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[ɡəˈbɔrɡn̩haɪ̯t]

ES_1981_Ralf_Cohen

Emil Schumacher, 1981. Foto: © Ralf Cohen Karlsruhe/Emil-Schumacher-Stiftung, Hagen

 

Der Kunstkritiker Daniel Schreiber hat in seinem so einfühlsam berührenden Essay ‚Zuhause – Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen‘ zur Bedeutung des ‚Zuhause‘ ausgeführt:

‚Das Zuhause ist kein Paradies, aus dem wir vertrieben wurden. Dieses Paradies hat nie existiert. Sich ein Zuhause zu suchen bedeutet nicht, nach einer besseren Stadt Ausschau zu halten, nach einem schöneren Landstrich, einem anderen Land. Sich ein Zuhause zu suchen bedeutet, einen Ort in der Welt zu finden, an dem wir ankommen – und dieser Ort wird zuallererst ein innerer Ort sein, ein Ort, den wir uns erarbeiten müssen.‘ (Daniel Schreiber, in: ‚Zuhause – Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen‘, Hanser Berlin, 2017, S. 57)

Industriestrasse_I

Emil Schumacher, Industriestraße I, 1946, Aquarell und Tusche auf Bütten, 50 x 68 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017/Emil Schumacher

Für Emil Schumacher – so scheint es mir – war Zuhause zeitlebens nicht nur Hagen, sondern neben dem Atelier unter dem Dach des Familienhauses eben vor allem dieser innere Ort, den er sich erarbeitet hat, und den wir uns als Betrachter seiner Bilder erarbeiten können. Dabei sind sein und unser Ort ganz selbstverständlich nie identisch. Seine Orte sind vielmehr Einladungen zum Nachdenken über den eigenen Standpunkt und die eigene Geschichte.

In der Werkbiografie von Emil Schumacher gibt es diesen großen Bogen von erkennbarer – im Sinne von identifizierbarer – zu erlebbarer – im Sinne von gefühlter – Landschaft. Von konkreten Häusern, Straßenzügen, Landschaften, von erkannter Welt zu den Orten jener Geborgenheit, um die es hier gehen soll, die erst die Beschäftigung mit ihrer Abbildung erschafft.

Die Ausstellung ‚Emil Schumacher – Orte der Geborgenheit‘ im Emil-Schumacher-Museum in Hagen zeigt aber auch – eher: vor allem – dass dieser Bogen keine sich ausschließenden oder abschließenden Ideen einer Darstellung abbildet, sondern dass der Künstler offenbar gerade bei diesem Thema auf Lebensumstände reagiert.

Z-16_1983

Emil Schumacher, Z-16/1983, 1983 colorierte Fettkreidezeichnung auf Karton, 30,6 x 25 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017/Emil Schumacher

Schumacher hat im Laufe seiner künstlerischen Tätigkeit immer wieder Werkkomplexe geschaffen, die sich durch spezielle Materialien oder eine besondere Technik definieren. Er hat sich und diese Ideen künstlerischer Ausdrucksform ausprobiert, perfektioniert und dann, vermutlich vor allem in der Überzeugung, nichts mehr hinzufügen zu können, damit abgeschlossen.
Im großen Lebensbogen verbindet sich hier wohl die künstlerische Unrast mit der Suche nach dem von Daniel Schreiber beschriebenen ‚Ort, den wir uns erarbeiten müssen.‘ Ankommen und Aufbrechen werden in der stetigen Vorwärtsbewegung zu diesem kurzen Moment, in dem die Oberflächenspannung zwischen den beiden Zuständen Erinnerungen, Erfahrungen, Emotionen tragen und spiegeln kann.

Der Spiegel dieser Erinnerungen, Erfahrungen und Emotionen richtet sich dabei nicht nur auf den Künstler, ist nicht nur seine Selbstverortung und -vergewisserung. Im besten Fall zählt dieser kurze Moment des Übergangs auch für den Betrachter.

Es gibt da einige Beispiele in dieser Ausstellung, die mir ganz unvermittelt diesen Spiegel vorgehalten haben.

Da hängt zum Beispiel dieses eine, kleine Bild, diese Zeichnung, auf der in groben, klaren Linien die schwarze Fettkreide ein Fachwerkhaus, einen Straßenzug, eine niedrige Mauer und ein Gartentor erschafft und Wasserfarbe hier und dort ganz sanft die Natur.

Die Zeichnung ist von 1948, also aus einer Zeit, in der die künstlerische Tätigkeit, die Krieg und Haltung nicht unterbrochen, aber auf eine innere Emigration im Werk minimiert haben, endlich wieder die Luft von Freiheit und Aufbruch atmen kann. Endlich ist wieder Möglichkeit und Gelegenheit, die Umwelt jenseits der eigenen vier Wände zu erleben und das Erlebte im Bild nicht nur für das Tagebuch eigener Erinnerungen, sondern als Künstler für die Welt, den außenstehenden Betrachter, zu manifestieren.

Bald siebzig Jahre nach Entstehung dieses Bildes stehe ich davor, und erkenne das Zuhause meiner Kindheit und Jugend. ‚Fachwerkhaus in Herdecke‘. Diese kleine Stadt in direkter Nachbarschaft zu Hagen ist Motiv in einigen Werken Schumachers, die, vielleicht inspiriert durch Spaziergänge entlang der Ruhr oder die pittoresken Gassen der Altstadt, (noch) deutlich erkennbar Abbilder sind. Und hier taucht für mich auf ungeahnte und ja auch vom Künstler gar nicht intendierte Weise ein ganz konkretes Bild von ‚Geborgenheit‘ auf.

‚Geborgenheit‘ bedeutet mir in diesem Zusammenhang nicht gleich ‚Heimat‘, aber in jedem Fall ‚Zuhause‘, stärker noch: ‚Elternhaus‘.

Daniel Schreiber dazu:

‚Für viele von uns werden in dem Wort ‚Zuhause‘ ein Leben lang Erinnerungen an die Welt unserer Kindheit mitschwingen, auch wenn es diese Welt schon lange nicht mehr gibt. Für viele von uns wird sie immer eine Quelle der Sehnsucht bleiben.’ (s.o., S. 44)

Das Haus auf dem Bild ist nicht mein Zuhause gewesen, aber dieser Blick darauf ist ein Blick auf ein Zuhause und eben jener Spiegel in die Vergangenheit, der ein Bild aus einer unbekannten Zeit auf meine Erinnerungen wirft und ihm so wieder ungeheuer scharfe Konturen verleiht.

G-35_1980

Emil Schumacher, G-35/1980, 1980, Gouache auf braunem Packpapier, 57,5 x 81 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017/Emil Schumacher

Dass das funktionieren kann, ist sicher dem glücklichen Umstand geschuldet, dass im Titel ein direkter Bezug auf den Ort genommen wird. Aus einem ‚Das sieht ja aus wie…‘ kann so ein ‚Das ist ja…‘ werden, dieser kurze Moment der Überraschung. Das ist wirklich Herdecke, Teil meiner Geborgenheit in Kindheit und Jugend, im Hier und Jetzt.

Im Katalog zur Ausstellung ‚Malerei ist gesteigertes Leben‘, die 2012/13 zum 100. Geburtstag des Künstlers in dem ihm gewidmeten Museum stattfand, wird Schumacher wie folgt zitiert:

‚Der Zufall ist sehr bedeutend, wenngleich nicht allein ausschlaggebend für ein künstlerisches Resultat. Mit dem Zufall arbeiten heißt, eine Chance ergreifen, aus dem Zu-Gefallenen Erkenntnisse schöpfen und diese weiterführen. Der Zufall ist im Leben überhaupt sehr wichtig. Wir können vieles nicht vorherbestimmen, weil der Zufall es anders will. Manch einer mag dies auch Schicksal nennen.‘ (‚‚Malerei ist gesteigertes Leben‘ – Emil Schumacher im internationalen Kontext‘, Hirmer Verlag, 2012, S.33)

G-10_1989

Emil Schumacher, G-10/1989, 1989, Gouache auf Japan-Papier, 55 x 75 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017/Emil Schumacher

An dem Tag, an dem ich hier, in diesem Museum, vor diesem Bild stehe, finde ich mich in den Zufällen des Erkennens und Erlebens wieder, die offenbar nicht nur für den Künstler selbst, sondern auch für den Betrachter gelten können, und ich kann nichts anderes sagen, als dass ich sehr dankbar bin für diesen Auftakt.

