Flaka Haliti ‚Here – or rather there – it’s over there‘, Kunsthalle Lingen

Es braucht nicht viel, um den Dingen einen neuen Namen zu geben.

Es braucht: Mut, Kraft, Phantasie, und manchmal braucht es eine Prise Humor, denn die Zeiten und die Dinge sind ernsthafter Natur.

Und wenn man all das aufbringt, wenn man sich also traut, dann bekommen die Dinge die Chance auf einen Neuanfang.

Nun ist es aber eben leider so, dass gerade: Mut, Kraft, Phantasie und auch Humor nicht gerade die gängige Kombination menschlicher Charakterzüge sind. Oder, vielleicht, um eher doch daran zu glauben, dass es ginge: In so vielen Systemen, von den Familien bis zu den Staaten, sind Mut und Kraft Gefangene einer Ideologie, die Phantasie und Humor nicht duldet, unterdrückt, einsperrt, foltert, tötet.

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Flaka Haliti Here – or rather there, it’s over there Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2017 Foto: Roman Starke

Die in Kosovo geborene Flaka Haliti weiss, wovon sie erzählt. Sie kennt die Farben von Freunden und Feinden, weiss um den Geruch des Krieges, um Mauern und Ausweglosigkeit. Flaka Haliti hat die Phantasie und den Humor, die sie befreien konnte aus der Domäne kraftprotzender Machos, nicht nur der kriegstreibenden Art, sondern auch derer, die sie nicht an den Platz liessen, den sie für sich sah.

Was hilft: abgeschnitten Stierhoden zur Eröffnung einer Gruppenausstellung in der Nationalgalerie in Priština: mit freundlichen Grüßen an die Herren.

Dabei geht es nicht um das Ego.

Dabei geht es um Gerechtigkeit, Selbstverständlichkeit, Gleichheit, Freiheit. Dabei geht es um so vieles, das, da es ja schon in diesem doch eher kleinen Rahmen nicht funktioniert, erst recht im Kontext globaler oder transnationaler Konfliktlinien nicht funktioniert.

Flaka Haliti hat Mut und Kraft und Phantasie und Humor. Das hat sie 2015 bewiesen, als sie ihre Heimat Kosovo auf der Venedig Biennale vertreten hat. Von den blau bemalten Stahlbetonmauern, die das Hauptquartier der UN-Truppen in Pristina umgaben, ist der Beton herabgefallen, zu blauem Staub geworden, die Mauern sind nur noch Gerippe, durchlässige Mahnmale, und die Besucher tragen den Sand der Institution mit in die Gärten der Biennale und damit hinaus aus der Gefangenschaft durch Raum und Zeit und Ort und die Pervertierung von Idealen.

Erst wenn man Mauern einreisst, kann man sehen, wie weit der Himmel einen trägt.

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Flaka Haliti Here – or rather there, it’s over there Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2017 Foto: Roman Starke

In der Ausstellung ‚Here, or rather there, it’s over there‘ in der Kunsthalle Lingen sind Mauern als Grenzen allgegenwärtig. Da sind faktische Grenzen, die den Blick in den Raum unterbrechen, da sind Grenzen der Phantasie, Gedankengrenzen und eben: Mauern.

Man stößt direkt auf sie. Eigentlich wirken sie eher wie ein Skatepark, mit Rampen und Hindernissen, eigentlich wirken sie eher wie abstrakte Figuren, die in Beziehung zueinander stehen, oder besser: liegen. Eigentlich wirken sie nicht bedrohlich, eher wie gezähmte oder getötete Drachen. Eigentlich wirken sie eher so, als ginge es für sie um sie, um eine unverständliche Kommunikation in einer fremden Sprache.

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Flaka Haliti Here – or rather there, it’s over there Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2017 Foto: Roman Starke

Eigentlich. Die Mauerelemente, die hier liegen, sind voll davon. Sie sind zu klein, um wirklich unüberwindbare Mauer gewesen zu sein, ihr Inneres ist eine Holzkonstruktion, sie hindern nicht am Weg. Mit Mut und Kraft sind diese Grenzen gefallen, und die Phantasie und der Humor haben sie zu Miniaturen unserer Erinnerung werden lassen. Wie leicht das wirkt, wie einfach und selbstverständlich. Was man hier aber nie vergisst, sind die Opfer, die Mut und Kraft und Phantasie und Humor gefordert hat. Und: Das Grenzen keine vergangene Realität sind, sondern erschreckend reale Gegenwart und Zukunft.

Die Grenze im Kopf ist die höchste Mauer.

Und das ist so oft eine ‚weiche‘, aus Vorurteilen oder auch nur aus Gedanken errichtete Mauer. Sie erfüllt die Köpfe und Seelen der Menschen. Sie ist nur Eindruck, nur ein Hauch, eine Idee von Hier und Dort, und doch anscheinend unüberwindbar. Sie ist eine feine Membran, die zwischen uns allen liegt, und die zu überwinden eben eigentlich gar keinen Mut und keine Kraft bedarf, sondern nur – das ist so viel – Phantasie. Denken wir sie uns doch als Regenbogen. Denken wir den Goldtopf an seinem Ende als Erfüllung von Träumen, als Paradies, als Seil, das wir erklimmen könnten.

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Flaka Haliti Here – or rather there, it’s over there Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2017 Foto: Roman Starke

‚Just hanging around‘ – so der Titel der Stoffbahn, die von der Decke hier bis fast zum Boden hängt – klingt wie ihr Credo. ‚Überwinde mich doch! Es ist so leicht, so fein, so durchlässig.‘ Und vielleicht ist da ein Hauch von Mut: ‚Trau dich nur!‘. Es ist so viel wertvoller und bereichernder, zu erleben und zu sehen, was da, dahinter, ist.

Das Trennende ist eine Membran aus Wünschen und Hoffnungen. Wir müssen nur sehen und einsehen, dass wir diese Wünsche und Hoffnungen teilen, um diese Grenze als Chance, als Ausweg zu sehen.

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Flaka Haliti Here – or rather there, it’s over there Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2017 Foto: Roman Starke

Flaka Haliti spielt mit unserer Phantasie. Sie spielt mit etwas, das wir alle teilen. Wenn wir in den Himmel blicken und sehen. Im unendlichen Blau sind Wolken unser Horizont. Und damit sind sie auch eine dieser feinen und unnahbaren Grenzen zwischen uns und der Unendlichkeit. Es gibt die eine Art, sie zu sehen: als meteorologisches Phänomen, als wissenschaftlich erklärbar. Und es gibt sie als Bild, als Ausdruck von Phantasie und Imagination.

Das ist der kindliche Blick auf die faktischen Phänomene, die uns umgeben und unsere Umwelt gestalten. Wir können Gesichter sehen, unglaubliche Wesen, Gestalten, Gebilde, Dinge, Orte. Wir können Grenzen überwinden, indem wir Grenzen nicht akzeptieren. ‚I see a face, do you see a face‘. Indem wir in der Abstraktion etwas Konkretes entdecken, können wir Teil gemeinsamer Erfahrung werden. Es hat etwas zutiefst beruhigendes und befriedigendes, hier, vor dieser hohen weissen Wand stehend, die sich bis zur Decke vor mir aufbäumt, den Himmel zu sehen. Es bleibt immer die Hoffnung auf einen ungeteilten Himmel der gemeinsamen Wolken und gemeinsamen Bilder.

DSC09146Und dann sitzt da, mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht und ganz entspannt, ein grüner Roboter vor einer weissen, gerasterten Wand, auch einer Mauer, die aber durch das Raster eher wie das Grid eines Computerspiels wirkt, auf dem dreidimensional wirkende Welten, eine Idee von Realität also, aufgebaut werden soll. Es scheint, als warte er. Auf uns? Auf eine Aufgabe? Auf die Fertigstellung eben dieser imaginierten Welt?

Ich denke, er wartet auf all das. Er wartet darauf, das wir mit unseren Augen eine Welt um ihn errichten und ihm damit wieder einer Bestimmung zuführen, die er verloren hat, vielleicht nie hatte. Der Roboter besteht aus Materialien, die Reste militärischer Gerätschaften der KFOR-Truppen in Kosovo sind, und auf Märkten verkauft werden.

Jedes dieser Teile hat eine Zuordnung zur Geschichte des Landes, der Menschen, des Krieges. In seinem vereinzelten Dasein aber ist es einer Nutzung entrissen, was in Bezug auf seinen ehemalige Zweck gut erscheinen mag. In seiner neuen Zuordnung entreisst es das Teil aber eben auch der Erinnerung an die Vergangenheit als wichtigem Element für einen Blick in die Zukunft.

In diesem Status einer gleichsam unnatürlich Entwicklung und Erscheinung ist es nun ein Element der unvollkommen Zukunft, das wir erblicken: eine von Menschenhand gestaltete Kreatur der Zukunft vor einer Wand voller Möglichkeiten. Mit dem Titel ‚It’s urgency got lost in reverse (while being in constant delay)‘ macht erneut den hintergründigen Humor von Flak Haliti offensichtlich: Wir überholen uns selbst in der Weiterentwicklung der Dinge, die uns Vergangenheit und Gegenwart zur Verfügung stellen, jagen mit großen Schritten in die Zukunft, und kommen dabei doch immer (öfter) zu spät, um neben den Dingen auch das Leben zu gestalten, das wir im Miteinander so dringend brauchen. Ein Roboter kann sich vor der Leere einen zufriedenen Blick leisten – wir nicht.

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Flaka Haliti Here – or rather there, it’s over there Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2017 Foto: Roman Starke

Die Geister der Vergangenheit bleiben eine ständige Mahnung und beeindruckende Erinnerung. Flaka Haliti weiss aber auch um die Kraft, die in der menschlichen Phantasie steckt, sie mit Mut und Humor zu etwas Neuem umzudeuten. So werden sie nie vergehen, immer wichtiger Bestandteil einer notwendigen Erinnerung bleiben. Aber sie bekommen neue Gesichter, neue Formen, neue Geschichten. Sie werden zu zwar allgegenwärtigen, aber so leichten, schon von einem Hauch bewegbaren, Fahnen.

Flaka Haliti ‚Here – or rather there, it’s over there‘, in der Kunsthalle Lingen, bis zum 14. Januar 2018

Di – Fr 10.00 – 17.00 Uhr

Sa, So 11.00 – 17.00 Uhr

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