search instagram arrow-down
Kai Eric Schwichtenberg

ME

HIGH 5

BACKWARD

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

FORWARD

Statistik

@retrospektiven on Twitter

Follow RETROSPEKTIVEN on WordPress.com
münsterBLOGs

‚Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.‘ (1. Mose 2:25)

21R_2007_30x235cm

Ulrike Lienbacher, O.T., 2007, 30 x 23,5 cm, Courtesy Galerie Krinzinger, Wien, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Wann schäme ich mich eigentlich? Was sind das für Situationen, wer ist daran beteiligt, was ist der Grund? Über die eigene Scham und ihre Grenzen nachzudenken, ist vermutlich nicht die einfachste Übung in Selbstreflexion. Ich könnte mir vorstellen, dass ich Themen auslasse, weil ich selbst mir gegenüber schon im Denken eine gewisse Scham entwickle. Vielleicht teste ich auch die Grenzen aus: wie weit gehe ich, bis ich mich für einen Gedanken schäme.

Scham ist besetzt durch Konventionen, Erziehung und das Wissen über die entgrenzende Obszönität von Schamlosigkeit. Jedenfalls geht mir das so.

Scham, Schamlosigkeit, Beschämend, Unverschämt…

Nur wenige Begriffe besetzen wie dieser eine solche Bandbreite von Ausdrucks- und Eindrucksformen. Vom intimsten Selbst, dem eigenen Verhalten, der eigenen, körperlichen Reaktion, bis zum Ausdruck von Abneigung und Unverständnis einem Anderen oder einer Situation gegenüber, trifft und betrifft ‚Scham‘ Physis und Psyche.

Die Ausstellung ‚Die Innere Haut – Kunst und Scham‘ im Marta Herford, widmet sich diesem Thema in vier Abteilungen, die die dem Begriff innewohnenden aktiven und passiven Attribute herausarbeiten.

Cast-from-light-and-dark-your-shadow-is-no-different-from-mine-2016-polychrome-on-wood-gesso-27-x-15-x-23-cm_04

John Isaacs, Cast from light and dark your Shadow is no different from mine, 2016, Gesso, 27 x 15 x 23 cm, © John Isaacs

Sowohl die Themensetzung, als auch der damit verbundene Perspektivwechsel ‚Betrachter/Objekt‘ und im besten – weil intensivsten – Fall die geteilte Scham, machen diese Ausstellung zu einer kongenialen Konfrontationstherapie.

Was es mit der Thememsetzung und dem beschriebenen Perspektivwechsel auf sich hat, möchte ich an einigen Beispielen ausführen, die für mich stellvertretend für die Arbeiten von über 50 internationalen Künstlerinnen und Künstlern stehen sollen, die hier von Friederike Fast und dem Kuratorischen Team am Marta ausgewählt wurden.

Ich habe diesem Text mit Absicht die Bibelstelle vorangestellt, die dem Augenblick des Sündenfalls vorausgeht. Nach meinem Empfinden ist sie viel bezeichnender für unseren Blick auf Scham, als es die Reaktion von Adam und Eva nach dem Verzehr des Apfels ist. Denn hier heisst es: [Sie] schämten sich nicht.’

Und tatsächlich darf man sich fragen: Warum auch? Wie sollen die beiden etwas tun, dass ihnen unmöglich bekannt sein kann? Scham gibt es ja in diesem Augenblick noch gar nicht. Weder als Gefühl, noch als Handlung, noch als Begriff. In Wahrheit sind nur wir, die wir dies lesen, schon jetzt darüber informiert, was auch ‚Schamlosigkeit‘ bedeutet.

In jedes Menschen Leben muss es also vermutlich ebenfalls diesen Augenblick geben, in dem der Baum der Erkenntnis in Form von Familie, Freunden, Vorfahren, Konventionen etc. so reizvolle Früchte trägt, dass wir nicht anders können, als zuzubeissen.

USA. Des Moines, IA. 2014. Iowa State Fair. Jamie, a farm boy.

Bruce Gilden, JAMIE, aus der Serie: Faces, 2014, 270 x 180 cm, Courtesy Travesía Cuatro | Guadalajara, © Bruce Gilden / Magnum Photos für Leica S magazin

‚Paradies und Pubertät‘ heisst das Kapitel, das sich in der Ausstellung dieser Transformation widmet, und zugleich den Bereich der Scham als ‚Innere Haut‘ beleuchtet, der am ehesten geteilte, weil körperliche Erfahrung ist. Hier geht es nicht zuletzt um die Schutz- und Ausweglosigkeit, mit der wir Schamgefühl ausgesetzt sind, indem es seine eigene Entstehung körperlich manifestiert.

Die Pubertät und die Entwicklung von Schamgefühl müssen nicht notwendigerweise zusammenfallen. Ganz sicher aber kann sie als letzter Zeitpunkt gelten, indem nicht zuletzt über die Veränderungen des Körpers, und hier vor allem der Geschlechtsmerkmale und der Haut, das Paradies der Schamlosigkeit verloren ist.

