search instagram arrow-down
Kai Eric Schwichtenberg

ME

Europeana Trusted Blogger

HIGH 5

BACKWARD

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

FORWARD

@retrospektiven on Twitter

Follow RETROSPEKTIVEN on WordPress.com
münsterBLOGs

Statistik

Raul Meel ‚Singing Tree‘, auf Europeana Collections

Bilder, Bücher, Musik gemeinsamer Erinnerungen als Ausdruck für die Kraft verbindender Geschichten. Europeana Collections ist ein so reicher Fundus an Ideen und Inspirationen. Ich freue mich über die Einladung von Anke von Heyl, einen Blicke in dieses schier unerschöpfliche Archiv mit seinen zahlreichen Gängen und Räumen voller Themen werfen zu können, um schließlich von den Abenteuern zu berichten.

Ich werde in losen Abständen Briefe von der Reise schreiben. Sie werden ein Bild enthalten, und dazu und darüber einen kurzen Text. Und mit diesem Bild des estnischen Künstlers Raul Meel, das ein Text ist, der ein Bild ist, und das mir Anke von ihrer Reise und als Inspiration für den Start  geschickt hat, geht es los:

Durch das Wohnzimmerfenster im ersten Stock blicke ich, wenn ich auf dem Sofa gerade sitze und den Rücken durchstrecke, fast auf Augenhöhe, links von mir, auf ein Vogelnest.

Der Baum vor meinem Fenster ist eine Linde, eine ganz besondere. Auf der ganzen Straße ist sie die letzte im Jahr die grünt, und die erste im Jahr die ihr Blätterkleid wieder abwirft.

Die Äste und Zweige der Linde reichen bis auf die andere Straßenseite und nah an das Wohnzimmer heran ragt, wie ein ausgestreckter Arm, über den Bürgersteig, ein starker Ast zum Fenster.

Und auf der Hand reicht die Linde mir das Nest. Und in dem Nest kümmert sich eine Vogelmutter um ihr Junges. Ein einziges, kleines, nacktes, dann gerupftes, dann gefiedertes, dann sich plusterndes, Junges.

Die Monate ziehen dahin. Die besondere Linde verliert ihre Blätter, die im Herbstwind wie Vögel am Fenster vorbeifliegen, und schließlich bleibt nur noch das Nest, die Mutter, das Kind. Das schützende Blätterdach hat sich wahrhaftig in Luft aufgelöst.

Es ist fast so, als spürte man, wie der Baum all seine Energie aus den Blättern zieht, in den Zweigen sammelt, durch die Äste schickt, im Stamm vereint und schließlich mit letzter und geballter Kraft in die Erde schießt. Es ist fast so, als spürte man die leichte Vibration, die entsteht, wie ein kraftvolles Einatmen und dann: Luft anhalten.

Vogelmutter und Vogelkind haben die Zeichen der Zeit erkannt. Das Nest ist nun leer, ein traurig verlassener Ort, eine schäbige Ansammlung dreckiger Stöckchen.

Und in den braunen Zweigen und gelben Blättern, dem Moosbewuchs auf den Ästen und dem schütteren Gefieder der Krone, im sich in sich zurückziehen, im die Blicke frei geben und verletzlich werden, liegt die große Schönheit, Kraft, Eleganz und Unabhängigkeit.

Bald wird wieder diese Vibration zu spüren sein, sie wird aus dem Boden in den Stamm, die Äste und Zweige steigen, sie wird das Leben bedeuten und das Leben begrüßen. Vögel werden sich eingeladen fühlen, Nester werden gebaut.

Ich werde dann älter sein, der Baum vor meinem Fenster auch. Wir teilen nicht viele Erfahrungen. Ich werde ihn weiterhin wie einen guten Freund begrüßen, jeden Tag.

Vielleicht ist schon im kommenden Jahr wieder ein Nest auf der Hand, und ein Vogelkind und seine Mutter nutzen das schützende Blätterdach, bevor es wieder selbst davonfliegt, als hätte der Baum seine zarten Klammern gelöst, und wie die Eltern dem Kind erlaubt, weiterzuziehen.

Lind ist der Vogel. Wenn ich Vogel sage, sehe ich einen Vogel, wenn ich Vogel schreibe, sehe ich einen Vogel. Maa ist die Erde. Wenn ich Erde sage, sehe ich die Erde, wenn ich Erde schreibe, sehe ich die Erde. Und zwischen Erde und Vögeln, zwischen Standhaftigkeit und Flüchtigkeit, zwischen Schwere und Leichtigkeit, steht ein Baum, ganz selbstverständlich, und singt und atmet tief ein und atmet tief aus.

Kommt mit auf die Reise: www.europeana.eu 

 

 

3 comments on “Raul Meel ‚Singing Tree‘, auf Europeana Collections

  1. Lieber Kai,

    danke auch nochmal an dieser Stelle für den tollen Text. So soll das sein: ein Bild, ein Gedanke, eine Gedankenreise. Ich habe mir gewünscht, dass das passieren würde und die Bilder aus der umfangreichen Sammlung der Europeana mit ganz individuellen Gedanken verbunden werden können.

    Herzliche Grüße
    Anke

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Kai,

    besser formulieren als Anke es bereits tat, vermag ich nicht. Wunderschön, passend zum Kunstwerk. Ja, auf dieser Art und Weise fruchtet das Grossprojekt Europeana auch auf individueller Ebene und in der Bloggerwelt. Der grosse Baum kriegt die wichtigen kleinen Wurzeln in der Gesellschaft. Ich freue mich auf die nächste Postkarte!

    Danke schön!

    Peter

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

RETROSPEKTIVEN

Kunst, subjektiv

MusErMeKu

Museum | Erinnerung | Medien | Kultur

Kulturtussi

Kultur aus meiner Sicht

fashion@society

Mode trifft Museum.

Pilotstories

Der Luftfahrt Blog

museumlifestyle

a lifestyle blog about the art scene

Vogelsfutter

Kulturblog von frau Vogel

kultur und kunst

aus Leidenschaft

MuseumsGlück

Ein Blog rund um digitale Projekte in Museen

%d Bloggern gefällt das: