‚Edouard Manet‘ im Von Der Heydt-Museum, Wuppertal

Leben heisst teilhaben und teilnehmen.

Darin liegen alle Möglichkeiten und alle Begrenzungen. Darin liegt der Ausdruck der glücklichen Fügung und die Limitierung durch Umstände außerhalb individueller Einflussmöglichkeiten. Darin liegt die Akzeptanz des ungefragt Bleibens und die Chance, sich Gehör zu verschaffen.

Für Edouard Manet galt: ‚Die Kunst soll die Schrift des Lebens sein‘.

Nadar_Portrait von Edouard Manet_ca. 1866
Nadar (Gaspar-Félix Tournachon) Porträt Manets ca. 1866 Fotografie 15,5 x 11,5 cm Bilbliothèque nationale de France, Paris

Und damit ist einiges gesagt. Es geht um Lesbarkeit, um Gültigkeit, um Allgemeingültigkeit, es geht natürlich um eine Forderung. Da glaubt jemand an die Kraft der Kunst und da glaubt ganz offensichtlich – so zumindest mein Eindruck – auch jemand an seinen Beitrag. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Edouard Manet das nicht auch ganz selbstbewusst als Auftrag an seine eigene Kunst gesehen und damit auch das daraus entstandene Werk gesehen hat.

Antonin Proust – der gute Freund und Weggefährte – berichtet von einer Bitte Manets, die dieser am Lebensende an ihn richtet. Sinngemäß:

‚Versprich mir, dass sie mich nicht in Einzelteilen auf die Museen verteilen. Versprich mir, dass du zumindest dagegen protestierst. Stell dir nur vor, es  hinge etwa nur eine Leinwand – vielleicht die Olympia oder Père Lathuille – im Luxembourg. Ich wäre unvollständig und möchte doch ein Ganzes bleiben.‘

Da ist ihm gerade ein Bein amputiert worden, er ist nicht mehr vollständig, sein Körper zerfällt und wenige Tage später wird er sterben. Es wird nie ein Alterswerk geben, nur letzte Bilder, und auch die beweisen eines: ungebrochene und vielleicht gar unerhörte Modernität.

Edouard_Manet__Die_Reiterin
Edouard Manet Die Reiterin um 1882 Öl auf Leinwand 73 x 52 cm Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid

Die Ausstellung ‚Edouard Manet‘ im Von Der Heydt-Museum in Wuppertal verbringt Grossartiges. Sie spannt einen Lebensbogen in Gemälden, Zeichnungen, Photographien, Graphiken, Pastellen und Aquarellen, in dem es ganz offensichtlich um diesen Ausnahmekünstler geht, der aber über die Themen und Räume, die Blicke und Rückblicke auch und vor allem vom Zeitablauf erzählt.

Sicher wird das vor allem in den Porträts sichtbar. In ihnen wird meinem Eindruck nach die selbstgestellte Aufgabe, Kunst als Schrift des Lebens zu betrachten und zu nutzen, in all ihrer Kraft und Spannung bis heute sichtbar.

Manets Porträts blicken den Betrachter mit undurchdringlicher Entrücktheit an. Keine Regung verrät etwas von Stimmung oder Charakter. Wie ein Schutzschild legen sie die Abwesenheit über ihre Augen und Münder und fordern uns unerbittlich heraus.

Manet_Kinderbildnis_1862
Edouard Manet Kinderbildnis, der kleine Lange 1862 Öl auf Leinwand 115 x 72 cm Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Die Herausforderung an uns liegt darin, in diesem Menschen das Individuum zu sehen und als Stellvertreter zu erkennen. ‚Kinderbildnis, der kleine Lange‘, ‚Die Reiterin‘, ‚Der Künstler‘, ‚Junger Mann, eine Birne schälend‘. Manet malt Zeitgenossen, Freunde, Familie, und weist ihnen Teilhabe an der Gesellschaft zu. Manchmal erinnern mich seine Porträts an die Photographien von August Sander.

Und das wird dann noch verstärkt, indem es einen Fokusraum für die Photographien gibt, die Manet selbst hat von sich anfertigen lassen, oder die befreundete Künstler oder eben einfach Menschen seiner Zeit zeigen. Seine Fotoalben sind beredter Beweis für eine frühe und unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dieser neuen Technologie, verbunden mit der Erkenntnis, dass sie ihm eben auch in der Malerei hilfreich sein kann.

Die Ausstellung in Wuppertal fächert eine Lebenswelt, ein Zeitalter und ein Leben auf, in dem sich die Elemente der Zugehörigkeit nicht voneinander trennen lassen, weil Manet sie gerade nicht voneinander getrennt sehen, erfassen und darstellen wollte.

Etienne Carjat_Visitenkarte Manets
Etienne Carjat Visiten-Karte Manets Bibliothèque nationale de France, Paris

Und trotz der thematischen Orientierung – oder gerade deswegen – der Räume, ist dieser Lebensfluss, die Verbindung von Teilhabe und Teilnahme, erkennbar, spürbar. Das zeigt sich nicht nur am Raum über ‚Manet und die Fotografie‘.

Der Besucher reist mit Manet an Sehnsuchtsorte, gesehene, erlebte, oder vielleicht auch nur erträumte.

Es geht ans Meer, und der Blick über das Wasser zu den Schiffen, die den Künstler magisch anzuziehen, die ihn zur Reise rufen, auf Hohe See, die ihn auf seinen Bildern zumindest seinen Wunsch leben lassen, Seemann zu werden.

Und da ist die Spanienmode der Zeit, diese ferne Auseinandersetzung mit Leben, Kultur und Kunst eines Landes, mit dem Frankreich doch seit geraumer Zeit eher kriegerisch in Verbindung steht. In Wuppertal sind vor allem zwei großartige Gemälde und zahlreiche Radierungen, die als Vorarbeiten für spätere Gemälde stehen, Beweis für die zuweilen folkloristisch, klischeebesetzte Darstellung ,typisch‘ spanischer Lebensweise.

Manet_Hut_und_Gitarre
Edouard Manet Stillleben – Gitarre und spanischer Hut 1862 Öl auf Leinwand 77 x 121 cm Musée Calvet, Avignon

Manet sehnt in die Ferne, erahnt Ungesehenes, ist Kind seiner Zeit, und doch auch in all diesem der Vorausahner, der Moderne, der Maler für den besonderen Blick auf Realität, Gesellschaft, Menschen, Umstände. Überraschenderweise wird das auch in den Stillleben, denen hier ein Raum gewidmet ist, deutlich.

Stillleben heißt für ihn Konzentration und Reduktion. Nicht der reich gedeckten Tisch, nicht die Schlale voll prallem, frischem Obst, lebt, sondern auch hier das eine, individuelle Stück Obst, der Pfirsich, die Zitrone, oder der Tote Hase, der vor dem Fenster hängt. In all diesen Motiven ergibt sich Erkennen aus der Konfrontation mit fast minimalistischen Formen, einer konzentrierten Farbpallette, dem Blick auf das Wesentliche.

Die Zitrone
Edouard Manet Die Zitrone 1880 Öl auf Leinwand 14 x 22 cm Paris, Musée d’Orsay, Legs du comte Isaac de Camondo, 1911 bpk/RMN – Grand Palais/PatriceSchmidt

Man möchte aus heutiger Sicht fast versucht sein, diese Darstellungen als Piktogramme zu erkennen, so reduziert ist alles. Und man möchte vielleicht noch eher das Original, den echten Pfirsich, die echte Zitrone, in Händen halten. Als Kontrast zum Bild, als Bestätigung für die Schönheit der Natur, die Vielfalt der Formen und Farben. Manets Objekte verhalten sich durch seinen Blick und gegenüber uns wie seine Porträts. Sie halten auf Distanz, erlauben gerade das Erkennen, nicht aber das Wissen. Die Wahrheit bleibt dahinter verborgen, Allgemeingültigkeit rückt in den Vordergrund.

Die Verbindung zur Biografie ist frappierend.

Manet, der Einzelgänger, der Künstler einer eigenen Position, der sich auch von den Impressionisten nicht vereinnahmen ließ, der Selbstständige, der Unabhängige.

Manet_Briefkopf mit franz Flagge
Edouard Manet Briefkopf mit französischer Flagge nach: ‚Es leben die Republik‘ 1880 Aquarell und Tusche 15 x 11 cm Privatbesitz

Vielleicht erlaubte ihm gerade diese eigene Positionierung auch die so genaue Betrachtung der Gesellschaft, in der und mit der er lebte, einer Gesellschaft voller Konflikte und Brüche, zwischen Aufbruch und Rückschritt, der Klassen und Systeme, zwischen Krieg und Frieden, Monarchie und Republik.

‚Vive la Republique‘ schreibt Manet auf einem Briefkopf vom 14. Juli 1880, die Tricolore aquarelliert er im Hintergrund. Er ist überzeugt von einer anderen Idee des Staates, er ist durch und durch Republikaner, demokratischen Ideen und Strukturen zugetan und seine Abneigung gegenüber Napoleon III. ist keine versteckte Opposition. Auf seinem Gemälde der Erschießung Kaiser Maximilian I. von Mexiko steht einer der Soldaten aus dem Erschiessungskommando am rechten Bildrand, sein Gesicht trägt die Züge Napoleons. Was für ein hintergründiger, durchdachter Kommentar!

Edouard Manet Die Explosion 1871 Öl auf Leinwand 37,5 x 45,5 cm Museum Folkwang, Essen bpk / Hermann Buresch

Der genaue Beobachter Manet war in den umwälzenden Zeiten dieses Jahrhunderts, in den nationalistischen Konflikten, den Aufständen und dem Krieg von 1870/71 von Pflichterfüllung und Haltung gegenüber seinem Land erfüllt, immer genauer Beobachter, und doch nicht der Künstler dieser Konflikte. Seine Statements sind wenige, kurze, aber genaue Stellungnahmen, die den politischen Menschen, den Demokraten und Republikaner erkennen lassen. Davon zeugt die feine Auswahl an Werken in der Ausstellung, und unterstützt damit ihre Idee, eben diese Seite zu präsentieren. Gerade der Raum hier, der sich diesen Themen widmet, ist ein absolutes Highligt.

Manet_Die Rennbahn von Longchamps_1867
Edouard Manet Die Rennbahn von Longchamp 1867 Öl auf Leinwand 43,9 x 84,5 cm The Art Institute of Chicago, Potter Palmer Collection

Und dann: in dieser Zeit findet Leben statt. Es gibt Pferderennen, Konzerte und Maskenbälle, es wird Krocket gespielt, und sich verliebt, ganz schamhaft. ,Beim père Lathuille‘ ist eines meiner Lieblingsgemälde von Manet. Was für eine wunderbare, unschuldige Szene, die Distanz und Nähe vereint, in der alle Blicke Bände sprechen, und in der die Kleinigkeiten genug sind für eine große Erzählung. In Komposition und Ausdruck werden Vordergründigkeit und Hintergründigkeit offenbar, und man sitzt quasi am Nachbartisch, als Voyeur der Szenerie, aus der Ferne vom Ober kritisch oder wohlwollend beäugt.

The Garden of Pere Lathuille, 1879 (oil on canvas)
Edouard Manet Beim père Lathuille 1879 Öl auf Leinwand 92 x 112 cm Musee des Beaux-Arts, Tournai/ Bridgeman Images

Ein Leben schließt sich. Wenige Jahre später malt Manet mit einer Serie von Gemälden des Landhauses in Rueil Bilder, die den subjektiven Ausdruck von Erfahrungen in den Mittelpunkt stellen. Manet zeigt — heute mag das in der Idee, einen Ausschnitt der Wirklichkeit abzubilden, und den besonderen, vermeintlich ersten Blick auf Bekanntes zu werfen, wie Normailtät wirken — seinen Blick auf dieses Haus. Durch die Bäume, durch den Garten: Farbflächen, Kontraste und Linien stehen im Fokus seines Blickes. In Wahrheit sind wir da nur stümperhafte Immitatoren dieser impressionistischen Sicht auf die Welt, die eben keine Filter kannte, keine Bearbeitungsprogramme, keine nachträgliche Korrektur, kein Instagram. Diese Ausschnitte sind tiefe Verbundenheit mit Ort und Zeit, ohne künstliche, voll künstlerischer Kraft.

Manet_Haus_Rueil_1882
Edouard Manet Landhaus in Rueil 1882 Öl auf Leinwand 71,5 x 92,3 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Fotograf: Jörg P. Anders

In Wuppertal geht es auch um den Nachrruhm. Den, den die Freunde ihm schon kurz nach seinem Tod durch Ausstellungen zugestanden haben, organisiert haben. Manet steht und besteht über die Zeit. Das schien vielen seiner Zeitgenossen schnell bewusst, vielleicht eben auch, weil dieses Leben und damit das Werk zu früh abgerissen wurde. Und im Nachruhm bleibt auch der ferne und andere Blick auf die Motive, die zu ihrer Zeit Skandale waren.

Das alles ist ein Leben. Teilhabe und Teilnahme. Eine großartige Ausstellung, die einen Menschen und seine Zeit und einen Menschen in seiner Zeit näherbringt.

‚Edouard Manet‘, im Von Der Heydt-Museum, Wuppertal, bis zum 25. Februar 2018

Di. u. Mi. 11-18 Uhr, Do. u. Fr. 11-20 Uhr, Sa. u. So. 10-18 Uhr

Zur Ausstellung sind ein Katalog und eine DVD erschienen, die für 25€ bzw 15€ im Museum erhältlich sind.

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