Franz Marc ‚Blaues Pferdchen – Kinderbild‘, auf Europeana Collections

Emil,

erinnerst du dich noch an dieses Pferd?

ich habe es gestern zum ersten Mal nach langer Zeit wiedergesehen. Das war schon sehr überraschend, und ich bin mir auch jetzt, da ich dir davon schreibe, gar nicht mehr so sicher, ob das eigentlich wirklich passiert ist. Also dieses Wiedersehen. Das ist nämlich eigentlich so unmöglich. Eigentlich? Es ist alles sehr verwirrend gewesen, denn ich bin mir sicher, dass es da war, und auf der anderen Seite nicht mehr so sehr, ob ich es eigentlich auch damals gesehen habe, als du es mir gezeigt hast.

Woran ich mich gut erinnern kann, ist das kleine Bett, das Zimmer, der lange Flur davor, die Tür, der Gang, das Treppenhaus, der Eingang, die Straße, der Parkplatz, die Autotür, das Fahrgeräusch, das Einsteigen, die Wohnung, die Nachricht.

Ich habe dich in den Arm genommen, und Angst gehabt, dich zu zerbrechen. Ich habe deine kleine Nase vorsichtig berührt, dir über den Kopf gestrichen, deine winzigen Finger gewärmt.

Marc
Franz Marc ‚Blaues Pferchen – Kinderbild‘ 1912 Saarlandmuseum, Moderne Galerie

Ich glaube, es stand vor der Tür. Zumindest bilde ich mir diesen starken Kontrast zwischen der ockerfarbenen Wand und dem leuchten Blau ein. Bilde ich mir das wirklich nur ein? Aber ich habe doch das Gefühl, dass du mich damals darauf hingewiesen hast. Du hattest die Augen geschlossen – eigentlich die ganze Zeit – und dein kleiner Kopf hat sich nur etwas zur Seite geneigt und dein Gesicht hat sich an meine Brust geschmiegt.

Alles ist so selbstverständlich, weil alles so Neu ist. Es gibt kein ungläubiges Staunen für dich. Das gibt es für uns, weil wir schon etwas wissen, ohne uns daran erinnern zu können, wie es kam. Hast du gespürt, wie ich deine Nase berührt habe, deine Finger, deinen Kopf? Hast du gehört, wie ich dir erzählt habe, wie sehr ich mich freue, dass du da bist? Hast du mich gesehen? Das Staunen über die Wunder dieser Tage.

Wann fängt man wieder an damit? Wann ist man wieder erstaunt? Als ich gestern das Pferd wiedergesehen habe, da war ich wirklich wieder erstaunt. Und so ganz und gar nicht ungläubig, weil ich mich erinnert habe, dass du es mir ja schon einmal gezeigt hattest. Ich war eher erstaunt, dass es wieder gelingt. Es war am Abend, die Sonne geht früh unter, der Mond früh auf, die Straßen waren leer, nur ein Auto an der Ampel in der Ferne.

Es braucht nicht viel. Du weisst das – noch. Ich hoffe so sehr, dass du das lange behältst. Ich habe aber auch die Sorge, dass das ganz und gar unmöglich ist.

Vor einer wundervollen Berglandschaft, die die untergehende Sonne in bedrohliches Rot und leuchtendes Gelb getaucht hat, in der das saftige Grün in den Tälern und das Schimmern des Schnees in den Höhen machtvolle Beweise für die überwältigende Schönheit der Natur sind, vor diesem einen, stillen, und vom Wind und den Zeiten schon leicht gebeugten Baum, mit festem, ruhigem Blick ins Tal, und doch angespannt, wie auf dem Sprung, stand dieses wundervolle Geschöpf, ein blaues Pferd.

Doch, jetzt bin ich sicher! Es war da. Ich weiß es sicher von dir.

Die Erinnerung an solche Ereignisse gehören einem nie selbst, denn in Wahrheit sind sie Geschichten, die jemandem erzählt werden müssen. Du hast sie mir damals erzählt, und jetzt, wenn ich darüber nachdenke, habe ich den Eindruck, dass du sie auch an mich weitergegeben hast.

Vielleicht ist das ein Kreislauf. Vielleicht müssen wir uns gegenseitig immer diese Wunder weitergeben, ganz früh und solange wir sie noch nicht als Wunder sehen?

Ich danke dir für den Blick durch die geschlossenen Augen und für jeden Tag, an dem wir uns sehen.

Vergiss das Pferd nicht! Ich habe es wiedergesehen, und musste dir das schreiben. Es erinnert mich immer an dich. Später einmal werde ich dir diese Geschichte erzählen, und vielleicht sehen wir das blaue Pferd dann gemeinsam. Ich freue mich auf die Phantasie, die wir teilen werden und auf die Abenteuer, die wir erleben. Es ist gut, hoffen zu können, dass uns das möglich ist.

Daran muss ich denken, wenn ich dich sehe. Daran, dass das nicht selbstverständlich ist. Leider rauben Menschen Menschen so häufig Phantasie und Leben. Das war immer so, und es wäre naiv zu hoffen, dass sich das ändert. Manchmal bleiben nur Bilder als Erinnerung für jene, die bleiben. Nur Bilder, die jede Erinnerung tragen müssen, jede Emotion, jede Berührung, jeden Blick.

Ich will dir keine Angst machen – und mir auch nicht. Also denken wir an dieses wunderbare Pferd und an alle Geschichten die wir erleben werden. Gemeinsam.

Ich denke an dich

Kai

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