‚Gegen die Strömung – Reise ins Ungewisse‘, im Museum Morsbroich

Reisen
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Weiterziehen

 

Reisen

Unsere Welt: das ist diese eine, fastrunde Kugel in der Unendlichkeit. Viel Wasser, weniger Land. Viel Himmel, kein Ausweg. Wir bereisen Oben und Unten, und Drunter und Drüber. Und ich glaube, wir tun das, weil wir auf der Suche nach Horizonten sind. Eigentlich wollen wir gar nicht immer weiter, eigentlich wollen wir ankommen. Im Reisen liegt das Ankommen als Wunsch und der Wunsch ist der Auslöser für die Reise.

Auf einer Kugel zu reisen aber ist unvereinbarer mit Ankommen. Sie rollt uns immer weiter, unter unseren Füßen hinweg, ist in ständiger und zielloser Bewegung, um sich, um ein Zentrum, in einem Fluß, um wieder ein Zentrum, auf einer Bahn, hinaus in ein unbestimmtes Wohin, kein bekanntes Ziel, kein geäußerter Wunsch, kein Halt, ständige Suche nach Balance.

Auf dieser Kugel gilt immer: man ist nie weiter von seinem Startpunkt entfernt, als zu dem Augenblick, da man sich entschieden hat zu reisen. Alles was folgt, ist Annäherung.

Kunst zum Beispiel ist so eine Annäherung.

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Rodney_Graham__How_I_Became_a_Ramblin_Man
Rodney Graham How I Became a Ramblin’ Man, 1999 35mm Film auf DVD übertragen, Farbe und Sound, 9′, Dimensionen variabel Courtesy Rodney Graham Studio © der Künstler

Das Museum Morsbroich widmet dem Reisen in der Kunst als Kunst des Reisens eine Ausstellung, die von den Anstrengungen und Unwägbarkeiten, den Abenteuern und Enttäuschungen, von Aufbrüchen, Scheitern und Weiterziehen erzählt. ‚Gegen die Strömung. Reise ins Ungewisse‘, definiert die Wahl der Mittel: nichts ist einfach und nichts ist klar, unsere Instrumente und Körper sind herausgefordert und wir teilen alle nur die Erfahrung des Startens, nicht einmal aber die Motivation eben dazu.

In einem Zehnklang, in dem sich Reisen dem Weiterziehen nähert, und der meine Reiseerzählung gliedert, gibt es späte Momente des Stillstands, die etwas Bleibendes erschaffen. Aus der Flüchtigkeit des Gedanken wird ein Wort, eine Tat, ein Werk. Eigentlich verhält es sich auch so mit diesem Text. Er beginnt mit einem Gedanken und endet hier. Ich stelle die Ausstellung an ausgewählten Beispielen vor, dem Zehnklang folgend, und mit der vorausgeschickten Erkenntnis, dass da noch viel mehr ist. Reisen mit der Kunst ist ein Abenteuer und eine individuelle Erfahrung, gleich dem einmaligen Bild das eine Reise auf unserer Netzhaut hinterlässt und der Kerbe in unserer Haut, die fürs Leben bleibt.

Aufbrechen
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Kris Martin Mandi XXI, 2009 Anzeigetafel, schwarzes Metall, 160 x 263,5 x 20 cm Privatsammlung; Courtesy Sies + Höke, Düsseldorf © der Künstler; Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

Am Beginn jeder Reise steht die Frage nach dem Wohin. Selbst der ziellos Reisende, der den Rhythmus der Erde und jedes vorstellbaren Raumes um sie herum aufnimmt, muss sie beantworten.

Kris Martin gibt der Sehnsucht nach Aufbruch eine bekannte Form und der Hoffnung auf ein Ziel ein bekanntes Geräusch. In ‚Mandi XXI‘ ist die Anzeigetafel ohne Anzeige wie ein Sinnbild für die Endlichkeit der Möglichkeiten in einer Unendlichkeit der Träume. Die Zahl der Anzeigefelder ist endlich, doch sie alle sind schwarz, alles bleibt gleich, nach jeder unvorhersehbaren Bewegung folgt Stillstand mit dem immer gleichen Ergebnis: in Gedanken werden wir überall sein, sind wir überall und überall schon gewesen. Aufbruch – gerade der ins Ungewisse – braucht Vertrauen, meint Martin. Vertrauen auch jenseits jeder Ratio, Vertrauen in eine leitende Hand, einen Schutz der größer ist, als alle Möglichkeiten.

