‚Revolution in Rotgelbblau – Gerrit Rietveld und die zeitgenössische Kunst‘, Marta Herford

‚Die Künstler der Gegenwart haben, getrieben durch ein und dasselbe Bewusztsein in der ganzen Welt, auf geistigem Gebiet teilgenommen an dem Weltkrieg gegen die Vorherrschaft des Individualismus, der Willkür. Sie sympathisieren deshalb mit allen, die geistig oder materiel, streiten für die Bildung einer internationalen Einheit in Leben, Kunst, Kultur.‘ (‚Manifest I‘, De Stijl, 1918)

Der Egoismus einer als selbstverständlich empfundenen Vorherrschaft eigener Überzeugungen im Kontrast zur Komplexität objektiver Welterfahrung führt zwangsläufig – ich entschuldige mich für den Pessimismus – zu den Katastrophen, die in regelmäßigen Abständen Gradmesser für die Unreife menschlicher Selbst- und Fremdwahrnehmung sind.

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Bildnachweis: Christoph Büchel, Ohne Titel / Untitled, 1994/2004, Rietveld Stuhl (Rot-Blauer Stuhl), zwei Ledergürtel (lose), 84 x 60 x 88 cm, Sammlung A.R., Zürich

Ich glaube, der Rückzug des Individuums aus der Verantwortung für die Gesellschaft, dieses Eintauchen in die Welt des Privaten mit ihren überschaubaren Strukturen und gemütlichen Plätzen, ist Ausdruck einer Degeneration. Das Teilen von Bildern, Farben, Stimmungen und Geschichten aus dieser Welt des Privaten mit den Menschen, die sich als Empfänger für diese Informationen und als Resonanzkörper zur Verfügung stellen, macht aus dieser Individualität noch lange keine Gemeinschaft.

In Wahrheit ist eben die größte Triebfeder universeller Kommunikation, wie wir sie erleben, der Egoismus. Das ist keine spannend neue Wahrheit, aber es ist eine, die ausgesprochen werden sollte, auch, um zu verstehen, wie faszinierend aktuell und notwendig die ästhetische Revolution ist, von der hier erzählt wird.

Hier, das ist die Ausstellung ‚Revolution in Rotgelbblau – Gerrit Rietveld und die zeitgenössische Kunst‘ im Marta Herford.

Es ist vielleicht gar nicht notwendig, die Ausstellung über die Maße zu politisieren – dazu ist sie auch in ihrer Struktur auf eine ganz feine und intelligente Art zu bescheiden – aber mir ging es mit der obigen Einführung schon darum, eine mögliche Blickrichtung zu beschreiben, eine Stimmung vorzugeben, die auch einfordert, den zeitlichen Bogen zu sehen, der hier gespannt wird.

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Adrian Tirtiaux, Too big to fail, A joint venture, 2007, Holz, Maße variable

Vor 100 Jahren liegt eine bis auf die Knochen der Existenzen ausgezehrte Welt in den Trümmern letzter Schlachten der ersten Katastrophe des noch jungen 20. Jahrhunderts. Erwachsen aus Egoismen und Nationalismen, fordert der Große Krieg Opfer an Menschen und Vertrauen.

Es gibt keinen Weg mehr zurück, und der Wunsch nach der guten alten Zeit ist keine Lösung mehr. Ihre Mauern sind eingerissen, ihre Ideologien gestürzt – für den Moment.

Im Manifest der Künstlergruppe ‚De Stijl‘ von 1918 heisst es:

‚1. Es gibt ein altes und ein neues Zeitbewusstsein. Das alte richtet sich auf das Individuelle. Das neue richtet sich auf das Universelle. Der Streit des Individuellen gegen das Universelle zeigt sich sowohl in dem Weltkriege wie in der heutigen Kunst.

2. Der Krieg destruktiviert die alte Welt mit ihrem Inhalt: die individuelle Vorherrschaft auf jedem Gebiet.

3. Die neue Kunst hat das, was das neue Zeitbewusstsein enthält ans Licht gebracht: gleichmäßiges Verhältnis des Universellen und des Individuellen.

4. Das neue Zeitbewusstsein ist bereit, sich in allem, auch im äußerlichen Leben, zu realisieren.

5. Tradition, Dogmen und die Vorherrschaft des Individuellen (des Natürlichen) stehen dieser Realisierung im Wege. […]’

Damit beginnt die Geschichte einer Revolution.

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Gerrit Rietveld, Rot-Blauer Stuhl / Red and blue chair, 1918, Centraal Museum, Utrecht © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Und inmitten dieser Revolution Gerrit Rietveld, Möbelbauer aus Utrecht. Um ihn geht es, als Teilnehmer, als Revolutionär, als Mitglied einer Bewegung, als Inspirationsquelle und als Mensch.

Und es geht auch – vielleicht doch ein wenig zu sehr am Rande, aber das lässt sich ja an anderer Stelle nachholen – um Truus Schröder, seine Inspirationsquelle, seine Partnerin im beruflichen wie später privaten Leben und in der Kreativität.