Wie sehr der benannte Zufall allerdings, eher noch als für mich als Betrachter, für den Schaffensprozess von entscheidender Bedeutung ist, wird in den Werken deutlich, die Schumacher in den folgenden Jahrzehnte, nach dem Krieg, als abstrakt-informeller Künstler geschaffen hat.

Ich habe schon erwähnt, dass ich bei vielen Bildern das Gefühl habe, hier reagiert jemand im Schaffen auf Einflüsse, die sich als Zufälle – ich hatte sie ‚Lebensumstände‘ genannt – bezeichnen lassen können. Farbschichten werden überraschend von dicken Linien gekreuzt, angedeutete Strukturen wiederum durch Flächen ‚entschärft‘. Die Andeutung einer Architektur verliert sich wieder in Kurven, Gekritzel, Übermalung. Dem Malen ist das prozesshafte Element deutlich anzusehen, die Freiheit des Augenblicks, die Notwendigkeit einer Reaktion auf jede Aktion, dieses Hin zu Etwas, dass sein kann und darf, vor allem schließlich für den Betrachter.

Hama_X_1984

Emil Schumacher, Hama X, 1984, Öl auf Karton, 30 x 40 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017/Emil Schumacher

Im Bogen von erkennbarer Landschaft zu erlebbarer Landschaft haben Schumachers Arbeiten hier letzteren Punkt erreicht, indem sie in der Freiheit das ‚Zu-Gefallene‘ als gültiges Abbild für eine geteilte Erfahrung stehen lassen können.

Das Motiv des Hauses, einem von Schumachers wenigen Hauptmotiven, das auf den hier gezeigten Gouachen und Ölgemälden aus den 80er und 90er Jahren immer wieder auftaucht, wird so zu einem Abbild von Möglichkeiten.

Erich Franz schreibt im oben genannten Katalog:

‚Nicht Formen und Farben prallen hier aufeinander, sondern Einstellungen des Sehens, die unwillkürlich von ganz anderen, ebenso kraftvollen wie ungreifbaren Ansätzen visueller Erfassung provoziert werden. […] Gerade deshalb wirken sie unmittelbar emotional – als Vorgänge im Betrachter, die vom Bild ausgelöst werden.‘ (s.o. S.43)

Das erkannte Haus wird das erlebte Haus und damit der Ort einer Geschichte. Diese Geschichte ist so unzählbar individuell wie es Betrachter gibt. Sicher gilt dies auch für die Auseinandersetzung mit dem konkreten Abbild, wie beim ‚Fachwerkhaus‘.

GG-19_1990

Emil Schumacher, GG-19/1990, 1990 Gouache auf Bütten, 56 x 76 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017/Emil Schumacher

Nun aber wird das ‚Haus‘ zu einer Metapher für einen ausschließlich inneren Ort. So wie es im Bild erschienen ist, in aller Unvorhersehbarkeit, wackelig, angedeutet, verdeckt, als Vordergrund oder Hintergrund, so erscheint unvorhergesehen, wackelig, angedeutet, zunächst verdeckt und schließlich ganz klar und vordergründig in mir die Bedeutung, die ich mit diesen Linien und Andeutungen verbinde: ‚Zuhause‘.

Der ‚Ort an dem wir ankommen,‘ wie Schreiber ihn nennt. Dieser Ort, der gar kein Haus, also kein Gebäude sein muss, so eben, wie er es auch in den Bildern Schumachers ja gar nicht sein muss. Eher der Ort von Schutz, Zufriedenheit, Familie, Wärme, Liebe, Erfahrung, Erinnerung: Geborgenheit.

G-32_1985

Emil Schumacher, GE-32/1985, 1985, Gouache auf weißgrundiertem Packpapier, 35 x 54 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017/Emil Schumacher

Indem sich das Motiv allein durch die Abstraktion von der Biografie des Künstlers lösen kann, und in einer positiv ergreifenden Allgemeingültigkeit Bestand hat, gilt auch mir als Betrachter, was der Wissenschaftliche Leiter des Emil Schumacher Museums, Rouven Lotz, im Katalog zusammenfasst:

‚So ist das Haus im Werk Schumachers […] nicht ein Echo aus der Vergangenheit des Malers, sondern ein offener Auslöser ganz individuellen Widerhalls im Betrachter. Es ist auch das schützende Obdach, das Geborgenheit verspricht. Als Haus in der Landschaft bietet es Schutz vor der unbändigen Natur, in der Stadt ist es Rückzugsraum für das von täglicher Mühe und Aufregung der Zivilisation geschundene Individuum. Die Glücklichen aber werden im Haus von Gefährten erwartet, deren Geborgenheit nicht an den Ort gebunden sein muss, deren Abwesenheit jedoch umso schmerzlicher ist, wenn auch der Ort nicht mehr existiert.‘ (’Emil Schumacher – Orte der Geborgenheit, Verlag Kettler, 2017, S.18)

Alles schließt dann aber doch mit einem ganz wunderbaren, feinen, in Kohle- und Tuschzeichnungen gefassten Blick auf das Privateste, auf die Biografie. Im Abbild des häuslichen Interieurs in den 80er Jahren, vor allem aber in den kleinen Zeichnungen, die Schumacher von seinem 1941 geborenen Sohn Ulrich, den er liebevoll ‚Ülle‘ nennt, in den 40er Jahren macht, bekommt ‚Geborgenheit‘ einen konkreten Raum und ein konkretes Gesicht zugewiesen. Ob spielend, schlafend, gelangweilt vom Stillsitzen oder beim Essen: etwas anderes als ein Gefühl von ‚Zuhause‘ als eben jenem Ort der Geborgenheit und des Erkennens lässt sich kaum denken, wenn man die Zeichnungen von ‚Ülle‘ sieht.

G-47_1982

Emil Schumacher, G-47/1982, 1982, Gouache auf braunem Packpapier, 69,5 x 53,5 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017/Emil Schumacher

Das Werk von Emil Schumacher ist eine dauernde Einladung zur Auseinandersetzung mit einem Selbst in der Rolle des Betrachters. Es lässt in der Offenheit auch die vom Künstler erlaubte Freiheit der Interpretation. In dieser Ausstellung überzeugt im Miteinander beides: Werk und Titel. Die Ausstellung regt an, indem sie anrührt. Ohne sich mit aktuellen Bildern einer Welt, in der Millionen von Menschen die Geborgenheit ihres Zuhauses verloren haben, zu belasten, wird hier doch in aller Einfachheit deutlich, wie lebensnotwendig diese Geborgenheit ist, und wie sehr der Verlust Menschenleben prägt und immer geprägt hat. Krieg, Flucht und Vertreibung, sei es in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder einer zu befürchtenden Zukunft, gehen immer mit dieser erschütternden Schutzlosigkeit einher, an die wir, die wir hier im Frieden und in Geborgenheit leben dürfen, auch mit diesen und in diesen Bildern erinnert werden.

Eine wichtige Ausstellung in einem ganz wundervollen Museum!

‚Emil Schumacher – Orte der Geborgenheit‘, im Emil-Schumacher-Museum, Hagen, VERLÄNGERT BIS ZUM 25. JUNI 2017

Dienstag bis Sonntag: 11 – 18 Uhr

Zur Ausstellung ist im Verlag Kettler ein Katalog erschienen, der im Museum 19,90 € kostet.

 

Für meine Eltern

One comment on “‚Orte der Geborgenheit‘, im Emil-Schumacher-Museum, Hagen

  1. rainer kühn sagt:

    Als ich zum ersten Mal sein Werk „Palmarum“ im LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster gesehen habe – lange her – war ich hin und weg. Viele Male inzwischen nach Hagen gefahren, ist ja auch so eine Hauptstadt von Punk und Kunst. Und: Informel überhaupt, finde ich bis heute ganz stark.

    Gefällt 1 Person

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