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HUNGER

Was ist das für ein Gefühl?

IMG_0003Was ist dir HUNGER? Mehr als das Verlangen nach Essen? Mehr als ein Mangel von, eher eine Lust auf? Eine Begierde, eine Gier, Schmerz, Abhängigkeit? Ein bestimmter Ort und/oder eine bestimmte Zeit? HUNGER auf oder HUNGER nach? Eine Bedrohung oder eine Befreiung? Ein Lebenselixier, eine Droge?

Ich finde, HUNGER ist ein extrem nacktes Gefühl. Einen innerste körperliche Forderung nach Befriedigung durch Äußerlichkeit. Der ganze Körper wird HUNGER und Ausdruck eines Begehrens. Nicht nur in der Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung des Lebens lässt sich seine Verwandtschaft zur Sexualität erkennen.

Befriedigung von gefühltem Mangel kommt hinzu. Lustbefriedigung, Oberflächlichkeit.

Ich stelle mir gerade so etwas wie ein Foodporn-Tinder vor. Wischen für den Essenskick, das Date mit der körperlichen Befriedigung, der eigenen und der des Gegenüber.

HUNGER als Strategie und Droge. Sich preiszugeben, sich zu offenbaren, sich zu entblößen. HUNGER als Ausdruck eines Trends nach einer Öffentlichkeit, in der das Gefühl aus der Körpermitte, der absoluten Privatheit, nur noch extern und im Voyeurismus funktioniert. Jeder will, dass jeder weiss…

HUNGER als Mitteilungssucht, HUNGER auf Akzeptanz, Bestätigung, Anerkennung. HUNGER auf immer mehr, immer schneller, immer weiter, immer grenzenloser, immer schamloser. HUNGER, der uns willentlich und wissentlich entblößt.

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Ausstellungsansicht ‚HUNGER‘, Dortmunder Kunstverein

Die Ausstellung ‚HUNGER‘ im Dortmunder Kunstverein konfrontiert mich mit dem extremen Kontrast eines privaten Gefühls in einer öffentlichen Welt als öffentlich erfahrbares Gefühl in einer vermeintlich privaten Welt.

Zunächst schon durch den Raum, dieses Schaufenster, das alles offenbart. Wie die pseudoprivaten Kanäle im Internet, offenbart auch dieser Raum mehr, als er verstecken kann. Ein Schaufenster, dessen dünne Glasmembran keine Grenze darstellt. Vielmehr fordert es geradezu auf, sich zu positionieren. Alles zu sehen, aber nicht dazuzugehören, evoziert den vielleicht schlimmsten HUNGER: die Gier.

Und der Gier folgt: die Eitelkeit. Selbstverliebtheit mit #noFilter oder #WokeUpLikeThis. Man gehört dazu, wenn alles Private Öffentlichkeit wird, und einem die Dissonanz keine Bauchschmerzen bereitet, wenn der private Raum öffentlicher Raum wird, wenn Wände, Türen ihren Charakter als Grenze verlieren, wenn schließlich die Intimsphäre ausgeweidet ist.

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Mélanie Matranga ‚Me, you, others…‘ (2015) Kordel, Metall, Silikon, Schaumstoff, Reißverschluss, Stoff

Mélanie Matrangas Arbeiten erzählen Geschichten aus dem Innenleben von Menschen, indem sie dieses Innerste nach Außen kehrt.

Vor allem ihre Arbeiten aus Schaumstoff, Stoff und Silikon als gleichsam hautartige Oberfläche, erzeugen beim Betrachter das voyeuristische Bedürfnis nach Nähe und Berührung, dem das Unwohlsein der unberechtigten Übergriffigkeit gleich folgt.

Die Matratzen im Schaufenster haben nichts einladendes, und der gehäutete Schrank, der wie Rembrandts geschlachteter Ochse ausgenommen an der Wand hängt, ist entleert in jederlei Hinsicht. Was bleibt, ist die Frage nach der Geschichte, die Frage nach der Perspektive, die Frage nach der Verantwortung.

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Mélanie Matranga ‚Me, you, others…‘ (2015), Kordel, Metall, Silikon, Schaumstoff, Reißverschluss, Stoff

Dreht man sich mit dem Titel dieser beiden Werke nicht ständig im Kreis? ‚Me, you, others…‘ (2015) , Matranga hat Decken und Wände, Möbel, Sessel, Betten, Stühle im Abguss aus Silikon zu einer Haut werden lassen, die wir uns alle als Gefühl des Erkennens überstreifen können. Es geht darum, mit dem Gefühl auch den Standpunkt zu definieren, ihn zu verinnerlichen und dann zu entscheiden, ob man ihn teilt oder im wahrsten Sinne: den gemeinsamen Raum verlässt. Eine Arbeit von Mélanie Matranga heißt ‚emotional not sentimental‘ und funktioniert als ‚Wandabdruck‘ wie die Arbeit ‚NOT‘ (2015) hier in der Ausstellung. Über die gesamte, lange Fensterfront des Ausstellungsraums hängt ein dünner, transparenter Stoffvorhang, auf dem an verschiedensten Stellen Silikonabdrücke von Türen aufgebracht sind. Ähnlich wie bei ‚emotional not sentimental‘ liegt der Reiz hier einerseits im Erkennen der Motive und der Freisetzung der Gefühle.