Es gibt diese Sätze, die ein ganzes Leben und ein ganzes Werk eröffnen und verbinden. Im Dokumentarfilm ‚Ruimtekunstenaar‘ von Bertus und Marco Mulder über das Leben zum und im Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht ist es dieser, von Truus Schröder, der so leicht daherkommt und doch alles erzählt:

‚Der Stuhl ist eigentlich das Haus, der Anfang des Hauses…‘

Das ist vielleicht, nein: bestimmt! die große Kunst am Werk, an den Werken, so vielfältig sie sind, von Gerrit Rietveld.

Etwas Großes, etwas Komplexes, von Geschichte, Erfahrung, Geschichten und so vielen Leben Gedachtes neu denken, substanziell erneuern, essenzialisieren.

Etwas auf sich selbst konzentrieren und damit wieder Raum geben für etwas zu werden.

Das gilt für seine Möbel, seine Häuser, seine Gedanken und das gilt als vorstellbares

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Ausstellungsansicht „Revolution in Rotgelbblau“

Ideal für den Menschen, für alle Menschen heißt das.

‚Der Stuhl ist eigentlich das Haus…‘

Truus Schröder und Gerrit Rietveld haben kein Leben der einfachen Entscheidungen gelebt. Sie haben, mit unterschiedlichen Grundbedingungen ganz sicher, entschieden, sich von den Wünschen und Vorstellungen der Gesellschaft, in der sie aufwuchsen, zu lösen. Konservative, religiöse, familiäre Dogmen wurden über Bord geworfen, Freiheit hieß, die eigenen Entscheidungen zu treffen, ausgehend vom Wesentlichen.

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Modell vom Rietveld-Schröder-Haus, 1924 (Entwurf), 1951 (Ausführung), Holz, Sperrholz, Glas, Metall, 44,5 x 77 x 54,4 cm, Centraal Museum Utrecht, Niederlande, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Marta Herford, Hans Schröder

Wie wenig braucht das Wesentliche?

Die Suche nach dem Wesentlichen, die Konzentration auf das Notwendige, die Forderung nach der Freiheit der Form als Ausdruck für die Freiheit des Lebens:

Der Rot-Blaue Stuhl von 1918.

Das Rietveld-Schröder Haus von 1924.

Beides beginnt aus dem Inneren, aus der Bewusstwerdung. Beides denkt einen leeren Raum, der allen Platz bietet, den man braucht, der aber auch korrigiert. So viel wie möglich, so wenig wie nötig.

‚Das neue Zeitbewusstsein ist bereit, sich in allem, auch im äußerlichen Leben, zu realisieren.‘

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Imi Knoebel, Carmen, 1997, Acryl auf Aluminium, 230 x 217,5 x 8,6 cm Sammlung Marta, Dauerleihgabe Stiftung Kunst im Landesbesitz, Nordrhein-Westfalen © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Nic Tenwiggenhorn © VG Bild-Kunst, Bonn

Jana Franze schreibt in ihrem Essay ‚De Stijl – elementar, universell, funktional‘ im Ausstellungsmagazin:

‚…der ,Rot-Blaue Stuhl‘ (1917) oder das ,Rietveld-Schröder Haus’ (1924) in Utrecht [sind] von Rietveld als Übertrag der zweidimensionalen Malerei Mondrians in die Dreidimensionalität des täglichen Gebrauchs zu begreifen: Seine Entwürfe verbanden formelästhetische Ideale mit funktionalen Ansprüchen.’ (S.25)

In der Ausstellung im Marta zeigen Arbeiten von Mondrian, van Doesburg oder van der Leck in der direkten Auseinandersetzung mit Design und Architektur Rietvelds die spannende und bis heute in der Konsequenz aus Formen- und Farbensprache so modern wirkende Realisierung des ‚neuen Zeitbewusstseins‘.

Rietveld selber hat rückblickend sehr treffend das zusammengefasst, was nicht nur ihn, sondern eben wohl alle Mitglied dieser Gruppe, hin zu einem neuen Zeitenbewusstein bewegte:

,[…] Als ich eine Weile bei diesem Juwelier [Carel Begeer] gearbeitet hatte, war inzwischen mein Horizont erweitert, hatte ich einen neuen Blick auf die Architektur bekommen. Damals machte ich für mich allerlei Dinge, doch ich wollte zunächst herausfinden, in welche Richtung die Reise eigentlich gehen sollte… Mir war klar, dass man nicht mehr mit der Masse des Materials arbeiten durfte, sondern mit dem Raum, der sich darin verbarg. Das man diesen Raum mit Begrenzungen trennen musste, die nicht vollständig waren.’ (Ida van Zijl, ‚Die Entstehung des Rietveld-Schröder-Hauses, in: Rietveld-Schröder Haus, Central Museum, Utrecht, 2017, S.27)