Eröffnen
Bjoerk__Encyclopedia_Pictura__Wanderlust
Björk Encyclopedia Pictura, Wanderlust, 2008Stereoskopische, digitale 3D-Videoinstallation (Vizard Version), Farbe, Ton, 7’27″Julia Stoschek Foundation e.V.Foto: Courtesy die Künstlerin, Deitch Projects, New York, und Ione Little Indian, London

‚Wanderlust‘! Was für ein schöner Begriff für das Kribbeln nach Neuem, den Drang in die Ferne. Wanderlust ist aber auch der Weg zu den eigenen Dämonen, die es zu bezwingen gilt. Wanderlust ist der Antrieb für den Weg durch den Fluß des Lebens, gegen die Strömung und alle Hindernisse.

Björk und Encyclopedia Pictura haben im Musikvideo ‚Wanderlust‘ eine innere Welt sichtbar gemacht, eine Welt der Kämpfe und Offenbarungen, der geheimen Zeichen, der wilden Wesen, die uns alle treiben oder beschützen.

‚Wanderlust‘ kombiniert den Blick auf die Natur und ihre Geister, wie er gerade auf Island so tief in der Kultur verwurzelt ist, mit dem der Tatsache einer Sehnsucht nach Aufbruch aus der Peripherie. Eine weit entfernte Insel wird zum Tor zur Welt, der eigenen, der Seele, und zu jener, die erwandert, bereist, entdeckt und eröffnet werden kann und will.

Beleuchten und Sehen
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Thomas Ruff ma.r.s. 10_III, 2012 C-Print (chromogener Abzug; Diasec face mount), 258 × 190 cm Courtesy Konrad Fischer Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Landeanflug Mars. Vor uns endlos Landschaft, endlos Farbe, endlos Oberfläche. Erst aus der Nähe wird das Licht, das eine Oberfläche reflektiert zu einer Erfahrung, der wir einen Namen geben können. Obwohl: manchmal haben wir Namen für Dinge, die wir eigentlich gar nicht kennen und kaum erkennen. In den Weiten des Weltalls, in einer Landschaft, die wir nur durch Maschinen bereisen, liegen verborgene Täler und Gebirge, weite Flächen, Canyons, Steppen und Wüsten. Das sind die Namen unserer Erfahrung für etwas unbekannt und ewig Fremdes. In seiner fotografischen Serie ‚ma.r.s.‘ verbindet Thomas Ruff die Netzhaut der Maschine mit unserer, indem er Satellitenfotografien koloriert und den Blickwinkel auf die Oberfläche so verändert, dass wir uns im Landeanflug denken. Das reflektierte Licht beleuchtet eine Welt, die wir bereisen können, aus Ahnen wird Sehen.

Erkennen und Begreifen
Japan Diary
Anne Pöhlmann Anne Pöhlmann, Japan Diary, 2017 Installation, bedruckter Stoff, Dimensionen variabel Courtesy die Künstlerin © die Künstlerin

Reisen bleiben aus den unterschiedlichsten Gründen in Erinnerung. Dieses wörtlich innere Gefühl findet seinen Ausdruck in leichter Gänsehaut, in einem Lächeln, in Tränen oder einem plötzlichen Innehalten, wenn uns zum Beispiel ein lang vermisster Geruch überrascht. Der Erinnerung folgt die Erkenntnis. Aus den Bildern werden Geschichten, die nie deckungsgleich sind mit den Geschichten aus denen vorher die Bilder wurden. Aber sie sind unser Weg für uns und vor allem: für andere, für jene, die nicht gereist sind, einen Teil der erlebten Realität festzuhalten. Sie sind eingewoben in den Stoff zahlreicher Geschichten, der gehörten, erlebten und weitererzählten. So wie die Fotografien in Anne Pöhlmanns Installation ‚Japan Diary‘. Der Stoff am Boden trägt die Erinnerung in all ihren Verwerfungen, in all ihrer Subjektivität. Er ist die begreifbare Landschaft, die wir als Betrachter mit der Künstlerin teilen können, und doch sehen wir nie alles. Es gibt kein ganzes Bild, nicht für uns und vielleicht auch nicht für sie. Der Stoff ist Verortung und Tradition, Kunst und Erinnerung.

