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‚b) das fremdwort körper ist aber mit dem einheimischen leib noch bis heute nicht völlig eins geworden, und dabei hat sich jenes mehr zu geist, dieses mehr zu seele gesellt; denn geist und körper, leib und seele (so gestellt des tonfalls wegen) ist die uns geläufige zusammenstellung, nicht umgekehrt […] wie nämlich der denkende geist höher gestellt wird, so zu sagen noch geistiger ist als die nur empfindende seele, so ist uns nach der andern seite hin körper schärfer bezeichnend, so zu sagen noch körperlicher als leib;

(Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961. Quellenver- zeichnis Leipzig 1971. Online-Version vom 20.03.2017.)

‚Der Mensch entflieht sich nicht; umsonst erhebt er sich,

Des Körpers schwere Last zieht an ihm innerlich’

(aus: A. von Haller, ‚Die Falschheit menschlicher Tugenden‘, 1730)
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Maria Lassnig Dame mit Hirn, ca.1990 Öl auf Leinwand, 125 x 100 cm Maria Lassnig Stiftung © Maria Lassnig Stiftung

Als ich Bilder von Maria Lassnig zum ersten Mal in einer Einzelausstellung gesehen habe – das war 2010 im Lenbachhaus Kunstbau in München – haben sie mich sofort in einen Bann gezogen, den ich nur so erklären kann: Maria Lassnigs Kunst ist extreme Diesseitskunst in dem Sinne, dass sie sich im Bild mit Körper und Geist auf eine direkte Konfrontation im Leben einlässt.

Für sie zählt nicht der Blick auf das Ungreifbare, den (toten) Leib, die Seele. Ihre Bilder teilen das Abgebildete nicht als Transzendenz, Hülle oder nur als Leinwand.

Sie zeigt Körper und Geist, lebendig, im Miteinander und vor allem auch als Gegeneinander, den Körper als Fremdwort und Last.

Und in den meisten Fällen zeigt sie die Konfrontationen als Konfliktlinien am Beispiel des eigenen Körpers.

Das Museum Folkwang widmet Maria Lassnig derzeit eine Retrospektive, die sich räumlich thematisch vor allem den verschiedenen Erscheinungsformen, und damit untrennbar verbundenen den biografischen Entwicklungslinien ihrer ‚Körperbewusstseins-Malerei‘ widmet.

‚Körperempfinden‘, ‚Körperbewusstsein‘, ‚Körpergefühl‘: das scheinen mir die zentralen Begriffe zu sein, die diese Auseinandersetzung mit dem Selbstbild prägen.

‚Am Anfang jedes Gemäldes steht allein das Vertrauen darauf, dass die ihr einzig bekannten Tatsachen die Gefühle sind, die sich in der Hülle ihres Körpers entfalten; dass es ein schwieriges, aber irgendwie wichtiges Unterfangen ist, mit Linien und Formen räumliche Empfindungen darzustellen, so als ob etwas allein dadurch erträglicher würde, dass es sich visuell bestimmen ließe.‘  (1)

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Maria Lassnig Körpergehäuse, 1951 Öl auf Jute, 57 x 70 cm Maria Lassnig Stiftung © Maria Lassnig Stiftung

Die Idee des ‚Körperbildes‘ begleitet Lassnig ihr künstlerisches Leben lang, auch wenn sie sich über die lange Dauer dieses Lebens immer wieder neuer Ausdrucksformen bedient, oder wohl eher: diese für notwendig erachtet.

So liegen beispielsweise zwischen den Gemälden ‚Körpergehäuse‘ und ‚Krankenhaus‘ in dieser Ausstellung nicht nur einige Räume, sondern über fünfzig  Jahre einer intensiven Auseinandersetzung mit Körperlichkeit, auch im Sinne einer Veränderung der Perspektive.

‚Ich bin ein Realist, der mit dem Realismus nicht zufrieden ist‘,

bekundet sie, und verbindet damit ‚Wahrnehmung‘ und ‚Abbildung‘ in einer Weise, die nicht nur die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten und ihre Grenzen benennt, sondern auch von einer Sicht auf den eigenen Körper zeugt, die Veränderung auch als Verfall, als Vergänglichkeit, wahrnimmt.