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Detailansicht Mélanie Matranga ‚NOT‘ (2015), Stoff, Silikon

Andererseits entwickelte aber ‚NOT‘ seine Stärke vor allem durch die nur scheinbare  Transparenz, die der Fensterscheibe als unüberwindbare Barriere in den oder aus dem Raum eine weitere Barriere hinzufügt, nämlich jene vermeintlicher Türen. Auch hier gilt es also, eine Entscheidung für und gegen eine Seite, einen Standort, einen Standpunkt zu treffen.

Wir denken uns Privatsphäre und Öffentlichkeit als Räume, die sich als Innenräume oder Außenräume wie Architektur verhalten.

Dabei hat jeder von uns vermutlich unterschiedliche Vorstellungen von den (Mindest-)Anforderungen an diese Architektur. Und ich habe das Gefühl, dass diese Mindestanforderungen ständig sinken, in dem Maße, indem die Selbstverständlichkeit der Offenbarung, der Offenbarungsdrang, steigt. In vielerlei Hinsicht scheint die Einsicht in die Notwendigkeit tragender Elemente, von Wänden und Türen, vollständig zu fehlen.

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Marcel Hiller ‚hadn´t‘ (2017), Metall, Lack, Ausstellungsansicht Dortmunder Kunstverein

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Marcel Hiller ‚Brölio‘ (2015), Metall, Lack, PET-Speiseöl, Ausstellungsansicht Dortmunder Kunstverein

Marcel Hillers Metallelemente wirken wie die Überreste einer zerstörten Architektur. Sie sind als Einzelteile allesamt sinnentleerte Überbleibsel einer Auflösung, deren Ursache sich dabei allerdings nicht notwendigerweise aus ihnen heraus interpretieren lässt. Wie die Artefakte einer archäologischen Ausgrabung, die zur Verdeutlichung ihrer ursprünglichen Bedeutung und Lage im Raum einer bestimmten Position in diesem wieder zugeordnet werden, vermitteln sie zwar als Koordinaten eine Raumvorstellung, nicht aber eine Geschichte über die willentliche oder durch katastrophale äußere Umstände herbeigeführte Zerstörung desselben.

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Marcel Hiller ’not I‘ (2017) Metall, Lack Ausstellungsansicht Dortmunder Kunstverein

Sie definieren Inneres und Äußeres, Wände, Türen, Säulen. In der Verbindung zum Thema der Ausstellung bleibt dabei eine schon beschriebene Vorahnung: auch, wenn wir noch die Begriffe kennen, weil wir, wie Archäologen, noch den Bezug zu unserer eigenen Vergangenheit nicht verloren haben: in Wahrheit haben wir die Räume, die diese Begriffe beschreiben, längst selbst aufgelöst.

Das kleine Metallelement in einem Rollkoffer scheint schon fast wie ein nostalgischer Blick auf die Vergangenheit.

Wie ein Mitbringsel aus einer anderen Welt und Zeit, ein Souvenir der letzten Reise, wartet es nun auf den Moment, vorgezeigt zu werden. Vielleicht war es eine Reise in die Vergangenheit, und vielleicht ist dieses Element der letzte auffindbare Zeuge einer bestimmten Lebens- und Wertvorstellung. Vielleicht wird es einmal herumgezeigt, im Freundeskreis, vielleicht einmal auf seine Bedeutung hingewiesen, auf seine Schönheit, auf seinen Wert. Und vielleicht – und sehr wahrscheinlich, denn so ist es doch wohl schon – verschwindet es dann in einem Regal und verstaubt.

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Clémence de La Tour du Pin ‚Containment areas‘ (2017), Stahl, rostfreier Stahl, bedrucktes Vinyl, Harz, Farbe, Parfüm, Handtuch, Leinöl, Kaffeesatz, Gips

Wo bei Hiller die Frage nach der ursprünglichen (oder zukünftigen) Bedeutung räumlicher Elemente im Vordergrund zu stehen scheint, widmet sich die Künstlerin Clémence de La Tour du Pin in ihren skulpturalen wie architektonischen Arbeiten den Themen Voyeurismus und Fetisch.

Ihre ‚containment areas‘ sind aus Lochstahl gefertigte Kabinen, Duschkabinen oder Umkleidekabinen gleich, die ihrem Titel einerseits ganz offensichtlich nicht gerecht werden. Weder schließen sie etwas ein, noch sind sie tatsächlich Sperrgebiete. Ganz im Gegenteil: sie präsentieren mehr als sie verbergen, und was sie nicht zeigen, entsteht im Kopf des Betrachters als Ergänzung zu diesem Bild.