Wenn ich den klaren und selbstbewussten Blick von ‚Jamie‘ und ‚Julie‘ erwidere, begegne ich zwei jungen Menschen, deren Gesichter Geschichten vom körperlichen Wandel erzählen, die sich aber, sei es zum Selbstschutz oder aus einer anderen Überzeugung, dazu entschieden haben, mir mit ihrem offenen Blick und einer gewissen Aggressivität entgegenzutreten. Sie fordern mich heraus über meine Vorstellung von ihren Charakteren auch in der Rückschau auf die eigene Pubertät nachzudenken.

Clemens Krauss

Clemens Krauss, Selbstportrait als Kind | Self-portrait as a child, 2017, Dimension variabel, Foto: B. Borchardt

‚Jamie‘ und ‚Julie‘ – scheint es mir – haben sich der Herausforderung eines sich verändernden Schamgefühls gestellt. Ihre Stärke liegt dabei vermutlich auch in der Akzeptanz einer menschlichen ‚Schwäche‘: wir können unsere Haut, die zu jedem Zeitpunkt des Lebens Leinwand eines körperlichen wie seelischen Zustands ist, nicht einfach abstreifen. Sie dehnt sich vielmehr mit unseren Erinnerungen und mit allen Veränderungen, die unser Körper erfährt. Clemens Krauss hat die zarte und von Scham kaum berührte Haut seiner Kindheit abgestreift. Wie eine Schlangenhaut – und damit im direkter Verweis auf den Sündenfall – liegt sie nun als manifeste Übergangsform am Boden. Der Künstler, jeder Betrachter, jeder Mensch, hat sich in Personalunion aus Schlange und eben Mensch aus der Kindheit herausgeschält und die Unschuld abgestreift.

Für mich gehört dieses ‚Selbstportrait als Kind‘ in seiner Direktheit und Erfahrbarkeit zu den stärksten Arbeiten hier.

Juergen Teller Personal

Juergen Teller, Vivienne Westwood, No.1, London 2009, 202,5 x 293 x 7,5 cm, Courtesy the artist, © Juergen Teller

Noch nachhaltiger wirkt in mir allerdings das Gegenüber zweier Arbeiten, die sich in der Abteilung ‚Verhüllen und Offenbaren‘ zwei zunächst sehr gegensätzlich erscheinenden Themen widmen. Einerseits begegnen wir hier der von Jürgen Teller fotografierten Designerin Vivienne Westwood, die sich mit goldenem Haar und roten Lippen aufreizend nackt auf einer Chaiselongue drapiert hat.

Für mich strahlt dieses Bild unglaubliche Dekadenz und Leere aus. Ganz offensichtlich gibt es da einen kunsthistorischen Bezug in der gewählten Dramaturgie. Ausser einem ‚Seht her, ich kann das, weil ich es mir erlaube!‘ offenbart sich mir hier allerdings nicht viel. Hier geht es weder um Weiblichkeit noch um Ästhetik. Für mich liegt da eine selbstverliebte Frau, die ihre Nacktheit eher als Spiel mit den Erwartungen an ihren Beruf und sein verhüllendes Element sieht, als das sie zum Beispiel mit gesellschaftlichen Erwartungen, Konventionen und Rollenmodellen bricht.

Diesen Anblick müssen die sieben Personen ertragen, die auf der gegenüberliegenden Seite dem unendlichen Blau und Schwarz des ‚MARE NOSTRUM‘ entsteigen.

cahn_15_64-3961

Miriam Cahn, MARE NOSTRUM, 19.04.+09.05.2015, 300 x 220 cm, Courtesy the artist, Meyer Riegger

Sie haben ganz offensichtlich ganz andere Geschichten zu erzählen, die ihre nackten Körper und ihre Gesichter tragen. Am Ende einer langen Flucht über das Meer, am Ende von Verzweiflung, Verstümmelung, im Angesicht noch mit dem Tod, ist ihren ausgezehrten Körpern nur die Scham geblieben, die eigentlich unsere sein muss. Was Nacktheit, Scham und Schamlosigkeit, nicht zuletzt vor dem Hintergrund von Kultur- und nicht Kunstgeschichte, bedeutet, und wie sehr sie für Schutzlosigkeit, Verwundbarkeit und Abhängigkeit steht, zeigt dieses bewegende Bild. So unverschämt ich im wörtlichen wie im übertragenen Sinne die Fotografie von Jürgen Teller finde, so beschämend wirkt dieses Werk auf mich als Spiegel auf unsere Gesellschaft und Zeit. In beiden Fällen wird tatsächlich nichts verhüllt und doch alles offenbart. In diesem Sinne ein großartiger Kontrast!

