Förderpreisausstellung der Freunde der Kunstakademie Münster, Kunsthalle Münster

Lioba Schmidt, Niklas Fischer und Zauri Matikashvili heissen die diesjährigen Gewinner des Förderpreises der Freunde der Kunstakademie Münster. Die Kunsthalle Münster zeigt ihre, wie auch die weiteren, nominierten Arbeiten derzeit in einer sehenswerten Ausstellung.

Bei unterschiedlicher Wahl von Medium und Ausdrucksform ist den drei ausgezeichneten Arbeiten meiner Meinung nach doch etwas gemeinsam: die gleichsam dokumentarische Hinterfragung gesellschaftlicher Normen und gewohnter – und eben im Alltag nicht mehr hinterfragter – Abläufe und Rituale.

 

Niklas Fischers Videoinstallation irritiert zunächst durch die dauerhafte Wiederholung von Alltäglichkeit. Auf dem TV-Bildschirm läuft im Closeup und als Loop ein Motorradmotor und in der Doppelprojektion zeigen zwei auf den ersten Blick identische Videos einen jungen Mann beim scheinbar immerwährenden An- und Ausziehen eines T-shirts.

 

Beide Teile dieser Arbeit haben dabei eine fast hypnotische Wirkung, man verliert sich in der Eintönigkeit der Abläufe, in den Bewegungen. Und doch wird schon bald auch eines ganz deutlich: etwas stimmt nicht. Etwas passt nicht und stört die Dauerschleife gefühlter Perfektion.

Plötzlich bewegt sich nicht mehr der Motor, eher alles um ihn herum. Was gerade noch stabile, wenn auch tonlose Vorhersehbarkeit war, wird für einen Moment im wahrsten Sinne erschüttert. Der Bildstabilisator der Aufnahme verändert quasi den Bildstabilisator unserer Wahrnehmung, indem er ihn vor die Herausforderung stellt, einen Unterschied, eine Nuance Abweichungen von der Realität wortwörtlich wahrzunehmen. Und dann geht es darum, das auch auszusprechen: etwas stimmt da nicht! Was ist es? Was macht den Unterschied zu meiner Erfahrung aus und warum ist das so?

Hier wirkt das fremdgetriebene, das mechanische, das motorisierte Element der Wiederholung und Abwandlung auf den Betrachter. Und mit diesem Eindruck wendet man sich der Doppelprojektion zu und erkennt. Das ist ein Mensch, das ist klar. Aber das ist nicht eine Arbeit. Das ist die Wandlung und Wandlungsfähigkeit einer kollektiven Erfahrung.

Die Unterschiede in Ort, Zeit und Handlung werden sichtbar als Möglichkeit, das Gesehene auf die eigene Erfahrung zu übertragen. Jetzt wird der Motor auf einmal ein Spiegelbild wiederkehrender Abläufe im Leben eines Menschen, jedes Menschen. Darin ist keine Be- oder Verurteilung, vielmehr die subtile, stille und eindringliche Kraft der Selbsterkenntnis. Hier kann man sich erkennen, ohne sich verurteilen zu müssen und hier kann man erkannt werden, ohne sich zu offenbaren. Und hier kann man stehen und darauf warten, dass die Abläufe synchron laufen, was nie geschieht, nicht intendiert ist, nur Drang und Wunsch des Betrachters.

 

Lioba Schmidt setzt sich in ihrer Arbeit mit der Oberfläche als Informationsträger und Kommunikationsmittel auseinander. Für sie stehen hier Tattoos stellvertretend für eine Art der Kommunikation, die einerseits von der Notwendigkeit der Oberfläche lebt, die andererseits aber sowohl im Eindringen in den Körper des Trägers, als auch in der Wirkung auf andere eben alles andere als oberflächlich ist.

Ihre Arbeiten zeigen zunächst fotografierte Tattoos. Aus der Ferne erscheinen sie noch wie vor einem schwarzen Hintergrund freigestellte Körperdetails, wie der Fokus der Aufmerksamkeit. Kommt man jedoch näher, erkennt man, dass auf den Abbildungen sehr wohl auch die umgebenden Körperstellen erkennbar gewesen wären, jedoch von der Künstlerin bewusst und mit Buntstift, schwarzer Ölkreide und Kohle anonymisiert wurden.

Schmidt möchte die Oberfläche vor einer Vereinnahmung bewahren, sie vom Geschlecht lösen, sie von einer reflexartigen Charakterisierung durch den Betrachter befreien. Diese Oberfläche ist dabei nicht nur der Mensch, der ja ganz eindeutig Träger der Tattoos ist, sondern auch die Fotografie, die in dieser Arbeit Stellvertreter für Haut, Abbild und Leinwand in einem ist.

Die Künstlerin bildet also nicht nur ab, sondern nutzt die Abbildung als neue Ebene der Kommunikation, indem sie auf ihr wiederum abbildet. So steht man hier vor einer dreifachen künstlerischen Auseinandersetzung mit Körper und Oberfläche: dem Tattoo, der Fotografie und dem malerischen Eingriff, die doch Hand in Hand gehen und wie Spiegelbilder im Spiegelbild wirken. Haut und Individuum werden in der Abbildung sichtbar und in der Übermalung erfahrbar.

Für den Betrachter – jeden einzelnen und jeden ebenso individuell – bleibt vor diesen Werken auch die Notwendigkeit einer Stellungnahme: wo stehe ich im Bezug auf das Abgebildete? Bis zu welcher Ebene kann ich folgen, akzeptieren, realisieren? Sehe ich Ausgrenzung in der künstlerischen Isolation als gesellschaftliches Phänomen? Was bedeutet mir Individualität, wie konform bin ich?

 

 

Zauri Matikashvili dokumentiert in seiner Arbeit konkrete und gesellschaftliche Durchlässigkeit. 24 Stunden hat er im Hamburger Tunnel verbracht, und mit einer Kamera festgehalten, was diesen Ort in Münster und als Teil des Stadtlebens so besonders macht: Er ist Nadelöhr und Spiegelbild, Durchgang, Ausweg, Tunnel und Öffnung in einem.

Während der Hauptdurchgang des Bahnhofs in die Innenstadt gesperrt war, wurde dieser Weg für viele Pendler, Besucher, Reisende, Anwohner und Bewohner zu einem alltäglichen Begleiter. Er gehörte zum Alltag, war zumeist zweimal am Tag Herausforderung, Notwendigkeit, Konfrontation.

Und wie der Tunnel, so die Menschen. Matikashvili demonstriert in seiner Arbeit die Wandlung der Wahrnehmung. Der kurze Abschnitt wird zu einem Katalysator menschlichen Verhaltens, zu einem Geburtskanal für den Ausdruck von Stimmungen und Emotionen. Nur scheinbar neutral begleitet die Kamera – und damit der steuernde Blick – die Wandlungen. Dabei wir die Neutralität nicht nur durch die Blickführung gestört, sondern vor allem durch die Tatsache, dass die Kamera erkennbar ist. Sie wird wahrgenommen. Sie wird genutzt, ausgenutzt, gemieden, ängstlich betrachtet. Der Tunnel wird Bühne, Kulisse einer Performance, und die Kamera zum Auslöser, dem Trigger der Improvisation zum Thema: wie umgehen mit Öffentlichkeit?

Der Ort wird zu einem Standort als Standpunkt. Musiker und Obdachlose beleben ihn, sind seine Organe, und werden als integraler Bestandteil wahrgenommen oder gemieden. In der Abstossung, der Ablehnung, aber auch der Zuneigung und Offenheit liegt die Kraft des Ortes als Abbild gesellschaftlicher Realitäten.

Aus heutiger Sicht wird der Tunnel und der Blick durch und auf ihn und seine Passanten und Bewohner zu einem Dokument der Wandlung. Er ist wie ein Rahmen für das Abbild von Gegebenheit und Veränderung in der Stadtgesellschaft und unseren Umgang damit, als Beobachter und als Teilnehmer. Das Video fängt in der Bewegung einen Augenblick ein, der schon jetzt Vergangenheit ist, und doch viel über die Gegenwart zu erzählen hat.

Ich habe nicht an den Jury-Diskussionen teilgenommen, die zu diesen drei Preisträgern geführt haben, und ich kann dementsprechend ihre Position einer gefühlten Verbindung der Arbeiten nicht ahnen. Für mich aber liegt sie auf der Hand.

Da sind drei künstlerische Positionen, die jede auf eine ganz eigene und eigenständige Art etwas über Individuum und Gesellschaft erzählen. Die davon berichten, was es heisst, Normalität zu leben und zu empfinden, Außenseiter zu sein, sich zu inszenieren, Normalität zu sehen und zu akzeptieren und darin doch auch das Besondere nicht zu übersehen.

Wo wir gehen, wo wir uns bewegen, wie wir uns verhalten, wie wir uns als Leinwand – sei es vor der Kamera, sei es auf unserer Haut – das Leben gestalten und definieren: in allem liegt ein unerbittlicher Rhythmus der Wiederholung, ein Spiel mit den Möglichkeiten des Körpers. Die drei Preisträger fordern in ihren Arbeiten dazu auf, uns zu positionieren.

Was ist Normalität, was ist Alltag, was ist Leben?

Ich bin begeistert von der Auswahl dieser drei Positionen, wie ich tatsächlich auch begeistert bin von der Qualität aller Arbeiten, die der Jury in diesem Jahr zur Auswahl standen. Ich gratuliere allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Förderpreisausstellung und den drei Gewinnern des Preises und wünsche ihnen allen ein zahlreiches Publikum in der Kunsthalle Münster.

Die nominierten Künstlerinnen und Künstler waren:

René Haustein, Philipp Höning, Christina Dunkel, Katharina-Sophie Heck, Monika Gebauer, Ayoung Woo, Bastian Buddenbrock, Jana Rippmann, Kerstin Janzen, Raoul Morales-Márquez, Yoana Tuzharova, Justyna Janetzek, Fabian Coppenrath, Lioba Schmidt, Zauri Matikashvili, Niklas Fischer, Juli Lee, Ruben Felix Ferdinand Gährken, Marie Samrotzki, Bastian Blau, Jörg Kratz, Jan Lukas Uptmoor, Chiemi Nakagawa, Fabian Warnsing, Benjamin Bode, Philipp Reuver.

Die Ausstellung zum Förderpreis der Freunde der Kunstakademie ist bis zum 12. November in der Kunsthalle zu sehen.

Dienstag bis Freitag: 14 bis 19 Uhr

Samstag und Sonntag: 12 bis 18 Uhr

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