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Nicolas Chardon, Position (jaune), 2015 , Acryl auf Stoff, 146 x 114 cm, Nicolas Chardon / Galerie Jean Brolly, Paris, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Nicolas Chardon

Das Marta widmet den Arbeiten von Gerrit Rietveld, der Zusammenarbeit mit und Liebe zu Truus Schröder und den Werken der ‚De Stijl‘-Bewegung einen Raum, der diesen formulierten Ideen und Ansprüchen ebenfalls gerecht wird. Aus dem umfangreichen Gesamtwerk einer künstlerischen Ausdrucksidee, die in Manifest, Form und Bild Avantgarde war und ist, füllen ausgewählte Stücke diesen Raum, und formulieren für die Betrachter auch einen ganz klaren Anspruch: ‚Denke dies als Beginn einer Revolution!‘. Die Auswahl ist klarer Auftrag, sich weiter mit dieser Zeit, diesen Künstlern, diesen Ideen und ihren Wirkungen auseinanderzusetzen.

Und sie lässt vor allen Dingen den Raum für die künstlerischen Positionen, die sich in der Gegenwart eindeutig oder in Abstraktion der Theorie mit Rietveld, De Stijl und dem Manifest der Gruppe auseinandersetzen.

Das Marta öffnet diesem Komplex 4 von 5 Räumen der Ausstellung. Das mag zunächst – bei einem titelgebenden Fokus auf Gerrit Rietveld und seine Arbeit – recht viel, vielleicht zu viel erscheinen. Beim ersten Durchgang hatte ich zumindest eben dieses Gefühl.

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Thomas Huber, Nr. 31, 2002, Öl auf Leinwand, 200 x 150 x 3 cm, Sammlung Marta © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Hans Schröder

Und dann aber, mit jeder weiteren Runde, ist mir etwas bewusst geworden, was einerseits die Kraft und Modernität der Rietveldschen Arbeiten unterstreicht, und andererseits die Wirkung der Gegenwartskunst verstärkt: Immer, wenn ich durch den ersten Saal, vorbei an den Möbeln und Modellen Rietvelds und den Bildern seiner De Stijl Kollegen in die weiteren Räume gelaufen bin, habe ich etwas – und jedes mal mehr – von ihren Ideen weitergetragen. Mit jeder Runde haben sich die Moderne dieser Vergangenheit und die Moderne meiner Gegenwart vermischt und sich dadurch ergänzt, neue Blicke erlaubt, neue Erfahrungen.

Diese Ausstellung lehrt, Raum zu sehen. Und sie lehrt Strukturen, Gemeinsamkeiten und Regeln zu erkennen, die vielleicht bisher fremd oder zusammenhanglos erschienen. Sie lehrt Konzentration und Fokussierung. Und sie lehrt, dass man aus Geschichte und Erfahrungen lernen kann, aber eben leider nicht muss. Gerade im Zusammenspiel der Arbeiten aus so unterschiedlichen Zeiten, fühle ich zumindest wieder in so vielen aktuellen Themen die unheimliche Nähe zu vermeintlich längst überwundenen Zeiten. Was aber auch auffällt: Ja, Kunst darf und muss politisch sein. Es wäre nur schön, wenn sie dabei den Adressaten nicht aus dem Blick verlieren würde.

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Mart Stam, o.J., S-W-Fotografie © Mart-Stam-Archiv, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main

Für die Gesellschaft arbeiten, modern sein, politisch, kontrovers, und schließlich ein großes Mysterium außerhalb des Rampenlichts: Mart Stam (1899  1986) war vielleicht der konsequenteste und radikalste Designer und Architekt seiner Zeit, zumindest wenn es darum ging, in seiner Arbeit und im Denken seinen Prinzipien des ‚menschlichen Funktionalismus‘ treu zu bleiben und schließlich bald ganz aus dem Licht der Öffentlichkeit zu verschwinden.

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Mart Stam, Reihenhaus Stam, Stuttgart-Weißenhof, 1927, S-W-Fotografie © Mart-Stam-Archiv, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main

Das Marta Herford widmet Mart Stam mit ‚Radikaler Modernist‘ eine Ausstellung, die das Mysterium ins Bewusstsein, einen Namen in Erinnerung und ein Werk zurück an die verdiente Öffentlichkeit bringt. Eine wichtige, sinnvolle und faszinierende Ergänzung zur ‚Revolution in Rotgelbblau‘, die nicht zuletzt auch durch die Ausstellungsgestaltung besticht.

 

‚Revolution in Rotgelbblau – Gerrit Rietveld und die zeitgenössische Kunst‘, bis zum 4. Februar 2018 im Marta Herford,

‚Mart Stam – Radikaler Modernist‘ bis zum 7. Januar 2018

Di–So und an Feiertagen 11–18 Uhr

Jeden 1. Mittwoch im Monat 11–21 Uhr

Zur Ausstellung ist ein Katalogmagazin erschienen, dass im Museum für 10€ erworben werden kann.

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