Berlinde-De-Bruycker

Berlinde De Bruyckere V. Eeman, 1999, 200 x 100 x 60 cm, Belfius Art Collection, Foto: Mirjam Devriendt, © Berlinde De Bruyckere

Der Schritt zum Thema ‚Norm und Ausgrenzung‘ ist nicht weit. Wofür man sich schämen muss – und ob man will oder eben vor allem nicht – ist von einer ganzen Reihe von Determinanten abhängig, von denen sich viele zu gesellschaftlich relevanten oder gar akzeptierten Normen aufgeschwungen haben. Nicht zuletzt sind es die Abweichungen, die sich zum Beispiel durch Herkunft, Alter oder die sexuelle Orientierung ergeben, die Scham auslösen können, der sich im Unverständnis beim Beobachter zu Fremdscham entwickeln kann: So möchte ich nicht sein, das ist peinlich, abstossend, unpassend, unerträglich…

Da bleibt die Frage unbeantwortet im Raum, wovor sich die Figur von Berlinde De Bruyckere schämt, die da auf einem umgedrehten zinnernen Waschkübel steht, eine Decke über den Körper geworfen, die nur noch die nackten Beine und Füße offenbart.

Fühlt sie sich ausgegrenzt oder grenzt sie uns aus? Schämt sie sich vor uns oder wegen uns? Ist ihr Versteck Spiel oder Ernst? Meine Vorstellungskraft muss sich hier von eigenen Normen leiten lassen, und in dem die Figur zur Reflexionsfläche wird, die zudem mehr Fragen aufwirft, als dass sie Antworten zu geben vermag, fordert sie mich heraus, über diese Normen nachzudenken.

33One-Minute-Sculpture-1997-c-print-45x30cm

Erwin Wurm, One Minute Sculpture, 1997, 45 x 30 cm, Courtesy Atelier Erwin Wurm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Mit ‚Witz und Provokation‘ endet die vierteilige Zusammenstellung. ‚Schämst du dich eigentlich nicht, dich so zum Affen zu machen?‘. Unter Tracey Emins provokant bunt greller Neon-Installatation ‚Fuck Off And Die You Slag‘, in der die oder der Beleidigende sich allein durch eine scheinbar überlegen erhöhte Position (die Lichtinstallation hängt fast unter der Decke) einer direkten Konfrontation mit mir und einer Antwort auf die Frage ‚Was habe ich denn getan – Wofür muss ich mich schämen?‘, entzieht, fordert uns die One-Minute-Sculpture von Erwin Wurm dazu auf, uns und die möglichen Konsequenzen einer Handlung nicht so beschämend ernst zu nehmen.

Indem wir die Grenzen der eigenen Scham übertreten, und sei es eben nur indem wir uns selbst und bewusst zur Witzfigur degradieren, löst sich manchmal Scham von Norm und ein neues, befreiendes Körpergefühl kann entstehen. Ob ich deshalb schon die Toilette benutzen würde, die hier im Austellungsraum steht?

Was so auch deutlich wird: Schamgrenzen sind nicht nur willkürlich gesetzt. Sie sind ebenso notwendiges Korrektiv des eigenen Verhaltens in der Gesellschaft und Determinante einer Norm, die auch dem Schutz aller dienen kann. Unser Gesicht mit allerlei Büroutensilien zu entstellen ist dabei von dieser Schamgerenze weit entfernt und im musealen Kontext vor allem ein treffend humorvoller Hinweis darauf, was wir für eine Minute vermeintlicher Berühmtheit als Kunstwerk bereit sind zu tun, ohne unser Gesicht zu verlieren.

isenstein_06_21a

Jamie Isenstein, The Eyehole, 2006, 18 x 6 x 5 cm, Courtesy the artist and Meyer Riegger, © Jamie Isenstein

In einem geschützten Raum mit klaren Spielregeln fällt es wohl leichter, den Voyeurismus der anderen zu bedienen, ohne die eigene Integrität zu verlieren. Im Guten wie im Bösen wirft Scham und die Übertretung ihrer Grenzen den Blick dann immer wieder zurück auf den Betrachter, den Voyeur.

Nicht nur im Blick ins Schlüsselloch, sondern schließlich auch im Blick auf mein Spiegelbild im Eingangsbereich der Ausstellung, entdecke ich mich selbst. Es lohnt sich, sich vor dem großen Spiegel nicht nur vor, sondern auch nach dem Besuch der Ausstellung mit sich und der Scham auseinanderzusetzen. Ich glaube, bei den meisten Besuchern werden der Blick auf das Selbst und die Fragen, die sie stellen, sich verändert haben. Mir zumindest ging es so.

Was ich gesehen und mich gefragt habe? Das zu verraten ginge vielleicht doch zu weit…

So viel aber: wieder einmal gehe ich aus einer Ausstellung in diesem Museum reicher und reifer heraus und dafür bin ich den Ausstellungsmachern sehr dankbar!

‚Die Innere Haut — Kunst und Scham‘, im Museum Marta Herford, bis zum 4. Juni 2017

Di bis So und feiertags: 11.00 – 18.00 Uhr
jeden 1. Mi im Monat: 11.00 – 21.00 Uhr

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

RETROSPEKTIVEN

Kunst, subjektiv

fashion@society

Mode trifft Museum.

Pilotstories

Der Luftfahrt Blog

museumlifestyle

a lifestyle blog about the art scene

Vogelsfutter

Kulturblog von frau Vogel

kultur und kunst

aus Leidenschaft

MuseumsGlück

Ein Blog rund um digitale Projekte in Museen

%d Bloggern gefällt das: