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logoDie alte Geschichte, die vom Wandel erzählt, braucht es die noch? Die erzählt, wie aus einer Warnung ein Gütesiegel wurde? Die inzwischen doch eher mit Klischees von deutschen Tugenden, Ingenieurskunst, Vorsprung durch Technik, Das Auto, Effizienz, Effektivität und Qualität beladen, überladen ist?

So ein Signet kann eine Bürde sein. Vor allem für eine Ausstellung, die mit all dem, was es kühl sagt, so gar nichts zu tun hat. Oder besser: Nur eines zu tun hat, nämlich, dass die hier gezeigte Kunst in Deutschland produziert wurde.

Und damit fällt der Blick auf das vorangestellte Wort.

‚Produktion. Made in Germany Drei‘, ist der Titel der dritten Ausgabe dieses Ausstellungsformates, das in der Verbindung von Kestner Gesellschaft, Kunstverein Hannover und Sprengel Museum Hannover Institutionenübergreifend einen Statusbericht zu Kunst aus Deutschland – eben nicht: Deutscher Kunst – abgibt.

Yorgos_Sapountzis_Nacktes Erbe Wir brauchen Euch Alle_2017

Yorgos Sapountzis Nacktes Erbe: Wir brauchen Euch Alle, 2017 Monotypie auf Satin, Stoff, Stecknadeln, Aluminium, Holz, 22 Skulpturen aus der Sammlung des Sprengel Museum Hannover Courtesy der Künstler, Galerie Barbara Gross, München

Dieses eine Wort – ‚Produktion‘ – ist der so harmlos erscheinende wie große Unterschied, der Glücksgriff, der die Ausstellung erst erträglich macht. Mit ihm öffnet sich das Fenster für einen Einblick in Abhängigkeiten, Voraussetzungen, Handlungen, Möglichkeiten und Ziele. Er löst Kunst auch in der Betrachtung von einem selbstverständlich erscheinenden Status Quo und rückt den Prozess in den Mittelpunkt.

Museen und Kunstvereine sind die idealen Orte, um sich als Besucher der Illusion hinzugeben, dass Kunst ganz exklusiv für diese Räume gedacht ist, eigentlich schon immer da ist, und es sich so gehört, dass sie für jeden kunstbegeisterten Besucher hier erfahrbar gemacht wird.

Es ist keine Neuigkeit, dass dem natürlich ganz und gar nicht so ist. Dafür reicht ein Blick auf das geschäftige Treiben auf den Kunstmessen der Welt, ein Blick auf die Auktionsprogramme der Auktionshäuser, ein Durchblättern einschlägiger Gazetten mit ihren Homestories über die Kunstsammlungen russischer etc. Oligarchen und Sammler. Natürlich, dafür reicht der gesunde Menschenverstand.

raphaela_vogel_uterusland_2017

Raphaela Vogel Uterusland, 2017 Mixed Media, Video, 7:03 Min. Installation, Maße variabel Courtesy die Künstlerin, BQ, Berlin

Aber gerade der setzt im Zusammenhang mit Kunst eben manchmal aus. Und das tut er in pervertierter Weise in den Blasen am Kunstmarkt auf der einen Seite, und auf der anderen Seite bei uns, die wir die Nützlichkeit der Kunst nicht in ihrer Nutzbarkeit sehen, sondern in der Freude und den Gedanken, die sie auslöst.

Ich lasse mich gerne von Kunst begeistern, überrumpeln, faszinieren, erschrecken, einnehmen und abstoßen. Ich gebe mich ihr gerne einfach hin, und das ist sicher keine Verstandsache.

Glücklicherweise habe ich einige Freunde, die Künstler sind. Das hilft dann, um zur Begeisterung eigentlich immer auch den Produktionsprozess zu sehen. Und das hilft auch, um eben nicht der naiven Vorstellung aufzusitzen, Kunst werde ausschließlich oder mehrheitlich für Museen oder Kunstvereine produziert.