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Maria Lassnig Krankenhaus, 2005 Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm Private Collection. Courtesy Hauser & Wirth © Maria Lassnig Stiftung Foto: Archive Hauser & Wirth

Die Möglichkeit der Verwundung, und damit die Offenlegung von Verletzbarkeit einerseits und eines komplexen Systems von (auch organischen) Abhängigkeiten andererseits, scheint mir in der Betrachtung dieser Bilder, auch als gedachte Punkte einer Künstlerinnenbiografie, ein entscheidendes Thema.

In der Konfrontation mit ihren Bild- und Lebensthemen vermittelt sich auf bald verstörende Weise eine Ungleichheit der Empfindungen zwischen Künstlerin und Betrachter:

Während wir im wortwörtlichen Sinne nur den ‚Augenblick‘ zur Wahrnehmung haben, sind es gerade die Augen, denen Maria Lassnig als Merkmal in ihren Gemälden häufig den Blick verwehrt, indem sie verdeckt werden, geschlossen oder verkümmert sind, oder gar vollständig fehlen.

Wir sehen den Ausdruck eines Prozesses des Nichtsehens in der Beschäftigung mit dem Selbst im Bild.

Für mich bedeutet diese bewusste, verbildlichte Verkümmerung eines Sinnes auch, dass ich gar keinen Zugang zu dieser Art der Erinnerungswelt finden soll. So, wie dem Blick das Gefühl fehlt, und er schon deshalb im Ausdruck verzichtbar wird, fehlt auch mir das Gefühl für die abgebildete Körperwahrnehmung.

Sie ist, und bleibt auch hier, unteilbar individuell.

‚Was als Deformation der Realität erscheint, ist keine, weil die Realität auf einer anderen Ebene, der Gefühlsebene, stattfindet.‘ (2)

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Maria Lassnig, Wien 1983 Foto: Kurt-Michael Westermann

‚Blinde Sicherheit‘ nennt Maria Lassnig ihre Fähigkeit, im Bild die Distanz zwischen äußerer, am Körper sichtbarer, und gefühlter Realität zu überbrücken.

Mit dieser ‚blinden Sicherheit‘ überwindet sie auch die Grenzen der Bildebenen. So, wie sie sich selbst im Malprozess in die Werke versetzt, indem sie ihren Körper und seine Gefühle der Wahrnehmung als übertragene Druckstellen abbildet, so steigt sie auch aus Leinwänden hervor, oder lässt ihre Figuren dargestellte Ebenen von Abbildung durchbrechen.

‚Ich zeichne oder male ein Bild in einer bestimmten Körperlage:

Zum Beispiel sitzend, aufgestützt auf einem Arm, fühlt man das Schulterblatt, vom Arm selbst nur den oberen Teil. Die Handteller, wie die Stützen eines Invalidenstocks.

Ich fühle die Druckstellen des Gesäßes auf dem Diwan, den Bauch, weil er gefüllt ist wie Einsack, der Kopf ist eingesunken in den Pappkarton der Schulterblätter, die Gehirnschale ist nach hinten offen, im Gesicht spüre ich nur die Nasenöffnungen groß wie die eines Schweines und rundherum die Haut brennt, die wird rot gemalt.’ (3)

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Maria Lassnig Selbstporträt mit Kochtopf, 1995 Öl auf Leinwand, 125 x 100 cm Maria Lassnig Stiftung © Maria Lassnig Stiftung

Wie die Gefühle als Druckstellen vom Körper Besitz ergreifen, so manifestieren sich bei Lassnig auch Erinnerungen. Der Körper als Funktionshülle verbindet sich mit Gegenständen des Alltagslebens, die sich auch auf die Kindheit beziehen können. Hier ist es der Kochtopf, der als Gefäß Körperfunktion hat, und dabei für sich nur Hülle ist. Aus ihm ergießt sich die Erinnerung, die dem körperlichen ‚Erinnerungsort‘ – hier dem weit geöffneten Mund – zäh entgegen zu fließen scheint. Die bald Achtzigjährige Künstlerin erinnert sich ihrer Kindheit.

Maria Lassnigs Vorstellung und Darstellung davon, wie und inwieweit das Sein das Bewusstsein bestimmt, geht meinem Eindruck nach also stark von einer vorausgehenden Bewusstwerdung aus. Um sich selbst verorten zu können muss sie die Möglichkeiten ausloten, die sich quasi als ‚Orte des Selbst‘ anbieten.

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Maria Lassnig Zwei Arten zu sein (Doppelselbstporträt), 2000 Öl auf Leinwand, 100 x 125 cm Maria Lassnig Stiftung © Maria Lassnig Stiftung

Vielleicht ist es darum auch nicht verwunderlich, dass in solch einem verortenden Lebenswerk ‚Zwei Arten zu sein (Doppelporträt)‘ wie ein Verweis in Vergangenheit und Zukunft, zeitlich wie thematisch gleichsam zwischen ‚Körpergehäuse‘ und ‚Krankenhaus‘, zu stehen scheint.

Einer der Wandtexte in der Ausstellung zitiert in diesem Kontext den Philosophen Edmund Husserl: ‚Wir leben durch unseren Körper, wir sterben aber auch durch ihn.‘

Lassnig geht soweit, in diesem Körper auch die Maschine zu sehen, die der Mensch wird, wenn Zerstörungswut und Brutalität von ihm Besitz ergreifen. So, wie er zum reinen Ausdrucksmittel von Gewalt wird – zu einem Körper als Waffe –, ist er aller Sinne verlustig geworden, die Leid wahrnehmen könnten. Ein weit geöffneter Mund fletscht die Zähne vor Hass und Hohn. Die körperliche Transformation ist vollkommen, und bei der Sensibilität für körperliche Erfahrungen, die die Künstlerin im Werk ausdrückt, scheinen hier Furcht und Angst Besitz von ihr ergriffen zu haben.

4.1.2

Maria Lassnig Sensenmann, 1991 Öl auf Leinwand, 200 x 145 cm Maria Lassnig Stiftung © Maria Lassnig Stiftung Foto: Roland Krauss

Körperbewusstsein und Körpergefühl finden in den 70er Jahren schließlich auch Ausdruck in mehreren (Animations-)Filmen, die hier in der Ausstellung präsentiert werden, und in denen nicht zuletzt das tragikomische Moment des menschlichen Lebens in all seinen Facetten eine Rolle spielt.

‚Mit Humor kann man Unvollkommenheit und Schmerz überwinden‘ (4).

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Maria Lassnig Selbstporträt mit Stab, 1971 Öl und Kohle auf Leinwand, 193 x 129 cm Maria Lassnig Stiftung © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnigs Umgang mit dem eigenen Körper, dem Körpergefühl und der Verbindung von beidem im künstlerischen Ausdruck, fordert heraus. Sie zeigt nicht zuletzt, wie wenig diese Hypersensibilität teilbar sein kann oder sein muss. Und doch liegt in der Auseinandersetzung mit den Bildern und Filmen Chance und Möglichkeit einer ganz besonderen Bewusstwerdung: die der Kraft eigener Sinneseindrücke. Vielleicht sollte man sie häufiger auf ihren Einfluss und ihre Verlässlichkeit hin überprüfen, vielleicht die oberflächliche und nach Außen gerichtete  Körperwahrnehmung, gerade in der medialen Vermittlung und dem Drang nach Erreichen einer scheinbar normierten Perfektion, wieder durch eine stärkere Innensicht korrigieren.

Die Ausstellung im Museum Folkwang jedenfalls lädt dazu ein, und dazu, eine großartige Künstlerin des 20. und 21. Jahrhunderts retrospektiv kennenzulernen.

‚Maria Lassnig‘, bis zum 21. Mai im Folkwang Museum, Essen.

Di, Mi 10 – 18 Uhr

Do, Fr 10 – 20 Uhr

Sa, So 10 – 18 Uhr

Feiertage 10 – 18 Uhr

Mo geschlossen

Die Ausstellung wurde von der Tate Liverpool, wo sie zuerst gezeigt wurde, in Zusammenarbeit mit der Maria Lassnig Stiftung realisiert. Der bei Tate Publishing erschienene Katalog ist für den aktuellen Ausstellungsort um einen deutschen Einleger ergänzt worden, und kostet im Museum 24,95 €.

  1. Jennifer Higgie (‚Maria Lassnig‘, Serpentine Gallery London, Exh. cat., London 2008, p. 64 – 67’), zitiert in: ‚Maria Lassnig – Die Kunst, die macht mich immer jünger‘, Ausstellungskatalog Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München, 2010, S. 38
  2. ‚Maria Lassnig – Die Kunst, die macht mich immer jünger‘, Ausstellungskatalog Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München, 2010, S. 147
  3. ebd., S. 146
  4. ebd., S. 146
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