist die, die mein Auge entdeckt, wenn es über die Leinwand wandert und ihre Meinung ist die, die ich mir bilde. Das hat beim besten Willen nichts mit Belanglosigkeit oder gar Beliebigkeit zu tun.  Ganz im Gegenteil:

Die große Stärke dieser Malerei liegt in der Hand des Malers, die im Motiv die Suche vollendet oder zumindest vorbereitet hat.

‚Dromos‘ heisst die Ausstellung, benannt nach einem gleichnamigen, frühen Werk von 1993. In ihm, scheint mir, liegt die ganze bald prophetische Kraft der kommenden Arbeiten schon angelegt: Während im oberen, hellen Drittel des Bildes Herzen durch den Raum, die Luft, zu treiben scheinen, besetzen in der Dunkelheit darunter Spindeln und Maschinen die Dunkelkammern einer unterirdischen Welt. Mein Blick versucht die Ebenen zu verbinden, einen Ausweg aus der Dunkelheit zu finden, und eben damit dem Titel zu folgen.

Dromos bezeichnet im Griechischen den Weg zu einem Tempel oder einer Grabkammer, gesäumt zumeist von Sphingen, die als Gefährten und Begleiter wachen.

Neo Rauch verbindet Verstand und Gefühl in dieser Einfachheit, mit Titel und Motiv, indem er der Moderne einen Ausweg aufweist. Vernunft und Glaube, so sie denn in den zwei Ebenen des Bildes angelegt sein mögen, können sich durch den Blick des Betrachters verbinden, können eine Entscheidung oder zumindest eine Positionierung erwirken. Im Interview mit Ralph Keuning, dem Direktor des Museums, sagt Rauch:

‚Das Gemütliche im Sinne eines Gemütswerts ist ja auch ein Begriff, der sehr in Misskredit geraten ist im Zuge der Moderne. Das Gemütliche ist gleichbedeutend mit dem Spießigen, mit dem Kleinkarierten, mit dem kleinbürgerlichen Denken und Empfinden. Dabei brauchen wir doch alle Labsal für unser Gemüt, wir brauchen alle Zonen, in denen wir uns sicher fühlen können, in denen wir uns aufgehoben fühlen und die natürlich auch entsprechend ausgestattet sein müssen…‘ (Ausstellungskatalog, S. 117)

Im Bild von Neo Rauch wird mir das Herz mehr als das Symbol, mehr als möglicher Kitsch, mehr als Liebe. Es wird zur Maschine, die jeden Menschen antreibt und bewegt, über die täglichen Mühen hinaus und auch über das Leben hinaus.

Die Beschäftigung mit dem Weg zum Tempel, zum Grab, und dem was darin und danach kommen mag, liegt vermutlich nicht zuletzt in Neo Rauchs Leben begründet. Seine Eltern, die Mutter 19, der Vater 21, kommen nur vier Monate nach der Geburt des Sohnes bei einem Zugunglück ums Leben. Rauchs Vater war selber Maler, freilich nie mit der Chance, ein eigenständiges Werk zu entwickeln, zu früh zerriss die erlebbare, die auch für Außenstehende nachvollziehbare Biografie. Vielleicht ist es genetische Disposition, vielleicht der ewige Wunsch des Unschuldigen nach Wiedergutmachung, nach Vervollständigung, die Neo Rauch zum Maler werden ließen. Und als Maler des Inneren wurde der Vater ein Thema für die Außenwelt. Er wurde eine Figur, die der Sohn behütet, beschützt, im Arm hält und erinnert.

Das Gemälde ‚Vater‘ von 2007 ist eine frühe wie emotional beeindruckende Beschäftigung mit der Vaterfigur. Es ist Malerei in der Malerei und Ausdruck für die Notwendigkeit, auch die Hüllen des Verbliebenen noch festzuhalten, die Leere und den Windzug. Die Schatulle ist geleert, die Vase ohne Blumen, der Harnisch steht ungenutzt, das Leben verschwindet. Und doch gibt es eindrückliches und weiches, zartes und klares Erinnern an die verlorene Stärke und den Schutz.

Der Vorhang vor dem Gemälde ist gelüftet und es bleibt, sich ein Bild, eine Fotografie, die auch den zeitlichen Bogen im Bild beschreibt, für die Ewigkeit zu machen von all den Dingen, die verschwinden.

‚Denn die Malerei ist ja zuständig für die Dinge, die sich nicht verbalisieren lassen… für die Zwischenräume, für die Momente zwischen den Zeilen.‘ (Ausstellungskatalog, S. 122)

Neo Rauch, Die Kontrolle, 2010, 300x420 cm, privecollectie, Basel
Neo Rauch Die Kontrolle, 2010 Öl auf Leinwand 300 x 420 cm Privatsammlung, Basel © Neo Rauch / VG Bild-Kunst, Bonn Foto: Uwe Walter, Berlin

Neo Rauchs Weltengemälde entziehen sich mit Bedacht nicht nur der allgemeingültigen Lesbarkeit, indem Figuren und Motive, ihre Handlungen und ihr Ausdruck, ihre Farben und Formen, keine Deckung zu einer vorstellbaren Realität suchen und finden. Mit bedacht entzieht sie Rauch der Lesbarkeit auch, weil er sie vor einer Instrumentalisierung schützen will. Oder besser: weil er Kunst nur dort zulassen möchte, wo sie sich nicht instrumentalisieren lässt. Und damit meint er nicht nur die Propagandakunst vergangener Jahrhunderte, sondern sicher auch die eigenen Erfahrungen, die Konfrontation mit Staatskunst in der DDR.