Innehalten
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Kader Attia La Mer Morte, 2015 Installation; Kleidung und 3 Leuchtkästen, je 130 × 160 × 18 cm Courtesy der Künstler und Galerie Nagel Draxler Berlin / Köln © VG Bild-Kunst, Bonn 2018; Foto: Henning Rogge

‚La Mer Morte‘ – das Tote Meer, nicht jenes, das wir kennen, sondern das Meer des Todes, das wir nicht kennen, von dem wir aber wissen müssen, wissen sollen. Der Blick der Sehnsucht war und ist verbunden mit dem Blick über das Wasser, in eine Ferne, die Träume und Sehnsüchte befriedigt, die Hoffnung macht und Leben, neues Leben verspricht. Wenn wir vom Reisen sprechen, dann sprechen wir von den Wunden, die wir uns gefallen lassen, um sie stolz zu zeigen. Da ist Abenteuer, Unbekanntes, Exotik, kalkuliertes Risiko. Da ist die Auslandskrankenversicherung und die Reiserücktrittsversicherung, die Mietwagenversicherung, die Gepäckversicherung…

Kader Attias Arbeit fordert zum Innehalten. Im Blick darauf gilt es, Position zu beziehen, Position zu erkennen. Das Meer ist blau, gefärbt von den abgestreiften Hoffnungen und Träumen jener, die es verschlungen hat. Von jenen, die gerade noch auf der Betonmole Algiers saßen und zu uns hinübergeblickt haben. Von jenen, denen Strand und Meer nichts mehr bedeuten als der Ort, an dem es um Leben und Tod gehen wird. Reisen – to rise – sich erheben, aufstehen, aufbegehren, begehren.

Weiterziehen
AA-2004. 237
Lawrence Weiner WE ARE SHIPS AT SEA NOT DUCKS ON A POND, 2015 Offsetlithografie, 42 x 60 cm Chelsea Space, University of the Arts London © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Mit Lawrence Weiners ‚We Are Ships At Sea Not Ducks On A Pond‘ schließt sich im wahrsten Sinne der Kreis. Schöner, treffender, könnte man uns wohl keine Form und keinen Ort zuweisen. Erhaben stehen wir über den Kreaturen, mächtig und stark. Geschöpfe, geschaffen um zu entdecken, zu erobern, zu überwinden, voranzuschreiten. Kein steuern auf Sicht, das Ufer immer im Blick. Aber: wir sind die Schiffe, nicht die Kapitäne! Hängen wir an fremden Fäden? Wer steuert uns? Und was treibt uns über den Rand, sehen Auges, immer wieder? Wünschen wir uns nicht in Wahrheit das Ufer des Tümpels, für eine Rast, für Erholung von immerwährendem Vorwärtsdrang?  So verstehe ich das Plakat von Lawrence Weiner: es schmeichelt mit falscher Überlegenheit und verstecktet die Abhängigkeit in der Abstraktion der Formen.

Bas_Jan_Ader__In_Search_of_the_Miraculous
Bas Jan Ader In Search of the Miraculous, in Art & Project Bulletin, Nr. 89, August 1975 Fotolithografie, 29,5 × 42 cm Courtesy Bas Jan Ader Estate und Patrick Painter Gallery, Los Angeles © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Reisen heisst, sich in die Hand einer Macht zu geben, die uns steuert. Das ist die Natur der Dinge oder ein übernatürlicher Schutz. Was immer wir in Anspruch nehmen – Gottvertrauen oder das Vertrauen auf die eigenen Kräfte – Weiterziehen ist die unumgängliche Konsequenz.

Ich wünsche jedem die Erfahrung der Reise. Dieser, vor allem aber dann jeder weiteren. Im Museum Morsbroich, in dieser Ausstellung kann eine beginnen, halten, enden, weitergehen. Davon kann allein diese Institution erzählen, deren eigene Reise so viele dieser möglichen Stationen aufweist, und davon erzählt diese großartige Ausstellung, für die ich sehr dankbar bin.

Gute Reise!

‚Gegen die Strömung – Reise ins Ungewisse‘, im Museum Morsbroich, Leverkusen, bis zum 29. April,

Donnerstag 11 bis 21 Uhr (außer feiertags, dann nur bis 17 Uhr)

Dienstag, Mittwoch, Freitag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr

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