Kunst ist also eben auch ein Produkt am Markt, Künstler mithin Marktteilnehmer. So kühl kann man das sehen.

lonelyfingers

lonelyfingers Maps of You, 2017 Textildruck 1255 × 837 cm Courtesy die beteiligten Künstlerin- nen und Künstler

Man kann aber von den Strichen des Strichcodes, der in den Werbemitteln zur Ausstellung diesen Prozess – leider zu offensichtlich – nur in Richtung Handel und Verkauf definiert, mit einfachen Mitteln wieder auf die verschiedenen Ebenen der Herstellung, auf den kreativen Prozess, auf die Orte, das Handwerk, die Kunstfertigkeit, die Technik, die Idee, die Kreation kommen.

Dann werden diese Striche zu den Fingern und Linien einer Hand, zahlreicher Hände, Künstlerhände. Das macht diese Ausstellung aus, und das macht sie so stark, und darum soll es mir in meinem Überblick gehen, in denen ich mich den Themen ‚Körper‘, ‚Ort‘, ‚Material‘ und ‚Freiheit‘ widmen will. Er ist ein kleiner Ausschnitt und individueller Eindruck, im besten Fall Anreiz und Einladung.

Mit ‚lonelyfingers‘ haben Anne Pöhlmann und Diango Hernández eine Plattform geschaffen, die die Voraussetzungen künstlerischen Handelns als individuelle Erfahrung, losgelöst zunächst von Marktzwängen, als Impuls zum kreativen Prozess beschreibt.

In der Kestner Gesellschaft zeigen sie mit ‚Maps of You‘ einen Status Quo ihrer Auseinandersetzung mit einem besonderen Merkmal künstlerischer, menschlicher Individualität. Die auf Textil gedruckten Fotografien der Handinnenflächen von Künstlerinnen und Künstlern sind einerseits Dokumente, Abdrücke von Biografie, unteilbarer Lebensinhalt und Individualität. Andererseits sind sie aber natürlich durch die Präsentation im Kontext einer Ausstellung wieder Ergebnisse und Bestandteile von Öffentlichkeit und binden das Prozesshafte, das Handwerk, mit ein.

Eine geöffnete Hand offenbart und verschließt zugleich. Sie zeigt das Rätselhafte und die Ergänzung. Unergründliche Individualität, die mit der Geburt gegeben ist, und Spuren des Handwerks, die das Leben ergänzt. Sie zeigt Ursprung, Prozess und Ergebnis, Ort und Werkzeug, Produktion in allen Bezügen.

Mich begeistert diese Arbeit, weil sie mich einbezieht. Sie erzählt so poetisch wie überzeugend einfach von den Geheimnissen, die nach Innen und nach Außen wirken, und in denen der Motor für unser Handeln steckt.

Und Handeln hinterlässt seine Spuren.

Nicht nur in den Händen.

peles_empire_grid_2017

Peles Empire Grid, 2017 Ming-Porzellan, schwarzer Ton, Seil, Styropor, bedruckte Kacheln, Teppiche Installation, Maße variabel Courtesy die Künstlerinnen, Wentrup, Berlin

‚Produktion‘ ist nicht nur die Arbeit, nicht nur das Handwerk, sondern auch der Ort, die Produktionsstätte.

‚Peles Empire‘ (Katharina Stöver und Barbara Wolff) setzen sich in ihren Arbeiten immer wieder mit diesem Ort auseinander.

Die Besonderheit ist dabei der Blick auf die Veränderungen, denen Räume unterliegen. Geplante und ungeplante Einflussnahmen, Ordnung und Chaos spielen eine entscheidende Rolle.

Die Künstlerinnen dokumentieren die Veränderungen im Raum als Veränderung des Raumes. Die als Fotocollage auf den Boden aufgebrachte Ansicht ihres Atelierbodens erweitert sich über die gekachelten Bildstelen im Raum nicht nur in die Höhe, sondern auch die Dimensionen der Produktion. Aus Abbild wird Werk und/ oder anderes herum. Nicht mehr nur die abstrakten, dreidimensionalen Objekte auf den Stelen bekommen eine Wertigkeit als Kunstwerk zugesprochen. Der Prozess ist integrativer Bestandteil des Werkes ebenso, wie die Dokumentation. ‚Peles Empire‘ stellen dabei nicht nur ihre Arbeit, ihr Selbstverständnis und die Abhängigkeiten des Künstlerinnenseins in den Mittelpunkt, sondern erzählen fast nebenbei und doch mit nicht zu unterschätzender Wirkmacht etwas über die Veränderungen von Produktion, Materialwahl und Ausdrucksform im Laufe der Zeit. Sie produzieren moderne Mosaike, Fliesenmalereien und Wandteppiche. Sie verzahnen Zeit und Raum im Werk als Miteinander und Übereinander.

Im Kunstverein Hannover bietet sich die Chance, diese großartige Arbeit nicht nur zu besichtigen, sondern vor allem zu betreten, und damit ein Teil der Installation und des Prozesses zu werden. In diesem Raum finden sich so ziemlich alle Aspekte, die der Ausstellungstitel an Assoziationen freisetzen kann.

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Oliver Laric Sleeping Boy, 2016 Stereolithografie und selektives Lasersintern, Polyamide, poliertes Epoxid, TuskXC2700T, Perlmuttpigment, Wassertransferdruck 55 × 111,5 × 101,5 cm Sammlung Hugo und Carla Brown

Der Hand und dem Ort folgt also das Material. Produktion heisst auch Wahrnehmung von Veränderung, Anpassung und Fortschritt. Und im Fortschritt stellt sich immer auch die Frage nach den Grenzen des Notwendigen. Muss alles erzeugt werden, nur weil es möglich ist?

Indem Produktion auch ein Bestandteil von Angebot und Nachfrage ist, beinhaltet die Optimierung von Prozessen auch die Unausweichlichkeit von Massenproduktion. Ganze Märkte habe sich der Bedürfnisbefriedigung gewidmet. Die Mona Lisa für die eigenen vier Wände, der Denker für die Anrichte, die Suppendose als Kühlschrankmagnet. Re-Produktion ist dabei ja keine neue Entwicklung. Allein, die technischen Möglichkeiten haben sich verändert und verändern sich immer weiter. Schnell ist man bei Walter Benjamin. Und so steht man auch vor dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, wenn man vor den Arbeiten von Oliver Laric steht, die er im Kunstverein Hannover präsentiert.

So gehören eben auch immer die Fragen nach Originalität, nach der Entscheidung für eine bestimme Ausdrucksform, Größe und Materialwahl dazu.

Mich fasziniert, wie Laric, indem er all diese Fragen ganz unabhängig vom Original beantwortet, in der Kopie ein neues Original entstehen lässt, das die Absurdität, Original von Original trennen zu müssen, nicht auflöst, sondern nur noch verstärkt. Seine Skulpturen sind materialisierte Diskurse über Begrifflichkeit, und dabei doch keine Philosophieseminare, sondern erkennbare und ergründbare Statements.

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Das Numen (Julian Charrière, Andreas Greiner, Markus Hoffmann, Felix Kiessling) Das Numen – Meatus, 2017 5 Orgelpfeifen, PVC, Stahldraht und Windmaschine Ø 15,4cm, Länge 422 cm; Ø 18,9 cm, Länge 424,6 cm; Ø 19,7 cm, Länge 446,7 cm; Ø 20,5 cm, Länge 471 cm; Ø 21,4 cm, Länge 494,5 cm Installation, Maße variabel Courtesy die Künstler, Dittrich & Schlechtriem, Berlin

Im Sprengel Museum ergänzt das Künstlerkollektiv ‚Das Numen‘ (Julian Charrière, Andreas Greiner, Markus Hoffmann, Felix Kiessling) die Frage nach der Originalität auf vermeintlich einfache – plakative? – Weise um einen wichtigen Aspekt.

Produktion ist für sie auch eine Schnittstelle. Und an dieser Schnittstelle kann es in der Aneignung von Vorhandenem zur Schaffung von Neuem kommen. Das ist kein überraschend neuer Prozess. Im Gegenteil: Er ist so Alltäglich wie der Übergang von Wasser zu Wasserdampf zum Antrieb von Turbinen, wie die Verbrennung von Holz zur Erwärmung der Luft zur Erwärmung von Räumen usw… Wenn aber nun das, was überall gilt, überall erkannt wird, überall vorhanden ist, ein Ergebnis zeitigt, das keinen Mehrwert ausser dem der Erfahrung hat, dann eröffnet Produktion und Kunst einen neuen Blick. Nicht der unstete Wind aus aller Welt selbst zieht hier durch die Orgelpfeifen und erzeugt Töne, sondern quasi seine domestizierte Kopie. Digitalisierter Wind von zwanzig Stationen auf der Erde erzeugt an einer Station – hier im Museum – Wind, und der erzeugt damit Töne.

Was für ein sinnlicher, einfacher und doch bezeichnender Hinweis auf Freiheit aus  Abhängigkeiten und darauf, dass Produktion Veränderung heisst. Immer definiert sie den Übergang von Material und Gedanken in neue, ungewohnte, ungeahnte, geplante, gewollte, gedachte und sonstige Zustände.

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Lena Henke Die Kommenden, 2017 Fiberglasseile, Kunstharz, Pigment, Stahl, Gummi Maße variabel Courtesy die Künstlerin, Emanuel Layr, Vienna & Rome, Real Fine Arts und Bortolami Gallery, New York

Die Ausstellung ‚Produktion. Made in Germany Drei‘ offeriert einen überzeugenden Blick auf die künstlerische Auseinandersetzung mit diesen Übergängen. Sie dokumentiert Möglichkeiten künstlerischer Ausdrucksformen, sie nimmt den Weg zum Ergebnis als Anlass und ernst, sie lässt Freiheiten für viele Sichtweisen, ohne damit Beliebigkeit zu suggerieren.

Meiner Meinung nach müssten sich die Verantwortlichen von der Bürde des Titels lösen. Die Orte sprechen für sich, die Kunst spricht für sich. In der Kombination sind sie ein Qualitätssiegel, das weit mehr als ein Klischee und eine Werbebotschaft ist.

Ich glaube nicht, dass die Ausstellung tatsächlich einen Eindruck von der Qualität des ‚Standorts Deutschland‘ in Sachen Kunst vermittelt. Dazu ist der Ausschnitt zu klein, die Künstlerinnen und Künstler zu etabliert und die Institutionen zu traditionell.

Deshalb habe ich mich auf nur vier von 41 künstlerische Positionen beschränkt. Positionen, die meiner Meinung nach am ehesten etwas über Produktion und die Menschen, die Kunst produzieren, erzählen.

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Thomas Ruff ch.phg.01, 2015 C-Print 185 × 240 cm Courtesy der Künstler

Jeder Besucher wird seine eigene Auswahl treffen, um die Eindrücke zu vermitteln, die die Ausstellung bietet. Und in dieser Freiheit wird es Ergänzungen und Widerspruch geben. Es werden neue Erzählungen entstehen, sich neue Blicke öffnen. Und gerade darin liegt der große Reiz: Produktion heisst Entwicklung, und manchmal Wiederholung:

Dieses eine Wort – ‚Produktion‘ – ist der so harmlos erscheinende wie große Unterschied, der Glücksgriff, der die Ausstellung erst erträglich macht. Mit ihm öffnet sich das Fenster für einen Einblick in Abhängigkeiten, Voraussetzungen, Handlungen, Möglichkeiten und Ziele. Er löst Kunst auch in der Betrachtung von einem selbstverständlich erscheinenden Status Quo und rückt den Prozess in den Mittelpunkt.

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Amy Lien & Enzo Camacho oder, 2017 (Tongestaltung für Prolog: Matteo Pit) 3-Kanal-Farbvideo mit Ton auf sechs Monitoren, erhöhtes Schienennetz einer Modelleisenbahn mit Lokomotive, Kamera und projizierter Livefeed, Wäscheschnur, Tinte auf Reispapier Maße variabel, Video, 11 Min. Courtesy die KünstlerInnen

‚Produktion. Made in Germany Drei‘, in der Kestner Gesellschaft, im Kunstverein Hannover und im Sprengel Museum Hannover, bis zum 3. September 2017

Zu den individuellen Öffnungszeiten empfiehlt sich der Blick auf die Internetseiten der beteiligten Institutionen. Kernöffnungszeiten sind Di. – So. Und an Feiertagen 12 – 18 Uhr

Zur Ausstellung ist bei Snoeck ein ausführlicher und von Dan Solbach und Ben Brodmann grafisch gestalteter Katalog erschienen, der das Thema ‚Produktion‘ in Interviews und Essays aufgreift und die Ausstellung in Bild und Text dokumentiert.

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