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Detailansicht Melanie Matranga ‚NOT‘ (2017), Stoff, Silikon und Clémence de La Tour du Pin ‚untitled (leather)‘ (2017), Stoff, Latex, Stahl, Farbe u. ‚untitled (blank)‘ (2017), Stoff, Stahl, Farbe

Das über eine Trennwand geworfene Handtuch und der Fleck auf dem Boden sind fast schon nicht mehr notwendige Verweise auf eine mögliche und tatsächliche Nutzung der Kabinen. Und jedem ist der Einblick gewährt. Speziell in diesem Raum, in dem ja, wie beschrieben, durch die große Schaufenstersituation für den Blick Aussen gleich Innen ist, wird der Wunsch nach Intimsphäre nicht erfüllbar. Aber vielleicht ist er ja auch gar nicht mehr gewünscht? Nicht nur die offenbare Nutzung, sondern auch die Materialwahl in den Arbeiten und die Titel, geben einen Hinweis darauf, dass Clémence de La Tour du Pin mit den Objekten mehr erzählen will, als nur den Verweis auf einen Raum. Vielmehr scheint es auch um das fetischhafte, um Bedürfnisbefriedigung, um gewollte Öffentlichkeit zu gehen. Leder, Stoff, Latex, Stahl, Parfüm: Alle Sinne werden angeregt und der Voyeurismus wird bedient. Gerade diese Arbeiten vermitteln auch noch einmal ganz besonders eindrücklich den HUNGER nach Öffentlichkeit und nach Offenbarung, den die Ausstellung thematisiert.

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Tobias Spichtig ‚Life on Earth‘ (2017) verschiedene Materialien, Ausstellungsansicht Dortmunder Kunstverein

Tobias Spichtig hat den Inhalt seiner Arbeit ‚Life on Earth‘ im Gespräch mit mir ziemlich bezeichnend zusammengefasst, und dabei um eines gebeten: ‚Wenn du drüber schreibst, musst du schreiben, das ist wie ein AA-Treffen. Die gehen da alle hin, um sich zu unterhalten, und dann, danach saufen sie eh weiter.‘

Und da liegt er vermutlich ganz richtig. Alle Probleme und Herausforderungen liegen auf dem Tisch, wir ergehen uns in abstrusen Diskussionen über Verantwortung und Verantwortlichkeit. Und während wir reden, können wir unseren HUNGER, die Gier, die Eitelkeit, die Geilheit, nicht zügeln. Bildlich gesprochen (das heisst: eigentlich nicht, denn Spichtig zeigt es ja hier): wir pissen uns ins eigene Wohnzimmer. Und wir sind so schizophren, dass wir mehrere Erden sehen, die unsere (und damit ihre) Probleme besprechen. Als hätten wir für jedes Problem, für jede unserer Idiotien, für jeden Hang zur Selbstzerstörung und Selbstentblössung, eine eigene Erde.

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Tobias Spichtig ‚Life on Earth‘ (2017) verschiedene Materialien, Ausstellungsansicht Dortmunder Kunstverein

Hier geht es um Politik. Hier geht es darum, wie wir leben wollen. Hier geht es darum, zu hinterfragen, ob wir nicht vielleicht den Zeitpunkt schon verpasst haben, zu dem die Erkenntnis, dass eine Parallelwelt im Internet uns nicht über die Zeit rettet, noch geholfen hätte.

Tatsächlich hängen alle diese Parallelwelten an einem Stecker. Ihr Strom kommt aus einer Quelle. Und selbst für diese Quelle hat die Parallelwelt einen Namen gefunden: Real Life.

Die Grenzen zwischen Virtueller Realität und Real Life verschwimmen, und indem wir uns immer stärker in die selbstgewählte Abhängigkeit virtueller Mechanismen begeben und Räume in dieser Welt errichten, in denen die klassischen Vorstellungen von Rückzug, Stabilität, Ruhe und Schutz keine Bedeutung mehr spielen, um so mehr Energie werden wir verlieren, um in der Realität bestehen zu können.

Klingt das zu pessimistisch? Klingt das nicht vielleicht auch etwas seltsam, wenn man es in einem Blog liest?

Ich habe auch einige Zeit gebraucht, um mir den virtuellen Raum so zu definieren, dass ich mich in ihm nicht preisgebe, sondern ihn nutze, ohne benutzt zu werden. Und doch kann ich mich nicht davon frei machen , einer Sucht verfallen zu können: dem HUNGER nach Aufmerksamkeit.

Eine beeindruckende Ausstellung.

‚HUNGER‘, bis zum 16. Juli im Dortmunder Kunstverein

Di. – Fr. 15 – 18 Uhr

Sa. – So. 11 – 16 Uhr

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