Und doch: auch dort, wo seine Kunst nicht wertend ist, oder diese Wertung dem Wertekanon des Einzelnen – und damit ist auch der Künstler ganz selbstverständlich gemeint – unterworfen ist, auch dort gibt es die Möglichkeit, vielleicht eine Analyse der Befindlichkeiten, der Gesellschaft, einer Welt(un)ordnung in ihnen zu erkennen.

Wer da in ‚Die Kontrolle‘ wirklich wen kontrolliert, und ob es überhaupt noch darum gehen kann, muss man sich einfach fragen. Alles scheint aus den Fugen geraten zu sein, bis hin zu den unwirklich grellen Farben. Gibt es Beschützer und zu Beschützende, Täter und Opfer, Unterdrücker und Unterdrückte? Alles scheint mit extremem Gleichmut zu geschehen, in der Entspanntheit einer sommerlichen Landschaft. Ist alles nur ein großes Spiel, und wer steuert die Spielfiguren eigentlich? Über der Sänfte ragt eine Frauenfigur, die Arme in die Höhe gestreckt, in einer Hand eine Patronenhülse, in der anderen einen Bergkristall. Stehen sie für Körper und Geist, für Gewalt und Liebe, für Gegeneinander und Miteinander, Yin und Yang? Für mich sind sie das wahre Kraftzentrum im Bild: zwei starke Symbole, gehalten von einer weiblichen Figur. Symbole für die Antriebskräfte der Menschen, im Guten wie im Bösen.

Ein Bild steht für ein Bild. Neo Rauch vergleicht die Unabhängigkeit des Kunstwerks im Interview mit Ralph Keuning mit der von Pflanzen:

‚So wie wir auch eine Pflanze nicht nach ihrer Bedeutung taxieren, sondern nach ihrem Sinn, so lege ich Wert darauf, dass die Bilder sehr sinnvoll sind in der Art und Weise ihres Arrangements und ihrer Vitalstoffe transportierenden Netzwerke, die ihm innewohnen, durch Komposition und Kolorit und was immer noch dazugehören mag, um ein Bild als solches zur Geltung zu bringen …‘ (Ausstellungskatalog, S. 122)

Neo Rauch, Gewitterfront, 2016, 150x100 cm, Collectie Museum de Fundatie, Zwolle en Heino-Wijhe
Gewitterfront, 2016 Öl auf Leinwand 150 x 100 cm Sammlung Museum de Fundatie, Zwolle und Heino/Wijhe. Erworben mit finanzieller Unterstützung der BankGiro Loterij, der Vereniging Rembrandt (auch dank ihres Titus Fonds), des Mondriaanfonds so wie des VSBfonds. © Neo Rauch c/o VG Bild-Kunst, Bonn Foto: Uwe Walter, Berlin

In ‚Gewitterfront‘ schließlich verstärkt sich dieses Gefühl noch einmal in besonderer Weise. Man sieht und erkennt den knieenden Trommler, man sieht und erkennt die Landschaft, man sieht und erkennt das Gewitter. Und ich spüre heranziehende Gefahr, ich sehe die ersten Auflösungserscheinungen, Dinge ‚flüchten‘, es wird gefährlich. Und ich sehe einen Blick, der eher Resignation und Müdigkeit ausdrückt, als den Willen, noch schnell in die mögliche Sicherheit der nahen Häuser zu fliehen. In seiner Anmutung ist dieser Mann eine Figur der Vergangenheit. Und doch scheint er es mir in einer sehr gegenwärtigen Welt zu sein. Wenn Rauch mit seiner Kunst zumindest die mögliche Interpretation einer Beobachtung der Welt zulässt, dann tut sich auch hier eine Welt auf, die wir erkennen können. Eine Mahnung, eine Warnung vor Unheil ist hörbar, zumindest aus der Nähe. Vielleicht geht ihr Trommelwirbel aber schon unter dem nahenden Gewittergrollen unter, und vielleicht hört es darum keiner mehr. Vielleicht ist die Resignation des Warnenden, dem sogar schon die Trommel zu entfleuchen scheint, nur allzu verständlich. Wir haben uns alle schon zurückgezogen, wehren uns nicht mehr, kämpfen nicht gegen das vermeintlich Unvermeidbare, überlassen das Feld dem stumpfen Dröhnen, den grollenden Parolen.

Neo Rauchs Arbeiten in dieser Fülle und Übersicht zu sehen, ja zu erleben, ist eine eindrucksvolle und bleibende Erfahrung. Selten habe ich so lange vor Bildern gestanden, um mit den Augen von Figur zu Figur, Objekte zu Objekt, von einem Rand zum anderen zu wandern. Die Geschichten, die ich mir durch diese Bilder erzählen kann, werden bleiben. Und: die Geschichten, die Neo Rauch durch seine Bilder erzählt tuen es erst recht.

Diese Ausstellung, dieses Museum, ist mehr als einen Besuch, eine Reise wert.

‚Neo Rauch – Dromos, Malerei 1993 – 2017‘ im Museum de Fundatie, Zwolle, bis zum 3. Juni 2018

Di – So, 11 – 18 Uhr

Zur Ausstellung ist bei Hatje Cantz ein Katalog erschienen (dt. Buchhandelsausgabe 978-3-7757-4380-8). Ihm sind die im Text gekennzeichneten Zitate entnommen.

Außerdem empfehle ich den Film ‚Neo Rauch – Gefährten und Begleiter‘ von Nicola Graef.

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